
Ich muss, ich muss, ich muss gar nichts. Den Song von Antje Schomaker hatte ich bei der Lektüre von Martin Brunners „Du musst gar nichts. Für alle, die nicht mehr mitmachen wollen“ sofort im Ohr.
In 54 kurzen Kapiteln hinterfragt der Autor alles, was man angeblich so tun muss: Interessant und schön sein, an Challenges teilnehmen, zu allem eine Meinung haben, für seine Arbeit brennen, Ziele haben, die Welt retten und ewig leben. Im Kapitel „Ich muss nicht meine Komfortzone verlassen“ liest sich das so:
Und das nervtötendste Mantra dieser Optimierungskultur lautet: Verlasse deine Komfortzone. Als wäre unser ganzes Leben ein schlecht gelauntes Bootcamp, in dem man ständig beweisen muss, wie viel Unannehmlichkeit man aushält, um ein wertvoller Mensch zu sein.
Martin Brunner – Du musst gar nichts. Seite 19
Denn die Ironie ist ja, dass uns das Leben sowieso ständig aus unserer Komfortzone hinausbefördert. Niemand von uns kann durchgehend im Bällebad sitzen.
Nicken, lachen, Widerspruch? Meine Gedanken beim Lesen
Der Anti-Ratgeber lässt sich am besten als Gedankenexperiment zum Selbstoptimierungswahn beschreiben. Zumindest wurde er das bei mir. Ich fand es sehr spannend, mich selbst beim Lesen zu beobachten. Es gab Stellen, da habe ich wissend genickt. Hier zum Beispiel beim Thema „Glücklich sein“:
Manchmal ist das Ehrlichste, was man sagen kann: „Mir geht es nicht gut“, ohne es sofort in eine Wachstumschance umzudeuten.
Gelegentlich habe ich schallend gelacht. So wie hier – wer meine Social Media Affinität kennt, versteht das sofort:
Der Mensch wird zum Pressesprecher seiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung.
Martin Brunner – Du musst gar nichts. Seite 33
Dann gab es Texte, da konnte ich nur mit den Schultern zucken. Es war für mich ein PAL, ein Problem anderer Leute. Doch zwischendurch gab es immer wieder Passagen, an denen ich mich gerieben habe. Oder solche, denen ich laut widersprechen wollte. Ich muss nicht nett sein? Wirklich? Nettigkeit, Höflichkeit ist für mich zwingend notwendiger zwischenmenschlicher Kitt.
Wenn ich gar nichts muss – was will ich dann?
Damit komme ich zum Kern des Anti-Ratgebers: Das Mantra „Ich muss gar nichts“ sorgt für den Freiraum zu wählen, was ich wirklich will. Und das will wohl überlegt sein! Was mich wiederum zu einem Lebensmotto führt, das ich sehr schätze. Bevor ich entscheide, ob das Glas halb leer oder halb voll ist, sollte ich erst darüber nachdenken, ob es überhaupt mein Glas ist.
Freiheit ist kein Zustand. Sie ist eine Entscheidung, immer wieder, gegen den Lärm. Auch gegen den eigenen.
Martin Brunner – Du musst gar nichts. Aus dem Schlusswort, Seite 121
Bibliographische Angaben:
Martin Brunner
Du musst gar nichts
Für alle, die nicht mehr mitmachen wollen
Edition Stadtfuchs im Verlag Parkstraße
Absage an den Selbstoptimierungswahn: Buch-Rezension bei Pressenza
Mein Soundtrack zum Buch:
Auch dieser Ratgeber ist ein Plädoyer gegen den Selbstoptimierungswahn – und noch so viel mehr: Radikale Selbstfürsorge





