Wohnverwandschaften – eine Herzensempfehlung

Isabel Bogdan. Wohnverwandschaften. Der Roman liegt auf einer Holzoberfläche.

Es gibt Bücher, die sind so gut, dass ich froh bin, dass ich nicht mehr in einer Buchhandlung arbeite. Denn dann würde ich „Wohnverwandschaften“ von Isabel Bogdan unbedingt empfehlen wollen – und wüsste nicht wie. Soll ich auf die Handlung neugierig machen? „Es geht um eine WG, aber nicht um junge Leute. Einer von ihnen erkrankt an Demenz und die anderen suchen einen Umgang damit“. Oder „ein tragikomischer Roman über das Leben mit Demenz“? Danke nein, so betrachtet gibt es viele gute Gründe, das Buch nicht lesen zu wollen. Das muss besser gehen.
„Kennen sie den Satz ‚Freunde sind selbstgewählte Familie‘? Diese berührende Geschichte denkt diese Lebensphilosophie weiter.“ Schon besser. Aber weiß ich, wie mein Gegenüber zum Thema Familie steht? Vielleicht ist sie ihm das Wichtigste auf der Welt und ich habe meine Kund*in verloren, bevor ich überhaupt so richtig mit dem Schwärmen begonnen habe. Das wäre schade, denn sie würde so viele schöne Lesemomente verpassen! Außerdem spielt neben der Wahlfamilie auch die biologische Familie eine wichtige Rolle. Genauso wie Care Arbeit, erwachsen werden, Verantwortung übernehmen, miteinander Spaß haben, berufliche Neuorientierung, Lebenskrisen meistern und lernen, ehrlich und auf Augenhöhe zu kommunizieren. Ein Garten, ein Hund und ein ungeliebtes Klavier kommen auch vor. Klingt schon besser, oder?

Es gibt jedoch eine noch überzeugendere Art, ein Buch zu empfehlen als eine Beschreibung der Handlung, der Protagonistinnen und des Settings. Es ist das Strahlen im Gesicht einer Buchhändlerin, wenn sie ein Herzensbuch empfiehlt. Dieses innere Leuchten ist der beste Weg, Kundinnen neugierig auf Bücher zu machen. Isabel Bogdans „Wohnverwandschaften“ erzeugt dieses Strahlen. Und das ist das allerbeste Argument, zu diesem Buch zu greifen!


Infos zum Roman:

Isabel Bogdan

Wohnverwandschaften.
Ein Roman über eine Wohngemeinschaft, in der vier Menschen unterschiedlichen Alters aus unterschiedlichen Motiven zusammenleben und feststellen: Freunde sind manchmal die bessere Familie.

Kiepenheuer & Witsch Verlag


Mehr Bücher von Isabel Bogdan auf meinem Buchblog:

Öffentliche Bücherschränke: Buchparadies oder Altpapier-Sammelstelle?

Sie dienen der Demokratisierung des Lesens und versprechen kostenlosen Lesestoff für alle. Doch öffentliche Bücherschränke haben ihre Tücken: Altpapier stapelt sich, manche Bestseller altern schlecht und ohne soziale Kontrolle und Ehrenamt geht gar nichts.

Warum eine der schönsten Idee der Buchwelt regelmäßig an der Realität scheitert – und trotzdem funktioniert: Mein ehrlicher Blick hinter die Kulissen des Büchertauschs plus Tipps, was es braucht, damit ein öffentlicher Bücherschrank ein lebendiger Ort des Austauschs wird!

Size matters

Alte Telefonzelle in der Pfalz, die in einen öffentlichen Bücherschrank verwandelt wurde

Die besten Bücherschränke sind entweder sehr klein (Modell My little library, diese überdimensionierten Vogelhäuschen im eigenen Vorgarten) – dann ist wirklich jedes Buch handverlesen, so dass ein kuratiertes Sortiment entsteht. Oder sie sind so groß, dass sie eine solche Auswahl bieten, dass der typische Bodensatz an Büchern, die niemand mitnimmt, nicht ins Gewicht fällt.

Eine Zeitlang wurden ausgediente Telefonzellen in öffentliche Bücherschränke verwandelt. Diese haben jedoch zu wenig Regalfläche, so dass der Kipppunkt schneller erreicht wird. Zudem werden auf dem Fußboden gerne Umzugskisten mit Büchern abgestellt, was die Nutzung erschwert.

Kipppunkte – was selbst das stärkste Buchtauschregal umhaut

Wie jedes lebendige System hat auch ein öffentlicher Bücherschrank einen Punkt, an dem alles kippt. Dann schaut man nur kurz auf die Auswahl, denkt sich »Davon will ich nichts lesen« und geht weiter.
Wenn niemand mehr Bücher aus dem Schrank mitnimmt, hilft nur eines: gründlich ausmisten. Zuerst einfach alles wegwerfen, was vergilbt, verschmutzt, zerfetzt ist. Dann Doubletten entfernen. Mehr als drei Bücher von Emma Bombeck und Ephraim Kishon, Konsalik und Simmel verträgt kein Bücherschrank. Mein Eindruck ist, dass sich auch John Grisham bald in diese Reihe einfügen wird – was mich zum nächsten Punkt führt:

Manche Bestseller altern schlecht

Als (Ex)Buchhändlerin ist mein Blick auf das Sortiment eines Bücherschranks ein ganz eigener. Bei vielen Titeln kann ich mich gut erinnern, wann und warum ich sie selbst verkauft habe – und weiß genau, weshalb sie heute einfach nicht mehr relevant sind.

Bestseller haben im Bücherschrank noch ein weiteres Problem: zu viele Leser*innen kennen sie schon. Die Verweildauer alter Top-Titel wie »Das Duschungelkind« oder »Nicht ohne meine Tochter« ist daher hoch. Neuere Spiegel-Bestseller wie Lucinda Riley hingegen werden sofort mitgenommen.

Ist das Altpapier und kann weg?

Es ehrt Menschen, wenn sie keine Bücher in den Müll werfen können. Ehrlich! Ich kann verstehen, dass jemand Opas gesammelte Jagdliteratur nicht in die Mülltonne tun möchte. Dann ist der Bücherschrank eine gute Wahl.
Aber das ist auch der Grund, warum die Idee der Bücherschränke nur mit ehrenamtlichen Helfer*innen funktioniert. Sie machen das, was sich die Buchspender*innen nicht trauen. Sie misten aus. Ich weiß gar nicht, wie viele Readers Digest Auswahlbücher ich im Laufe der letzten Jahre in die Altpapiertonne geworfen haben, weil sie nach Wochen immer noch dort standen – und wie viele Simmels, Konsaliks und Angéliques gleich dazu.

Menschen, die Bücher lieben

Ohne sie kann kein Bücherschrank leben! Damit meine ich nicht nur die helfenden Hände der Ehrenamtlichen. Um das System des Büchertauschs am Laufen zu halten, braucht es auch Buchliebhaber*innen, die ganz bewusst gute, gerade ausgelesene Bücher einstellen. Oder vielleicht sogar mal ein Herzensbuch dafür kaufen, damit noch mehr Menschen es entdecken können.

So jemanden habe ich wahrscheinlich Alan Bennetts »Die souveräne Leserin« in der wunderschönen Leinenausgabe zu verdanken. Dieser Blog-Beitrag ist mein Weg, danke zu sagen!

Form follows function

Ist das Design oder kann das weg? Öffentlicher Bücherschrank mit schräg angeordneten Regalfächern

Einfach ein Brett, auf dem Bücher Rücken an Rücken stehen – und das in einer Höhe, in der man die Buchtitel ohne Verrenkungen lesen kann: Ein Bücherregal hat aus gutem Grund eine recht langweilige, gleich bleibende Form.

Der Bücherschrank in meinem Vorort wurde leider von Designern entworfen, die das nicht wussten. Die schräge Anordnung der Regalbretter fordert das räumliche Vorstellungsvermögen. Welches Buchformat passt am besten in welches Fach? Wie stelle ich ein Buch hinein, so dass man den Rücken gut lesen kann? Offensichtlich bin nicht nur ich überfordert. Die meisten Bücher zeigen nur den Schnitt. Wer wissen will, welche Schätze in diesem Büchertauschschrank stehen, muss sie einzeln in die Hand nehmen. Das machen nicht alle, so dass der Kipppunkt schneller erreicht wird.

Eins rein, eins raus?

In der romantischen Vorstellung von Büchermenschen stellt man das gerade ausgelesene Buch in den öffentlichen Bücherschrank und hofft, dass man gleich erlebt, wie sich ein anderer Mensch genau dieses Buch heraus sucht.
Tatsächlich verläuft die Befüllung eher in Wellen. Das Kind wechselt die Schule, die alten Schulbücher wechseln in den Tauschschrank (das ist übrigens eine schlechte Idee, da sie meist veraltet sind). Der Umzug steht an, man versucht Ballast abzuwerfen. Die Oma zieht in ein Seniorenwohnheim und kann nur ihre Lieblingsbücher mitnehmen. In allen Fällen soll der Bücherschrank nicht einzelne Exemplare, sondern eine sehr große Menge aufnehmen. Was nicht passt, wird passend gemacht. Es bildet sich eine zweite und dritte Reihe von Büchern, die für lange Zeit kein Tageslicht mehr sehen werden. Damit geht es ihnen besser als denen, die in der Kiste bleiben, die draußen neben dem Bücherschrank steht, und sich vor Regen fürchten.

Soziale Kontrolle hilft

Im optimalen Fall steht ein Tauschregal an einem belebten Ort. Nicht nur, damit mehr Menschen ihn entdecken können. Sondern auch, damit mehr Menschen auf ihn aufpassen können. Die zwei besten Bücherschränke, die ich kenne, stehen am Eingang eines Rathauses und im Vorraum einer Bank.

Was ich nie wieder in einem öffentlichen Bücherschrank finden möchte

  • – Bibeln aus Hotelzimmern
  • – Lehrbuch des Steuerrechts in 3 Bänden, erschienen 1982
  • – Handbücher zu Windows 2000 und FoxPro
  • – Das halb ausgefüllte Englisch-Workbook der 6. Klasse und zwanzig Jahre alte Schulwörterbücher
  • – Gratis-Kochbücher, die es zum Kauf einer Mikrowelle oder eines Römertopfs dazu gab
  • – Thematisch schlecht gealterte Unterhaltungsliteratur der 60er und 70er Jahre
  • – Romane, die in einer Kanne schwarzen Tees ertränkt wurden
  • – Alles, was zerrissen, verschmutzt und unvollständig ist

Ein öffentlicher Bücherschrank ist auch nicht der richtige Ort, um immer und immer wieder christliche Missionarsliteratur in zehn Exemplaren einzustellen. Keines dieser Beispiele ist erfunden!

Lieblings-Bücherschränke

  • Mein liebster Bücherschrank befindet sich in Schefflenz, einer kleinen Odenwald-Gemeinde, im Vorraum der Sparkasse. Aber ich bin sicherlich nicht objektiv, da ich ihn seit Eröffnung mit bestücke und auch mit entrümpel.
  • – In Neuostheim, einem gutbürgerlichen Vorort von Mannheim, steht ein Bücherschrank, der mir schon mehrfach durch eine exquisite Buchauswahl aufgefallen ist.
  • – Den gepflegten öffentlichen Bücherschrank in Ilvesheim vor dem Rathaus schätze ich ebenfalls für sein Sortiment. Er überrascht mich immer wieder mit einer guten Auswahl an Sachbüchern und Ratgebern.
  • – Ein ganz besonderes Projekt ist der Bücherschrank der Lektorin Daniela Dreuth. Sie hat vor über 10 Jahren ihre Garage »geopfert« um den Kindern und Jugendlichen ihres Dorfes einen niedrigschwelligen Zugang zu Büchern zu ermöglichen. Darüber schreibt sie hier auf LinkedIn
  • – Wo ist der nächste öffentliche Bücherschrank? Auf dem Buchblog Lesestunden findet ihr eine Karte

Der Bücherschrank in meinem Vorort und ich – noch ist es kompliziert

Der öffentliche Bücherschrank in Mannheim-Rheinau und ich

Noch zählt der Bücherschrank hier in Mannheim-Rheinau, meinem Vorort, nicht zu meinen Lieblingen. Nicht nur wegen seines schrägen Regal-Designs. Er hat schon mehrmals den Kipppunkt erreicht, sich jedoch immer wieder aufgerappelt. Es besteht also noch Hoffnung und ich werde ihn weiter füllen.

Deswegen bringe ich jetzt »Die souveräne Leserin« von Alan Bennett dorthin zurück, wo sie hingehört: in den öffentlichen Bücherschrank und damit in die Hände buchliebender Menschen!


Wunderbare Buch-Entdeckungen aus öffentlichen Bücherschränken:

Sehr erhellender Beitrag, erschienen im Forum Bibliothek und Information: „Über die Buchzirkulation in öffentlichen Bücherschränken. Wie Tauschen ohne Kontrolle funktioniert, warum Geben und Nehmen nicht ausgeglichen sein müssen und was zwei Städte darüber verraten.“

Die souveräne Leserin: warum habe ich das erst jetzt entdeckt?

Alan Bennett - Die souveräne Leserin.
Das Buch mit einem roten Leineneinband liegt auf einer historischen Tapete mit Grünpflanzen und Vögeln.

Ob »Frauen, die lesen sind gefährlich« oder etwas in der Art von »Die kleine Buchhandlung auf einer Insel am Ende der Welt«: Ein wenig geht mir die Welle von Büchern, die die Buchliebe feiern, auf den Keks. Doch dass ich Alan Bennetts »Die souveräne Leserin« deswegen so lange ignoriert habe, war ein großer Fehler!

Deshalb möchte ich mich jetzt zuerst bei der Unbekannten bedanken, die diesen feinen Titel zur Eröffnung des öffentlichen Bücherschranks in meinem Vorort eingestellt hat. Ich feiere sie sehr – und ja, ich gehe davon aus, dass es sich um eine Frau handelt. Schließlich gibt es mehr lesende Frauen als Männer.

Die souveräne Leserin, das ist die Queen, die in Alan Bennetts Buch spät das Lesen entdeckt. Dafür holt sie dann alles nach, was sie verpasst hat. Über die Handlung, die von einem feinen Humor vorangetrieben wird, möchte ich nicht zu viel verraten. Denn jeder Spoiler würde die Freude an der Geschichte schmälern!

Was ich hier guten Gewissens erwähnen kann, ist dass dieses Büchlein eine ganz besondere Art des Lesens feiert: unvoreingenommen, offen, neugierig. Heute ein Klassiker, morgen etwas experimentell-progressives. Heute Lyrik, morgen eine Biografie. Heute leichte Unterhaltung, morgen ein philosophisches Schwergewicht. Die souveräne Leserin liest, worauf sie Lust hat. Sie bildet sich ihr Urteil und freut sich über abweichende Meinungen anderer Leser*innen. Lesend entdeckt die Queen, begleitet von einem Lese- und Buchbesorgungs-Buddy, die Welt hinter dem Hof-Zeremoniell.

Was für ein intelligentes Lesevergnügen! Falls ihr das Buch noch nicht kennt: Lernt aus meinem Fehler und lest es jetzt sofort!


Bibliographische Angaben (denn „Infos zum Buch“ wäre bei diesem Titel unpassend):

Alan Bennett
Übersetzt von Ingo Herzke

Die souveräne Leserin

Wagenbach Verlag


Entdeckt habe ich das Buch in einem öffentlichen Bücherschrank. Darüber blogge ich hier:

Liebe auf den dritten Blick: die Vampirkrimis von Tanya Huff. Oder warum Trends kleinen Verlagen das Genick brechen können

Die Romane Blutzoll und Blutspur von Tanya Huff, aufgenommen vor einer Keller-Bretterwand, von der die weiße FArbe abbröckelt.

Blutzoll, Blutspur – das sind Titelformulierungen, die nicht gerade meinem Beuteschema bei Büchern entsprechen. Urban Fantasy, trockener Humor, eine Privatdetektivin und Vampire hingegen schon! Trotzdem musste die Buchserie von Tanya Huff durch drei Verlage wechseln, bis ich sie endlich entdeckte. Und ich frage mich: Warum? Wie konnte ich so lange blind sein?

Was mich tröstet: Ich bin nicht alleine. Auch Eva Bergschneider vom mittlerweile leider eingestellten Buchblog Phantastisch lesen erging es so. Das schreibt sie über die Serienheldin Vicki Nelson:

Vicki brachte allerdings bereits Anfang der 90er Jahre Eigenschaften mit, die man heute mit Progressiver Phantastik assoziiert. Sie ist nicht nur eine coole und selbstbewusste Frau, sondern hat mit einer Sehbehinderung zu kämpfen und lebt offene Beziehungen. Beides wird in der Geschichte weder besonders betont, noch versteckt, sondern gehört ganz natürlich zu ihrem Leben. Viele der nachfolgenden Urban Fantasy Held:innen aus den frühen 2000er Jahren kamen weitaus konventioneller herüber.

Buchblog Phantastisch Lesen

Am besten lest ihr ihre Rezension zu Blutzoll, denn ich möchte hier eine ganz andere Geschichte erzählen: eine über das Büchermachen, über kleine Verlage und über einen Buchmarkt, der für sie so nicht funktioniert.

Von Feder & Schwert zu Lindwurm: Die Geschichte einer Fantasy-Serie in Deutschland

Eines ist fast noch schlimmer als die Tatsache, dass ich die Bücher von Tanya Huff so lange ignoriert habe: Kaum habe ich die ersten beiden Bände Blutzoll und Blutspur gelesen, wird die Neuveröffentlichung der Serie wieder eingestellt. An der Qualität liegt das sicherlich nicht. Die Luft für Bücher aus Klein(st)-Verlagen ist auf dem deutschen Buchmarkt sehr dünn geworden.

Gerade die Veröffentlichungsgeschichte der Blut-Linien-Serie ist ein gutes Symbol dafür. Es war der kleine Verlag Feder & Schwert, der auf Rollenspielbücher und Fantasy spezialisiert war, der die in den 90ern entstandene Buchserie nach Deutschland holte. Er veröffentlichte sie ab 2004 in deutscher Übersetzung. Dann verloren sie die Rechte an den Lyx-Verlag, der zu Bastei Lübbe gehört, einem Konzern. Mit dem Start der TV-Serie „Blood Ties“ brachte dieser die Bücher 2008 noch einmal heraus und erreichte deutlich mehr Leser*innen. Nun veröffentlichte der kleine Lindwurm-Verlag sie erneut unter dem Serientitel „Blut-Linien“ – und scheitert.

Die Verdrängung der Pioniere: Wie Konzernverlage Trends ausschlachten

2004 war Fantasy und insbesondere progressive Phantastik noch eine Nische. Die Buchauswahl auf dem deutschen Markt war überschaubar. Anders gesagt: sie passte zur Zahl der Fans, denn außerhalb der Szene wurde das Genre kaum beachtet. Dann begann die Zeit, in der ein Konzernverlag einen Trend nur zu riechen brauchte und ihn nachahmte. Der Buchmarkt wurde geflutet. Dadurch wurden durchaus neue Leser*innen erreicht. Phantastik wurde populärer. Doch in der Überproduktion gingen die kleinen Verlage unter.

Dieses Muster lässt sich nicht nur in der Belletristik und der Fantasy beobachten, sondern auch in anderen Warengruppen und Genres. Seien es vegane Kochbücher oder Ausmalbücher für Erwachsene: Es sind so gut wie immer die kleinen Verlage, die Bücher zu einem Trendthema haben, das gerade eben noch nicht im Mainstream angekommen ist. Wenn das Publikum eine gewisse Größe erreicht hat, profitiert der Indie-Verlag zunächst von seiner Aufbauarbeit. Doch dann springen die großen Verlage auf den Trend auf und fluten den Buchmarkt mit teuer gekauften Rechten und jeder Menge Lookalikes. Die Sichtbarkeit für die kleinen Verlage, die Trendsetter waren, nimmt ab.

Die unverzichtbare Rolle der Indie-Verlage für die Buchvielfalt – und ein Podcast-Tipp

Für Leser*innen wie mich sind Indie-Verlage von enormer Bedeutung. Sie sind der Garant für ein vielfältiges, abwechslungsreiches Buchangebot. Aber was können wir für sie tun? Strukturelle Verlagsförderung, verbesserter Marktzugang, mehr Etat für die Bibliotheken – welcher Hebel wirkt? Ich weiß es nicht. Doch allen, die mehr darüber wissen wollen, empfehle ich den Podcast „Beans and Books“. Victoria Hohmann und Andreas Vierheller unterhalten sich seit einem Jahr ganz ergebnisoffen mit Buchmenschen. Dabei ist ein Mosaik aus Stimmen und Ansichten entstanden. Ich empfinde die Gespräche als sehr bereichernd. Sie haben mein Verständnis für die Nöte und die Motivation der Buchschaffenden verbessert.

Happy End in Sicht? Nein, eher ein neuer Eisberg

Doch wie geht es nun weiter mit der Ermittlerin Vicki Nelson, dem Vampir Henry Fitzroy und mir? Ich werde versuchen, die fehlenden Bücher gebraucht zu bekommen. Das sollte kein Problem sein, denn der Markt für Second-Hand-Bücher ist gewachsen – genau wie die Anzahl der Öffentlichen Bücherschränke. Was gut für das ökologische Gewissen und ein Segen für die Stadtgesellschaft ist, verschärft die Probleme der Verlage weiter: Die Urheber*innen gehen leer aus – an diesen Büchern verdienen weder Autor*innen noch Verlage. Der Markt für neue Bücher wird zudem dadurch kleiner. Auch darüber wird meiner Meinung nach viel zu wenig diskutiert!

Öffentlicher Bücherschrank im Regen
Wir stehen im Regen, der Bücherschrank, der Buchmarkt und ich

Infos zu den Büchern von Tanya Huff:

Blutzoll – Band 1
Blutspur – Band 2

Lindwurm Verlag in der Bedey und Thoms Verlagsgruppe


Podcast Beans und Books
In Folge 10 war ich zu Gast. Wir sprachen über vieles (Einzelhandel, Buchblogs, VLB, Communities, Backlist, Neuerscheingsflut und Buch-Biotope) und hätten doch noch so viel mehr Themen gehabt!


Solidarisch Bücher kaufen – aber ich kann sie doch nicht alle retten!

Lesen ist Teilhabe: Anne Frank in einfacher Sprache und super lesbare Bücher

Buch in Einfacher Sprache: Anne Frank, ihr Leben

Lesen ist Teilhabe an der Welt. Romane und Biografien ermöglichen es uns, uns in andere Menschen hineinzudenken und zu fühlen. Sachbücher und Ratgeber vermitteln Wissen und helfen, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Doch was ist, wenn Menschen nicht gut lesen können?

Für die Leseförderung von Kindern wurden schon viele gute Ideen entwickelt. Eine der schönsten ist für mich das Konzept der Buchreihe „Super lesbar“ aus dem Beltz Verlag. Stellt euch einfach ein 10-jähriges Kind vor, das, aus welchen Gründen auch immer, mit dem Lesen hadert. Das Material für Grundschüler wird dieses Kind kaum zum Lesen üben motivieren, denn das ist ja wohl für Babys.

Genau hier setzen die Bücher aus der Reihe „Super lesbar“ an. Sie erzählen Geschichten, die zum Alter passen, in einer Sprache, die zu den tatsächlichen Lesefähigkeiten passt. In dem Fall eine Story für 10-Jährige, erzählt in Sätzen, die der Lesekompetenz von jüngeren Kindern entspricht. Also Bücher, die keinen Lesefrust erzeugen, weil sie weder zu langweilig noch zu schwer sind.

Für Kinder gibt es viele Angebote zur Leseförderung. Doch was ist mit Erwachsenen, die sich mit dem Lesen schwertun? Eine Möglichkeit sind Bücher in Einfacher Sprache, wie sie im Spaß am Lesen Verlag erscheinen. In „Anne Frank – Ihr Leben“ klingt die Zusammenfassung am Ende des Buches so:


Das ist die Geschichte von Anne Frank.
Sie war eines der 1,5 Millionen jüdischen Kinder, die während des zweiten Weltkriegs ermordet wurden.
Anne ist durch ihr Tagebuch weltberühmt geworden. Millionen Menschen auf der ganzen Welt haben es gelesen.

Marian Hoefnagel: Anne Frank, ihr Leben. S. 93

Auf gerade mal 100 Seiten wird hier erzählt, um was es beim Tagebuch der Anne Frank geht. Dabei wird auch das notwendige geschichtliche Hintergrundwissen vermittelt. Doch auch die Gefühle, der empathische Zugang zur Lebensgeschichte der Anne Frank kommt nicht zu kurz.

Das Besondere am Verlagsprogramm ist, das hier sowohl Unterhaltungsromane als auch Literaturklassiker wie Kafkas Verwandlung oder 1984 in einfacher Sprache erscheinen – also Bücher, über die gesprochen wird und die unsere Kultur und Gesellschaft geprägt haben. Lesen ist Teilhabe an der Kultur, am Weltgeschehen – der Spaß am Lesen Verlag setzt diesen Gedanken sehr konsequent um!


Mehr Infos zu den super lesbaren Bücher für Kinder und Jugendliche auf der Website des Beltz Verlags.

Die Bücher des „Spaß am Lesen Verlag“ findet ihr hier.

Der Unterschied zwischen Leichter und Einfacher Sprache wird zum Beispiel hier erklärt.


Marian Hoefnagel

Anne Frank, ihr Leben
In Einfacher Sprache

Spaß am Lesen Verlag


Mehr zum Thema auf meinem Blog: Schreibratgeber für Leichte Sprache

Ein Buch ohne Fehler gibt es nicht? 55 Buchmakel

Buchmakel. Das Buch steht vor einer nicht makellosen Kellerwand mit dramatischem Schlagschatten.

Mein Exemplar von „Buchmakel“ ist makellos. Dabei gibt es, wie ich jetzt nach der Lektüre weiß, unendliche viele Möglichkeiten für Herstellungsfehler in der Buchproduktion. Sei es beim Satz (Löchriger Satz, Bleiwüste, Augenpulver), bei der Druckvorstufe (Moiré, Punktzuwachs), beim Umgang mit Papier (Wolkigkeit, Tellerbildung), beim Druck (Durchscheinen, Passerungenauigkeit, Abliegen) oder beim letzten Arbeitsschritt, der Bindung (Rückenbruch, Schnabeln).

All diese Begriffe werden in „Buchmakel. 55 typische Fehler in der Buchproduktion und wie man sie vermeidet“ von Monika Wintjes wunderbar leichtfüßig und doch auf den Punkt erklärt. Geballtes Fachwissen also – und trotzdem ertappte ich mich immer wieder dabei, dass ich vor allem in einem Wortrausch schwelgte. Blitzer, Schusterjunge, Hurenkind, Mönch, Läusedarm, Butzen, Fliegenschiss, Schimmelbogen.

So viele schöne Handwerksbegriffe, mit denen ich auf der Julius Springer Schule in Heidelberg meinen Lehrer in Herstellungskunde hätte beeindrucken können! Habe ich aber nicht, denn der Funken für das Thema sprang damals nicht über. Bücher lesen und verkaufen war mir wichtiger als die Frage, wie sie hergestellt werden.

Der Tag, an dem ich begann, Drucktechnik zu begreifen

Meine Liebe zu traditioneller Druck- und Satztechnik habe ich tatsächlich erst im Technoseum in Mannheim entdeckt. In diesem Museum werden Drucktechniken vorgeführt. Was das Besondere an der Linotype-Setzmaschine, diesem Meilenstein in der Satzherstellung im Hochdruck ist, habe ich nicht auf der Berufsschule, sondern erst dort begriffen. Und so manches andere auch.

Ich glaube, wir wären eher zusammengekommen, die Faszination für die Produktion von Büchern und ich, wenn ich „Buchmakel“ als Schulbuch gehabt hätte. Egal, der Umweg über das Technik-Museum war es wert – und einfach nur Lesen, ohne sich Gedanken um Satz, Druck, Papier und Bindung zu machen, ist auch toll!


Bibliographische Angaben:

Monika Wintjes
Illustriert von Lu säuberlich

Buchmakel
55 typische Fehler in der Buchproduktion und wie man sie vermeidet

Verlag avedition


So viele tolle Ausstellungen gab es schon im Technoseum Mannheim.
Zum Beispiel diese hier: Bier

Versuchen Sie’s mal mit Schreiben! Oder mit bloggen

Alexandra Peischer:  Versuchen Sie's mal mit Schreiben! Der Schreibratgeber steht auf einem Stehpult umgeben von Stiften und einem Notizblock

Es hat seine eigene Ironie, dass ich dieses Buch exakt dann ausgelesen hatte, als meine Blog-Flaute begann. In „Versuchen Sie’s mal mit Schreiben!“ geht es um genau das, was ich in der Phase gebraucht hätte: Schreiben als Weg, als Tool, um Persönlichkeitsentwicklung zu begleiten, als nahezu therapeutisches Werkzeug – ohne dabei die Kreativität und den Spaß am Tun aus den Augen zu verlieren.

Aber ich kam nicht mehr zum Schreiben. Selbst wenn ich ein Zeitfenster gefunden hätte, ich hätte es nicht gekonnt. Doch weil ich den Schreibratgeber von Alexandra Peischer zuvor gelesen hatte, wusste ich sehr genau, was mir fehlt. Vor allem war klar, dass ich mir das Bloggen zurückholen werde, weil mir sonst ein wichtiger Ausgleich fehlen würde. Es ist nur eine Phase, Hase. Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder, keine Frage.

Schreiben – denn Stricken ist keine Alternative

Andere stricken – ich schreibe. Dabei wird mein Gedankenfluss ruhiger. Aus den 3000 Dingen des Alltags kristallisiert sich so nach und nach das heraus, womit ich mich jetzt in diesem Moment befassen möchte. Gleichzeitig spült es Themen an die Oberfläche, die mir sonst nicht aufgefallen werden. Manche wollen gefischt werden, anderen springen mit Schwung ans Ufer, direkt vor meine Füße. Doch sie haben eines gemeinsam: Sie sind es wert, sich mit ihnen zu befassen. Und ohne Schreibimpuls hätte ich sie weiterhin ignoriert.

Alexandra Peischer nennt in „Versuchen Sie’s mal mit Schreiben“ viele Techniken, wie wir solch wertvolle Impulse bergen können. Damit wird Schreiben zum Begleiter durch das Leben. Sei es alleine für sich, in Gruppen oder innerhalb eines Coachings. Eigentlich richtet sich ihr Buch an Therapeuten und Gruppenleiter. Das habe ich geflissentlich ignoriert und einfach meine ganz persönlichen Schätze geborgen.

Back on the Blog

Jetzt, wo ich endlich wieder blogge, merke ich, dass ich bewusster schreibe. Mir war schon immer klar, dass ich hier nicht nur einfach Bücher empfehle. Denn um auf Bücher neugierig zu machen, müsste ich meine Lektüre nicht mit persönlichen Geschichten verknüpfen. Doch das ist es, was mich reizt: Zu zeigen, was Bücher im Leben der Lesenden anrichten, verändern, möglich machen. Gleichzeitig möchte ich für mich eine Erinnerung schaffen, indem ich einem Buch nachfühle. Ich will durchdenken, welchen Genuss, welche Impulse und welche Ideen ich für mich aus der Lektüre mitnehme.

Genau das tue ich wieder. Da es bei mir nur eine Blog-Flaute war, aber keine durchgehende Lese-Flaute, wuchs mein Stapel zu rezensierender Bücher in noch nie erreichte Höhen. Es ist kein Stapel mehr, sondern ein Regalfach. Ich habe also genug Material, ich bin motiviert – mein Buch-Blog und ich sind wieder am Start!


Infos zum Buch:

Alexandra Peischer

Versuchen Sie’s mal mit Schreiben!
Ein effektives Werkzeug für Coaching, Beratung und Erwachsenenbildung
Schreiben und bei sich bleiben

Carl Auer Verlag


Vom (kreativen) Schreiben hatte ich es auf diesem Blog schon ein paar mal. Hier meine Buchtipps:

Solidarisch Bücher kaufen: Aber ich kann sie doch nicht alle retten!

Mein Stapel der ungelesenen Bücher. Obenauf: ein Buch aus meiner Solidaritätsbestellung der Edition Nautilus.

Heute kam meine Buchbestellung vom Nautilus Verlag, der vor ein paar Wochen einen Aufruf gestartet hatte. Bitte bestellt Bücher oder wir kommen nicht über den Sommer. Kurz vorher hatte ich E-Books beim Hirnkost Verlag geordert. Auch dort hatte sich die Schieflage unerwartet verschlimmert. Außerdem braucht das Missy Magazin Abos. Eine Blogger-Freundin hat ein Kinderbuch-Website mit Online-Shop gestartet. Und die Buchhandlung meiner Ex-Kollegin in der Nachbarstadt freut sich auch über Einkäufe von mir. Genau wie yourbook.shop – alles wird Buch. Oder der Shop der Autorenwelt, die mehr Geld an Autoren weitergeben als andere Shops.

Und meine Haushaltskasse so: Erstens hast du einen Bücherei-Ausweis und zweitens befriedigen auch gebrauchte Bücher Lesegelüste.

Bücher kaufen war schon immer eine emotionale Angelegenheit für mich. Aber so kompliziert wie im Sommer 2024 war es noch nie. Die Liste der unterstützenswerten Projekte von Buchmenschen ist länger denn je – und sie brauchen die Unterstützung mehr denn je.

Nicht nur Edition Nautilus, Hirnkost Verlag oder jetzt auch der Sujet Verlag: Viel zu viele Indie-Verlage stehen auf der Kippe. Doch Deutschland braucht einen vielfältigen Buchmarkt, denn auch das ist Teil der so dringend nötigen Demokratiebildung. Bücher ermöglichen uns, uns in das Leben anderer Menschen hineinzudenken und zu fühlen. Das ist die Basis für ein gutes Miteinander. Dafür braucht es wiederum ganz unterschiedliche Bücher, die möglichst viele Lebensentwürfe sichtbar machen. Genau solche Bücher erscheinen in Indie-Verlagen.

Ich kann mit meinen Buchkäufen nicht alle Verlage und Herzensprojekte retten – aber was würde helfen?

Es gibt viele Ideen. Strukturelle Verlagsförderung ist das Schlagwort, was ich in letzter Zeit am häufigsten vernahm – also einen Verlag schon alleine dafür fördern, dass er seine Arbeit macht. Eben weil diese Arbeit für unsere Gesellschaft genauso wichtig ist wie freier Journalismus, Museen und Schulbildung. Klingt gut – aber was für Bücher würden so entstehen? Und wer würde sie lesen?

Mir begegnen immer wieder Bilderbücher aus Österreich, die eine staatliche Förderung erhalten. Etwas Vergleichbares kenne ich aus Deutschland nicht. Diese Kinderbücher sind häufig so künstlerisch wertvoll, dass es eine Kunstvermittlerin braucht, damit Kinder sich mit ihnen beschäftigen. Versteht mich nicht falsch – auch solche Bücher sind relevant, auch das ist ein Bildungsangebot, dass eine lebendige Gesellschaft benötigt. Aber wieviele davon brauchen wir?

Nüchtern betrachtet: Angebot und Nachfrage passen nicht mehr. Wir produzieren zu viele Bücher, mehr als wir Kaufbudget, Leser*innen und Lesezeit haben.

Und ich, ich kaufe zu viele Bücher. Das Bild zeigt mein Regal der ungelesenen Bücher. Weswegen ich jetzt lesen gehe. Könnte jemand in der Zwischenzeit meine kleine, heile Buchwelt retten? Ich hänge an ihr, wirklich!


Gute Nachrichten gab es vom Hirnkost Verlag: die Insolvenz sei (erst einmal) abgewendet. Wer sich jetzt überlegt, bei der Edition Nautilus zu bestellen, sei dieser Titel ans Herz gelegt:

Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution

Was tun mit solchen Büchern? „Hypatia“ von Arnulf Zitelmann

Hypatia von Arnulf Zitelmann. HArdcover-Ausgabe von 1988. Cover im damals typischen Orange des Beltz Verlags.

Was mache ich jetzt mit diesem Buch? An dem Tag, an dem ich erfuhr, dass Arnulf Zitelmann ein Täter war, stand es wie immer bei mir im Regal. Ich habe nur wenige Bücher aus meiner Kindheit und Jugend aufgehoben. Mit jedem einzelnen verbinde ich eine Geschichte. »Hypatia« von Arnulf Zitelmann war ein Geschenk. Wir waren eine »Bücher holt man in der Bücherei«-Familie. Ein Buch geschenkt zu bekommen war daher immer etwas Besonderes. Doch das alleine wäre kein Grund, dieses Jugendbuch viele Umzüge später noch im Regal stehen zu haben.

Für mich war das Buch ein Aha-Erlebnis. Es ist ein spannender Abenteuerroman, in dem man viel über das Leben der Menschen damals lernt. Also genau das, was ein neugieriges Mädchen wie ich verschlingt. Doch das war es nicht, was mir im Gedächtnis blieb. Von Hypatia von Alexandria hatte ich noch nie gehört. Mathematikerin, Astronomin und Philosophin – ach, das gab es? Warum kommen solche Frauen dann nur so selten in meinen Büchern vor? Doch neben der Erkenntnis, dass Feminismus keine Erfindung der Neuzeit ist, blieb mit noch etwas anderes im Gedächtnis.

In dem Buch wird eine Liebesgeschichte erzählt. Ich nahm das zur Kenntnis und dachte mir: Warum? Die Liebesszenen wirkten auf mich nicht stimmig, einfach deplatziert. Sie hinterließen ein ungutes Gefühl. Mittlerweile kenne ich ein Wort für dieses Empfinden: cringe.

Heute weiß ich: Meinem Instinkt konnte ich vertrauen. Meine Alarmglocke schrillte zu Recht. Arnulf Zitelmann mag das Richtige, nämliche eigenständige Mädchenfiguren, geschrieben haben – aber aus falschen Beweggründen. Sein Interesse an Mädchen war wohl ein anderes.

Was tue ich also jetzt mit dem Buch? Sowohl der Beltz Verlag als auch der Verlag Katholisches Bibelwerk haben Zitelmanns Bücher gleich nach den Missbrauchs-Enthüllungen komplett aus dem Programm genommen. Doch bei mir steht dieses eine noch hier. Als Teil meiner Leserinnen-Biografie und als Erinnerung daran, dass auf meinen Instinkt Verlass war. Ob es da bleiben wird? Ich bezweifel es.



Fast alle meine Blog-Beiträge enden mit einem Hinweis auf weitere, passende Buchempfehlungen. Die bleiben mir dieses Mal im Halse stecken.

Frauen Literatur. 1986 schon (m)ein Thema – und heute?

Frauen Literatur. Das Buch von Nicole Seifert zusammen mit den Büchern "Deutsche Dichterinnen" und "Lyrikerinnen aus der DDR"

Eigentlich knüpfe ich mit der Lektüre von »Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt« von Nicole Seifert an Themen an, die mich schon vor über 30 Jahren beschäftigt haben. Meine Ausgabe der Anthologie »Deutsche Dichterinnen. Gedichte und Lebensläufe« stammt aus dem Jahr 1986, also noch aus meiner Schulzeit. Sie hat mir die Augen geöffnet.

Genau aus diesem Grund wollte ich »Frauen Literatur« zunächst nicht lesen. Die Erkenntnis, wie wenig sich seit dem geändert hat, ist nichts, was mir einen Leseabend auf der Couch versüßt. Been there, done that – und die Welt ist eben immer noch schlecht.

Vom Deutschunterricht bis zum Germanistikstudium ist der Autorinnenanteil noch immer verschwindend gering, und so lernen wir von Anfang an: Was literarisch wertvoll ist, stammt von Männern.

Website Kiepenheuer & Witsch

Doch was für die Universität und für den Literatur-Kanon gilt, greift auch in den Fanzines der Nerds und in der Genre-Literatur. Das war der Grund, das Buch dann doch zu lesen.

Frauen Literatur: Auf einmal handeln die Bücher von mir.

Frauen Literatur. Das Buch von Nicole Seifert zusammen mit dem Buch Grenzwelten von Ursula le Guin

Was für einen Unterschied es für mich macht, wenn Autorinnen ein Genre mitprägen, habe ich in den letzten Jahren im Bereich Science-Fiction und Fantasy erlebt. Beides sind Lese-Vorlieben, die ich für mich ohne groß darüber nachzudenken aufgegeben hatte. Ich fühlte mich mit den Büchern einfach nicht mehr wohl und griff eben zu etwas anderem.

Erst als ich Autorinnen wie Ann Leckie, Theresa Hannig, Nnedi Okorafor, N.K. Jemisin und Ursula le Guin für mich entdeckte, änderte sich das. Auf einmal fand ich mich in den Büchern wieder. Mein Leben, meine Themen, meine Fragen an die Gesellschaft, verpackt in eine packende, genre-typische und doch so andere Geschichte. Seitdem verschlinge ich SF und Fantasy wie früher und merke, wie sehr mir diese fantastischen Welten gefehlt haben!

Was wäre, wenn das überall in der Welt der Bücher sein könnte?

Wie Frauen unsichtbar werden – lässig und pointiert erklärt

Genau darum geht es in Nicole Seiferts »Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt«. Sie zeigt auf, wie viele großartige Autorinnen uns durch die Mechanismen der Buchbranche und der Universitäten entgangen sind. Aber vor allem durchleuchtet sie auf allen Ebenen, wie diese Verdrängungsmechanismen funktionieren. Das macht sie einerseits so präzise und pointiert, dass ihre Analysen in jeder gesellschaftspolitischen Debatte standhalten. Andererseits macht sie es so lässig und locker, dass jedes Kapitel ein Lesevergnügen ist. Zudem geht sie dabei so gründlich vor, dass ihr alle Leser*innen folgen können. Ein Grundstudium in Literaturgeschichte oder Feminismus ist nicht nötig – Spaß am Lesen genügt!


Bibliographische Angaben zum Buch:

Nicole Seifert

Frauen Literatur
Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt

Kiepenheuer & Witsch


Wer kauft diese Bücher eigentlich – und wer nicht?
Eine Anekdote aus meiner Buchhändlerinnen-Vergangenheit erzähle ich hier:

Noch mehr Dichterinnen & Denkerinnen auf meinem Blog: Frauen, die trotzdem geschrieben haben

Grenzwelten: zwei Hainish-Erzählungen von Ursula le Guin

Ursula le Guin - Grenzwelten. Taschenbuch im Baum. Schließlich ist in dem Sammelband die wunderbare Erzählung "Das Wort für Welt ist Wald" enthalten.

Meine erste Begegnung mit den Büchern von Ursula le Guin verlief etwas eigen. Anfang der 90er hatte ich eine sehr große Abteilung für Fantasy und Science Fiction übernommen. Ein SF-Sortiment zusammenzustellen war damals recht einfach. Man brauchte die silbernen Perry Rhodan Bänder von Pabel Moewig, ein bisschen was aus dem Goldmann Taschenbuch Verlag und vor allem viel von Heyne Science Fiction. Das Bestellformular war ein dickes Heft mit perforierten Seiten, die sich heraustrennen und faxen ließen. Auf dem Formular waren bestimmte Titel besonders hervorgehoben: Novis, Bestseller und Meilensteine der SF-Literatur wie die Hainish-Romane von Ursula le Guin.

Ich hatte ihre Bücher daher im Regal stehen. Sie standen. Die Nerds und Maschinenbau-Studenten, die bei mir Science-Fiction kauften, ignorierten ihre Werke. Sie interessierten sich für Technik und für die Zukunft der Menschheit, aber nicht für Ökologie und Feminismus. So kam es, dass ich die Bücher von Ursula le Guin zuerst als Remittende kennenlernte – also Bücher, die wegen Unverkäuflichkeit an den Verlag zurück gingen.

Und heute? Keine Ahnung, was meine Kunden von damals mittlerweile lesen. Ich vermute, sie sind Perry Rhodan treu geblieben, greifen ansonsten zu Büchern wie »Die drei Sonnen« oder „Amalthea“ und meiden den Feminismus weiterhin. Ich habe damals Shadowrun und William Gibson gelesen und war trotzdem Feministin. Was wahrscheinlich direkt dazu führt, dass ich derzeit große Lust habe, mich quer durch die Gewinnerinnen des Hugo Awards zu lesen und Ursula le Guin jetzt endlich für mich entdeckt habe.

Weniger mit dem Erdsee-Zyklus als viel mehr mit diesem Sammelband. »Grenzwelten« enthält zwei Romane aus dem Hainish-Zyklus. Beide wurden ganz wunderbar übersetzt von Karen Nölle. In »Das Wort für Welt ist Wald« zerstört le Guin mal eben den kompletten Themenkomplex toxische Männlichkeit, Kolonialismus, Rassismus und Ressourcenvernichtung. Das ist heute fast noch aktueller als damals. Die zweite Erzählung »Die Überlieferung« ist ein fein komponiertes Werk über die Bedeutung kultureller Werte und über die Schäden, die Kolonialisten anrichten.

Kein Wunder, dass ich die Bücher von Ursula le Guin damals remittieren musste. Ein großer Glücksfall, dass sie die Jahrzehnte überdauert haben und jetzt von mir neu entdeckt werden können.


Infos zum Taschenbuch:

Ursula le Guin
Grenzwelten

Der Sammelband enthält:
Das Wort für Welt ist Wald
Die Überlieferung

Übersetzt von Karen Nölle

Fischer Tor Verlag


Mehr von Ursula le Guin auf meinem Buchblog:

Wieviel Alice-im-Wunderland-Bücher passen noch in mein Regal?

Flatlay mit verschiedenen Ausgaben von Alice im Wunderland

Früher habe ich, wenn eine neue Ausgabe von „Alice im Wunderland“ erschien, immer zuerst geschaut, wie die Grinsekatze illustriert wurde. Davon war dann abhängig, ob ich die Ausgabe haben wollte. Mittlerweile gehe ich das etwas entspannter an, aber die Faszination für den Kinderbuch-Klassiker ist geblieben. Im letzten Jahr kamen zwei neue Bücher zu meiner Sammlung dazu.

Die Erfindung von Alice im Wunderland

Gleich vorneweg: An diesem Buch hat mich eines massiv gestört – es ist zu kurz! Äußerst kenntnisreich erzählt Peter Hunt über das Leben und die Gefühlswelt von Charles Dodgson alias Lewis Carroll, einem exzentrischen Oxford-Mathematiker. Natürlich schildert er die Entstehungslegende, laut der die Geschichte von Alice ihren Anfang auf einer Bootsfahrt auf der Themse nahm. Er analysiert, wie viel Alice Pleasance Lidell in Alice im Wunderland steckt und deckt auf, welche realen Personen in dem Werk karikiert wurden. Auch wenn mir manches schon aus der reichhaltig kommentierten englischsprachigen Ausgabe „Annotated Alice“ bekannt war, gab es doch mehr als genug Neues zu entdecken – wie zum Beispiel die Geschichte der klassischen Illustrationen von John Tenniel. Das macht sein Buch zu einer Fundgrube für Alice-Nerds – auch wenn es auf mich so wirkt, als würde es mittendrin abbrechen. Da hätte es bestimmt noch mehr zu erzählen gegeben!

Alice ganz anders – illustriert von Valeria Docampo

Brauche ich wirklich noch eine Ausgabe? Ja! Zumindest wenn sie so daher kommt, wie die großformatige Schmuckausgabe aus dem Mixtvision Verlag. Illustratorin Valeria Dacampo präsentiert eine emanzipierte Alice, die nicht mehr wie eine Erwachsene im Körper eines kleinen Mädchens in Schuluniform wirkt. Ihr Wunderland ist eine Traumwelt mit kräftigen Farben, in der die Regeln der Realität nicht gelten. Den Blick lenkt sie dabei auf die Wunder selbst und bringt so das Staunen über die phantastische Geschichte zurück.


Infos zu den Büchern:

 Hunt, Peter
Die Erfindung von Alice im Wunderland
Wie alles begann

Peter Hunt

Die Erfindung von Alice im Wunderland
Wie alles begann


wbg

Besprechung bei Sasija’s Tardis und im Tagesspiegel



Bilderbuch  |  Carroll, Lewis | Docampo, Valeria (Illustr.)
Alice im Wunderland

Lewis Carroll

Illustriert von Valeria Docampo

Alice im Wunderland

Mixtvision Verlag

Buchvorstellung mit vielen Bildern bei Lesenslust


Noch mehr Alice: Who the fuck is Alice?