Quedlinburg – Reise durch sechs Jahrhunderte Stadtgeschichte

Gasse in QuedlinburgNoch gibt es sie, die unperfekten Ecken in Quedlinburg. Häuser, an denen der Putz in großen Stücken abblättert. Fassaden, die gestützt werden müssen. Fenster, durch die man auch ohne vergilbte Gardinen nicht hindurchblicken könnte. Doch es sind nicht mehr viele.

An solchen Häusern kann man verfolgen, wie sich die Nutzung im Laufe der Jahrhunderte geändert hat: hier ein zusätzliches Fenster, dort ein verblasstes Gewerbeschild und ganz oben unter der Dachrinne Reste einer alten Telefonleitung. In Quedlinburg wird das Stadtleben der letzten Jahrhunderte sichtbar: die neuesten Häuser und Stadtvillen stammen aus der Gründerzeit, einige zeigen Jugendstilelemente. Das älteste Haus stammt aus dem 14. Jahrhundert. Es ist unscheinbar – ich hätte es bei meinem ersten Besuch vor über 15 Jahren übersehen, wenn nicht eine Reisegruppe mit Stadtführer davor gestanden hätte. Es gibt Häuser aus jeder Bauperiode, eine architektonische Reise quer durch die Jahrhunderte. Das macht für mich den besonderen Reiz der Stadt Quedlinburg aus, die zum Unesco Weltkulturerbe erklärt wurde.

An einigen der noch nicht sanierten Häusern und Brachen hängen große Werbeplakate einst hoffnungsfroher Investoren. Sie verkünden Lofts in historischem Ambiente, Luxuswohnungen. Die meisten Plakate sehen so aus, als würden sie schon länger hängen.

NicQuedlinburg Spiegelung im Fenster eines sanierten Hausesht alle Häuser, die saniert wurden, wirken glücklich. Manchmal scheint es, als hätte sich die Seele des Hauses ganz weit nach innen zurückgezogen, fast so, als wollte sie nicht mit der neuen Fassade in Berührung kommen. Andere Häuser sprühen vor Leben, denn sie werden bewohnt und geliebt. Sanierung und Renovierung ist eines, Nutzungskonzept noch einmal etwas ganz anderes.

Die Reisegruppen, die Quedlinburg besuchen, sprachen fast alle Ost-Dialekte. War das eine zufällige Moment-Aufnahme oder ist es immer noch so, dass nur wenige West-Deutsche neugierig auf die nun wirklich nicht mehr neuen Bundesländer sind?

Auch im Hainich, immerhin Unesco Weltnaturerbe, hörte ich kein schwäbisch, keine Ruhrgebiets-Dialekte – Mundarten, die sonst an allen touristischen Zielen erklingen.

In Quedlinburg hat sich viel getan in den letzten Jahren. Wer die Stadt noch nicht kennt, sollte sie besuchen, bevor sie aus- zuende- und hochglanz-saniert ist. Ein paar Jahre Zeit ist noch dafür.

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