Muslim Girls oder was ein Kopftuch bedeuten kann, aber nicht muss

Muslim Girls. Sachbuch. Meine ganz persönliche Kopftuchgeschichte spielt in den 70er Jahren. Für meine Oma war ein Kopftuch ein ganz normales, ungemein praktisches Kleidungsstück. Es hielt bei Wind die Haare aus dem Gesicht, schützte im Sommer vor der Sonne, bei der Gartenarbeit vor dem Dreck und fing an den Schläfen und im Nacken den Schweiß auf. Bei schlechtem Wetter hielt es warm, ein leichter Regen machte dem Kopftuch nichts aus. Damit verhinderte das Kopftuch Ohrenschmerzen und, wenn man es in die Stirn zog, Stirnhöhlenentzündungen. Sehr praktisch und angenehmer zu tragen als eine Mütze.

Ich war mit dem Fahrrad unterwegs und trug ein Kopftuch. Wahrscheinlich war ich, Jahrgang 68, gerade eben noch Grundschülerin. Meine langen, dunklen Haare schauten unter dem Kopftuch heraus, das ich mir bestimmt in die Stirn gezogen hatte, denn es wehte ein frischer Wind. Meine dunklen Augen blitzten darunter hervor. Da hörte ich es: „Scheiß Türkin!“

Laut und deutlich wurde mir das von zwei Jungs hinterhergerufen.

Nach meinen Empfinden gab es damals noch nicht viele Türkinnen oder Muslima mit Kopftuch in Mannheim. Wenn, dann trugen sie dieses einfache Bauernkopftuch – so, wie es viele Frauen in Deutschland auf dem Feld und bei der Arbeit getragen haben, so, wie ich es von meiner Oma übernommen hatte. Kopftuch = Türkin? Dieser Gedanke war mir neu.

Für mich war das Kopftuch seit diesem Tag kein normales Kleidungsstück mehr. Ich trug es nur noch selten.

Heute trage ich es nur noch beim Wandern oder bei der Gartenarbeit und dann in einer Variante, die mehr an die 50er Jahre erinnert. Ein kleines Stück Stoff in knalligen Farben, weit entfernt von jeder Kopftuch-Variante, die eine Muslima heute trägt.

Vor lauter Symbol sieht man die Menschen nicht

Sineb El Masrar eröffent ihr Buch „Muslim Girls. Wer sie sind, wie sie leben“ mit ihren Gedanken zum Kopftuch. Was bleibt ihr auch anders übrig? Zu sehr ist dieses Stück Stoff zu einem Symbol geworden. Vor lauter Symbol sieht man die Menschen dahinter nicht mehr. Wir reden nicht mehr über die Frauen und schon gar nicht mit ihnen, wir reden über das Kopftuch in allen seinen Variationen. Dagegen – und nicht nur dagegen – schreibt sie an.

Wie die europäischen Geschlechtsgenossen werden auch unsere Väter, Brüder und Ehemänner über kurz oder lang zu frauenbewegten Erkenntnissen kommen. Dafür werden wir schon sorgen. Bis dahin hätten wir allerdings, statt Verboten und Diskriminierung, lieber ein bisschen Unterstützung. Oder sollte ich sagen: Respekt?
S. 40

Für mich sind die Kapitel über Schule und Berufswahl die stärksten des ganzen Buches, denn hier springt die Autorin virtuos zwischen Forschung und Fakten und persönlichem Erleben hin und her. Das passt zur Lebenswelt der deutschen Muslim Girls, die gelernt haben, in verschiedenen Welten zuhause zu sein.

Schon die Schullaufbahn der Muslim Girls verläuft anders als die ihrer Klassenkameradinnen. Wie es dazu kommt und was wer dagegen tun könnte oder auch schon tut – dies beschreibt die Autorin ausführlich und leidenschaftlich. Dabei geht sie genauso auf die Rolle der Eltern, der älteren Geschwister, der Nachbarn als auch auf die Rolle der Lehrer ein. Nach dem Staat ruft sie nur selten.

Vor allem im ersten Kapitel pendelt ihr Schreibstil zwischen Wortwitz und Wissenschaft, zwischen persönlicher Betroffenheit und nüchterner Aufklärung. Sineb El Masrar hat viel zu sagen und packt es in geradezu atemlose Sätze, fast so, als wäre sie es nicht gewohnt, dass ihr jemand lange genug zuhört. Ich habe ihr gerne zugehört.

Weitere Informationen zum Buch:

Sineb El Masrar

Muslim Girls
Wer sie sind, wie sie leben.

Herder Verlag
ISBN 978-3-451-06779-2

Laut Wikipedia ist der Herder Verlag übrigens ein Verlag mit traditionell katholischer Ausrichtung. Die lexikalische Knappheit wird der Wirklichkeit nicht gerecht. Als traditionell-katholisch würde ich mich sicherlich nicht bezeichnen, doch ich schätze die Arbeit des Verlags sehr, da bei Herder viele Titel erscheinen, die den Dialog zwischen den Kulturen fördern.

 

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