• GeschichtenAgentin - Buch-Blog und Lese-Tagebuch. Sachbücher und Ratgeber, Fantasy und Romane, Backlist und Neuerscheinungen – ich lese immer viele Bücher gleichzeitig. Dazu schreibe ich keine klassischen Rezensionen, sondern erzähle, was Bücher mit mir machen: persönlich und ehrlich, aus Leserinnen-Sicht und mit einem Blick auf die Buchbranche. Denn ich war Buchhändlerin und bin es tief im Herzen geblieben. Wenn ich nicht gerade lese oder blogge, bin ich in Museen unterwegs oder in der Pfalz und draußen im Wald – auch darüber schreibe ich. Stöber durch meine Rezensionen und Buchtipps, denn vielleicht ist dein nächstes Lieblingsbuch dabei!

Autobiografie, Holocaust-Gedenken und Gegenwartskritik: Kanakenkind von Luigi Toscano

Buch Toscano Kanakenkind

„Ihr wollt es nicht sehen. Ich zeige es euch trotzdem.“ Auch wenn Luigi Toscano diesen Satz auf seine Wanderausstellung „Gegen das Vergessen“ bezieht, könnte er doch das Motto für sein Buch „Kanakenkind“ sein. Darin spricht er aus, was viele nicht hören möchten: wie es ist, als ältestes von sieben Kindern in einer italienischen „Gastarbeiterfamilie“ aufzuwachsen. Armut, Prügel, überforderte, trinkende Eltern, fehlende Bildungschancen, Sonderschule – an seine spätere Karriere als Fotokünstler glaubte damals niemand. Er auch nicht. Erst die Unterbringung im Heim brachte etwas Stabilität in sein Leben. Hauptschulabschluss, Ausbildung – und dann Absturz in die Drogensucht. Seine Co-Autorin Silke Kettelhake lässt Luigi Toscano in ganz eigenem Ton über sein Leben erzählen. Die autobiografischen Passagen sind fast Own Voice, nah am gesprochenen Wort und doch sehr literarisch: rhythmisch, kreativ, authentisch. Ein Beispiel lest ihr am Ende des Beitrags. Doch Toscano hält sich selbst nicht für so wichtig, dass er die kostbare Bühne namens Buch allein mit…

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Am Meerschwein übt das Kind den Tod: der Nachrough auf Nortrud Gomringer

Buch von Nora Gomringer: Am Meerschwein übt das Kind den Tod

Am Meerschwein übt das Kind den Tod – allein dieser Satz lässt schon aufhorchen. Die meisten Mütter würden bei der Anschaffung eines Haustiers daran denken, dass füttern und saubermachen das Verantwortungsbewusstsein schult. Nora Gomringers Mutter Nortrud hingegen sah es auch als gute Gelegenheit, sich schon mal an die Sterblichkeit zu gewöhnen. Vor allem: Sie sprach es aus. So sind wir bereits mit dem Buchtitel mittendrin in einer Familie, die sehr eigen war. Doch erst gegen Ende des Buches fällt das Wort dysfunktional – und dann auch nur ein einziges Mal. Dafür bewundere ich Nora Gomringer: Die Herzenswärme, mit der sie auf das Leben ihrer Mutter und die Ehe ihrer Eltern blickt. Der nur „punktuell monogame“ Vater, die Mutter, die zurücksteckt und sich zurückzieht – all das hätte man auch ganz anders erzählen können. Hat sie aber nicht – und darin liegt für mich eine besondere Größe. Egal, was geschah, sie schreibt darüber schmerzhaft, skurril, lustig,…

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Aus unseren Feuern – so schmerzhaft wahr, dass ich froh war, ein Mädchen zu sein

Müllensiefen aus unseren Feuern

Was für ein wilder Ritt und doch so nah am Leben! Das waren meine Gedanken, als ich etwas atem- und fassungslos Domenico Müllensiefens Debütroman „Aus unseren Feuern“ zur Seite legte. Wir begleiten Heiko, Thomas und Karsten beim Erwachsenwerden in der Nachwendezeit in Leipzig. Der eine soll den Schlachthof der Eltern übernehmen und hat nach dem Konkurs nichts außer das Gefühl, verarscht worden zu sein. Der andere wird Sprengmeister und wandert wie erhofft in die USA aus, um dort zwar Erfolg, jedoch nicht das Glück zu finden. Der dritte macht eine Ausbildung, denn irgendjemand muss ja im Osten bleiben, lernt dabei saufen und hofft auf Sex, sucht aber eigentlich Liebe. Einer von ihnen endet als Leiche und einer wird versuchen, alles doch noch zu einem ordentlichen, würdevollen Ende zu führen – als Bestatter, aber vor allem als Freund. Atemlos fühlte ich mich beim Lesen, weil der Roman extreme Schnitte, ein irres Erzähltempo, harte Alltagsszenen und unerwartete…

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Der Talmud für Dummies. Oder: göttliche Diskussionsfreude

Für neugierige Menschen wie mich ist die Buchreihe „ … für Dummies“ ein Segen, weil sie einen niedrigschwelligen Einstieg in Wissensgebiete ermöglicht. Wie „Der Talmud für Dummies“ beweist, funktioniert das auch bei hochkomplexen Themen, die sehr weit von der eigenen Lebenswelt entfernt sind. Beginnen wir mit einer Definition, was der Talmud eigentlich ist, die mich gleich aufhorchen ließ. Rabbi Steinsalz bezeichnet ihn als das wichtigste Buch der jüdischen Kultur „… ein Konglomerat aus Recht, Legende, und Philosophie, eine Mischung aus einzigartiger Logik und klugem Pragmatismus, aus Geschichte, Wissenschaft und Humor.“Der Talmud für Dummies – Seite 30 Ich gestehe: Ein heiliges Buch, das den Alltag regelt, hatte ich mir anders vorgestellt. Aber was weiß ich schon über den jüdischen Glauben und das Alltagsleben gläubiger Juden? Mein Bild speist sich aus Besuchen in jüdischen Museen, einzelnen Sachbüchern wie „Le Chaim“, Biografien wie die zu Gertrud Kolmar, Graphic Novels und Romanen. Alles Einblicke von außen, jedoch kaum Wissen…

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Städte als Leinwand: Street Art weltweit

Buch street art

Alles so schön bunt hier: Wer diesen opulenten Bildband aufschlägt, lernt 85 Künstler*innen aus 26 Ländern kennen, die dafür sorgen, dass unsere Welt weniger Grau ist. Mit ihren Graffitis und Murals durchbrechen sie die Monotonie des Betons und verwandeln Stadtteile in Freilichtmuseen. Denn Street Art ist zugänglich für alle, ohne Eintritt, ohne Öffnungszeiten. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Street Art mit dem größten Schauwert: Murals, großformatige Wandbilder, die ganze Häuserfassaden in Leinwände verwandeln. Daneben finden sich auch kleinere Street-Art-Arbeiten und klassische Graffiti – wenn auch für meinen Geschmack zu wenig. Auch die Menschen hinter den Werken werden sichtbar. Alle Street Artists werden mit mindestens 2 Bildern und einer Kurzbiografie vorgestellt. Sie beantworten alle dieselben Grundfragen: Was zeichnet ihre Kunst aus? Wie kamen sie zur Street Art? Was wollen sie damit bewirken? Gerade diese Passagen in eigener Stimme sind das Herzstück des Buches. Sie machen deutlich, dass Street Art weit mehr ist als Farbe auf…

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Der Rabengott: ein philosophisches Puzzlespiel über Götter, Menschen und die Fragen des Lebens

Hatten die Götter schon eine Sprache bevor es Menschen gab, mit denen sie reden konnten? Waren sie vom Anbeginn der Zeit an vollendet oder haben sie sich entwickelt? Es sind vor allem solche Fragen, die mich an Ann Leckies philosophischen Fantasy-Roman „Der Rabengott“ faszinieren. Auch dieses Mal überrascht sie mit einer unüblichen Erzählperspektive. In ihrem Roman Maschinen gab es Passagen, die aus der Sicht eines Raumschiffes erzählt wurden. Dieses Mal spricht ein Gott. Doch das müssen sich die Leser*innen selbst zusammenpuzzeln. Mit wem er spricht, ist gleich das nächste Rätsel, das es zu lösen gibt. Dieser Gott existiert von Anbeginn der Zeit an. Er hat gesehen, wie die Erde sich formte, Leben entstand und die Menschen Sprache und Kultur entdeckten. Berührend fand ich, wie sehr dieser Gott den Dialog sucht und wie selten er auf Menschen trifft, die mit ihm reden wollen. Über das, was er selbst ist, und welche Regeln für seine Existenz gelten,…

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Schönheit, Stolz und Widerstand: Die Kultur der Roma

Natürlich schreibt Madeline Potter in ihrem Buch „Die Roma. Eine Geschichte von Identität und Widerstand“ auch gegen die Klischees an. Gegen Sätze wie „Hol die Wäsche rein, die Z* sind da“, was ich noch von der Nachbarin hörte, wenn die Wohnwagen wieder auf dem nahe gelegenen Festplatz standen. Später bekamen sie keine Genehmigung mehr und lagerten dann weit draußen in den Industriegebieten. Wenn ich dort die spielenden Kinder sah, dachte ich mir, das ist doch kein Leben. Auch davon erzählt Madeline Potter. Ausgrenzung, Rassismus und Verfolgung spielen eine große Rolle. Doch vor allem zeigt sie, wie das Leben der Roma wirklich ist – wie es aussieht, sich anfühlt und klingt. Dadurch hat ihr Buch einen ganz eigenen Klang. Etwas Wehmut schwingt mit und vielleicht auch eine leise Melodie, die wie ein Gruß an alle Roma wirkt. Ich habe diese Geschichte auf der Reise für all meine Kalderasch-Geschwister zusammengewebt, und für die Ursari und die Băeiși,…

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Eine Geschichte von Drachinnen und weiblicher Wut

Frauen erleben einige Wandlungen in ihrem Leben. Erste Menstruation und Pubertät, Schwangerschaft und Mutterschaft, Wechseljahre und Menopause. Nicht immer fühlen sie sich gut darauf vorbereitet. Mal fehlt es an Infos, mal an Vorbildern oder an psychologischer Sicherheit. Die Frauen in „When women were dragons“ kennen noch eine mögliche Verwandlung mehr. Manche von ihnen verwandeln sich in Drachen. Warum? Was passiert danach? Darüber wird genauso geschwiegen wie über Monatsblutungen, weibliche Sexualität und das Talent von Wissenschaftlerinnen. Denn wir befinden uns in den fiktiven USA der 50er Jahre. An einem Tag verwandeln sich schlagartig tausende Frauen in Drachinnen. Ihnen wachsen Schuppen, Krallen, Flügel. Sie werden zu groß für ihr gewohntes Leben und fliegen davon. Etliche von ihnen brennen noch ihre Häuser nieder und manch Ehemann gleich mit. Doch darüber spricht man nicht. Wer es doch versucht, erlebt Repressionen. Die McCarthy Ära lässt grüßen. Die Versuche, das Gesellschaftssystem mit Lügen und Ausblenden von Fakten zu stabilisieren, reichen bis…

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Was wir alles über Afrika nicht wissen: „Motherland“ – eine Reise durch 500.000 Jahre afrikanische Geschichte

Dass mich auf 336 Seiten kein kompletter Abriss der Geschichte Afrikas erwarten kann, war mir klar. Dafür ist der Kontinent zu groß, zu vielfältig und zu reich an Geschichte und Kultur. Doch ungefähr auf Seite 52 von „Motherland. Von Mansa Musa bis Black Panther: Eine persönliche Reise durch 500.000 Jahre afrikanische Geschichten“ dachte ich mir: Ich habe keine Ahnung, worauf der Autor Luke Pepera hinaus will. Aber ich folge ihm gerne! In 10 Kapiteln erzählt er von sehr unterschiedlichen Facetten Afrikas. Von Königinnen, Kriegerinnen und generell der Stellung der Frau, die Partnerin auf Augenhöhe ist. Von Totenkult, Ahnenverehrung und einem Gemeinschaftsgefühl, das das gestern mit dem Heute verbindet. Von fahrenden Sängern und Oral History, was zum Battle Rap führt, der afrikanischen Ursprungs ist. Ein neues Framing für Afrika: Weg von Armut und Fremdherrschaft – hin zu kulturellem Reichtum Was wie ein Mäandern wirkt, folgt einem Plan: eine andere Perspektive, ein neues Framing für die Geschichte…

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Früher war mehr Lametta? 13 Jahre Buch-Blog GeschichtenAgentin. Eine Bestandsaufnahme

13 Jahre und 640 Blogbeiträgen später merke ich: Das Tolle an meinem Buch-Blog ist, das ich Rezension auf Rezension veröffentlichen kann. Einfach immer weiterschreiben und sich an den neuen Buchrezensionen auf der Startseite erfreuen. Das Üble ist, dass ich genau das getan habe. Doch jetzt ist Zeit für eine Bestandsaufnahme! Seit Dezember gehe ich sie alle durch. Funktionieren die Links noch? Was kann ich aus SEO-Sicht verbessern? Vor allem: möchte ich den Beitrag überhaupt behalten? Das sind meine Erkenntnisse: Content-Audit ist eine Fleißaufgabe. Warum gehe ich das jetzt an? Weil ich jetzt Zeit dafür habe. Seit Dezember arbeite ich nicht mehr. Ob das eine lange Auszeit ist oder der Beginn meines Vorruhestands, das werde ich Ende des Jahres entscheiden. In den letzten Jahren hatte ich einen Online-Job: Buchmarketing. Das war zu nah an meinem Online-Hobby, dem Buch-Blog. Deswegen habe ich mich auf GeschichtenAgentin.de auf das konzentriert, was mir am meisten Spaß brachte: Schreiben und Bücher…

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Die 80er, die 90er und ich: Popkultur als Zeitreise mit Jens Balzer als Reiseleiter

Was ist mir von den 80er Jahren im Gedächtnis geblieben? Kajal und Haarspray, The Cure und Siouxsie and the Banshees. Ostermärsche und die Angst vor dem atomaren Wettrüsten. BWL Studenten überall und eine beginnende soziale Kälte in Deutschland. Viele Details und eine Erinnerung an eine Grundstimmung. Obwohl mich das Jahrzehnt geprägt hat, ist es für mich schwer zu greifen. Jens Balzer hilft. Natürlich schenkte mir sein Buch „High Energy. Die Achtziger -das pulsierende Jahrzehnt“ jede Menge sentimentale weißt-du-noch Momente. Doch er nimmt die Adlerperspektive ein und macht aus all den politischen und popkulturellen Details, an die ich mich noch gut erinnern kann, ein großes Ganzes. Vor allem arbeite er Querverbindungen heraus. So zeigt er, wie eins zum anderen führte und damit zu der Welt, in der wir heute leben. Wie sehr Jahrzehnte uns formen, ohne dass wir es immer merken. Kaum ausgelesen, griff ich gleich zum Folgeband. „No Limit. Die Neunziger – das Jahrzehnt der…

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Unser Gehirn als Wohngemeinschaft: Die Beneficial Thinking Methode

„Glaube nicht alles, was du denkst.“ Dieser Satz hat mir schon in vielen belastenden Situationen weitergeholfen. Aber warum ist das so? Wie kann das sein, dass unser Gehirn auf eine eigentlich banale Begebenheit mit Gefahrenabwehr reagiert – Anspannung, erhöhter Puls, Stress? Wieso greife ich zu Chips, obwohl ich genau weiß, dass ein kurzer Spaziergang besser wäre? Weshalb treffe ich unkluge Entscheidungen und komme aus eingefahrenen Verhaltensmustern nicht heraus? Dr. Karella Easwaran kann das erklären. Vor allem kann sie das sehr niederschwellig erklären. Lediglich der Titel „Beneficial Thinking-Methode“ ist kompliziert. Doch die Arbeitsweise unseres Gehirns beschreibt sie so bildreich, dass die ganze Familie vom Schulkind bis zu den Großeltern damit arbeiten kann. Unser Gehirn, ein Haus voller Charakterköpfe Stellen wir uns einfach vor, unser Gehirn sei ein dreigeschossiges Haus. Im Keller wohnen das Krokodil (Stress, Verteidigung, Flucht) und die Taube (Ruhe, Entspannung). Sie bekommen die Informationen von Amy (Gefahrenabwehr, Auswertung von Sinneseindrücken) aus dem Erdgeschoss, die…

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