Terry Pratchett – Dunkle Halunken – Rezension

Pratchett - Dunkle Halunken - Urban FantasyDanke, London!

Dickens, Königin Victoria und die Kanalisation

Terry Pratchett hat mit „Dunkle Halunken“ seine Schulden beglichen. Im Laufe der Jahrzehnte hat er für seine fast 40 Scheibenwelt-Romane sehr vieles aus der Londoner Stadtgeschichte entliehen, entlehnt und stibitzt.

Der Fluss Ankh und die Themse, der Stadtteil Schatten und Seven Dial, die Wache und die Metropolitan Polizei von Robert Peel haben viel miteinander gemeinsam.

Ankh Morpork und London sind mindestens seelenverwandt. Mir kommt es so vor, als hätte Sir Terry Pratchett nun als Dank für diese unerschöpfliche Inspirationsquelle London ein Denkmal in Buchform gesetzt.

„Dunkle Halunken“ ist vor allen Dingen ein London-Roman, der ein wenig an Charles Dickens erinnern soll. Konzipiert wurde er als All-Ager, ein Nicht-Genre, mit dem ich nicht so wirklich warm werde. Es macht die Bücher meist nicht besser, wenn sie ein für ein sowohl-als-auch Publikum geschrieben werden. Genau das ist für mich der Wermutstropfen an „Dunkle Halunken“. Für ein Jugendbuch bietet der Roman zu wenig Helden, mit denen sich der Leser identifizieren kann. Für ein Erwachsenen-Buch mangelt es an dem Biss und der Hinterfotzigkeit, die die Scheibenwelt-Romane auszeichnet.

Pratchett, die Frauen und der Feminismus

Spaß gemacht hat mir seine Protagonisten-Auswahl. Jeder Charakter erhält an unerwarteter Stelle einen Gegenspieler als Spiegel. Wie mit all seinen Jugendbüchern hat sich Terry Pratchett auch mit diesem Buch eine Ehrenplakette in der Ruhmeshalle des Feminismus verdient, denn seine Frauenfiguren sind einfach großartig und eigenständig. Ich erinnere mich noch gut an die Heldin aus den Teppichvölkern, die von den Senioren ihrer Gemeinde zu hören bekam, dass Lesen nichts für Frauen sei, weil dann ihr Hirn überhitzen würde. Später hat er sich dann mit der Figur der Tiffany Weh, die die einzige im Dorf ist, die nicht nur einen zweiten Gedanken, sondern sogar einen dritten denken kann, selbst übertroffen. Diese Einzigartigkeit erreichen die Figuren in „Dunkle Halunken“ für mich nicht.

Gut unterhalten hat mich dieses Buch auf jeden Fall. Terry Pratchett ist einfach ein begnadet guter Handwerker. Lange im Gedächtnis bleiben wird mir dieser Pratchett allerdings nicht, dazu plätschert er zu sehr dahin.

Infos zum Buch:
Terry Pratchett

Dunkle Halunken
Originaltitel: Dodger
empfohlen ab 12 Jahren
Übersetzt von Andreas Brandhorst
erschienen bei Ivi im Piper Verlag
ISBN: 3492703011


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