Wie wird aus einem Ein-Raum-Museum ein lebendiger Ort? Das Literaturmuseum Augusta Bender in Schefflenz macht es vor

Damit ein Museum ein lebendiger Ort ist, braucht es Ideen. Das gilt für alle Museen der Welt. Aber für eines, das sich in Schefflenz, einem kleinen Dorf mit knapp 4000 Einwohnern im Odenwald, befindet, um so mehr. Wenn das Hauptthema des Museums dann noch Augusta Bender ist, eine Schriftstellerin, von der kaum jemand etwas gehört hat, erst recht. Das Literaturmuseum Augusta Bender ist so ein lebendiger Ort. Wie konnte das gelingen? Es erzählt das Leben der Augusta Bender packend nach und bietet dabei viele Anknüpfungspunkte. Menschen, die an Heimatgeschichte interessiert sind, Literaturinteressierte, Feministinnen, Odenwald-Touristen, Kinder und Jugendliche, die wissen wollen, wie man früher lebte oder einfach nur Menschen, die ungewöhnliche Biografien lieben – für sie ist das Museum bestens geeignet. Denn es bietet sehr viele unterschiedliche Einflugschneisen, Möglichkeiten, mit seinem eigenen Leben an damals und an die Lebensgeschichte von Augusta Bender anzuknüpfen. Obwohl das Museum nur einen großen Raum belegt ist es so vieles gleichzeitig:…

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Demokratie beginnt vor Ort: Gute Politik – was wir dafür brauchen.

Ich habe lange gezögert, ob ich das Buch „Gute Politik. Was wir dafür brauchen.“ von Peter Kurz wirklich lesen möchte. Meine Befürchtung war, dass es zu theoretisch sein könnte und eher für Verwaltungsfachleute geschrieben wurde. Doch der Ex-Oberbürgermeister meiner Heimatstadt Mannheim richtet sich einfach an alle engagierten Bürger*innen. An Menschen, für die ihre Stadt mehr ist als der Ort, an dem sie arbeiten, einkaufen und schlafen. Vor allem schreibt er für Menschen, die eine Ahnung haben, dass die Orte, an denen wir uns im Alltag begegnen, die Keimzellen der Demokratie sind. Hier handeln wir aus, wie wir miteinander leben wollen. Um das zu ermöglichen, braucht es handlungsfähige, zukunftsorientierte Städte und Kommunen. Viele der Gesetze kommen zwar vom Bund. Doch umgesetzt werden sie vor Ort. Dort erleben die Menschen, ob die Politik funktioniert. Das gilt für alle großen Themen wie Klimawandel, Bildung, Migration, Wohnen, Mobilität, Gesundheit oder die Bewahrung der Demokratie. Aber hat die Kommunalpolitik wirklich…

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Öffentliche Bücherschränke: Buchparadies oder Altpapier-Sammelstelle?

Sie dienen der Demokratisierung des Lesens und versprechen kostenlosen Lesestoff für alle. Doch öffentliche Bücherschränke haben ihre Tücken: Altpapier stapelt sich, manche Bestseller altern schlecht und ohne soziale Kontrolle und Ehrenamt geht gar nichts. Warum eine der schönsten Idee der Buchwelt regelmäßig an der Realität scheitert – und trotzdem funktioniert: Mein ehrlicher Blick hinter die Kulissen des Büchertauschs plus Tipps, was es braucht, damit ein öffentlicher Bücherschrank ein lebendiger Ort des Austauschs wird! Size matters Die besten Bücherschränke sind entweder sehr klein (Modell My little library, diese überdimensionierten Vogelhäuschen im eigenen Vorgarten) – dann ist wirklich jedes Buch handverlesen, so dass ein kuratiertes Sortiment entsteht. Oder sie sind so groß, dass sie eine solche Auswahl bieten, dass der typische Bodensatz an Büchern, die niemand mitnimmt, nicht ins Gewicht fällt. Eine Zeitlang wurden ausgediente Telefonzellen in öffentliche Bücherschränke verwandelt. Diese haben jedoch zu wenig Regalfläche, so dass der Kipppunkt schneller erreicht wird. Zudem werden auf dem…

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Absurd, charmant, ironisch: Die Kartenmacherin

Wenn eine Kleinstadt immer größer wird, was braucht sie dann? Mehr Infrastruktur! Ein Kongresszentrum, ein Parkhaus und und und … Als die Eilenburger ihren zweiten Südbahnhof eröffnen, merken sie, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes keinen Plan haben. Nach langer Sitzung und vielen Gutachten fasst der Stadtrat einen Beschluss. Eine Kartographin soll es richten und erst einmal ermitteln, was es in der Stadt schon alles gibt. Als auf ihrer Karte ein See erscheint, eröffnet ein Bootsbauer ein Geschäft. Die ersten Touristen kommen zu Besuch, weswegen ein Flughafen gebaut werden soll. Doch niemand in Eilenburg kann sich an eine See erinnern … Was für ein skurril-poetischer Spaß! Dieses kleine, wunderbar illustrierte Buchjuwel ist Balsam für die Seele aller Menschen, die viel Zeit in Gemeinderatssitzungen und in Ausschüssen verbringen. Gleichzeitig macht es Wimmelbild- und Graphic-Novel-Fans glücklich. Aber auch Architektur-Nerds, Stadtplaner und Kartenliebhaber. Und Leser*innen wie mich, die sich in Städten gerne lustvoll verlaufen. Überhaupt alle, die…

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Künstlerinnen in New York

Eine Autorin begleiten, wie sie Kunst von Frauen in New York entdeckt. Skulpturen, Ausstellungen, Bilder die eines gemeinsam haben: Ich kann sie nicht dort erleben, wo Stephanie Hanel sie erlebt hat. Was sie sah, werde ich so nie zu sehen bekommen. Warum fand ich dann die Lektüre so faszinierend, wohltuend und bereichernd? Wer mir auf Instagram folgt weiß, dass Museen mein zweites Wohnzimmer sind. Das begann in meinen Teenie-Jahren und zieht sich bis heute durch. Warum das so ist, habe ich immer noch nicht wirklich ergründet. Sicher ist, dass Begegnungen mit Kunst für mich ein Safe Space sind. Ein Ort, an dem ich zur Ruhe komme, zu mir finde, wachsen und heilen kann. Im Real Life habe ich eine Kunstkomplizin, eine Freundin, mit der ich durch Ausstellungen streune, staune, albere. „Künstlerinnen in New York“ ist eine Freundin, eine Kunstkomplizin in Buchform. Mit diesem Buch kann ich all das auch erleben – okay, vielleicht ohne das…

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Mein Recht auf Stadt: Platz nehmen gegen eine Architektur der Verachtung

Dass mich dieses Buch überfordern wird, hatte ich eingeplant. Architektur, Stadtplanung und Soziologie sind Fachrichtungen. Ich bin nicht vom Fach. Aber ich lebe in einer Stadt und ich frage mich schon länger, warum ich manche Viertel als lebendig und lebenswert erfahre – und andere nicht. Das ich mir damit schon Gedanken über „Mein Recht auf Stadt“ mache, wusste ich nicht. Beim Lesen galt es, zwischen all der Fachsprache und den flammenden Plädoyers gegen Konzepte, die ich nicht kannte, Anknüpfungspunkte an meine Erfahrungen zu finden. Warum empfinde ich die Reißbrettsiedlung Mannheim-Vogelstang als eher lebenswerten Vorort, den nach ähnlichen Prinzipien gestalteten Emmertsgrund bei Heidelberg (siehe Foto) nicht? Weshalb erscheint mir die Bebauung mit hochpreisigen Wohnungen direkt am Wasser in den Stadtteilen Jungbusch und Luzenberg wie ein Faustschlag gegen die ursprünglichen Bewohner? Wie ein „Die schönsten Plätze gehören uns, ihr kommt hier nicht rein?“ Nach der Lektüre von Mickaël Labbés „Platz nehmen. Gegen eine Architektur der Verachtung“ weiß…

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Ein Buch ohne Fehler gibt es nicht? 55 Buchmakel

Mein Exemplar von „Buchmakel“ ist makellos. Dabei gibt es, wie ich jetzt nach der Lektüre weiß, unendliche viele Möglichkeiten für Herstellungsfehler in der Buchproduktion. Sei es beim Satz (Löchriger Satz, Bleiwüste, Augenpulver), bei der Druckvorstufe (Moiré, Punktzuwachs), beim Umgang mit Papier (Wolkigkeit, Tellerbildung), beim Druck (Durchscheinen, Passerungenauigkeit, Abliegen) oder beim letzten Arbeitsschritt, der Bindung (Rückenbruch, Schnabeln). All diese Begriffe werden in „Buchmakel. 55 typische Fehler in der Buchproduktion und wie man sie vermeidet“ von Monika Wintjes wunderbar leichtfüßig und doch auf den Punkt erklärt. Geballtes Fachwissen also – und trotzdem ertappte ich mich immer wieder dabei, dass ich vor allem in einem Wortrausch schwelgte. Blitzer, Schusterjunge, Hurenkind, Mönch, Läusedarm, Butzen, Fliegenschiss, Schimmelbogen. So viele schöne Handwerksbegriffe, mit denen ich auf der Julius Springer Schule in Heidelberg meinen Lehrer in Herstellungskunde hätte beeindrucken können! Habe ich aber nicht, denn der Funken für das Thema sprang damals nicht über. Bücher lesen und verkaufen war mir wichtiger als…

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Museum Wagenschwend: Reise in die Odenwälder Vergangenheit

gerät aus dem alten friseur-salon im museum wagenschwend: eine Trockenhaube

Die Anreise zu den Urlaubsorten meiner Kindheit dauerte keine Stunde. Der Odenwald war das Ziel. In Hammelbach oder Kröckelbach wurde Quartier bezogen. Gewandert wurde auf der Tromm und im Café-Bauer-Tal. Nebenbei haben wir im Sommer Nibelungen-Brunnen gezählt und im Herbst Walnüsse gesammelt. Wer sich etwas gönnen wollte, fuhr bis zum Katzenbuckel, der damals ein touristisches Zentrum war. Das dürfte der Grund sein, warum Touren durch den Odenwald bei mir zuverlässig nostalgische Gefühle auslösen. Mein Besuch im Dorfmuseum in Wagenschwend am Katzenbuckel hat das jetzt noch gesteigert. Kleines Museum, große Wunderkammer Vorneweg: Es gibt einen Audioguide für das Heimatmuseum. Mit ihm kann man die Ausstellung bestimmt systematisch erkunden. Ich habe natürlich die Systematik ignoriert und bin frei durch das Haus gestreunt. Insbesondere der Keller samt Küche war für mich ein Paradies. Hier dürfen die Dinge einfach sein. Manches wie das Lot sieht aus, als läge es schon immer da. Anderes, als würde es gleich wieder benutzt…

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Maifeld Derby Mannheim: 11 Gründe, das Musikfestival zu lieben

Grund 1: Der Wettergott ist ein guter Freund des Maifelds. Andere Festivals haben 37 Grad im Schatten, Sturm oder versinken im Matsch. Nicht so das Maifeld Derby Mannheim! Der zweite gute Grund: Es gibt Bands und Künstler*innen, von denen man nie geahnt hat, dass sie einem gefallen könnten. Musiker*innen, die man erst so wirklich ins Herz schließt, wenn man sie live erlebt hat. Das Maifeld Derby Mannheim bietet den perfekten Rahmen für solche Entdeckungen! 3: Bands, die man auf diesem Festival entdeckt, begleiten einen lange. Denn hier geht es nicht um One-Hit-Wonder, sondern um richtig gute Musik. 4: Jede der vier Bühnen hat ihre eigene Atmosphäre. Party im Palastzelt, Woodstock auf der Open-Air-Bühne, JUZ-Atmosphäre im Hüttenzelt und lauschiger Live-Club auf dem Parcours d’Amour. Grund Nummer 5: Das Publikum auf dem Maifeld Derby ist so entspannt, dass man eine 16-Jährige an ihrem Geburtstag zu ihrem allerersten Festival mitnehmen kann. Oder einen Toddler mit Gehörschutz auf dem…

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10 Jahre Kunstverein Ladenburg – die Ausstellung zum Jubiläum

Manchmal braucht es einen Schubs, damit ich das Sehenswerte vor der Haustür aufsuche. Der »Kunstblog Mannheim« ist jemand, der mir dafür zuverlässig Impulse schenkt. Die Ausstellung »10 Jahre Kunstverein Ladenburg« habe ich dort entdeckt. Also habe ich mir meine Kunstkomplizin geschnappt und bin losgezogen. Feinstes Wetter, schöne Fahrradtour, leckerer Spargel, gute Gespräche – und eben Kunst! Könnte nicht jedes Wochenende so sein? An zwei Standorten in Ladenburg zeigt der Kunstverein Skulpturen. Die kleinen in einem leerstehenden Laden in der Altstadt. Die großen draußen in der Gärtnerei Huben. Zu sehen sind Drahtplastiken von Stefanie Welk, Betonfiguren von Gabriele Köbler, Holzskulpturen von Ulrike Gölner, bewegte Stahlplastiken von Jürgen Heinz und die kinetischen Skulpturen von Hans-Michael Kissel. Ausstellungen in Kunstvereinen haben ja immer etwas von einer Wundertüte. In den seltensten Fällen weiß ich vorher, was mich erwarten könnte. Diese hier entpuppte sich als eine richtige Gute-Laune-Show. Alle Werke faszinierten mich mit ihrer Sinnlichkeit und machten einfach Spaß. Nie…

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Krach von Tijan Sila: Punk, Provinz und echtes Leben

Punk in der pfälzischen Provinz – natürlich bleibe ich bei meiner Suche nach neuer Lektüre an so einem Buch hängen. Und doch wollte ich „Krach“ von Tijan Sila zunächst nicht lesen. Denn weder mit Punks noch mit Männern, die über ihr Erwachsenwerden schreiben, hatte ich gute (Lese)Erfahrungen gemacht. Ihr Blick auf Frauen brachte mich regelmäßig auf die Palme und was das Macho-Gehabe gewisser Männer in der Punk-Szene angeht … lest einfach die klugen Beiträge von Diana Ringelsiep wie Sexismus geh sterben und verfolgt #punktoo Dass es das Buch dann doch auf meine Leseliste geschafft hat, habe ich zweierlei zu verdanken. Einmal dem Leuchten in den Augen von Florian Valerius, dem Literarischen Nerd, als er Tijan Sila interviewte. Und Bri vom Blog Feiner reiner Buchstoff, deren Blick auf Bücher von Männern meinem ähneln dürfte, und die „Krach“ begeistert anpries. Die zwei haben sich nicht geirrt. „Krach“ von Tijan Sila ist großartig und zählt für mich zu…

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Wie die Industrie nach Mannheim kam

Auch wenn es mir nicht so vorkommt: Meine Heimatstadt Mannheim ist eine Industriestadt. Doch wie wird eine Stadt, die um 1875 noch keine 50.000 Einwohner hatte und einem eher beschaulichen Rhythmus folgte, binnen weniger Jahrzehnte zur Heimat so vieler Unternehmen und Menschen? Davon erzählt das Buch „Wie die Industrie nach Mannheim kam“ und verknüpft die Geschichte des industriellen Wandels eng mit der Biographie Friedrich Engelhorns. Er hatte in Mannheim schon viele Betriebe gegründet, so eine Fabrik für „Portatives Gas“ und eine Zinkhütte im Jungbusch. Doch er hatte Größeres vor. Wäre das Mannheimer Bürgertum nicht dagegen gewesen, stünde die BASF heute dort, wo jetzt das Nationaltheater steht, und würde sich über den Luisenpark am Neckar entlang bis nach Seckenheim ausdehnen. Unvorstellbar, oder? Doch dieses Detail war nicht das Einzige, was mir, einer Mannheimer Ingenieurstochter die sich sehr für Industriekultur interessiert, neu war. Ob frühe Schwefelsäureproduktion im heutigen Vorort Wohlgelegen, die Bedeutung von Finanziers wie Salomon Aberle…

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