Rassismus verlernen. Eine Anleitung.

Rassismus verlernen: Dear Discrimination Ein Mitmachbuch zur antirassistischen Weiterbildung

Womit soll ich bei diesem Buch anfangen? Vielleicht mit jenen 30 Sekunden auf dem Fahrrad. Ich war 10 Jahre alt. Ein Kopftuch war für mich ein normales Kleidungsstück. Meine Mutter trug es beim Wandern, meine Oma bei der Hausarbeit und ich, wenn ich Ohrenschmerzen hatte. So wie an jenem Tag, als ein Junge aus meinem Vorort mir „Scheiß Türkin“ hinterher brüllte.

Lange Jahre habe ich die Geschichte so erzählt, dass ich an dem Tag erlebt und gelernt habe, was Rassismus bedeutet. Das würde ich heute nicht mehr sagen. Der Schreck mag groß gewesen sein, doch die Gefahr war für mich nach 30 Sekunden vorbei. Menschen, die wirklich von Rassismus bedroht sind, können die Situation im Gegensatz zu mir nicht verlassen. Die Gefahr begleitet sie überall hin.

Es sind solche Unterschiede, die uns die Autorinnen des Ratgebers „Dear Discrimination – Ein Mitmachbuch zur antirassistischen Weiterbildung“ nahe bringen wollen. Das tun sie mit gründlicher Strenge, aber stets dem Menschen zugewandt. Es ist kein „Wir müssen uns alle liebhaben, dann wird alles gut“ Buch, sondern eine „Setz dich auf deinen Arsch und arbeite“ Anleitung: Rassismus zu entlernen ist das Ziel.

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg dahin ist, zu erkennen, was wir an Rassismen verinnerlicht haben – einfach, weil wir auf eine bestimmte Art und Weise aufgewachsen sind. Es geht bei dem Lernprozess, den das Buch anstoßen will, nicht um Schuld, sondern um Selbstreflexion und die Bereitschaft, dazu zu lernen und Verantwortung zu übernehmen.

Kompromisslos und genau deswegen hilfreich: Rassismus verlernen ist möglich

„So fühlt sich also Rassismus an“ war damals nach dem Schreckmoment mein erster Gedanke. Heute würde ich nur noch sagen, dass sich in dem Augenblick ein Fenster für mich geöffnet hatte und ich für einen Moment empathisch erahnen konnte, wie es sich anfühlt, von Rassismus bedroht zu sein. Mein zweiter Gedanke war „So schnell zählt man zu den Gefährdeten.“ Da wäre ich kurz davor gewesen, zu erkennen, wie sehr meine Privilegien mich schützen. Auch das ist etwas, was „Dear Discrimination“ deutlich aufzeigt.

Das schmale Buch leistet aber viel mehr: Es bringt mein Vokabular auf den aktuellen Stand. Es ist noch nicht so, dass Begriffe wie marginalisiert und Bi_PoC schon den Weg in meinen aktiven Wortschatz gefunden haben. Aber auch daran arbeite ich. Denn mit alten Begriffen und Denkmustern können wir nicht zu neuen Ergebnissen kommen.

Natürlich wird dieses recht kompromisslose Buch die „Das wird man doch noch sagen dürfen …“ Fraktion nicht erreichen. Aber die, die bereit sind, sich für eine gerechtere Gesellschaft zu engagieren, und die, die an sich arbeiten wollen, werden nach der Lektüre gestärkt sein. Dafür DANKE! Denn es wäre nicht die Aufgabe von wirmuesstenmalreden, mir all das zu erklären. Es ist aber sehr wohl meine Aufgabe, das zu lernen.

Infos zum Buch:

Wirmuesstenmalreden 
(netzaktivistische Kollektiv)

Dear Discrimination
Ein Mitmachbuch zur antirassistischen Weiterbildung


Mit Illustrationen von Hannah Marc
Plus ausführlichem Glossar von A wie Ally bis W wie White Tears

mikrotext Verlag

Ein Kommentar

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