Der Rabengott: ein philosophisches Puzzlespiel über Götter, Menschen und die Fragen des Lebens

Hatten die Götter schon eine Sprache bevor es Menschen gab, mit denen sie reden konnten? Waren sie vom Anbeginn der Zeit an vollendet oder haben sie sich entwickelt? Es sind vor allem solche Fragen, die mich an Ann Leckies philosophischen Fantasy-Roman „Der Rabengott“ faszinieren. Auch dieses Mal überrascht sie mit einer unüblichen Erzählperspektive. In ihrem Roman Maschinen gab es Passagen, die aus der Sicht eines Raumschiffes erzählt wurden. Dieses Mal spricht ein Gott. Doch das müssen sich die Leser*innen selbst zusammenpuzzeln. Mit wem er spricht, ist gleich das nächste Rätsel, das es zu lösen gibt. Dieser Gott existiert von Anbeginn der Zeit an. Er hat gesehen, wie die Erde sich formte, Leben entstand und die Menschen Sprache und Kultur entdeckten. Berührend fand ich, wie sehr dieser Gott den Dialog sucht und wie selten er auf Menschen trifft, die mit ihm reden wollen. Über das, was er selbst ist, und welche Regeln für seine Existenz gelten,…

weiterlesen

Schönheit, Stolz und Widerstand: Die Kultur der Roma

Natürlich schreibt Madeline Potter in ihrem Buch „Die Roma. Eine Geschichte von Identität und Widerstand“ auch gegen die Klischees an. Gegen Sätze wie „Hol die Wäsche rein, die Z* sind da“, was ich noch von der Nachbarin hörte, wenn die Wohnwagen wieder auf dem nahe gelegenen Festplatz standen. Später bekamen sie keine Genehmigung mehr und lagerten dann weit draußen in den Industriegebieten. Wenn ich dort die spielenden Kinder sah, dachte ich mir, das ist doch kein Leben. Auch davon erzählt Madeline Potter. Ausgrenzung, Rassismus und Verfolgung spielen eine große Rolle. Doch vor allem zeigt sie, wie das Leben der Roma wirklich ist – wie es aussieht, sich anfühlt und klingt. Dadurch hat ihr Buch einen ganz eigenen Klang. Etwas Wehmut schwingt mit und vielleicht auch eine leise Melodie, die wie ein Gruß an alle Roma wirkt. Ich habe diese Geschichte auf der Reise für all meine Kalderasch-Geschwister zusammengewebt, und für die Ursari und die Băeiși,…

weiterlesen

Eine Geschichte von Drachinnen und weiblicher Wut

Frauen erleben einige Wandlungen in ihrem Leben. Erste Menstruation und Pubertät, Schwangerschaft und Mutterschaft, Wechseljahre und Menopause. Nicht immer fühlen sie sich gut darauf vorbereitet. Mal fehlt es an Infos, mal an Vorbildern oder an psychologischer Sicherheit. Die Frauen in „When women were dragons“ kennen noch eine mögliche Verwandlung mehr. Manche von ihnen verwandeln sich in Drachen. Warum? Was passiert danach? Darüber wird genauso geschwiegen wie über Monatsblutungen, weibliche Sexualität und das Talent von Wissenschaftlerinnen. Denn wir befinden uns in den fiktiven USA der 50er Jahre. An einem Tag verwandeln sich schlagartig tausende Frauen in Drachinnen. Ihnen wachsen Schuppen, Krallen, Flügel. Sie werden zu groß für ihr gewohntes Leben und fliegen davon. Etliche von ihnen brennen noch ihre Häuser nieder und manch Ehemann gleich mit. Doch darüber spricht man nicht. Wer es doch versucht, erlebt Repressionen. Die McCarthy Ära lässt grüßen. Die Versuche, das Gesellschaftssystem mit Lügen und Ausblenden von Fakten zu stabilisieren, reichen bis…

weiterlesen

Was wir alles über Afrika nicht wissen: „Motherland“ – eine Reise durch 500.000 Jahre afrikanische Geschichte

Dass mich auf 336 Seiten kein kompletter Abriss der Geschichte Afrikas erwarten kann, war mir klar. Dafür ist der Kontinent zu groß, zu vielfältig und zu reich an Geschichte und Kultur. Doch ungefähr auf Seite 52 von „Motherland. Von Mansa Musa bis Black Panther: Eine persönliche Reise durch 500.000 Jahre afrikanische Geschichten“ dachte ich mir: Ich habe keine Ahnung, worauf der Autor Luke Pepera hinaus will. Aber ich folge ihm gerne! In 10 Kapiteln erzählt er von sehr unterschiedlichen Facetten Afrikas. Von Königinnen, Kriegerinnen und generell der Stellung der Frau, die Partnerin auf Augenhöhe ist. Von Totenkult, Ahnenverehrung und einem Gemeinschaftsgefühl, das das gestern mit dem Heute verbindet. Von fahrenden Sängern und Oral History, was zum Battle Rap führt, der afrikanischen Ursprungs ist. Was wie ein Mäandern wirkt, folgt einem Plan: eine andere Perspektive, ein neues Framing für die Geschichte und Kultur Afrikas. Weg von der Fokussierung auf Armut, Rassismus und Sklaverei; weg von Afrika…

weiterlesen

Die 80er, die 90er und ich: Popkultur als Zeitreise mit Jens Balzer als Reiseleiter

Was ist mir von den 80er Jahren im Gedächtnis geblieben? Kajal und Haarspray, The Cure und Siouxsie and the Banshees. Ostermärsche und die Angst vor dem atomaren Wettrüsten. BWL Studenten überall und eine beginnende soziale Kälte in Deutschland. Viele Details und eine Erinnerung an eine Grundstimmung. Obwohl mich das Jahrzehnt geprägt hat, ist es für mich schwer zu greifen. Jens Balzer hilft. Natürlich schenkte mir sein Buch „High Energy. Die Achtziger -das pulsierende Jahrzehnt“ jede Menge sentimentale weißt-du-noch Momente. Doch er nimmt die Adlerperspektive ein und macht aus all den politischen und popkulturellen Details, an die ich mich noch gut erinnern kann, ein großes Ganzes. Vor allem arbeite er Querverbindungen heraus. So zeigt er, wie eins zum anderen führte und damit zu der Welt, in der wir heute leben. Wie sehr Jahrzehnte uns formen, ohne dass wir es immer merken. Kaum ausgelesen, griff ich gleich zum Folgeband. „No Limit. Die Neunziger – das Jahrzehnt der…

weiterlesen

Unser Gehirn als Wohngemeinschaft: Die Beneficial Thinking Methode

„Glaube nicht alles, was du denkst.“ Dieser Satz hat mir schon in vielen belastenden Situationen weitergeholfen. Aber warum ist das so? Wie kann das sein, dass unser Gehirn auf eine eigentlich banale Begebenheit mit Gefahrenabwehr reagiert – Anspannung, erhöhter Puls, Stress? Wieso greife ich zu Chips, obwohl ich genau weiß, dass ein kurzer Spaziergang besser wäre? Weshalb treffe ich unkluge Entscheidungen und komme aus eingefahrenen Verhaltensmustern nicht heraus? Dr. Karella Easwaran kann das erklären. Vor allem kann sie das sehr niederschwellig erklären. Lediglich der Titel „Beneficial Thinking-Methode“ ist kompliziert. Doch die Arbeitsweise unseres Gehirns beschreibt sie so bildreich, dass die ganze Familie vom Schulkind bis zu den Großeltern damit arbeiten kann. Unser Gehirn, ein Haus voller Charakterköpfe Stellen wir uns einfach vor, unser Gehirn sei ein dreigeschossiges Haus. Im Keller wohnen das Krokodil (Stress, Verteidigung, Flucht) und die Taube (Ruhe, Entspannung). Sie bekommen die Informationen von Amy (Gefahrenabwehr, Auswertung von Sinneseindrücken) aus dem Erdgeschoss, die…

weiterlesen

Die Hexe und der Nerd: „Alle Vögel unter dem Himmel“ von Charlie Jane Anders

Vielleicht sollte ich ein Leseprojekt starten und Near-Future-Romane lesen, die mindestens 10 Jahre alt sind. Bei „Alle Vögel unter dem Himmel“ war ich verblüfft, was sich alles vor gut 10 Jahren schon abgezeichnet hat. Es gibt einen Tech-Investor, der an Peter Thiel erinnert.* Er investiert in Firmen, die Techniken entwickeln, ausreichend Menschen auf einen anderen Planeten zu bringen. Nur so könne man das Beste, was die Erde hervorgebracht hat, retten. Manche der Nerds teilen die Vision, andere finden es einfach nur toll, coole Maschinen zu bauen und auch noch Geld dafür zu bekommen. Vielleicht sollte ich aber auch mehr Bücher mit Hexen lesen. Die Vorstellung, dass es noch etwas anderes gibt als Tech-Begeisterung, tut mir gut. Die Idee, dass man sich nur mit den Tieren unterhalten muss, um zu universeller Weisheit zu gelangen, wird in dem Buch „Alle Vögel unter dem Himmel“ jedoch grandios auseinandergenommen. Bei diesem Roman darf man kein einfaches Gut-Böse-Schema erwarten! Vielleicht…

weiterlesen

Perfekt, glatt, wirkungslos: Was KI mit unserer Sprache macht.

Was macht KI mit unserer Sprache? Die Frage ist gut und notwendig. Warum haben so viele Texte auf einmal den gleichen Aufbau, die gleichen Stil-Figuren und die gleichen Emojis? Weil KI imitiert und so formuliert, wie es rein mathematisch am wahrscheinlichsten ist. So entstehen normschöne Sätze, die im Rahmen des Üblichen durchaus brillieren. Originell sind sie nicht, aber sie funktionieren. Doch warum übernehmen Menschen diese Sätze eins zu eins für ihre ganz persönlichen Beiträge in Social Media? Pressesprecher für ihre Unternehmenskommunikation? Marketing-Manager für ihre Produkttexte? Blogger*innen für ihre Rezensionen? Und was passiert mit unserer Kommunikation, wenn wir sie der KI überlassen?Das sind für mich die wichtigeren Fragen. Definitiv kein Prompt-Ratgeber Daniel Caroppo beschäftigt sich mit genau solchen Fragen. Welche Gedankengänge sie bei ihm auslösen, können wir in seinem Buch „Perfekt. Glatt. Wirkungslos. Was KI mit unserer Sprache macht und wie wir wieder wirksam kommunizieren“ beobachten. Aufbau und Schreibstil widersetzen sich der Logik von KI-Texten. Er…

weiterlesen

Demokratie beginnt vor Ort: Gute Politik – was wir dafür brauchen.

Ich habe lange gezögert, ob ich das Buch „Gute Politik. Was wir dafür brauchen.“ von Peter Kurz wirklich lesen möchte. Meine Befürchtung war, dass es zu theoretisch sein könnte und eher für Verwaltungsfachleute geschrieben wurde. Doch der Ex-Oberbürgermeister meiner Heimatstadt Mannheim richtet sich einfach an alle engagierten Bürger*innen. An Menschen, für die ihre Stadt mehr ist als der Ort, an dem sie arbeiten, einkaufen und schlafen. Vor allem schreibt er für Menschen, die eine Ahnung haben, dass die Orte, an denen wir uns im Alltag begegnen, die Keimzellen der Demokratie sind. Hier handeln wir aus, wie wir miteinander leben wollen. Um das zu ermöglichen, braucht es handlungsfähige, zukunftsorientierte Städte und Kommunen. Viele der Gesetze kommen zwar vom Bund. Doch umgesetzt werden sie vor Ort. Dort erleben die Menschen, ob die Politik funktioniert. Das gilt für alle großen Themen wie Klimawandel, Bildung, Migration, Wohnen, Mobilität, Gesundheit oder die Bewahrung der Demokratie. Aber hat die Kommunalpolitik wirklich…

weiterlesen

Du musst gar nichts: den Selbstoptimierungswahn elegant umschiffen

Ich muss, ich muss, ich muss gar nichts. Den Song von Antje Schomaker hatte ich bei der Lektüre von Martin Brunners „Du musst gar nichts. Für alle, die nicht mehr mitmachen wollen“ sofort im Ohr. In 54 kurzen Kapiteln hinterfragt der Autor alles, was man angeblich so tun muss: Interessant und schön sein, an Challenges teilnehmen, zu allem eine Meinung haben, für seine Arbeit brennen, Ziele haben, die Welt retten und ewig leben. Im Kapitel „Ich muss nicht meine Komfortzone verlassen“ liest sich das so: Und das nervtötendste Mantra dieser Optimierungskultur lautet: Verlasse deine Komfortzone. Als wäre unser ganzes Leben ein schlecht gelauntes Bootcamp, in dem man ständig beweisen muss, wie viel Unannehmlichkeit man aushält, um ein wertvoller Mensch zu sein. Martin Brunner – Du musst gar nichts. Seite 19 Denn die Ironie ist ja, dass uns das Leben sowieso ständig aus unserer Komfortzone hinausbefördert. Niemand von uns kann durchgehend im Bällebad sitzen. Nicken, lachen,…

weiterlesen

Stadtwildpflanzen. 52 Ausflüge in die urbane Pflanzenwelt

Knöterich, Berufkraut, Platane. Was haben diese drei Pflanzen gemeinsam? Sie sind alle drei recht zuverlässig in europäischen Städten anzutreffen. Sie sind Stadtwildpflanzen und Autor Jonas Frei bringt sie uns in 52 Ausflügen nahe. Damit schickt er uns vor unsere Haustür und lädt uns ein, dort genau hinzuschauen. Nur das Buch können wir nicht mitnehmen, denn der wunderschön gestaltete, gut 300 Seiten starke Bildband hat zwar mit 14.8 cm x 21 cm ein kompaktes Format, wiegt jedoch fast ein Kilo. Aber wer die Hände frei hat, kann besser schauen! Urbane Pflanzenwelt: Wildpflanzen, die unsere Städte erobern Und es gibt viel zu entdecken. Die Stadt als Naturraum – das klingt zunächst paradox. Doch Jonas Frei, Landschaftsarchitekt und Stadtökologe aus Zürich, zeigt, dass gerade urbane Räume zu überraschend vielfältigen Lebensräumen geworden sind. Während Wildpflanzen im intensiv bewirtschafteten Umland verdrängt werden, finden sie in Asphaltfugen, auf Baubrachen und entlang von Bahntrassen neue Nischen. Das wärmere Stadtklima wirkt wie ein…

weiterlesen

Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik

Was passiert, wenn Fender auf Gender trifft? Eine geniale Frage. Kersty und Sandra Grether sind die richtigen, um sie zu beantworten. Weniger, weil sie als die berühmtesten Pop-Feministinnen Deutschlands gelten (sagt Birgit Fuß, Rolling Stone Germany). Sondern weil sie leidenschaftliche Musik-Fans, Musik-Journalistinnen, Musikerinnen, Label-Betreiberinnen und noch viel mehr sind. Sie leben Musik und Popkultur und Feminismus. Doch anders als so viele männliche Musik-Nerds steht bei ihnen die Vermittlung von Wissen und die Ermutigung, selbst mitzumischen, im Vordergrund. Wer jetzt an die Riot Grrrls denkt, liegt richtig. Dementsprechend ist ihr Buch „Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik“ ausgefallen. Es ist nerdig, empowernd, überraschend. Es ist lexikalisch und essayistisch, analytisch und subjektiv. Doch eines ist es immer: fair. Das haben die Autorinnen so vielen männlichen Kollegen voraus: Sie sind genauso meinungsstark, haben aber eine andere Art, über Musik zu schreiben – wertschätzend, analytisch, fest im eigenen Erleben verwurzelt und dabei immer mit diesem Funken Begeisterung, der ansteckt.…

weiterlesen