Abschied auf Raten: ein Nachruf auf den Brockhaus

Brockhaus Abschied

Überraschend kommt es nicht, traurig ist es trotzdem:

Bertelsmann beginnt, sich vom Brockhaus zu trennen.

Als Mannheimerin und Buchhändlerin konnte ich das Drama um die Marken Brockhaus, Meyer, Bibliographisches Institut und Duden aus nächster Nähe beobachten.
Beschleunigt wurde der Niedergang durch die grandiose Fehlentscheidung, noch einmal eine große Brockhaus-Enzyklopädie zu verlegen – und durch Wikipedia.
Aber das kann es nicht allein gewesen sein, oder?

Die Haltung des Verlagshauses BI klang für mich lange Zeit nach „Wir waren schon immer da, deswegen wird es uns auch immer geben.“ Als sich die kritische Situation nicht mehr länger ausblenden ließ, begann wilder Aktionismus.

Brockhaus wurde an Bertelsmann verkauft, der Direktvertrieb gleich mit dazu. Im Bertelsmann Lexikon Verlag wurde zumindest der Kinder-Brockhaus weiterentwickelt und die inhaltliche Substanz der Lexika für Kalender erfolgreich ausgeschlachtet. Die große Brockhaus-Enzyklopädie verkaufte sich nur schleppend.
Im BI wurden indessen neue Konzepte entwickelt und dann nicht weiterverfolgt. Ein Beispiel dafür ist der Bereich erzählendes Kinderbuch und hier (für mich) ganz besonders die „Akademie der Abenteuer„. Zum Glück erscheint die Serie jetzt bei Carlsen neu. Der vom BI noch kurz vor knapp dazu gekaufte Sauerländer Verlag ist ganz hervorragend bei Fischer untergekommen und dort werden auch die Marken Duden und Meyers weitergeführt. Zumindestens im Kinderbuch.
Der Duden-Schulbuchverlag hingegen ist bei Cornelsen gelandet. Ob die Marke dort ihre Kraft behält muss sich erst zeigen. Ich melde Zweifel an.

Brockhaus, Meyer, Bibliographisches Institut und Duden:

alles Dinosaurier und das Ende unvermeidlich?

Ich meine nein. Das Ende des Verlagshauses BI ist in meinen Augen genauso unnötig wie damals das Ende des Ratgeberverlages Falken – eine Marke, an die sich die Kunden 10 Jahre danach immer noch erinnern!

Das allgemeine Lexikon ist tot. Ich selbst habe in den letzten 2 Jahren weder meinen Weltatlas noch mein Meyers Taschenlexikon zur Hand genommen. Was ich aber sehr wohl nütze sind

  • spezialisierte Nachschlagewerke
  • kompakte Einführungen in Spezialthemen

Ob Beck Wissen, „Was fliegt denn da?“ oder Teubners Küchenpraxis – solche Nachschlagewerke bieten mir konzentrierte, qualitativ hochwertige Informationen. Im Netz darf und muss ich meine Informationen selbst filtern. Das kann toll sein, ist aber bei komplexeren Themen und kleinem Zeitbudget eher frustrierend. Dann komme ich schneller zum Ziel, wenn ich die Arbeit des Suchens, Wertens und Filterns einem Autoren und seinem Lektorat überlasse.
Suchen, Werten Filtern – eigentlich sind das Kernaufgaben einer Lexikon-Redaktion!
Schade, dass diese Chance nicht genutzt wurde. Schade, dass das Talent, sich neu zu erfinden, nicht vorhanden war.

 

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