Neil Young – ein Hippie träumt von der perfekten Modell-Eisenbahn

Autobiografie Neil YoungNeil Young eröffnet seine autobiographischen Fragmente mit Überlegungen und Schwärmereien zu seiner Lionel Modelleisenbahn. Das ist, gelinde gesagt, ein unerwarteter Einstieg in das Buch eines Rockstars.

Überhaupt ist so einiges überraschend an seinen Erinnerungen, die munter zwischen den Jahrzehnten und Themen hin und her springen und doch völlig in der Gegenwart und seiner Person verwurzelt sind.

Ja, man erfährt einiges über seine Musik, seine Weggefährten. Und ja, es gibt Anekdoten am Rande der Legalität. „Ein Hippie-Traum“ ist definitiv das Buch eines Rockstars. Doch es ist noch viel mehr.

Das zweite Kapitel beginnt Neil Young mit folgenden Worten:

Nicht, dass es groß was zu bedeuten hätte, aber ich habe vor Kurzem mit dem Rauchen und Trinken aufgehört. Seit ich achtzehn war, war ich nicht mehr so bodenständig wie jetzt. S.17

Gerade wegen dieser Bodenständigkeit ist „Ein Hippie Traum“ nicht nur das Buch eines Musikers. Es ist auch das Buch eines Familienvaters und es ist auch das Buch eines technik-verliebten Mannes und Sammlers. Neil Young hat viel Geld und Lebenszeit in den Traum vom perfekten Elektro-Auto gesteckt, er sammelt alte Autos und eben Lionel-Modelleisenbahnen und er will der MP3-geschädigten Musik ihren alten, vollen Klang zurückgeben. Diesen Themen räumt er viel Raum ein – manchmal auch ohne Rücksicht auf den Leser.

Schreiben ist sehr komfortabel. Ich kann es jedem alten Rockmusiker, der nicht gut bei Kasse ist und nicht weiß, was er tun soll, wärmstens empfehlen. S.219

In manchen Passagen hört man beim Lesen fast seine markante Stimme heraus, die ich häufig als leicht nölend empfinde. Dann jammert er über den Verlust seiner ersten Gitarre, die er aus Geldnöten verkaufen musste, und trauert alten Verstärkern nach, die er seit Jahrzehnten nicht mehr besitzt, nur um im nächsten Absatz leichtfüßig und augenzwinkernd zuzugeben, dass er schon sehr an Dingen und Besitztümern hängt.

Das Konzept des Buches ähnelt dem eines guten Live-Konzerts. Neil Young mischt alte und neue Stücke, streut Erinnerungen ein, zollt alten Weggefährten seinen Tribut, probiert Neues aus, redet über das, was ihm wichtig ist und hat seinen Spaß dabei. So erklärt sich auch, warum er sich nicht geradliniger durch die Jahrzehnte bewegt und warum manche Passagen doch sehr improvisiert wirken. Doch Neil Young improvisiert eben auf sehr hohem Niveau:

„Like a Hurricane“ ist wahrscheinlich das beste Beispiel für Old Blacks Klang (seine Gitarre), obwohl ich es mit meinen ganzen Fehlern und Aussetzern beim Spielen praktisch ruiniert habe, wenn man genau hinhört. S.118

Da bin ich doch sehr gespannt, was Neil Young in ein paar Jahren über „Ein Hippie-Traum“ sagen wird – ruiniert hat er das ganz sicherlich nicht, auch wenn es nicht so genial ist wie „Like a hurricane“ oder mein Lieblingslied „Cinnamon Girl“!

Infos zum Buch:

Neil Young
Ein Hippie-Traum
Waging heavy peace

Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-04477-5

 

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