Wandernde Himmel – langsam erzählt mit viel Raum zum Nachdenken

Wandernde Himmel. Science Fiction von Hugo Award Gewinnerin Hao Jingfang, Das Buch liegt auf einem Weltraum-Foto

Wer den SF-Roman „Wandernde Himmel“ lesen möchte, sollte einen langen Atem mitbringen, denn die Geschichte entwickelt sich sehr gemächlich. So gemächlich, dass ich beim Lesen dachte: ist das wirklich ein Science Fiction oder nicht doch eine Hof-Intrige aus einem vergangenen Jahrhundert? Denn der Plot würde nicht nur mit einer Weltraumkolonie funktionieren, sondern auch zwischen verfeindeten Adelsgeschlechtern. Zwei Staaten – Erde und Mars – suchen nach einem verheerenden Krieg Wege der Annäherung, denn der eine hat die Rohstoffe, der andere begehrte hochentwickelte Technik. Als Unterpfand wird eine Gruppe Kinder auf die Erde geschickt. Fünf Jahre später, als junge Erwachsene, kehren sie zurück auf den Mars. Nun kennen sie beide Welten. Die Erde mit ihrem Wildwuchs-Kapitalismus – oder ist es zerstörerischer Wahnsinn? Der Mars mit seiner Gemeinwohl-Ökonomie – oder ist es eine Diktatur? Interessant, dass sich diese Geschichte eine Autorin aus China ausgedacht hat. Doch sie liefert keine einfachen Antworten. Sie lässt die Jugendlichen Revolutionen planen, Kunst…

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Denial of Service: Aiki Mira, Hopepunk und mein Platz in dieser SF-Welt

Aiki Mira Denial of service

Super Smart City Frankfurt am Main. Polizei, Transport und Stadtverwaltung sind privatisiert. Ein künstliches neuronales Netzwerk durchdringt alles — und ist tief ins Hirn-Stadt-Interface eingeschrieben: implantierte Chips, die den Bewohnern eine intuitive Interaktion mit Gebäuden, Straßen und Transportsystemen ermöglichen. Die Stadt denkt. Die Stadt fühlt. Die Stadt kontrolliert. Und sie entwickelt ihre eigene Ethik. Menschen? Liefern Daten, sind Daten. Manche von ihnen glauben, dass sie der Human in the Loop sind. Andere wollen einfach nur ihr Business und ihr Glück bauen. Dann gibt es noch Bots, Mega-Superstars, verwilderte Straßenhunde und illegal lebende Teenager. Ist ein Miteinander zum Wohle aller möglich? Das ist ein Weg, sich dem Science Fiction Thriller „Denial of Service“ zu nähern. Es gibt aber auch noch andere – zum Beispiel Aiki Miras Art zu erzählen. Neongrau hatte starke Jugendbuch-Vibes, Neuro-Biest einen Fokus auf Technik und Natur – Bio-Hacking und Urwald. Proxi hingegen überraschte und überforderte mich mit nahezu poetischer Verdichtung (hier meine…

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Space Opera: Letzter Platz = Planetentod!

Emphatisch oder nicht – diese Frage kann über Leben und Tod entscheiden. Denn immer, wenn die intergalaktische Gemeinschaft eine neue Spezies entdeckt, ist genau das die Schlüsselfrage. Nur empathische Zivilisationen dürfen bestehen. Alle anderen werden ausgelöscht. Entschieden wird das durch einen Song Contest. Landen die Neuen auf dem letzten Platz, wird der Planet vernichtet. Das ist einfacher, als sich irgendwann später mit ihnen im Krieg zu befinden – und macht auch mehr Spaß. Denn der »Metagalaktische Grand Prix« ist ein bunt schillerndes Mega-Event, das die ganze Galaxie begeistert. »Empfindet ihr genug Empathie und Sehnsucht und Verzweiflung, um in vierstimmigen Harmoniegesang in die Leere hinauszurufen in der Hoffnung, dass euch jemand hört? Habt ihr genug Gehirnschmalz und Feinmotorik und ästhetisches Gespür, das beim Anblick von Federn und Steinen … vor eurem inneren Auge bereits Kleider, Schleier und Plateauschuhe entstehen? … Habt ihr Soul?«Zitat aus „Space Opera! von Catherynne M. Valente – Seite 131 f ESC im…

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Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt: Spinnen, Nutella und der Male Gaze

Ich mag absurde Geschichten und ich mag Spinnen. Also hätte mich der Science- Fiction-Roman »Spaceman of bohemia. Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt« begeistern müssen. Hat er aber nicht. An der Story lag das nicht. Ein Mann auf einer Mission im Weltall begegnet einem spinnenähnlichen Alien. Man nimmt Kontakt auf, kommt ins Gespräch. Das Alien, das alles über die Menschen und ihre Psyche wissen will, entdeckt die Nutella-Vorräte und leert sie. Derweil merkt die Ehefrau des Raumfahrers auf der Erde, dass sie sich schon längst von ihrem Mann entfremdet hatte, und trennt sich. Worauf der einsame Astronaut noch mehr psychotherapeutischen Gesprächsbedarf hat. Eindeutig ein tolles Setting, das viel Raum für Überraschungen bietet. Aber … Die Ehefrau ist vor allem begehrenswert. Ihre wichtigste Funktion besteht darin, die Handlung voranzutreiben. Dafür braucht sie keine Entwicklung. Sie bleibt geheimnisvoll, wie Frauen halt angeblich nun mal sind. Beweis: Auch die Mutter des Astronauten war schon so. Während die Oma…

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Parts Per Million. Keine Wohlfühllektüre und deswegen gut!

Am liebsten würde ich mich bei der Besprechung von „Parts per million“ von Theresa Hannig auf einen Nebenaspekt der Handlung konzentrieren. Die Protagonistin Johanna Strohmann ist Autorin. Ausgerechnet sie bringt die nötigen Skills mit, um die Klimaschutz-Bewegung auf das nächste Level zu heben. Ihr Werkzeug: das Buch, an dem sie gerade schreibt, sowie gute Geschichten, Storytelling und Wissen, wie die Aufmerksamkeitsökonomie funktioniert. Damit unterstützt sie Klima-Aktivist*innen und radikalisiert sich dabei zunehmend selbst. Geschichten aus und über die Buchbranche – damit würde ich mich wohl fühlen und die Rezension ginge mir leicht von der Hand. Aber Theresa Hannig hat kein Buch geschrieben, mit dem sich die Lesenden wohl fühlen sollen, sondern eines über die Folgen des Klimawandels. Eine gründliche und scharfe Analyse, warum so viele Menschen den vermeintlich bequemen Weg des „Ist ja nur Wetter“, des „Ich kann da eh nichts machen“ und des „Wird schon gut gehen“ wählen – und was es braucht, damit Menschen…

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Wenn die KI ein Fall für die Inquisition ist: Athos 2643

Alles in dieser Geschichte ist logisch und doch ist nichts so, wie es scheint. „Athos 2643“ von Nils Westerboer ist einmal das, was dem Genre Science-Fiction besonders liegt: ein philosophisches Gedankenexperiment. Es ist aber auch ein KI-Thriller und ein klassischer whodunit-Krimi. Zugleich überrascht der Roman mit witzig-skurrilen Details und Gags. Das kann nur funktionieren, weil der Autor seinen Plot unglaublich verdichtet und mit beeindruckender innerer Logik zusammenhält. Auf Athos, einem kleinen Neptunmond, stirbt ein Mönch. Rüd Kartheiser, Inquisitor und Spezialist für lebenserhaltende künstliche Intelligenzen, ermittelt. An seiner Seite: seine Assistentin Zack. Schön, intelligent und bedingungslos gehorsam. Ein Hologramm.Website des Verlags Trotzdem hat mich „Athos 2643“ kurz vor dem zweiten Mord verloren. Denn die Handlung beginnt mit wunderbar skurrilen Szenen auf einem Weltraumflughafen und wandelt sich dann in Richtung Mitrate-Krimi. Oder auch nicht – weswegen mich das Buch dann doch nicht als Leserin verloren hat. Denn immer wieder werden moralische und philosophische Grundsatzfragen erörtert. Fragen über…

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Ace in Space: Wenn das Buch eine Playlist braucht

Ich tue es schon wieder und beginne diesen Blog-Beitrag mit einem großen „Ich“. Tun wir Buch-Bloggerinnen angeblich so gerne. Ich lese auch meist mit dem Smartphone griffbereit in der Nähe. Noch so ein Klischee. Aber bei diesem Buch war es zwingend nötig, denn es verlangte nach Musik. Schmutziger Rock für die Szenen, die im Lager der Weltraumpiloten-Gang spielten. Trotz des Buchtitels „Ace in Space“ habe ich mich nicht für Motörhead, sondern für Nashville Pussy entschieden. Ich brauchte was mit Frauenpower, das gut zu der Queen der Gang passte, der deutlich anzumerken ist, dass sie schon länger wild und frei lebt. Heldinnen im (nahezu) Rentenalter sind selten. Ich habe sie gefeiert.Abgespaceten Techno bitte für die Flüge durchs Wurmloch. Etwas mit Weltmusik-Anklängen für die Siedler, die mit Selbstversorgung und Handel versuchen, sich ein minimalistisches, aber gutes Leben aufzubauen. Dann brauchen wir noch Musik mit Wumms für Luftkämpfe und Flug-Stunts. Und was nehmen wir für die strategischen Machtspiele…

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Neongrau, Neurobiest und Proxi – 3 Romane von Aiki Mira

Neongrau – in dieser Wortschöpfung steckt schon alles, was den SF-Roman von Aiki Mira auszeichnet. Kühle Technik, poetische Sehnsucht und das Ausloten von Zwischentönen. Aber auch der starke Wille, etwas Neues zu erschaffen – zum Beispiel ein besseres Leben. Für sich, für nahestehende Menschen, für alle. Das halb abgesoffene Hamburg im Jahr 2112 ist eine unschöne, aber logische Weiterentwicklung der Welt von heute. Doch das Leben geht weiter. Die Wohnungen haben Fluttüren, es gibt ein paar Fähren mehr. Ratten mutieren. Die Kommentare auf Social Media sind immer noch toxisch, weswegen das Miteinander in privaten Chats gelebt wird. Das Bedürfnis nach Flucht aus dem Alltag ist groß. Gaming Events füllen die Stadien und die Subkultur trifft sich in leerstehenden Häusern und halb unter Wasser stehenden Tunneln. Die Gesellschaft ist diverser geworden und bleibt doch den alten Vorurteilen verhaftet. Mittendrin Jugendliche, die zu einer Clique zusammenwachsen könnten, eine Familie, die keine mehr ist, und VIPs, deren Leben…

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Zurück ins Wasteland: Laylayland von Judith und Christian Vogt

Bei Buchserien kann ich gnadenlos sein: Ich lese sie fast nie weiter. Selbst dann nicht, wenn mich beim ersten Band Sprache und Weltenbau überzeugt haben. Warum soll ich mich an diese eine Buchwelt fesseln? Es gibt doch noch so viele andere! Ich bin Poly-Leserin, immer bereit für eine neue Buchliebe. Dass ich also Laylayland, die Fortsetzung zu Wasteland, unbedingt lesen wollte, sagt schon alles. Dabei bescherte mir der erste Band Albträume. Zu beklemmend waren die Bunkerszenen für mich. Auch das apokalyptische Szenario machte mir, die das Genre der Dystopien sonst meidet, zu schaffen. (Meine Rezension zu Wasteland findet ihr hier) Doch es gab Hoffnung. Hopepunk eben. Und am Ende sattelten Layla und Zeeto das Motorrad, packten Baby Mtoto in den Beiwagen und ritten in den Sonnenaufgang, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Ein progressiv-phantastischer Schluss, der perfekt passte – und mein Kopfkino startete. Hopepunk ist, wenn alles aussichtslos erscheint – aber du und deine…

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Climate Fiction mit Wow-Effekt: Exit this city

„Exit this city“ stellt die Welt, wie wir sie kennen, auf den Kopf – und entwickelt doch das, was wir erleben, konsequent weiter. Indien ist dank seiner Hightech-Firmen der Sieger des Globalisierungsrennens. Tagestemperaturen weit über 40 Grad sind dort normal geworden. Überleben ist nur mit Hitzeanzügen möglich. Deutschland ist hingegen nur noch ein Agrarstaat und versinkt im fruchtbaren Schlamm. Starkregen im Frühjahr, kurze heiße Sommer, die gerade eben das Getreide reifen lassen. Die Gewinne streichen Agrar-Konzerne aus Indien ein. Genmanipulierte Bienen sollen die Erträge steigern. Doch ihr Stich ist tödlich und die Landarbeiter*innen planen den Aufstand. Dazwischen indische Göttinnen, ein Mann ohne Gedächtnis, die Gewinnerin einer Reality-Show (der Preis war die Flucht von ihrer Heimatinsel, die wegen des Klimawandels im Meer versank) Supercomputer mit Eigenleben und ein sprechender Hund. Es ist ein wildes Puzzle, dass Lisa-Marie Reuter vor ihren Leser*innen ausbreitet. Doch jedes Teil bekommt seinen passenden Platz. Ganz abgesehen davon: Einen SF-Roman, genauer gesagt…

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Die Wächterinnen von New York: Was wäre, wenn die Stadt eine Seele hätte?

Wenn eine Stadt vom ersten Moment an ein ganz eigenes Gefühl in uns auslöst, unterstellen wir ihr gerne einen Charakter. Aber was wäre, wenn Städte wirklich ein Eigenleben, eine Seele hätten? Einen Wesenskern, der sich Menschen sucht, um mit ihnen zu kommunizieren? Der diese Menschen dann dazu bringen möchte, bestimmte Dinge zu tun, die für den Fortbestand der Stadt entscheiden sind – auch wenn sie unlogisch und surreal wirken? Jetzt transportieren wir diesen Ansatz nach New York City und durchdenken ihn noch einmal. New York muss mit vielen Stimmen sprechen, schon allein deswegen, weil jeder Stadtteil anders ist. Und erst recht, weil die Bewohner*innen New Yorks vielstimmig sind und in diesem Stimmenkonzert Race, Class und Gender mitmischen. Und das, was getan werden muss, um die Metropole zu retten, muss diesen Stimmen entsprechen – samt Widerstand gegen Rassismus und Gentrifizierung und inklusive Alien-Glibber, King-Kong und anderen Zitaten aus der Popkultur. N. K. Jemisin, vierfache Gewinnerin des…

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Einfach zurücklehnen und die Autorin machen lassen: Die Maschinen von Ann Leckie

Stell dir eine KI vor, die zwei klare Hauptaufgaben hat: das Raumschiff verteidigen und dafür sorgen, dass es der Mannschaft gut geht. Über die Jahrhunderte hinweg entwickelt sich so eine KI, die ebenso kämpferisch wie fürsorglich ist. Um ihre Aufgabe besser zu erfüllen, agiert sie als dezentrales Netzwerk. Sie ist genauso das Raumschiff wie alle Hilfseinheiten – Leichen, die mit KI-Bewusstsein wieder belebt wurden. Egal, von welchem Punkt aus sie agiert, sie bezeichnet sich als „ich“. Das Raumschiff ist Teil eines Staatengebildes, dass seit Jahrhunderten auf Eroberung aus ist. An dessen Spitze eine weitere dezentrale KI, die schon so viele politische Ränkespiele gemeistert hat, dass sie nichts und niemanden mehr traut. Noch nicht mal sich selbst. Wenn jetzt die Staaten-KI politisches Kalkül über das Wohlergehen der Raumschiffbesatzung stellt … dann sind wir mitten im SF-Roman »Die Maschinen« von Ann Leckie. Die gesamte Handlungskonstruktion ist so vielschichtig und ausgeklügelt, dass ich mir bald dachte: liebe Autorin,…

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