Der Rabengott: ein philosophisches Puzzlespiel über Götter, Menschen und die Fragen des Lebens

Hatten die Götter schon eine Sprache bevor es Menschen gab, mit denen sie reden konnten? Waren sie vom Anbeginn der Zeit an vollendet oder haben sie sich entwickelt? Es sind vor allem solche Fragen, die mich an Ann Leckies philosophischen Fantasy-Roman „Der Rabengott“ faszinieren. Auch dieses Mal überrascht sie mit einer unüblichen Erzählperspektive. In ihrem Roman Maschinen gab es Passagen, die aus der Sicht eines Raumschiffes erzählt wurden. Dieses Mal spricht ein Gott. Doch das müssen sich die Leser*innen selbst zusammenpuzzeln. Mit wem er spricht, ist gleich das nächste Rätsel, das es zu lösen gibt. Dieser Gott existiert von Anbeginn der Zeit an. Er hat gesehen, wie die Erde sich formte, Leben entstand und die Menschen Sprache und Kultur entdeckten. Berührend fand ich, wie sehr dieser Gott den Dialog sucht und wie selten er auf Menschen trifft, die mit ihm reden wollen. Über das, was er selbst ist, und welche Regeln für seine Existenz gelten,…

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Eine Geschichte von Drachinnen und weiblicher Wut

Frauen erleben einige Wandlungen in ihrem Leben. Erste Menstruation und Pubertät, Schwangerschaft und Mutterschaft, Wechseljahre und Menopause. Nicht immer fühlen sie sich gut darauf vorbereitet. Mal fehlt es an Infos, mal an Vorbildern oder an psychologischer Sicherheit. Die Frauen in „When women were dragons“ kennen noch eine mögliche Verwandlung mehr. Manche von ihnen verwandeln sich in Drachen. Warum? Was passiert danach? Darüber wird genauso geschwiegen wie über Monatsblutungen, weibliche Sexualität und das Talent von Wissenschaftlerinnen. Denn wir befinden uns in den fiktiven USA der 50er Jahre. An einem Tag verwandeln sich schlagartig tausende Frauen in Drachinnen. Ihnen wachsen Schuppen, Krallen, Flügel. Sie werden zu groß für ihr gewohntes Leben und fliegen davon. Etliche von ihnen brennen noch ihre Häuser nieder und manch Ehemann gleich mit. Doch darüber spricht man nicht. Wer es doch versucht, erlebt Repressionen. Die McCarthy Ära lässt grüßen. Die Versuche, das Gesellschaftssystem mit Lügen und Ausblenden von Fakten zu stabilisieren, reichen bis…

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Die Hexe und der Nerd: „Alle Vögel unter dem Himmel“ von Charlie Jane Anders

Vielleicht sollte ich ein Leseprojekt starten und Near-Future-Romane lesen, die mindestens 10 Jahre alt sind. Bei „Alle Vögel unter dem Himmel“ war ich verblüfft, was sich alles vor gut 10 Jahren schon abgezeichnet hat. Es gibt einen Tech-Investor, der an Peter Thiel erinnert.* Er investiert in Firmen, die Techniken entwickeln, ausreichend Menschen auf einen anderen Planeten zu bringen. Nur so könne man das Beste, was die Erde hervorgebracht hat, retten. Manche der Nerds teilen die Vision, andere finden es einfach nur toll, coole Maschinen zu bauen und auch noch Geld dafür zu bekommen. Vielleicht sollte ich aber auch mehr Bücher mit Hexen lesen. Die Vorstellung, dass es noch etwas anderes gibt als Tech-Begeisterung, tut mir gut. Die Idee, dass man sich nur mit den Tieren unterhalten muss, um zu universeller Weisheit zu gelangen, wird in dem Buch „Alle Vögel unter dem Himmel“ jedoch grandios auseinandergenommen. Bei diesem Roman darf man kein einfaches Gut-Böse-Schema erwarten! Vielleicht…

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Der kleinste Schuber der progressiven Phantastik: die Schattenspiele-Trilogie

Die Bücher der Schattenspiele-Trilogie – Mutterentität, im Schatten des Leviathans und Tee-Spione – sind gerade mal so groß wie meine Hand. Ein so unübliches Buchformat passt perfekt zur progressiven Phantastik, zum Verlag Ohne Ohren und zu den Autor*innen Christian und Judith Vogt, die Weltenbau und Protagonist*innen so konsequent neu denken. Die Novellen – ich nenne es „Trilogiechen“ – weisen alle miteinander eine enorme Ideenverdichtung, ein hohes Erzähltempo und eine solche Menge an Plot-Twists auf, das jede Info zur Handlung ein Spoiler wäre, der den unvoreingenommenen Lesespaß schmälern würde. Deswegen lasse ich das bleiben und zitiere dafür meine Lieblingsrezensentin Eva, die im Blog-Magazin der Booknerds schreibt: Erstaunlich ist dabei, wie viel an Atmosphäre, detailverliebter Beschreibung und Spannung Lesende in der hohen Ereignisdichte spendiert bekommen. Keiner der Charaktere bleibt blass, Schauplätze nehmen Gestalt und Farbe an. … Dazu geht die Novelle auf Themen wie Kolonialherrschaft, Ableismus, Queerness und individuelle Entscheidungsfreiheit ein und macht die Story dadurch reicher…

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Mit Fantasy-Büchern durch die Blog-Flaute

Mit diesen Fantasy-Büchern durch die Lese- und Blog-Flaute

Manchmal verläuft lesen und bloggen asymmetrisch. Im Frühjahr hatte ich eine Blog-Flaute und habe kaum noch Beiträge veröffentlicht. Erst die Ermahnung der Leipziger Buchmesse hat mich wieder ins Tun gebracht: Leider erfüllt ihr Blog derzeit nicht unsere Kriterien für die Presse-Akkreditierung. Aber sie können das ändern! Liebe Messe, danke für den Tritt in den Allerwertesten! Ihr habt mir damit etwas Gutes getan. Denn bloggen ist mein Stricken, ein Hobby, das mich entspannt. Wenn ich schreibe, bin ich ausgeglichener. Es hilft mir, mich und meine Gedanken zu sortieren. Ich bin seitdem wieder »back on the blog«. Allerdings haben sich in der Zwischenzeit 31 Bücher angesammelt, über die ich noch nicht geschrieben habe. Zum Teil liegt die Lektüre mittlerweile so lange zurück, dass ich sie fast noch einmal lesen müsste, um eine ausführliche Rezension zu schreiben. Deswegen folgen jetzt Notizen zu vier Fantasy-Büchern, die ich während meiner Blog-Flaute gelesen habe! Dreizehnfurcht von Wieland Freund Dieses Buch hat…

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Liebe auf den dritten Blick: die Vampirkrimis von Tanya Huff. Oder warum Trends kleinen Verlagen das Genick brechen können

Blutzoll, Blutspur – das sind Titelformulierungen, die nicht gerade meinem Beuteschema bei Büchern entsprechen. Urban Fantasy, trockener Humor, eine Privatdetektivin und Vampire hingegen schon! Trotzdem musste die Buchserie von Tanya Huff durch drei Verlage wechseln, bis ich sie endlich entdeckte. Und ich frage mich: Warum? Wie konnte ich so lange blind sein? Was mich tröstet: Ich bin nicht alleine. Auch Eva Bergschneider vom mittlerweile leider eingestellten Buchblog Phantastisch lesen erging es so. Das schreibt sie über die Serienheldin Vicki Nelson: Vicki brachte allerdings bereits Anfang der 90er Jahre Eigenschaften mit, die man heute mit Progressiver Phantastik assoziiert. Sie ist nicht nur eine coole und selbstbewusste Frau, sondern hat mit einer Sehbehinderung zu kämpfen und lebt offene Beziehungen. Beides wird in der Geschichte weder besonders betont, noch versteckt, sondern gehört ganz natürlich zu ihrem Leben. Viele der nachfolgenden Urban Fantasy Held:innen aus den frühen 2000er Jahren kamen weitaus konventioneller herüber. Buchblog Phantastisch Lesen Am besten lest…

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Kondorkinder: Eine Reise durch Peru auf der Suche nach einem magischen Buch

Zum Glück fängt die Geschichte mit dem Handlungsstrang an, der in der Vergangenheit in Peru spielt. Ein kleiner Junge, eine Frau mit einem Geheimnis. Berge, Götter, alte Mythen und das reale Leben der armen Bevölkerung. Zu Beginn kommt Kondorkinder als historischer Roman mit phantastischem Einschlag daher. Cut, zweites Kapitel. Berlin in der Gegenwart. Eher New Adult als Phantastik. Ganz ehrlich: hätte das Buch so begonnen, wäre ich ausgestiegen. Wer wann mit wem welchen Streit hatte und wer wann warum etwas Verletztendes gesagt hat oder missverstanden wurde – ich möchte das nicht lesen. Das ist einfach nicht meine Romanwelt. Doch zum Glück war das erste Kapitel so stark, dass ich weitergelesen habe. Und noch weiter. Und immer weiter. Denn das Buch entwickelt einen Sog. Irgendwann verschmelzen die beiden Handlungsstränge. Die Protagonisten verhalten sich deutlich erwachsener. Der historisch-phantastische Teil bekommt einen Twist – und ein sprechendes Alpaka! Ab da wollte ich Kondorkinder nicht mehr aus der Hand…

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Mit der Hitze kam die Werwölfin: Silver Moon

Was wäre, wenn die Energie der Hitzewallungen in den Wechseljahren etwas Unerwartetes mit sich bringen würde? Wenn die Hitze das Wilde, Ungezähmte hervorbrechen lässt? Wenn die hormonellen Veränderungen tatsächlich einen neuen Lebensabschnitt einleiten? Becca Thornton, Heldin des Fantasy-Romans „Silver Moon“ von Catherine Lundoff, erlebt genau das. Weil ihr Mann sie wegen einer Jüngeren verlassen hat und jetzt das Haus verkaufen will, muss sie sich neu im Leben orientieren. Doch als sie in einer Vollmondnacht das von einer Hitzewallung gerötete Gesicht mit kaltem Wasser kühlen will, sieht sie im Spiegel etwas, was sie irritiert: goldene Augen und Fell. Trash, Action und eine dezente Liebesgeschichte – genau richtig dosiert Was nun folgt, ist ein Fantasy-Roman der anderen Art, der mir viel Lesevergnügen geschenkt hat. Handwerklich gut geschrieben und bestens übersetzt kommt die Geschichte mit der für mich genau passende Mischung aus Trash, Action, Plot-Twists, Frechheiten und einer dezenten Liebesgeschichte daher. Von allem etwas – aber nichts zu…

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Die Abenteuer von Pina Parasol. Steampunk-Kurzgeschichten

Kurze Geschichten für den kleinen Steampunk-Hunger zwischendurch: Genau dafür sind die Abenteuer von Pina Parasol optimal geeignet! Tino Falke hat ein pralles Universum erschaffen, das locker für einen fetten Roman langen würde – oder mehrere. Doch er macht Steampunk-Kurzgeschichten daraus. Heldin aller Folgen: Pina Parasol, professionelle Verliererin, die sich um Dinge kümmert, die nie wieder gefunden werden sollen. Sie ist schlagfertig bis vorlaut, mutig bis übermütig und hat selbst in der größten Bredouille einen Plan, der vielleicht auch nur auf Improvisationstalent fußt. Sie kommt weiter rum als Indiana Jones und Lara Croft zusammen und greift dabei nicht nur auf feinste Steampunk-Technik wie Flug-Lokomotiven, sondern auch auf Magie zurück. Doch vor allem hat sie ihr Herz am richtigen Fleck und lebt ihre Werte. Ganz nebenbei sind die Geschichten auf eine sehr lässige Art progressiv, queer und divers. Wenn euch also der Winter zu grau ist oder euch eine Wahl-Familie lieber wäre als eure eigene, dann greift…

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Zoran Drvenkars „Licht und Schatten“: Ein Genre-Sprenger der Fantasy-Literatur

Was mich an den Büchern von Zoran Drvenkar fasziniert, ist klar: sein konsequentes Ignorieren aller ungeschriebenen Genre-Regeln. Genau das ist es auch, was es für mich so schwer macht, meine Leseeindrücke zu seinem Jugendroman „Licht und Schatten“ zu notieren. Wäre das Buch ein Getränk, dann ein Chai – schwer und würzig, süß und bitter zugleich und mit einem Duft, der mich aus dem Alltag holt. Für einen Fantasy-Schmöker ist „Licht und Schatten“ zu sperrig. Immer dann, wenn dieses Gefühl von eintauchen und wohlfühlen entsteht, wehrt sich das Buch mit einer unerwarteten, rätselhaften Wendung. Für einen historischen, in Russland spielenden Roman ist zu viel frei erfunden. Für eine Coming-of-age-Story gibt es zu viel Phantastik und Schauermomente. Zu all diesen Genre-Elementen gesellen sich noch Familiendrama, Märchen und Sagen, ganz viel Abenteuerroman – und eine einzigartige poetische Sprache mit einem kraftvollen Klang. Auch die Figuren sind einerseits magische, aus der Zeit gefallene Heldinnen und Helden. Andererseits sind sie…

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Hausaufgaben fressen Hund in Norwegen: The Stranger Times

Für dieses Buch habe ich zwei Anläufe gebraucht. Beim allerersten reinlesen in den schaurigen, skurrilen Fantasy-Krimi war mir das alles zu laut, zu schrill. Erst beim zweiten Mal passten meine Lesestimmung und der erste Band der „The Stranger Times“-Reihe besser zusammen. Damit erging es mir so, wie jedem einzelnen Mitglied der Redaktion der namensgebenden Zeitschrift „The Stranger Times“, der wir so großartige Headlines wie „Hausaufgaben fressen Hund in Norwegen“ und „Hellseher-Tagung wegen vorhergesehener Umstände abgesagt“ verdanken. Vom jähzornigen Chefredakteur mit Alkoholproblem bis zur grummeligen Teenie-Praktikantin haben alle ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Job. Sie können aber auch nicht loslassen – genauso, wie ich vom Buch nicht loslassen konnte. Die originellen, überzeichneten Charaktere, der tiefschwarze Humor und der manchmal heftig polternde Wortwitz zählen zu den Stärken des Buchs. Der Plot hingegen hat Schwächen. Kapitel für Kapitel werden die Figuren in Stellung gebracht. Bis dann auf den letzten Seiten sich wie von Zauberhand ein Kriminalfall mit ganz…

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Die Bücher, der Junge und – Leipzig!

Ach Leipzig. Allein die Beschreibungen des Graphischen Viertels Leipzig sind für mich ein guter Grund, Kai Meyers „Die Bücher, der Junge und die Nacht“ zu lieben. Um 1930 gab es dort über 2000 Betriebe rund ums Buch: Druckereien, Buchbinder, Antiquariate und Buchhandlungen. Darunter Manufakturen und kleine Handwerksbetriebe, aber eben auch Produzenten von Massenware und Industriebetriebe. Menschen, die von der Liebe zum Buch angetrieben werden, genauso wie solche, für die Bücher ein Werkzeug der Propaganda sind. Was mich zum zweiten Grund führt, das Buch von Kai Meyer ins Herz zu schließen: Es zeigt auf vielen Ebenen, was phantastische Literatur kann. Natürlich ermöglicht uns phantastische Literatur, in unbekannte Welten einzutauchen. Doch dass das nicht nur Flucht ist, sondern auch ein Weg, unsere Gegenwart besser zu verstehen, zeigt Kai Meyer eindrücklich. Er verbindet Phantastik mit Zeitgeschichte – und das gleich auf zwei Zeitebenen. Wie konnte das passieren? Und warum hörte es nie auf? Besonders im Gedächtnis bleiben wird…

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