Wohnverwandschaften – eine Herzensempfehlung

Es gibt Bücher, die sind so gut, dass ich froh bin, dass ich nicht mehr in einer Buchhandlung arbeite. Denn dann würde ich „Wohnverwandschaften“ von Isabel Bogdan unbedingt empfehlen wollen – und wüsste nicht wie. Soll ich auf die Handlung neugierig machen? „Es geht um eine WG, aber nicht um junge Leute. Einer von ihnen erkrankt an Demenz und die anderen suchen einen Umgang damit“. Oder „ein tragikomischer Roman über das Leben mit Demenz“? Danke nein, so betrachtet gibt es viele gute Gründe, das Buch nicht lesen zu wollen. Das muss besser gehen.„Kennen sie den Satz ‚Freunde sind selbstgewählte Familie‘? Diese berührende Geschichte denkt diese Lebensphilosophie weiter.“ Schon besser. Aber weiß ich, wie mein Gegenüber zum Thema Familie steht? Vielleicht ist sie ihm das Wichtigste auf der Welt und ich habe meine Kund*in verloren, bevor ich überhaupt so richtig mit dem Schwärmen begonnen habe. Das wäre schade, denn sie würde…

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Öffentliche Bücherschränke: Buchparadies oder Altpapier-Sammelstelle?

Sie dienen der Demokratisierung des Lesens und versprechen kostenlosen Lesestoff für alle. Doch öffentliche Bücherschränke haben ihre Tücken: Altpapier stapelt sich, manche Bestseller altern schlecht und ohne soziale Kontrolle und Ehrenamt geht gar nichts. Warum eine der schönsten Idee der Buchwelt regelmäßig an der Realität scheitert – und trotzdem funktioniert: Mein ehrlicher Blick hinter die Kulissen des Büchertauschs plus Tipps, was es braucht, damit ein öffentlicher Bücherschrank ein lebendiger Ort des Austauschs wird! Size matters Die besten Bücherschränke sind entweder sehr klein (Modell My little library, diese überdimensionierten Vogelhäuschen im eigenen Vorgarten) – dann ist wirklich jedes Buch handverlesen, so dass ein kuratiertes Sortiment entsteht. Oder sie sind so groß, dass sie eine solche Auswahl bieten, dass der typische Bodensatz an Büchern, die niemand mitnimmt, nicht ins Gewicht fällt. Eine Zeitlang wurden ausgediente Telefonzellen in öffentliche Bücherschränke verwandelt. Diese haben jedoch zu wenig Regalfläche, so dass der Kipppunkt schneller erreicht…

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Die souveräne Leserin: warum habe ich das erst jetzt entdeckt?

Ob »Frauen, die lesen sind gefährlich« oder etwas in der Art von »Die kleine Buchhandlung auf einer Insel am Ende der Welt«: Ein wenig geht mir die Welle von Büchern, die die Buchliebe feiern, auf den Keks. Doch dass ich Alan Bennetts »Die souveräne Leserin« deswegen so lange ignoriert habe, war ein großer Fehler! Deshalb möchte ich mich jetzt zuerst bei der Unbekannten bedanken, die diesen feinen Titel zur Eröffnung des öffentlichen Bücherschranks in meinem Vorort eingestellt hat. Ich feiere sie sehr – und ja, ich gehe davon aus, dass es sich um eine Frau handelt. Schließlich gibt es mehr lesende Frauen als Männer. Die souveräne Leserin, das ist die Queen, die in Alan Bennetts Buch spät das Lesen entdeckt. Dafür holt sie dann alles nach, was sie verpasst hat. Über die Handlung, die von einem feinen Humor vorangetrieben wird, möchte ich nicht zu viel verraten. Denn jeder Spoiler würde…

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Liebe auf den dritten Blick: die Vampirkrimis von Tanya Huff. Oder warum Trends kleinen Verlagen das Genick brechen können

Blutzoll, Blutspur – das sind Titelformulierungen, die nicht gerade meinem Beuteschema bei Büchern entsprechen. Urban Fantasy, trockener Humor, eine Privatdetektivin und Vampire hingegen schon! Trotzdem musste die Buchserie von Tanya Huff durch drei Verlage wechseln, bis ich sie endlich entdeckte. Und ich frage mich: Warum? Wie konnte ich so lange blind sein? Was mich tröstet: Ich bin nicht alleine. Auch Eva Bergschneider vom mittlerweile leider eingestellten Buchblog Phantastisch lesen erging es so. Das schreibt sie über die Serienheldin Vicki Nelson: Vicki brachte allerdings bereits Anfang der 90er Jahre Eigenschaften mit, die man heute mit Progressiver Phantastik assoziiert. Sie ist nicht nur eine coole und selbstbewusste Frau, sondern hat mit einer Sehbehinderung zu kämpfen und lebt offene Beziehungen. Beides wird in der Geschichte weder besonders betont, noch versteckt, sondern gehört ganz natürlich zu ihrem Leben. Viele der nachfolgenden Urban Fantasy Held:innen aus den frühen 2000er Jahren kamen weitaus konventioneller herüber. Buchblog…

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Lesen ist Teilhabe: Anne Frank in einfacher Sprache und super lesbare Bücher

Lesen ist Teilhabe an der Welt. Romane und Biografien ermöglichen es uns, uns in andere Menschen hineinzudenken und zu fühlen. Sachbücher und Ratgeber vermitteln Wissen und helfen, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Doch was ist, wenn Menschen nicht gut lesen können? Für die Leseförderung von Kindern wurden schon viele gute Ideen entwickelt. Eine der schönsten ist für mich das Konzept der Buchreihe „Super lesbar“ aus dem Beltz Verlag. Stellt euch einfach ein 10-jähriges Kind vor, das, aus welchen Gründen auch immer, mit dem Lesen hadert. Das Material für Grundschüler wird dieses Kind kaum zum Lesen üben motivieren, denn das ist ja wohl für Babys. Genau hier setzen die Bücher aus der Reihe „Super lesbar“ an. Sie erzählen Geschichten, die zum Alter passen, in einer Sprache, die zu den tatsächlichen Lesefähigkeiten passt. In dem Fall eine Story für 10-Jährige, erzählt in Sätzen, die der Lesekompetenz von jüngeren Kindern entspricht. Also Bücher, die…

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Ein Buch ohne Fehler gibt es nicht? 55 Buchmakel

Mein Exemplar von „Buchmakel“ ist makellos. Dabei gibt es, wie ich jetzt nach der Lektüre weiß, unendliche viele Möglichkeiten für Herstellungsfehler in der Buchproduktion. Sei es beim Satz (Löchriger Satz, Bleiwüste, Augenpulver), bei der Druckvorstufe (Moiré, Punktzuwachs), beim Umgang mit Papier (Wolkigkeit, Tellerbildung), beim Druck (Durchscheinen, Passerungenauigkeit, Abliegen) oder beim letzten Arbeitsschritt, der Bindung (Rückenbruch, Schnabeln). All diese Begriffe werden in „Buchmakel. 55 typische Fehler in der Buchproduktion und wie man sie vermeidet“ von Monika Wintjes wunderbar leichtfüßig und doch auf den Punkt erklärt. Geballtes Fachwissen also – und trotzdem ertappte ich mich immer wieder dabei, dass ich vor allem in einem Wortrausch schwelgte. Blitzer, Schusterjunge, Hurenkind, Mönch, Läusedarm, Butzen, Fliegenschiss, Schimmelbogen. So viele schöne Handwerksbegriffe, mit denen ich auf der Julius Springer Schule in Heidelberg meinen Lehrer in Herstellungskunde hätte beeindrucken können! Habe ich aber nicht, denn der Funken für das Thema sprang damals nicht über. Bücher lesen und…

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Versuchen Sie’s mal mit Schreiben! Oder mit bloggen

Es hat seine eigene Ironie, dass ich dieses Buch exakt dann ausgelesen hatte, als meine Blog-Flaute begann. In „Versuchen Sie’s mal mit Schreiben!“ geht es um genau das, was ich in der Phase gebraucht hätte: Schreiben als Weg, als Tool, um Persönlichkeitsentwicklung zu begleiten, als nahezu therapeutisches Werkzeug – ohne dabei die Kreativität und den Spaß am Tun aus den Augen zu verlieren. Aber ich kam nicht mehr zum Schreiben. Selbst wenn ich ein Zeitfenster gefunden hätte, ich hätte es nicht gekonnt. Doch weil ich den Schreibratgeber von Alexandra Peischer zuvor gelesen hatte, wusste ich sehr genau, was mir fehlt. Vor allem war klar, dass ich mir das Bloggen zurückholen werde, weil mir sonst ein wichtiger Ausgleich fehlen würde. Es ist nur eine Phase, Hase. Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder, keine Frage. Schreiben – denn Stricken ist keine Alternative Andere stricken – ich schreibe. Dabei wird mein…

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Solidarisch Bücher kaufen: Aber ich kann sie doch nicht alle retten!

Heute kam meine Buchbestellung vom Nautilus Verlag, der vor ein paar Wochen einen Aufruf gestartet hatte. Bitte bestellt Bücher oder wir kommen nicht über den Sommer. Kurz vorher hatte ich E-Books beim Hirnkost Verlag geordert. Auch dort hatte sich die Schieflage unerwartet verschlimmert. Außerdem braucht das Missy Magazin Abos. Eine Blogger-Freundin hat ein Kinderbuch-Website mit Online-Shop gestartet. Und die Buchhandlung meiner Ex-Kollegin in der Nachbarstadt freut sich auch über Einkäufe von mir. Genau wie yourbook.shop – alles wird Buch. Oder der Shop der Autorenwelt, die mehr Geld an Autoren weitergeben als andere Shops. Und meine Haushaltskasse so: Erstens hast du einen Bücherei-Ausweis und zweitens befriedigen auch gebrauchte Bücher Lesegelüste. Bücher kaufen war schon immer eine emotionale Angelegenheit für mich. Aber so kompliziert wie im Sommer 2024 war es noch nie. Die Liste der unterstützenswerten Projekte von Buchmenschen ist länger denn je – und sie brauchen die Unterstützung mehr denn je.…

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Was tun mit solchen Büchern? „Hypatia“ von Arnulf Zitelmann

Was mache ich jetzt mit diesem Buch? An dem Tag, an dem ich erfuhr, dass Arnulf Zitelmann ein Täter war, stand es wie immer bei mir im Regal. Ich habe nur wenige Bücher aus meiner Kindheit und Jugend aufgehoben. Mit jedem einzelnen verbinde ich eine Geschichte. »Hypatia« von Arnulf Zitelmann war ein Geschenk. Wir waren eine »Bücher holt man in der Bücherei«-Familie. Ein Buch geschenkt zu bekommen war daher immer etwas Besonderes. Doch das alleine wäre kein Grund, dieses Jugendbuch viele Umzüge später noch im Regal stehen zu haben. Für mich war das Buch ein Aha-Erlebnis. Es ist ein spannender Abenteuerroman, in dem man viel über das Leben der Menschen damals lernt. Also genau das, was ein neugieriges Mädchen wie ich verschlingt. Doch das war es nicht, was mir im Gedächtnis blieb. Von Hypatia von Alexandria hatte ich noch nie gehört. Mathematikerin, Astronomin und Philosophin – ach, das gab es?…

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Frauen Literatur. 1986 schon (m)ein Thema – und heute?

Eigentlich knüpfe ich mit der Lektüre von »Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt« von Nicole Seifert an Themen an, die mich schon vor über 30 Jahren beschäftigt haben. Meine Ausgabe der Anthologie »Deutsche Dichterinnen. Gedichte und Lebensläufe« stammt aus dem Jahr 1986, also noch aus meiner Schulzeit. Sie hat mir die Augen geöffnet. Genau aus diesem Grund wollte ich »Frauen Literatur« zunächst nicht lesen. Die Erkenntnis, wie wenig sich seit dem geändert hat, ist nichts, was mir einen Leseabend auf der Couch versüßt. Been there, done that – und die Welt ist eben immer noch schlecht. Vom Deutschunterricht bis zum Germanistikstudium ist der Autorinnenanteil noch immer verschwindend gering, und so lernen wir von Anfang an: Was literarisch wertvoll ist, stammt von Männern. Website Kiepenheuer & Witsch Doch was für die Universität und für den Literatur-Kanon gilt, greift auch in den Fanzines der Nerds und in der Genre-Literatur. Das war der Grund,…

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Grenzwelten: zwei Hainish-Erzählungen von Ursula le Guin

Meine erste Begegnung mit den Büchern von Ursula le Guin verlief etwas eigen. Anfang der 90er hatte ich eine sehr große Abteilung für Fantasy und Science Fiction übernommen. Ein SF-Sortiment zusammenzustellen war damals recht einfach. Man brauchte die silbernen Perry Rhodan Bänder von Pabel Moewig, ein bisschen was aus dem Goldmann Taschenbuch Verlag und vor allem viel von Heyne Science Fiction. Das Bestellformular war ein dickes Heft mit perforierten Seiten, die sich heraustrennen und faxen ließen. Auf dem Formular waren bestimmte Titel besonders hervorgehoben: Novis, Bestseller und Meilensteine der SF-Literatur wie die Hainish-Romane von Ursula le Guin. Ich hatte ihre Bücher daher im Regal stehen. Sie standen. Die Nerds und Maschinenbau-Studenten, die bei mir Science-Fiction kauften, ignorierten ihre Werke. Sie interessierten sich für Technik und für die Zukunft der Menschheit, aber nicht für Ökologie und Feminismus. So kam es, dass ich die Bücher von Ursula le Guin zuerst als Remittende…

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Wieviel Alice-im-Wunderland-Bücher passen noch in mein Regal?

Früher habe ich, wenn eine neue Ausgabe von „Alice im Wunderland“ erschien, immer zuerst geschaut, wie die Grinsekatze illustriert wurde. Davon war dann abhängig, ob ich die Ausgabe haben wollte. Mittlerweile gehe ich das etwas entspannter an, aber die Faszination für den Kinderbuch-Klassiker ist geblieben. Im letzten Jahr kamen zwei neue Bücher zu meiner Sammlung dazu. Die Erfindung von Alice im Wunderland Gleich vorneweg: An diesem Buch hat mich eines massiv gestört – es ist zu kurz! Äußerst kenntnisreich erzählt Peter Hunt über das Leben und die Gefühlswelt von Charles Dodgson alias Lewis Carroll, einem exzentrischen Oxford-Mathematiker. Natürlich schildert er die Entstehungslegende, laut der die Geschichte von Alice ihren Anfang auf einer Bootsfahrt auf der Themse nahm. Er analysiert, wie viel Alice Pleasance Lidell in Alice im Wunderland steckt und deckt auf, welche realen Personen in dem Werk karikiert wurden. Auch wenn mir manches schon aus der reichhaltig kommentierten englischsprachigen…

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