Laienkritiker, Pickel und die Nonne mit dem Judo-Buch

Laienkritiker - was ist das?

Der Laienkritiker vor seinem Bücherregal

Laienkritiker. Da war er wieder, dieser Begriff, mit denen Buch-Blogger kategorisiert werden.

Laienkritiker ist ein Wort, das bei mir mindestens Pickel auslöst. Selbst dann, wenn er nicht abwertend gemeint sein sollte.

Doch so, wie Caterina von den Schönen Seiten im Börsenblatt den Begriff Laienkritik verwendet, passt er auf einmal. Sie erklärt, warum der Versuch, Buch-Blogger und Literaturkritiker aneinander zu messen, nichts bringt.

Die Chancen der sogenannten Laienkritik liegen genau in dieser Vielfalt. Sie will die professionelle Literaturkritik nicht verdrängen, sie erweitert sie, indem sie neue Wirkungsfelder eröffnet.

Genau. Buch-Blogs demokratisieren das Sprechen und Schreiben über Bücher. Durch Blogs wird sichtbar, wer welche Bücher liest, warum er sie liest und wie genau dieser Leser dieses Buch findet. Eigentlich eine wunderbare Sache, oder?

Warum also hat es so lange gedauert, bis Buch-Blogs von der Buchbranche wirklich wahrgenommen wurden? Und wo kommt dieser gelegentliche Unterton in Gesprächen von Buchmenschen her, der auf eine Unterscheidung zwischen den ernstzunehmenden Literatur-Blogs, den weniger ernst zu nehmenden Ich-lese-so-gut-wie-alles-Blogs und den nicht ernst zu nehmenden Fan-Blogs schließen lässt? Und warum werden Blogs gerne im Zusammenhang mit Werbung genannt und nur selten im Zusammenhang mit inhaltlichen und stilistischen Diskussionen?

Buch-Blogs sind sichtbar gewordene Leser

Buch-Blogs werden wahrgenommen, doch ihr Platz in der Buchwelt ist noch nicht klar definiert. Wer Blogs auf Reichweite und Werbemöglichkeiten beschränkt, denkt zu kurz. Buch-Blogs sind vor allen Dingen erst einmal sichtbar gewordene Leser und könnten damit eine Quelle der Inspiration für Autoren, Verleger, Redakteure und Buchhändler sein. Wer wissen möchte, was er morgen schreiben, verlegen und verkaufen kann, sollte Blogs im Auge behalten.

Wer liest eigentlich was?

Menschen, die glauben zu wissen, wer welches Buch liest, liegen erstaunlich oft daneben. Ich habe mal eine Schwester in Ordenstracht an der Kasse in der Buchhandlung gefragt, ob sie das Judo-Buch, das sie gerade erstanden hat, als Geschenk verpackt haben möchte. Naheliegende Frage, oder?

Sie hat mich aufgeklärt und mir damit eine Lektion fürs Leben erteilt: das Buch war für sie selbst, denn ein Monat später stand ihre nächste Judo-Prüfung an.

Letzt erwähnte ein Verleger, dass die Zielgruppe seiner Bücher Geisteswissenschaftler seien. Ich muss ihn da enttäuschen, denn ich unstudierte Laienkritikerin lese seine Bücher – mit Genuss und mit Gewinn.

Nicht nur das, ich nehme mir auch noch die Freiheit, öffentlich auf meinem Blog über meine Lektüre zu schreiben.

Und wer darf es rezensieren?

Die gleichen Menschen, die meinen zu wissen, wer welches Buch liest, sind darüber erstaunt. Die Bandbreite der Fragen, die dann auftauchen, reichen von „Ist die denn überhaupt dafür qualifiziert?“ bis „Haben diese Laienkritiken denn überhaupt einen Nutzen für irgendjemanden?“. Beide Fragen stellen sich für mich nicht, denn ich bin weder Laie, noch Kritikerin.

Laie bin ich nicht, denn ich agiere als Leserin und als Leserin bin ich Profi. Kritikerin bin ich nicht, denn die Rolle des Kritikers steht für mich in einer wissenschaftlichen Tradition*, deren Erfüllung mir nicht wichtig ist.

Mein Selbstverständnis als Buch-Bloggerin ist ein anderes. Auf meinem Blog halte ich meine ganz persönlichen Leseeindrücke fest. Hat mir das Buch gefallen und warum? Oder auch warum nicht? Das ist die Ausgangsfrage.

Noch wichtiger ist mir jedoch nachzuvollziehen, was das Buch mit mir gemacht hat. Welche Inspirationen, welche Gedankengänge, welche Bilder und Zitate, welches Wissen und welche Emotionen habe ich dem Buch zu verdanken? Genau darüber schreibe ich hier und mache mich und mein Erleben damit sichtbar – viel sichtbarer als das bei einem Literaturkritiker der Fall wäre.

Dazu gehört Mut. Zum Beispiel der Mut, zu gestehen, dass man ein Sachbuch nicht ganz verstanden hat, es aber trotzdem großartig findet. Oder der Mut, sich zu seinen Trash-Vorlieben zu bekennen. Oder der Mut, zuzugeben, dass man derzeit mehr Yoga-Bücher liest als Yoga praktiziert.

Buch-Blogger bringen Bücher in die Online-Welt

In meinem Erleben bin ich kein Laie und genau das gilt für alle Buch-Blogger. Jeder bringt seine persönlichen Vorlieben und Erfahrungen mit ein. Jeder Blog, auf dem mit Herzblut geschrieben wird, ist für mich gleichwertig – sei es ein Lit-Blog, der Ich-lese-so-gut-wie-alles-Blog oder der vor Begeisterung überschäumende Fan-Blog.

Wir ersetzen weder das literarische Feuilleton noch die als Berichterstattung getarnten Werbestrecken in den Zeitschriften noch die kaum vorhandenen Fernsehsendungen über Bücher. Wir bringen die Bücher in die Online-Welt, verankern sie dort, so dass sie von dort aus ihren Weg in das Leben anderer Leser finden können. Wir vernetzen Menschen und Bücher und sorgen dafür, dass es im Internet noch etwas anderes gibt als Online-Shops, Werbung für Online-Shops und als Informationsseiten getarnte Online-Shops.

Für mich sind Buch-Blogger keine Laienkritiker, sie sind Buch-Botschafter, die Menschen und Bücher zusammenbringen.

 

Update 16.5.2015:

* Ich wurde gefragt, was ich mit der „wissenschaftlichen Tradition“ meine, in der ich die Rolle des Kritikers sehe und die ich als Buch-Bloggerin nicht erfüllen mag. Gemeint sind sowohl die formalen Kriterien, die eine Rezension erfüllen soll, als auch die Einordnung in literaturgeschichtliche Zusammenhänge. Ersteres interessiert mich nur beiläufig, letzteres überhaupt nicht.

10 Kommentare

  1. Ein sehr guter Text! Buch-Botschafter ist eine Bezeichnung, mit der Kritiker und Blogger gut leben können und niemand sich auf die Füsse getreten fühlt.
    Lg Lara

  2. Hallo liebe Geschichtenagentin,

    ein super Beitrag. Ich finde auch, dass alle Leser und Blogger Botschafter sind. Ich rege mich auch immer wieder über das Börsenblatt auf. Aber ich denke, die wissen bereits, dass sich die Zeiten für Verlage, Autoren und auch für Zeitschriften ändern. Ich finde den Begriff auch abwertend. Ich muss zugeben, dass ich inzwischen auch einige im Buch- und Verlagswesen Tätige kenne, die sich mit den Äußerungen dieses Vereins, der hauptsächlich nach außen abschotten soll, nicht identifizieren können.
    Ich glaube, dass Blogger heute eine extrem wichtige Informationsbereitstellung übernehmen. Wir sind direkter, schneller, kritischer und meist unvoreingenommener. Ich bin mir sicher, dass wir die Informationsnetzwerke der Zukunft bauen. Denn wir werden weder von der DPA gespeist, noch kann es jemandem gelingen, uns alle zu bezahlen, damit wir alle dieselben Mainstream-Nachrichten bringen.

    Übrigens habe ich deinen Blog bei mir empfohlen. isabelacker.com Ich freue mich total, wenn ich Bücherfans in der Heimat finde und deine Inhalte und Rezensionen sind super.

    • Liebe Isabel,

      danke für die Empfehlung! Ich glaube, WordPress hat gerade meinen Kommentar bei Dir gefressen. Als ich las, dass Du mich über Instagram gefunden hast, wusste ich auch sofort, welches Dein Instagram-Account sein muss.

      Der Begriff „Laienkritik“ wurde ja nicht vom Börsenblatt verwendet, sondern von der Bloggerin, die den Artikel geschrieben hat. So, wie sie ihn verwendet hat, war es auch wohlüberlegt und nicht abwertend. Das Blogger unvoreingenommener sind in dem Sinne, dass sie offen für Bücher zu Nischenthemen und aus Kleinverlagen sind, sehe ich auch so. Die klassischen Medien konzentrieren sich doch meist auf große Namen und Regionales.

      Liebe Grüße
      Dagmar, die jetzt ihren Kommentar noch mal schreiben geht 🙂

  3. Pingback:Möchte ich professionelle Rezensionen schreiben? | Geschichtenwolke - Kinderbuchblog

  4. Liebe Dagmar,

    ich finde mich bei dir ganz wieder. Um ehrlich zu sein, finde ich die ganze Diskussion, die immer wieder mal hochgespült wird, lästig. Muss man sich denn wirklich rechtfertigen? Andererseits wundere ich mich über Anwandlungen von Bloggern, nach einem (möglichst dotierten) Bloggerpreis zu rufen. Bei der Frage, wer denn nominiert werden dürfe, fangen dann die Blogger untereinander an, sich abzugrenzen und ihre eigene Arbeit als „wertvoller, literarischer“ zu sehen als die anderer. Was soll das?
    Ich mach einfach weiter wie bisher und lasse mich nicht weiter von denen stören, die sich vielleicht von mir gestört fühlen.

    Liebe Grüße,
    Mona

    • Liebe Mona,
      an die Diskussion um den Buchblogger-Preis hatte ich zuerst gar nicht gedacht. Aber da hast Du völlig recht, auch die Diskussionen, die diese an sich sehr charmante Idee ausgelöst hatte, gehören zu diesem Themenkomplex. Wahrscheinlich lassen sich nur Blogs, die wenigstens halbwegs den Regeln der Literaturkritik folgen, miteinander vergleichen. Damit würde die wunderbare Vielfalt der Buch-Blogs ausgeblendet.

      Keep on blogging!
      Dagmar

  5. Buch-Botschafter ist eine sehr, sehr schöne Bezeichnung!
    Professionalität ist meines Erachtens unabhängigkeit von Medium und Rezensent und, by the way: Sie ist nicht alles! Manchmal ist es viel mehr Wert, wenn man spürt, dass jemand mit Liebe und Leidenschaft schreibt und seine Leser erreicht.

    • Genau – authentisch ist mir allemal wichtiger und eine gewisse Professionalität stellt sich meist im Laufe der Zeit eh ein. Es gibt einen Blog, den ich gerne lese, der … nun sagen wir mal … eine ausgeprägte Vorliebe für kreative Rechtschreibung hat. Aber ihre Aussagen zu den gelesenen Büchern sind auf den Punkt treffend und sehr ehrlich – wo in der Professionalitätsskala soll man so jemanden ansiedeln? Und muss man das überhaupt? Sie kann mit ihren Rechtschreibfehlern gut leben, also kann ich es auch.

  6. Als bekennender, laienhafter Weintrinker habe ich mich mal länger mit einem professionellen Verkoster und Weinkritiker unterhalten. Angesprochen auf sein umfangreiches und Laien oft überforderndes Vokabular und die dahinter stehende Erfahrung mit tausenden von Weinen grinste er nur und meinte: „Ach wissen sie, im Grunde ist es doch ganz einfach. Entweder der Wein schmeckt ihnen oder er schmeckt ihnen nicht. Wenn sie dann noch sagen können, warum das so ist, dann sind sie kein schlechterer Kritiker als ich.“ Mit Büchern, denke ich, ist es nicht viel anders 😉

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