Vom Reiz einer richtig guten Bausünde

Architektur-Bildband: Die Kunst der Bausünde von Turit Fröbe

„Die klassische deutsche Bausünde ist besser als ihr Ruf!“ Das ist noch einer der harmloseren Sätze aus dem großartigen Bildband von Turit Fröbe, der mich nicht nur wegen der exquisiten Auswahl an unglaublich seltsamen Gebäuden, sondern auch wegen seiner scharfzüngigen Architektur-Analysen begeistert.

Turit Fröbe hat offensichtlich ein großes Herz für Häuser, die unseren Blick stören. Für Anbauten, die sich nicht einfügen. Für Fassaden, bei denen sich manch ein Betrachter nach alten Fachwerk-Zeiten zurücksehnt. Sie nicht, denn

„Eine gut gemachte, originelle Bausünde zeichnet sich durch Mut, Einfallsreichtum und eine beherzte Entschlossenheit aus. Sie verfügt über eine herausragende Bildqualität und hebt sich souverän aus dem Meer der gesichtslosen, allgegenwärtigen Banalitäten ab, da sie einen guten Wiedererkennungswert garantiert und bei genauerer Betrachtung sogar eine gewisse Schönheit und einen ureigenen Charme besitzt.“

Turit Fröbe – die Kunst der Bausünde
Aus der Einleitung, S. 8

Ich mag ihren Blick auf unsere Städte sehr. Ja, bei vielen der in dem Buch versammelten Scheußlichkeiten schüttelt es mich – aber sie sind mir immer noch lieber als die charakterlosen weißen Würfel, die unter dem Begriff „Stadtvilla“ gebaut werden. Oder die Büro-Architektur mit monumentalen Fassaden und Schießscharten-Fenster. Ganz zu schweigen von dem pseudo-postmodernen Nachbargebäude, das angeblich zu den Gründerzeit-Villen in meiner Straße passen soll, und dass man drei Schritte weiter schon wieder vergessen hat. Da gleitet das Auge ab – an einer guten Bausünde hingegen bleibt es hängen und der Blick wird geschärft. Und vielleicht führt ja der geschärfte Blick eines Tages zu einer anderen Art des Städtebaus?

Bis dahin lese ich weiter die Bücher von Turit Fröbe. „Alles Fassade? Das Bestimmungsbuch für moderne Architektur“ kann ich sehr empfehlen – ich habe es hier besprochen. Und ihr Abrisskalender ist ein besonderes Vergnügen – alle, die sich mit den Bausünden beim besten Willen nicht anfreunden können, dürfen hier Tag für Tag eine abreißen!

Infos zum Buch:

Turit Fröbe
Die Kunst der Bausünde

Dumont


Interview mit Turit Fröbe beim Deutschlandfunk: „Der Architektur wird nichts mehr zugetraut“

Für das Buch-Foto musste ich gar nicht weit laufen, denn genau wie Turit Fröbe sagt:


„Den größten Reichtum an Bausünden bieten Einfamilienhaussiedlungen. Sie sind nicht von der übergeordneten Bausündenpolitik abhängig, sondern allein vom individuellen Gestaltungswillen der einzelnen Bewohner.“

Turit Fröbe – Die Kunst der Bausünde
S. 131

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