Ein Ritt durch die DDR-Kultur. Mittendrin: wir Leser.

Marko Martin:
Die verdrängte Zeit.
Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur des Ostens. Das Buch auf alter Landkarte mit BRD und DDR

Wie viel Gegenkultur steckte in der Kultur der DDR?

Das ist eine Fragestellung, die sich mein westlich geformtes Gehirn nicht gestellt hätte, wenn nicht dreierlei gewesen wäre: Die Begegnung mit Kinderbüchern wie „Ede und Unku“, die in den Paketen meiner Ost-Verwandtschaft steckten, mit denen sie sich für unsere West-Päckchen bedankten. Die ausführliche Reportage im Deutschlandfunk über Punks in der DDR, anlässlich des Erscheinens des Samplers „Too Much Future – Punkrock GDR 1980-1989“. Und das bemerkenswerte Buch von Marko Martin „Die verdrängte Zeit. Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur des Ostens.“

Staatskunst, Gegenkultur oder einfach nur Lesevergnügen?

Marko Martin versucht erst gar nicht, eine Literatur- und Kulturgeschichte der DDR zu schreiben. Er, der in der DDR aufgewachsen ist und sie im Mai 1989 verlassen konnte, geht stets von seinem eigenen Leseerlebnis aus. Er erinnert sich, wie er selbst ein Buch, ein Film, ein Bild wahrgenommen hat. Von dort aus öffnet er den Blick: Wie sieht er das Buch heute? Warum durfte es damals erscheinen, was war seine Funktion aus Sicht des Politbüros? Was war das Staatstragende an diesem Kunstwerk, was daran möglicherweise Gegenkultur? Wie wurde es von den Lesern in der DDR und wie im Westen aufgenommen? Wie hat sich der Blick auf das Buch, den Film, das Theaterstück nach dem Ende der DDR geändert? Welches Verhältnis hatten die Künstler und Schriftsteller zur Stasi? Was wurde aus ihnen nach der Wende?

Zusammengehalten werden die Betrachtungen einmal von seiner eigenen Lebensgeschichte und von einer Rahmenhandlung: ein feucht-fröhlicher Abend, an dem Wessis und Ossis ihre Erinnerungen und ihr Wissen über Bücher und Filme austauschen. Das ist genauso facettenreich wie entlarvend und war für mich insbesondere beim Blick auf Schriftstellerinnen ein Augenöffner.

DDR und BRD: Keine zwei Frauen lesen das gleiche Buch

Maxi Wander, Christa Wolf, Irmtraud Morgner – für uns frauenbewegte Leserinnen der 80er Jahre waren ihre Bücher Pflichtlektüre. Auch darüber spricht die gut gelaunte Abendgesellschaft in Marko Martins „Die verdrängte Zeit“. Gerade bei den leidenschaftlichen Diskussionen über diese Autorinnen wurde mir klar: Wir im Westen haben diese Bücher offensichtlich anders gelesen als die Frauen in der DDR.

Bei Maxi Wander hatte ich das schon immer geahnt, schon allein, weil meine Mutter „Guten Morgen Du Schöne“ ganz anders interpretiert hat als ich, die zu dem Zeitpunkt noch Schülerin war. Wenn das Alter, in dem man ein Buch liest, einen solchen Unterschied macht, muss die Lebenserfahrung und der Alltag ebenfalls einen Unterschied machen. Bei Maxi Wanders Reportagen war mir das bewusst. Doch das, was zum Beispiel bei Christa Wolf alles zwischen den Zeilen verborgen ist, konnte ich damals nicht entdecken. Ich sah die Literatur, aber nicht die darin enthaltene Gegenkultur. Andere Leserinnen sahen auf Grund ihrer eigenen Geschichte beides.

Es ist eine der ganz großen Stärken von Marko Martin, solche Nuancen mit der ungebrochenen Begeisterung eines engagierten Lesers herauszuarbeiten. Wirklich jede Zeile von ihm ist ein Plädoyer für das Lesen und für den Eigensinn der Leser:innen.

Bestandsaufnahme: DDR-Bücher, Musik und Filme, die gerne bleiben dürfen

Es gäbe noch viel zu erzählen über sein Buch und was es bei mir auslöste. Ich habe Marko Martin gerne bei seinem wilden Ritt durch die DDR-Kultur und durch das, was von ihr blieb, begleitet. Auch dann, wenn ich die Bücher und Filme nicht kannte. Denn Marko Martin macht das, was ich mir grundsätzlich wünsche: Er stellt Leser:innen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Und deren Bedürfnisse ähneln sich immer und überall.

Angaben zum Buch:

Marko Martin
Die verdrängte Zeit
Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur des Ostens

Tropen Verlag

Rezension beim MDR: „Die verdrängte Zeit“ – Marko Martin erzählt gutgelaunt von der Kultur in der DDR

Too much future – Punkrock in der DDR. Gespräch mit Henryk Gericke bei Deutschlandfunk Kultur

Too much future – Der Sampler beim Underdog Fanzine

Kinder- und Jugendbücher aus der DDR, die ich hier und auf meinem Kinderbuch-Blog besprochen habe:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.