Nicht im System vorgesehen: Katholisch und Queer

Buch: Katholisch und Queer
Eine Einladung zum Hinsehen, Verstehen und Handeln. Cover mit der erweiterten Regenbogenflagge.

Manchmal braucht es nur einen kleinen Zufall, um mit einem Thema in Berührung zu kommen. Ich, die bis dahin nur evangelische Gottesdienste kannte, saß in einem katholischen Trauergottesdienst. Die mir völlig fremde Liturgie überforderte mich. Aufstehen, beten, hinsetzen, singen – wann bitte sollte ich was tun?

Ich orientierte mich daher an meinem Banknachbarn, einem schwulen katholischen Freund. Nur deswegen fiel mir auf, dass er beim Glaubensbekenntnis die Zeile „ich glaube an die katholische Kirche“ nicht mitsprach.

„Was dir alles auffällt“ war sein Kommentar, als ich ihn Tage später danach fragte. Ein gutes Gespräch begann. Darüber, wie es sich anfühlt, sich im Glauben, aber nicht in der Kirche zuhause zu fühlen. Wie es ist, Angst vor Kündigung durch einen kirchlichen Arbeitgeber zu haben, weil die eigene Art zu lieben und zu leben missfällt.

An dem Tag erfuhr ich auch, warum er sich nicht mehr in der Jugendarbeit engagierte. Es lag nicht am Zeitmangel, wie er immer behauptet hatte, sondern an der Sorge, dass Gerüchte entstehen könnten. Er selbst konnte sich seinen Glauben bewahren. Doch das Haus Gottes besucht er nur noch selten.

Das Gespräch liegt viele Jahre zurück. Doch jetzt ist mit „Katholisch und Queer“ ein Buch erschienen, das mich daran erinnert hat. Es erzählt von genau solchen Menschen. Von denen, die gegangen sind, weil sie die Widersprüche nicht mehr ausgehalten haben. Von jenen, die unsichtbar geblieben sind, und von denen, die sich sichtbar gemacht haben. Von schwulen Priestern, lesbischen Kirchenangestellten und transidenten Müttern.

Es sind berührende Geschichten, die (für mich schon fast erstaunlich) nicht zur Revolution aufrufen, sondern eine Einladung aussprechen. Hier stehen wir, nehmt uns als queere Christen wahr und nehmt uns auf. Lasst uns eine Gemeinschaft bilden, denn auch wir sind Kirche und wir haben viel zu geben. Unser Ziel: eine menschenfreundliche Kirche.

Und vielleicht ist es das, was mich am meisten erschüttert hat: das wir 2021 immer noch darüber diskutieren müssen. Den woraus sonst sollte eine Gemeinschaft der Gläubigen bestehen wenn nicht aus Menschen?


Infos zum Buch:

Mirjam Gräve, Hendrik Johannemann, Mara Klein

Katholisch und Queer
Eine Einladung zum Hinsehen, Verstehen und Handeln

Bonifatius Verlag

Die Kirche hat mit mir Schluss gemacht: Buchbesprechung beim Tagesspiegel


Rückseite des Buches. Text: Queer-Sein in der Katholischen Kirche bedeutet; nicht im System vorgesehen zu sein.

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