Leben auf dem Dorf – gestern und heute

Cover des Buches "Das Dorf" von Gerhard Henkel

In Deutschland leben rund 30% der Menschen in Großstädten über 100.000 Einwohner und rund 50% im ländlichen Raum. Die gleiche Statistik anders erzählt: 77 Prozent der Menschen leben in Deutschland in Städten oder Ballungsgebieten, aber nur 15 Prozent in Dörfern mit weniger als 5.000 Einwohnern.

Das wäre ein Einstieg in die Rezension des erschlagend gründlichen und trotzdem gut lesbaren Sachbuchs „Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute.“ Ein anderer wäre, von den beiden besten öffentlichen Bücherschränken zu erzählen, die ich kenne. Der eine steht nahe Mannheim, aber in ländlicher Struktur. Der andere im Odenwald in einem Dorf, das bei rund 4000 Einwohnern auf über 50 aktive Vereine kommt. Bei beiden Bücherschränken habe ich den Eindruck, dass sie nur so gut funktionieren, weil sich die Menschen vor Ort stärker für ihre Gemeinde engagieren.

Dorf, das ist für Stadtkinder wie mich meist auch ein Sehnsuchtsort. Der Gegenspieler der Sehnsucht lautet Angst vor Kleingeistigkeit und zu engem Horizont. Aber ist das so? Wie lebt es sich heute auf dem Dorf? Haben Dörfer noch eine wirtschaftliche Bedeutung oder sind sie nur der Ort für den Feierabend?

Von Straßendörfern und dem Holz vor der Hütte

Auf all diese Themen geht Gerhard Henkel ein und erzählt gleichzeitig die Entwicklung der Dörfer Deutschlands seit 1800. Für mich gab es in dem umfassenden und reich bebilderten Buch mehr als einen Aha-Moment. Sei es die Erklärung, warum Straßendörfer, Haufendörfer und andere Dorftypen exakt so aussehen, oder die Einschätzung, dass die wirtschaftliche Bedeutung der Forstwirtschaft in Deutschland größer sei als die der Automobilindustrie – Gerhard Henkel hat mich mehr als einmal überrascht.

Allerdings scheint er davon auszugehen, dass kaum jemand sein 365 Seiten starkes Buch komplett liest. Vieles, wie die Auswirkungen der Flurbereinigung und die Grenzen, die der Kommunalpolitik gesetzt werden, wiederholt sich in einigen Kapiteln. Was ich hingegen sehr mochte, ist die Tatsache, dass für Gerhard Henkel, der ja Professor für Humangeographie ist, das Dorf weit mehr als ein Studienobjekt ist. Aus jeder Zeile klingt der Respekt vor der Lebensleistung der Dorfbewohner. Für ihn ist das Dorf eine Lebensform, die durch menschliches Miteinander und füreinander einstehen geprägt wird. Der erfolgreiche Kampf um die Dorfschulen und die neu entstehenden Dorfläden sind für ihn zwei, aber nicht die einzigen Beispiele dafür.

Es ist die Mischung aus Geschichte und Gegenwart, Forschung und wahrem Leben, die für mich sein Buch so lesenswert gemacht hat!


Infos zum Buch:

Gerhard Henkel
Das Dorf
Landleben gestern und heute


WBG Theiss


Ein Buch, das gut dazu passt:
Anders? Ausgrenzung und Integration auf dem Land.

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