Sommer, Frauen und das Leben: die Geschichte zur Playlist

Damals, als Schülerin, habe ich jeden Sommer ein Mixtape zusammengestellt. Dabei ging es mir nie um die besten Songs des Jahres, sondern um die, die meine Stimmung in diesem speziellen Sommer perfekt ausdrückten. Weswegen das Mixtape auch „Dr. Sommer“ hieß. Die Herausforderung war dabei immer, die musikalische Bandbreite in eine halbwegs vernünftige Reihenfolge zu bringen: Violent Femmes mit Les Negresses Vertes, The Cure mit Siouxsie, Metallica mit Spermbirds und zwischendrin Dance und Pop – aber das bitte alles auf einer 90er-Musikkassette. Mangels Kassettendeck und auf Grund des sicheren Wissens, dass diese Kassetten heute leiern würden, habe ich sie vor einigen Jahren in die Tonne getreten. Vorher habe ich die Songs auf Spotify gesucht und war selbst verblüfft, dass ich so gut wie alles gefunden habe. Ein paar lokale Bands wie Schwefel fehlten, aber deren Musik hatte ich auch auf Vinyl. Loslassen fiel also leicht – und neu anfangen! Mein neues Mixtape-Projekt heißt „Sommer, Frauen und…

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Feministische Musikgeschichte: Die Rache der She-Punks – Buch und Playlist

Habe ich das Buch nun ausgelesen oder ausgehört? Wie zuletzt beim Punk-Roman von Tijan Sila habe ich auch »Die Rache der She-Punks« gleich mit einer Spotify-Playlist genossen. Vivien Goldman stellt jedem Kapitel eine thematisch passende Auswahl an Songs vorneweg: Girly Identity, Geld, Love/Unlove und Protest. Nette Menschen habe daraus Playlists kuratiert, was das Lesevergnügen enorm erhöht. Ja, dieses Buch macht Spaß. Vivien Goldman erzählt lebendig, geradezu quirlig. Sie weiß genau, wann eine Anekdote das beste Mittel ist, eine Aussage zu unterstreichen. Sie vermittelt immer im passenden Moment theoretisches Hintergrundwissen zum Feminismus, zu Kreativität und zur Musikbranche. Aber vor allem gibt sie den Musikerinnen Raum und lässt sie erzählen. Denn Vivien Goldman kennt sie alle: Poly Styrene, Chrissie Hynde, Blondie, aber auch ESG, Neneh Cherry und Maid of Ace und Skinny Girl Diet. Also nicht nur die Heldinnen der ersten Stunde, sondern auch die, die folgten. Und nicht nur die, die Punk im Sinne von »3,2,1…

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Frauen Literatur. 1986 schon (m)ein Thema – und heute?

Eigentlich knüpfe ich mit der Lektüre von »Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt« von Nicole Seifert an Themen an, die mich schon vor über 30 Jahren beschäftigt haben. Meine Ausgabe der Anthologie »Deutsche Dichterinnen. Gedichte und Lebensläufe« stammt aus dem Jahr 1986, also noch aus meiner Schulzeit. Sie hat mir die Augen geöffnet. Genau aus diesem Grund wollte ich »Frauen Literatur« zunächst nicht lesen. Die Erkenntnis, wie wenig sich seit dem geändert hat, ist nichts, was mir einen Leseabend auf der Couch versüßt. Been there, done that – und die Welt ist eben immer noch schlecht. Vom Deutschunterricht bis zum Germanistikstudium ist der Autorinnenanteil noch immer verschwindend gering, und so lernen wir von Anfang an: Was literarisch wertvoll ist, stammt von Männern. Website Kiepenheuer & Witsch Doch was für die Universität und für den Literatur-Kanon gilt, greift auch in den Fanzines der Nerds und in der Genre-Literatur. Das war der Grund, das Buch dann doch zu…

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Grenzwelten: zwei Hainish-Erzählungen von Ursula le Guin

Meine erste Begegnung mit den Büchern von Ursula le Guin verlief etwas eigen. Anfang der 90er hatte ich eine sehr große Abteilung für Fantasy und Science Fiction übernommen. Ein SF-Sortiment zusammenzustellen war damals recht einfach. Man brauchte die silbernen Perry Rhodan Bänder von Pabel Moewig, ein bisschen was aus dem Goldmann Taschenbuch Verlag und vor allem viel von Heyne Science Fiction. Das Bestellformular war ein dickes Heft mit perforierten Seiten, die sich heraustrennen und faxen ließen. Auf dem Formular waren bestimmte Titel besonders hervorgehoben: Novis, Bestseller und Meilensteine der SF-Literatur wie die Hainish-Romane von Ursula le Guin. Ich hatte ihre Bücher daher im Regal stehen. Sie standen. Die Nerds und Maschinenbau-Studenten, die bei mir Science-Fiction kauften, ignorierten ihre Werke. Sie interessierten sich für Technik und für die Zukunft der Menschheit, aber nicht für Ökologie und Feminismus. So kam es, dass ich die Bücher von Ursula le Guin zuerst als Remittende kennenlernte – also Bücher, die…

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Das Mädchen auf dem Motorrad: die Geschichte der Anne-France Dautheville

Motorrad gefahren bin ich nie. Alleine gereist auch nicht. Doch den Wunsch, einfach immer weiter zu fahren, zu laufen, von hier nach woanders – den kenne ich. Große Sehnsucht und Freiheitsliebe, gepaart mit Neugier und ein wenig Abenteuerlust: Das ist es, was der Heldin in »Das Mädchen auf dem Motorrad« die Kraft gibt, loszuziehen. Das Bilderbuch basiert auf einer wahren Geschichte aus den siebziger Jahren. Als erste Frau der Welt umrundete Anne-France Dautheville die Erde auf ihrem Motorrad. Sie reiste alleine und war fast 10 Jahre lang unterwegs. Ihr Weg führte sie unter anderem nach Afghanistan und Indien. Aber auch in Kanada war eine alleinreisende Frau auf einem Motorrad eine Sensation. »Das Mädchen auf dem Motorrad« ist in einem Verlag für Bilderbücher erschienen. Trotzdem bespreche ich es nicht auf meinem Kinderbuch-Blog, sondern hier, zwischen Romanen und Sachbüchern für Erwachsene. Denn genau wie die Heldin der Geschichte ist auch das Buch ein Grenzgänger. Es kommt daher…

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Radikale Selbstfürsorge

Manchmal bedeutet radikale Selbstfürsorge, sich ins Bett zurückzuziehen und ein Buch zu lesen, das einem einfach nur gut tut. Einen Ratgeber, der nicht zur Selbstoptimierung, sondern zu Nachsicht rät. Der uns daran erinnert, viel häufiger nett zu uns zu sein. Nicht, weil wir es verdient haben, sondern weil es egal ist, ob wir es verdient haben. (Nebenbei bemerkt: Wer sich gut um sich selbst kümmert, kann sich auch besser um andere kümmern. Nützlicher Nebeneffekt, aber nicht der Hauptgrund, warum wir Selbstfürsorge ernst nehmen sollten.) Wir brauchen Pausen nicht erst dann, wenn wir überarbeitet, müde und ausgelaugt sind. Erholungsphasen sind ein Menschenrecht. Was radikale Selbstfürsorge nicht ist … Genau in einer solchen Phase könnten wir statt zu einem teuren Wellness-Drink zu einem Buch wie „Radikale Selbstfürsorge. Jetzt!“ von Svenja Gräfen greifen. Einfach so, ohne eine Duftkerze anzumachen. Oder was auch immer der bunte kapitalistische Warenmarkt für solche Momente anpreist. Wir könnten uns einkuscheln und lesen. Häppchenweise,…

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Die Surrealistin: Roman über Leonora Carrington. Und über Max Ernst.

Mich auf Leonora Carringtons Bilder einzulassen erfordert immer Mut. Es ist, als würde ich in der Dämmerung auf einem Sprungbrett stehen. Unter mir schimmerndes Wasser. Darin Schemen von Menschen, Wesen und Tieren, die nicht so aussehen, wie die Tiere, die mir vertraut sind. Nichts davon erscheint auf den ersten Blick gefährlich. Doch kann ich dem Frieden trauen? Bin ich bereit, einzutauchen und mich den dort wirkenden Kräften zu überlassen? Meine Rationalität sucht in dieser Situation einen Ausweg und beginnt, Fragen zu stellen: Was ist das für ein Mensch, der so malen kann? Wie hat sie es gemalt, woher kam die Inspiration? Und muss man ein wenig verrückt sein, um solche Bilder zu erschaffen? Fragen, um die auch der biographische Roman „Die Surrealistin“ von Michaela Carter kreist. Auf fast alle findet er eine Antwort. Nicht alle davon überzeugen mich, denn zu viele davon sind mit Max Ernst verknüpft. Zumindest war das der Eindruck, der bei mir…

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Von Hausbesetzern und genialen Dilletanten: Käthe Kruse erzählt aus ihrem Leben

Zu „Lob des Imperfekts“ von Käthe Kruse habe ich gegriffen, weil ich auf Hintergrundinfos gehofft hatte: zu der Gruppe „Die tödliche Doris“, zu Punk in Deutschland in den 80er Jahren und zu all den Menschen, die damals als „Geniale Dilletanten“ unterwegs waren. Bekommen habe ich etwas anderes als erwartet und eigentlich viel mehr. Musik, Kunst und Wohnen sind die Themen, zu denen Käthe Kruse berichtet. Das sagt zumindest der Untertitel. Doch da sich all das nicht trennen lässt, erzählt sie aus ihrem Leben. Dabei empfand ich im ersten Teil des Buches, der von ihrer Zeit mit der Band „Tödliche Doris“ und dem Festival „Geniale Dilletanten“ handelt, ihre Erzählhaltung als distanziert-amüsiert. Wesentlich überraschender war für mich der Werkstattbericht im nächsten Kapitel, in dem sie anhand der Mariakissen erklärt, wie sie zusammen mit Nikolaus Utermöhlen und Wolfgang Müller Kunst und Musik gemacht hat. Wirklich gepackt hat mich der dritte und letzte Teil über ihr Leben in den…

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Mama Superstar: Heimat ist, was Mütter daraus machen

Töchter erzählen über das Leben ihrer „Migrant Mamas“, Mütter, die nicht in Deutschland geboren wurden. Um genau zu sein: Sie feiern ihre Mütter, denn jetzt, wo sie selbst junge Erwachsene sind, können sie all das würdigen, was ihnen als Jugendliche noch peinlich war. Oder auch das, was ihnen als Kind ein Gefühl von anders sein gab – sei es, weil im Treppenhaus nur vor ihrer Haustür die Schuhe standen, oder weil es aus ihrer Küche so ganz anders roch als in den Küchen ihrer Freunde. Entstanden ist ein Buch mit Lebensgeschichten, dass mich mit seiner Herzenswärme überrumpelt hat. Ich, die Familiengeschichten meidet, wollte es nicht mehr aus der Hand legen. Unglaublich, mit wie viel Mut diese Frauen ihr neues Leben in Deutschland angegangen sind und was ihnen zu Beginn alles fremd war. Da gibt es die Geschichte der Südamerikanerin, die sich auf ihren ersten Karneval in Deutschland freut, um dann festzustellen, dass hier im Sitzen…

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Anita Rée – biographischer Roman von Karen Grol

Meine ganz private Kunst-Welt wandelt sich. Während ich mir früher Ausstellungen nach dem Motto „Diesen Künstler wollte ich schon immer mal sehen“ heraussuchte, ist es heute viel häufiger ein „Dich kenn ich nicht, dich schaue ich mir an“. „Umbruch“ in der Mannheimer Kunsthalle war dafür eine gute Gelegenheit. Gleich auf dem Ausstellungsplakat begegnete mir ein Blick, den ich so schnell nicht vergessen werde: das Porträt der Hildegard Heise, gemalt von Anita Rée. NEUE SACHLICHKEIT IST (AUCH) WEIBLICHDas erste Kapitel der Ausstellung zeigt – rund 100 Jahre nach der legendären Mannheimer Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ – drei weibliche Positionen dieser Stilrichtung. … Dazu gesellen sich die Bilder der Hamburgerin Anita Rée (1885–1933), die mit ihren eindringlichen Porträts zu den bedeutenden künstlerischen Positionen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezählt werden muss. Website der Kunsthalle Mannheim Eindringlich trifft es. Ihre Bilder wirken wie das Konzentrat eines Menschen, verdichtete Psyche. Was für ein Mensch muss man sein, um solche…

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Die Künstlerinnen. Werke aus fünf Jahrhunderten

Dieses Buch hätte ich gerne schon früher gekannt, denn es ist keine Aufzählung à la „50 Künstlerinnen, die Du kennen solltest“. Susie Hodge möchte mit ihrem Buch viel mehr erreichen. Ihr genügt es nicht, unseren Blick auf Künstlerinnen zu lenken – sie will Zusammenhänge sichtbar machen. Welche Ausbildung stand den Frauen offen? Waren Sie Teil einer Avantgardebewegung oder einer Künstlergruppe? Wie wurden sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen und was haben sie tatsächlich zur Kunstgeschichte beigetragen? Welche Stile, Motive und Themen haben sie aufgegriffen und war es das, was sie wirklich malen wollten? Ob Renaissance, Expressionismus oder Performance-Kunst: Diese Fragen waren für Künstlerinnen viele Jahrhunderte von Bedeutung. Zum Teil sind sie es immer noch. Aber Susie Hodge entwickelt kein Fragenkorsett, in das sie alle Künstlerinnen und ihre Werke presst. Ihre Fragen sind ein Angebot, eine Methodik, sich den Kunstwerken zu nähern und das Besondere daran zu erfassen. Kunstgeschichte statt Einzelbiografien von Künstlerinnen Artemisia Gentileschi, Frida Kahlo,…

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Rassismus verlernen. Eine Anleitung.

Womit soll ich bei dieser Buchbesprechung? Vielleicht mit jenen 30 Sekunden auf dem Fahrrad. Ich war 10 Jahre alt. Ein Kopftuch war für mich ein normales Kleidungsstück. Meine Mutter trug es beim Wandern, meine Oma bei der Hausarbeit und ich, wenn ich Ohrenschmerzen hatte. So wie an jenem Tag, als ein Junge aus meinem Vorort mir „Scheiß Türkin“ hinterher brüllte. Lange Jahre habe ich die Geschichte so erzählt, dass ich an dem Tag erlebt und gelernt habe, was Rassismus bedeutet. Das würde ich heute nicht mehr sagen. Der Schreck mag groß gewesen sein, doch die Gefahr war für mich nach 30 Sekunden vorbei. Menschen, die wirklich von Rassismus bedroht sind, können die Situation im Gegensatz zu mir nicht verlassen. Die Gefahr begleitet sie überall hin. Es sind solche Unterschiede, die uns die Autorinnen des Ratgebers „Dear Discrimination – Ein Mitmachbuch zur antirassistischen Weiterbildung“ nahe bringen wollen. Das tun sie mit gründlicher Strenge, aber stets dem…

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