Mannheims verlorene Pracht: die Spuren der Belle Époque

Was wäre aus Mannheim geworden, wenn es keine Weltkriege gegeben hätte? Um 1900 war Mannheim eine Stadt im Aufbruch. Hafen und Bahnhof entstanden. Wasserturm, Rosengarten und die Jugendstilanlage wurden gebaut. Die BASF zog zwar nach Ludwigshafen, doch Mannheim glänzte mit Luftschiffen, dem Benz-Werk und Traktoren von Heinrich Lanz.

Die Entwicklung wurde durch den Ersten Weltkrieg ausgebremst. Der Zweite Weltkrieg zerstörte viel von dem, was in der Gründerzeit entstand. Doch wer weiß, wo er hinschauen muss, findet auch heute noch Spuren der Belle Époque.

Das Buch von Andreas Krock hilft bei der Spurensuche. Es ist keine reine Stadtgeschichte, eher ein Kaleidoskop, durch das der Leser verschiedene Facetten jener Epoche erblickt.

Dabei liegt der Schwerpunkt auf denen, die mit ihrem Geld und ihren Investitionen das Bild der Stadt prägten: Familien wie Hirsch, Engelhorn, Bassermann, Schütte, Lanz und Reiß. Ihr Prunk und ihr Wille, die Stadt zu gestalten beeindruckt immer noch, und ihre Häuser, Firmen und Stiftungen haben bleibende Spuren hinterlassen.

So konnte damals der Bau der Christuskirche, dem „evangelischen Dom“, nur finanziert werden, weil die wohlhabenden Familien Mannheims reichlich spendeten – Crowdfunding anno 1900.

Andreas Krock erzählt kenntnisreich von ihrem Drang zur Selbstinszenierung, von der Pracht ihrer Wohnhäuser und davon, wie diese Schicht durch Heirat ihren Einfluss vermehrte – so, wie es der Adel ihnen vorgemacht hatte. Er zeigt, wie sehr Paris und nicht etwa Berlin das Vorbild war, und wie wichtig das große Fest zum 300-jährigen Stadtjubiläum im Jahr 1907 für Mannheim war.

Es gibt also vieles zu entdecken in dem Buch „Mannheims Belle Époque – Tanz und Taumel einer Epoche“- doch es ist nur ein Aspekt der Stadtgeschichte, der hier unter einem ganz speziellen Blickwinkel betrachtet wird. Insgesamt hätte ich mir mehr Bilder aus Mannheim und weniger aus Paris gewünscht. Überhaupt erschloss sich mir manches bei der Bildauswahl nicht. Warum sind die Porträts von Julia Lanz und Elise Grün, die Otto Propheter gemalt hat, im Buch doppelt vertreten?

Insgesamt habe ich mit diesem Buch wieder viel über meine Heimatstadt Mannheim gelernt. Mannheim als Stadt der Tüftler und Erfinder war für mich bisher eher ein Spruch aus dem Stadtmarketing. Doch das der Stotz Sicherungsautomat auch aus Mannheim stammt, war mir neu. Daran werde ich jetzt immer denken, wenn mir in meiner Altbauwohnung aus der Gründerzeit eine Sicherung rausfliegt und ich sie einfach so wieder einschalten kann – das hat mich nämlich schon immer fasziniert!

Angaben zum Buch:

Andreas Krock
Mannheims Belle Époque
Tanz und Taumel einer Epoche


Herausgegeben von Hermann Wiegand, Alfried Wieczorek und Christoph Lind
Mannheimer Geschichtsblätter, Sonderveröffentlichung 13
Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen, 89

Morio Verlag Heidelberg

Mehr über Mannheim und die Kurpfalz auf meinem Blog.

Hier ein paar Impressionen aus Mannheim, die eine Vorstellung von der Pracht der Belle Époque vermitteln:

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