Wie wird aus einem Ein-Raum-Museum ein lebendiger Ort? Das Literaturmuseum Augusta Bender in Schefflenz macht es vor

Damit ein Museum ein lebendiger Ort ist, braucht es Ideen. Das gilt für alle Museen der Welt. Aber für eines, das sich in Schefflenz, einem kleinen Dorf mit knapp 4000 Einwohnern im Odenwald, befindet, um so mehr. Wenn das Hauptthema des Museums dann noch Augusta Bender ist, eine Schriftstellerin, von der kaum jemand etwas gehört hat, erst recht.

Das Literaturmuseum Augusta Bender ist so ein lebendiger Ort. Wie konnte das gelingen? Es erzählt das Leben der Augusta Bender packend nach und bietet dabei viele Anknüpfungspunkte. Menschen, die an Heimatgeschichte interessiert sind, Literaturinteressierte, Feministinnen, Odenwald-Touristen, Kinder und Jugendliche, die wissen wollen, wie man früher lebte oder einfach nur Menschen, die ungewöhnliche Biografien lieben – für sie ist das Museum bestens geeignet.

Denn es bietet sehr viele unterschiedliche Einflugschneisen, Möglichkeiten, mit seinem eigenen Leben an damals und an die Lebensgeschichte von Augusta Bender anzuknüpfen. Obwohl das Museum nur einen großen Raum belegt ist es so vieles gleichzeitig:

  • Natürlich zuallererst eine Gedenkstätte für Augusta Bender.
  • Ein Literaturmuseum, das zeigt, wie und unter welchen Bedingungen Literatur überhaupt entsteht.
  • Ein Raum für Kultur mit Veranstaltungen, Lesungen und einem Treffpunkt für einen Lesekreis.
  • Es ist auch ein Volkskundemuseum, das das Dorfleben Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts erfahrbar macht.
  • Ein wenig Sozial- und Arbeitsmuseum ist es ebenfalls – zum Beispiel dann, wenn es um den Frauenberuf der Telegrafistin geht
  • Es ist ein Frauenmuseum, denn es erklärt, warum der Kampf um Frauenrechte nötig war – und ist!

Zugleich steckt auch sehr viel Weltgeschichte im Leben der Augusta Bender, das ohne Kriege anders verlaufen wäre. Und so, wie dort über sie erzählt wird, ist es auch eine Coming of Age Geschichte, an die Jugendliche anknüpfen können.

Augusta Bender war schon zu Schulzeiten Außenseiterin. Ihr Onkel schrieb ihr einen üblen Brief, dass ihre Gedichte „ein Pfuschwerk“ seien und sie sich besser auf das konzentrieren solle, was für ein Frauenleben wichtig sei – „Feldarbeit, Kochen und dergleichen“. Doch Augusta Bender glaubte an sich und ging ihren Weg. Nach Rückschlägen – und davon gab es viele – machte sie weiter. Warum gelang ihr das? Jugendliche, die selbst gerade ihren Weg suchen, können an dieser Frage gut anknüpfen – egal ob ihr Traum eine Profi-Karriere im Sport, eine eigene Firma oder ein Leben als Künstler*in ist.

Viel oder wenig – ihr entscheidet!

Diese Vielschichtigkeit spiegelt sich in der Präsentation der Ausstellung und in der Art, wie das Museum das Leben der Augusta Bender erzählt, wider. Sie bietet individuelle Einflugschneisen an. Wer wenig Zeit im Museum verbringen will, liest einfach die großen Tafeln und weiß danach schon viel über Augusta Bender und ihre Zeit.

Meine Lieblingsanekdote klingt so:

1863 – Mannheim. Augusta Bender beherrscht jetzt Hochdeutsch.

Auslöser für diesen Meilenstein war eine Schauspielausbildung, die sie nach drei Monaten aus familiären Gründen abbrach. Doch ohne Hochdeutsch wäre ihr weiterer Lebensweg anders verlaufen!

Was hinter den Stationen ihres Lebens steckt, erfährt man eine Etage tiefer auf den schrägen Tafeln. Wer das vertiefen möchte, zieht eine der Schubladen auf und findet dort mehr Dokumente. Und die großen Themen – Heimat, Bildung, Reisen, Frauen, Tierschutz, Schreiben, Lieder – können mit noch mehr Material in den Rollcontainern erarbeitet werden. Wer mag, sollte also Zeit mitbringen. Und wer das nicht mag, geht nach einer halben Stunde mit dem Gedanken „Was für ein Leben!“ aus dem Museum – versprochen. Augusta Bender hat sich ihren Weg erkämpft – das Literaturmuseum in Schefflenz erzählt davon auf eine Weise, die man so schnell nicht vergisst. Schaut vorbei!



Infos zum Museumsbesuch:

Literatur-Museum Augusta Bender e.V.
Kirchweg 1
74850 Schefflenz

Georg Fischer im Literaturmuseum Augusta Bender Schefflenz

Das Museum ist barrierefrei

Öffnungszeiten:

Vom 1. März bis 30. November jeden Sonntagnachmittag von 14 bis 17 Uhr. Ansonsten auf Anfrage – nutzt das, es lohnt sich! Vielleicht sieht eure Führung dann so aus wie bei mir: Georg Fischer erklärte mir das Museum und die Arbeit, die darin steckt.


Wer war Augusta Bender?

Schriftstellerin Augusta Bender aus Schefflenz mit Katze

Augusta Bender (geboren 1846 in Oberschefflenz – gestorben 1924 in Mosbach im Odenwald) war eine deutsche Schriftstellerin, Heimatdichterin, Lehrerin und Frauenrechtlerin. Sie schrieb Lyrik, Kalendergeschichten, Erzählungen, Novellen, Kulturbilder und Romane und sammelte historische Texte und Volkslieder.

Ihr bekanntestes Werk ist die Liedersammlung „Oberschefflenzer Volkslieder“, ihr wichtigstes wohl der Tierschutzroman „Die Macht des Mitleids“. Darüber hinaus schrieb sie Novellen und Erzählungen über das Landleben.

Sie war Bauerntochter, verfasste schon als Schülerin Gedichte und erkämpfte sich einen höheren Schulabschluss. Als sie durch den deutsch-französischen Krieg 1870 ihre Privatschülerinnen verlor, zog sie in die USA, um als Frau selbständig ihr Brot zu verdienen. Insgesamt reiste sie neunmal nach Amerika. Sie war Tierschützerin und engagierte sich in der ersten Frauenbewegung. Ihr Leben war für eine Frau ihrer Zeit wirklich außergewöhnlich!

In Schefflenz gibt es seit 2020 ein Museum für sie. Es ist eines der ganz wenigen Literaturmuseen in Baden-Württemberg, das einer Frau gewidmet ist. In Mosbach wurde eine Schule nach ihr benannt.


Feminismus, Literatur und ein Dorf im Odenwald – wer dieses Museumsprojekt genauso spannend findet wie ich: Es gibt einen Museumsförderverein, in dem ihr für einen moderaten Jahresbeitrag Mitglied werden könnt. Damit werdet Teil von etwas, was es ohne Engagement des Vereins nicht gegeben hätte: ein lebendiges Literaturmuseum im Odenwald, das einer fast vergessenen Frau ihren Platz zurückgibt!


Große Museen, kleine Museen – egal, ich mag sie alle. Hier findet ihr meine Museumstipps auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin.


Noch ein Ausflugstipp? Auch im Odenwald, nicht sehr weit weg von Schefflenz und ebenfalls sehr lebendig: Das Dorfmuseum Wagenschwend am Katzenbuckel.

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