Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik

Was passiert, wenn Fender auf Gender trifft? Eine geniale Frage. Kersty und Sandra Grether sind die richtigen, um sie zu beantworten. Weniger, weil sie als die berühmtesten Pop-Feministinnen Deutschlands gelten (sagt Birgit Fuß, Rolling Stone Germany). Sondern weil sie leidenschaftliche Musik-Fans, Musik-Journalistinnen, Musikerinnen, Label-Betreiberinnen und noch viel mehr sind. Sie leben Musik und Popkultur und Feminismus. Doch anders als so viele männliche Musik-Nerds steht bei ihnen die Vermittlung von Wissen und die Ermutigung, selbst mitzumischen, im Vordergrund. Wer jetzt an die Riot Grrrls denkt, liegt richtig. Dementsprechend ist ihr Buch „Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik“ ausgefallen. Es ist nerdig, empowernd, überraschend. Es ist lexikalisch und essayistisch, analytisch und subjektiv. Doch eines ist es immer: fair. Das haben die Autorinnen so vielen männlichen Kollegen voraus: Sie sind genauso meinungsstark, haben aber eine andere Art, über Musik zu schreiben – wertschätzend, analytisch, fest im eigenen Erleben verwurzelt und dabei immer mit diesem Funken Begeisterung, der ansteckt.…

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Nerd Girl Magic. Noch genauer: Nrrd Grrrls

Die ersten Nerds, die mir begegnet sind, waren die Perry Rhodan Fans in meiner Klasse. Alles Jungs. Später folgten die Musik-Nerds. Mädchen wie ich versuchten, mitzuhalten. Das führte zu meiner ersten Begegnung mit den Gatekeepern. Jungs, die bestimmen wollten, was niedliche Schwärmerei und was echtes Fandom ist. Mädchen = Schwärmen = muss Mann nicht ernst nehmen. Wirklich darüber nachgedacht habe ich nicht, sondern lieber weiter Musik entdeckt. Bewusst wurde mir der Mechanismus Jahre später beim anerkennenden Nicken eines WOM-Mitarbeiters, der durch seinen Job und seine Arbeit als Musikjournalist der personifizierte Gatekeeper war: „Hätte nicht gedacht, dass du so etwas (Geniales) hörst.“ Meine Reaktion lag wahrscheinlich irgendwo zwischen Schulterzucken, hochgezogener Augenbraue und Lachen. Lachen hilft ja immer. Was ich daran lustig fand, hätte er eh nicht verstanden: Es ging um die Band Monster Magnet, die ich musikalisch gut und erfrischend, aber ihre überzogene Männlichkeit einfach nur amüsant fand. Und ihn durch seine Reaktion auch. Eine Perspektive,…

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Von Spinnen und Menschen. Eine verwobene Beziehung

Ich mag Spinnen. Als Kind konnte ich tote Spinnen anfassen und lebende Spinnen über meine Hand laufen lassen. Ein wenig ging mir das verloren. Heute zögere ich und bedauere das gleichzeitig sehr.Der Autor Jan Mohnhaupt schreibt über beide Seiten, über die Lebensweise der Arachniden und über unseren Blick auf diese Tiere. Biologie und Kulturgeschichte gehören für ihn zusammen. Verbunden wird beides durch die Faszination, die Spinnen ausüben. Denn wirklich neutral verhält sich kaum ein Mensch bei diesem Thema. Die Spinne, die fast bei uns wohnte Die erste Spinne, die ich bewusst über einen längeren Zeitraum beobachtet habe, hatte ein Netz vor unserem Küchenfenster. Meine Mutter entschied, dass sie bleiben darf. Wir nannten sie Thekla, nach der Spinne aus der Zeichentrickserie Biene Maja, und freuten uns über jede Stechmücke, die sich im Spinnenetz verfing. In meiner Erinnerung wohnte Thekla lange bei uns. Aber wahrscheinlich gab es viele Theklas und dadurch deutlich weniger Schnaken in der Wohnung.…

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Reisen in Gedanken: Literarisches Lothringen

In den letzten Wochen bin ich in Gedanken durch Lothringen gereist. Ich habe von Städten, wie Plombières les Bains erfahren, in denen ich noch nie war. An Metz, Nancy und Lunéville habe ich neue Seiten entdeckt. Und für Orte, zu denen ich bisher keinen Zugang fand wie Géradmer und Saint Dié des Vosges, habe ich Erklärungen gefunden, warum das so ist. Meist, aber nicht immer, lautet sie: Krieg und Entvölkerung, Zerstörung und Wiederaufbau.Denn über Lothringen zu schreiben bedeutet auch, über deutsch-französische Verhältnisse zu schreiben. Über Vorurteile und Nichtwissen, über Feindschaft und Versöhnung. Doch vor allem schreibt Stefan Woltersdorff über das menschliche Bedürfnis, eine Heimat zu haben, und über die Faszination des Reisens. Dafür lässt er einheimische Schriftsteller*innen beider Sprachen ebenso zu Wort kommen wie Touristen und historische Persönlichkeiten. Er zitiert aus Büchern, Tagebüchern und Zeitschriften. So wurden zahlreiche bekannte und weniger bekannte Autoren und Autorinnen aus unterschiedlichen Epochen, Ländern, gesellschaftlichen und politischen Lagern zu meinen…

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Pop und Politik: Was erzählt deutsche Popmusik über unser Land und unsere Geschichte?

Über 400 Seiten, ein üppiges Literaturverzeichnis, an das sich die Playlist anschließt, 11 kleingedruckte Seiten mit Songs: „Keine Macht für Niemand. Pop und Politik in Deutschland“ ist nicht gerade snackable, sondern eine ernste Angelegenheit. Es ist keine Liste von „100 politische Songs aus Deutschland, die du kennen musst“ und auch nicht „Die 20 wichtigsten Bands, die was zu sagen haben“. Marcus S. Kleiner wählt für sein Buch einen anderen Ansatz. Im ersten Schritt analysiert er die deutsche Geschichte seit 1945, immer 10 Jahre in einem Kapitel. Was war wichtig, was hat das Land geprägt? Wie hat es sich in den einzelnen Jahrzehnten angefühlt, in Deutschland zu leben? Im zweiten Schritt prüft er, ob diese Ereignisse, diese Diskussionen und diese Stimmung in der deutschen Musik aufgegriffen wurde. Dafür analysiert er vor allem die Songtexte. Aufgelockert wird das durch Interviews, vielen Anekdoten aus seiner eigenen Biografie und vielleicht ein paar zu vielen Fotos, die den Autor mit…

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Der kleinste Schuber der progressiven Phantastik: die Schattenspiele-Trilogie

Die Bücher der Schattenspiele-Trilogie – Mutterentität, im Schatten des Leviathans und Tee-Spione – sind gerade mal so groß wie meine Hand. Ein so unübliches Buchformat passt perfekt zur progressiven Phantastik, zum Verlag Ohne Ohren und zu den Autor*innen Christian und Judith Vogt, die Weltenbau und Protagonist*innen so konsequent neu denken. Die Novellen – ich nenne es „Trilogiechen“ – weisen alle miteinander eine enorme Ideenverdichtung, ein hohes Erzähltempo und eine solche Menge an Plot-Twists auf, das jede Info zur Handlung ein Spoiler wäre, der den unvoreingenommenen Lesespaß schmälern würde. Deswegen lasse ich das bleiben und zitiere dafür meine Lieblingsrezensentin Eva, die im Blog-Magazin der Booknerds schreibt: Erstaunlich ist dabei, wie viel an Atmosphäre, detailverliebter Beschreibung und Spannung Lesende in der hohen Ereignisdichte spendiert bekommen. Keiner der Charaktere bleibt blass, Schauplätze nehmen Gestalt und Farbe an. … Dazu geht die Novelle auf Themen wie Kolonialherrschaft, Ableismus, Queerness und individuelle Entscheidungsfreiheit ein und macht die Story dadurch reicher…

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Wohnverwandschaften – eine Herzensempfehlung

Es gibt Bücher, die sind so gut, dass ich froh bin, dass ich nicht mehr in einer Buchhandlung arbeite. Denn dann würde ich „Wohnverwandschaften“ von Isabel Bogdan unbedingt empfehlen wollen – und wüsste nicht wie. Soll ich auf die Handlung neugierig machen? „Es geht um eine WG, aber nicht um junge Leute. Einer von ihnen erkrankt an Demenz und die anderen suchen einen Umgang damit“. Oder „ein tragikomischer Roman über das Leben mit Demenz“? Danke nein, so betrachtet gibt es viele gute Gründe, das Buch nicht lesen zu wollen. Das muss besser gehen.„Kennen sie den Satz ‚Freunde sind selbstgewählte Familie‘? Diese berührende Geschichte denkt diese Lebensphilosophie weiter.“ Schon besser. Aber weiß ich, wie mein Gegenüber zum Thema Familie steht? Vielleicht ist sie ihm das Wichtigste auf der Welt und ich habe meine Kund*in verloren, bevor ich überhaupt so richtig mit dem Schwärmen begonnen habe. Das wäre schade, denn sie würde so viele schöne Lesemomente verpassen!…

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Ein Kommunist, ein Feinschmecker und die Magie guten Essens: Der Gourmet von Lu Wenfu

Was aussieht wie ein kleiner Lese-Snack für zwischendurch ist tatsächlich eine literarische Köstlichkeit, die Herz und Geist lange nährt. Auf gut 170 Seiten erzählt Lu Wenfu die Geschichte von Gao Xiaoting, der aus ärmlichen Verhältnissen kommt, und seinem Lieblingsfeind, dem Kapitalisten und Gourmet Zhu Ziye. Für Gao ist Essen zunächst nichts weiter als ein Grundbedürfnis. Als er, mittlerweile überzeugter Kommunist, zum Leiter eines Luxusrestaurants gemacht wird, verwandelt er es zum Entsetzen des Feinschmeckers in ein Lokal für die Arbeiterklasse mit dem Charme einer Großkantine. Doch das Leben hat mit den beiden ganz eigene Pläne. Die Politik wandelt sich, die Einstellung zum Luxus auch. Nur die Liebe der Menschen zum Essen bleibt. Als Gao beginnt zu verstehen, warum gutes Essen mehr als nur Nahrungsaufnahme ist, gibt es kaum noch jemanden, der die alten südchinesischen Rezepte noch kennt – aber viele, die sich danach sehnen. Und der Gourmet? Hat all die Jahre immer wieder Wege gefunden, seiner…

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Zwischen Gebet und Gartenerde: Die Geschichte der Nonnen aus Fulda, die den Biogartenbau prägten

Bete und arbeite. Das ist die Ordensregel der Benediktinerinnen. Von gärtnern ist da nicht die Rede. Doch wer so wie die Nonnen von Fulda gärtnert, verbindet beides. Die Liebe zu Gottes Schöpfung, ein unbändiger Forschungsdrang, harte Arbeit und die Wertschätzung der Ernte zeichnen ihr Gärtnern aus. Letzteres ist kein Wunder. Nach dem Krieg war das Kloster in Fulda überbelegt und Lebensmittel knapp. Selbstversorgung war kein philosophisches Ideal, sondern schiere Notwendigkeit. Mit Gottvertrauen und Erfinderinnengeist begannen die Nonnen, ihre Gärten und Äcker zu bewirtschaften. Lernen und lachen, beten und arbeiten. Weder Landwirtschaft noch Unternehmertum waren ihnen in die Wiege gelegt worden. Doch das schreckt sie nicht ab. Sie sammeln Erfahrungen und Schritt für Schritt wird aus einer kleinen Idee ein erfolgreiches Wirtschaftsunternehmen. So entstand ein Leuchtturm des ökologischen Gartenbaus, auch wenn man den Begriff damals noch nicht kannte und von naturnahem Gärtnern sprach. Die Nonnen entwickeln die Mischkultur weiter, erfinden Humofix, ein Schnell-Kompostierpulver, geben die „Winke…

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Wegweiser durch eine Welt im Wandel: Alles überall auf einmal – unser neues Leben mit KI

Als ich »Alles überall auf einmal. Wie Künstliche Intelligenz unsere Welt verändert und was wir dabei gewinnen können« im Frühjahr las, war das Sachbuch schon über ein Jahr alt. Da stellt sich sofort die Frage: Lohnt sich das bei einem so aktuellen Thema wie KI? Wurde das Buch nicht längst von neuen Entwicklungen überholt?Nein, wurde es nicht. Die Lektüre lohnt sich, denn wer KI nicht nur nutzen, sondern auch verstehen will, braucht ein solides Wissensfundament. Genau diese Grundlagen liefern Miriam Meckel und Léa Steinacker – ganz unaufgeregt und sehr fundiert. Allein das war schon eine Wohltat in dem aktuellen Hype voller Get-rich-fast und wir-bauen-uns-eine-neue-Welt und Panik-vor-Tech-Milliardären Vibes. Grundlagen statt Hype: KI als Werkzeug – und wir als diejenigen, die entscheiden Miriam Meckel und Léa Steinacker sind fasziniert von KI und treten genau deswegen erst einmal einen Schritt zurück. Denn von dort aus hat man einen besseren Blick! Den lassen sie schweifen und schauen sich wirklich…

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Die verborgene Tierwelt unserer Städte

Der Anfang täuscht. Was mit einer toten Kakerlaken beginnt, wird schnell sehr lebendig. Ein Jahr lang muss es der Biologe Marco Granata aus beruflichen Gründen in der Großstadt aushalten. Häusermeere, Beton, viele Menschen, wenig Grün – für ihn, der sonst in der Nähe der Berge lebt, eine lebensfeindliche Umgebung. Doch es kommt anders. Ein bisschen zumindest.Ausgehend von der toten Kakerlake beginnt er, Insekten in der Wohnung zu erforschen. Von dort geht es auf den Balkon zu den Schmetterlingen und weiter zu den Vögeln. Seine Kreise werden größer. Säugetiere wie Eichhörnchen und Füchse folgen. Bis er schließlich am Stadtrand ankommt, wo die Stadt in die Natur übergeht. Ich fand das Buch »Die verborgene Tierwelt unserer Städte« immer dann besonders stark, wenn der Autor seine Sicht auf die urbane Wildnis reflektiert. Zunächst verschleiert ihm die Sehnsucht nach den heimatlichen Bergen den Blick. Doch er entschließt sich, die Natur der Städte so zu betrachten, wie er auch Berge…

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Alles ist seltsam in der Welt – eine Annäherung an die Schriftstellerin Gertrud Kolmar

Eine Biografie zu lesen, bei der ich genau weiß, dass das Leben tragisch endete, kostet mich immer etwas Überwindung. Gertrud Kolmar starb viel zu früh und hatte viel zu wenig Gelegenheit, zu schreiben. Sie wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Als ich als junge Frau ihre Lyrik für mich entdeckte, wusste ich das zunächst nicht. Ich nahm sie zuerst als sehr freie, sinnliche und manchmal auch wilde Stimme wahr. Ein Gedicht, das ich so häufig las, dass der Gedichtband sich heute von alleine an dieser Stelle aufschlägt, beginnt so: Ich will die Nacht um mich ziehn als ein warmes Tuch führt uns Zeilen später weiter zu Mann, ich träumte dein Blut, ich beiße dich wund,Kralle mich in dein Haar und sauge an deinem Mund. und endet nach vielen weiteren beeindruckenden Bildern mit Und bin eine kleine Speise in einem Becher von Nacht. Gertrud Kolmar, Verwandlungen Was war das nur für eine Frau, die so sprachmächtig und…

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