Gary Dexter – Der Marodeur von Oxford – Rezension

Gary Dexter Marodeur von Oxford„Es gibt nichts Trügerischeres als eine offensichtliche Tatsache.“ 

Sir Arthur Conan Doyle 

Psychopathia Sexualis und andere menschliche Rätsel

Gleich in der ersten Geschichte ist mir ein Satz begegnet, der mich für den Rest des Buches nicht mehr los ließ: „Und ich dachte, ich sei fast der Einzige …“

Doch erst einmal der Reihe nach: Dr. Henry St. Liver löst Kriminalfälle im viktorianischen England, die meist ohne wirkliches Verbechen auskommen und die alle einen erotisch-fetischistischen Hintergrund haben. Er kommt den Tätern durch logisches Denken auf die Spur. Sein enormes Wissen über die noch recht neue wissenschaftliche Fachrichtung der Sexualpsychologie hilft ihm dabei weiter. Ihm zur Seite steht kein Dr. Watson, sondern Olive Salter, eine leicht hypochondrische Schriftstellerin, die in Australien aufwuchs. Ihre Karriere als Autorin kommt erst in Gang, als der wortkarge Oscar Wilde eine Rezension veröffentlicht.

Für eine recht sachliche Zusammenfassung des Inhalts waren das schon ziemlich viele Querverweise, oder? Und das ist harmlos im Vergleich zu dem, was in „Der Marodeur von Oxford“ alles angedeutet, angespielt, quer gedacht, verknüpft, verbraten und verdreht wird. Unglaublich!

Ich bin mir sicher, dass ich nur einen Bruchteil der Querverweise und Anspielungen entdeckt habe. Doch auch so hatte ich schon ein Dauergrinsen im Gesicht. Allein der Einsatz von vom Aussterben bedrohter Fremdwörter sorgt bereits für Heiterkeitsanfälle. Psychopathia Sexualis ist noch einer der einfacheren Begriffe, der verwendet wird, nur um nicht im Klartext sagen zu müssen, das es um Sex und seine selteneren Spielarten geht.

Wenn Dr. Henry St. Liver dann wieder einen Fall gelöst hat, weil er sich spontan an eine Fußnote aus einer 5 Jahre alten Fachzeitschift erinnern konnte, führt er mit den Tätern ein aufklärendes Gespräch, das irgendwo zwischen Vorlesung, Therapie und Beichte angesiedelt ist.

Genau in diesem Auflösungsgespräch fällt der Satz „Und ich dachte, ich sei fast der Einzige …“ Der „Täter“ hat eine exquisite, seltene erotische Vorliebe (die ich hier jetzt nicht nenne, denn ihr sollt das Buch lesen!). Er hat sogar eine Frau gefunden, die seine Neigung akzeptiert und es geht keinerlei Gefahr für die Allgemeinheit von ihm aus. Lediglich der Zwang zur Heimlichkeit bringt ihn in die Bredouille. Obwohl er sich mit allem erfolgreich arrangiert hat, hat die Erkenntnis, dass er nicht der einzige mit dieser besonderen fetischistischen Vorliebe ist, für ihn eine befreiende Wirkung.

Aufklärung mit erlösender Wirkung – würde das heute auch noch so funktionieren? Oder hätte der Täter nicht längst via Google herausgefunden, dass er mit seiner Vorliebe nicht alleine ist? Und würde es ihm dadurch besser gehen? Auf jeden Fall wäre das Buch ohne den Wissensvorsprung, den sich Dr. Henry St. Liver angeeignet hat und auf verschlungenen Wegen abruft, nur halb so witzig.

„Der Marodeur von Oxford“ ist ein verflixt intelligenter Spaß und bekommt von mir eine unbedingte Lese-Empfehlung mit hoher Dringlichkeitsstufe.

Infos zum Buch:
Gary Dexter
Der Marodeur von Oxford
und andere Geheimnisse aus dem Fallbuch von Henry St Liver
Aus dem Englischen von Zoë Beck
Mit einem Nachwort von Thomas Wörtche
Diaphanes Verlag
Reihe Penser Pulp
ISBN 978-3-03734-424-8

Susanne von literaturschock.de hat eine sehr schöne Rezension geschrieben – die findet ihr hier. Mir ist es genauso wie ihr ergangen und JETZT habe ich beschlossen, die Buchbesprechung einfach so zu veröffentlichen, wie sie ist.

Ein Kommentar

  1. Danke, jetzt hat sich mein Anschaffungswunsch verfestigt! Grüße aus dem Möbelladen. Eike

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