Space Opera: Letzter Platz = Planetentod!

Space Opera - der metaglaktische Grand Prix. Das Buch von Catherynne M. Valente liegt auf einem silbern glitzernden Untergrund.

Emphatisch oder nicht – diese Frage kann über Leben und Tod entscheiden. Denn immer, wenn die intergalaktische Gemeinschaft eine neue Spezies entdeckt, ist genau das die Schlüsselfrage. Nur empathische Zivilisationen dürfen bestehen. Alle anderen werden ausgelöscht. Entschieden wird das durch einen Song Contest. Landen die Neuen auf dem letzten Platz, wird der Planet vernichtet. Das ist einfacher, als sich irgendwann später mit ihnen im Krieg zu befinden – und macht auch mehr Spaß. Denn der »Metagalaktische Grand Prix« ist ein bunt schillerndes Mega-Event, das die ganze Galaxie begeistert.

»Empfindet ihr genug Empathie und Sehnsucht und Verzweiflung, um in vierstimmigen Harmoniegesang in die Leere hinauszurufen in der Hoffnung, dass euch jemand hört? Habt ihr genug Gehirnschmalz und Feinmotorik und ästhetisches Gespür, das beim Anblick von Federn und Steinen … vor eurem inneren Auge bereits Kleider, Schleier und Plateauschuhe entstehen? … Habt ihr Soul?«
Zitat aus „Space Opera! von Catherynne M. Valente – Seite 131 f

ESC im Weltall: Mehr Geschlechter, mehr Glitzer, mehr Wahnsinn – und noch größere Gefühle!

Klingt schrill? Der Plot der Science-Fiction-Komödie »Space Opera« ist schrill! So etwas kann nur ein Mensch schreiben, der das irdische Pendant, den ESC, aus ganzem Herzen liebt. Trotzdem kann man das Buch auch dann gut lesen, wenn man so wie ich den Eurovision Song Contest nur als Phänomen bewundert, ihn aber nicht zelebriert.

Dann gehen einem beim Lesen bestimmt ein paar Anspielungen verloren – zum Beispiel der Hintersinn der Kapitelüberschriften. Das macht aber nichts, es gibt noch sehr, sehr viele andere. Denn eines ist dieses Buch sicherlich nicht: minimalistisch. Einfach auf alles legt Catherynne M. Valente noch eine Schippe drauf: auf die Vielfalt der Aliens, auf die Song-Zitate, auf die ganz großen Emotionen, auf den Glitzer, auf die Anzahl der Geschlechter und der möglichen Sexpartner, auf die Satzlänge und die Abschweifungen von der Handlung. Ich glaube, Conchita Wurst, Douglas Adams und Terry Pratchett hätten mit Freude einen Blurb für diesen herrlich abgedrehten Spaß geschrieben!


Infos zum Buch:

Catherynne M. Valente

Space Opera
Der metagalaktische Grand Prix


Übersetzung von Kirsten Borchardt

Fischer Tor Verlag


Noch ein Science Fiction mit viel Musik: Ace in Space

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt: Spinnen, Nutella und der Male Gaze

Jaroslav Kalfar
Spaceman of Bohemia
Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

Ich mag absurde Geschichten und ich mag Spinnen. Also hätte mich der Science- Fiction-Roman »Spaceman of bohemia. Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt« begeistern müssen. Hat er aber nicht.

An der Story lag das nicht. Ein Mann auf einer Mission im Weltall begegnet einem spinnenähnlichen Alien. Man nimmt Kontakt auf, kommt ins Gespräch. Das Alien, das alles über die Menschen und ihre Psyche wissen will, entdeckt die Nutella-Vorräte und leert sie. Derweil merkt die Ehefrau des Raumfahrers auf der Erde, dass sie sich schon längst von ihrem Mann entfremdet hatte, und trennt sich. Worauf der einsame Astronaut noch mehr psychotherapeutischen Gesprächsbedarf hat. Eindeutig ein tolles Setting, das viel Raum für Überraschungen bietet. Aber …

Die Ehefrau ist vor allem begehrenswert. Ihre wichtigste Funktion besteht darin, die Handlung voranzutreiben. Dafür braucht sie keine Entwicklung. Sie bleibt geheimnisvoll, wie Frauen halt angeblich nun mal sind. Beweis: Auch die Mutter des Astronauten war schon so. Während die Oma vor allem alle bemuttert und die Familie zusammengehalten hat. Der Male Gaze ist stark in diesem Science-Fiction, der mit vielschichtigeren Frauenfiguren hätte großartig sein können.

Was bleibt für mich nach der Lektüre? Neues Wissen über die tschechische Geschichte. Das ist definitiv ein Pluspunkt. Starke Szenen, die das Leben in einer Diktatur beschreiben. Die Erinnerung an ein wirklich toll gezeichnetes Alien und eine Spezies, die von einer ganz anderen Form des Miteinanders geprägt ist.

Und meine kindliche Begeisterung darüber, dass ich zufällig in meinem Fundus ein Lesezeichen hatte, das perfekt zum Buch passte!


Infos zum Buch, das auch verfilmt wurde:

Jaroslav Kalfar
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Barbara Heller


Spaceman of Bohemia
Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

Tropen Verlag – Klett-Cotta


Mein Vorschlag für ein Kontrastprogramm: Die Maschinen. Ein Roman aus der fernen Zukunft

Parts Per Million. Keine Wohlfühllektüre und deswegen gut!

Parts per million von Theresa Hannig. Buchcover auf dem IPad.

Am liebsten würde ich mich bei der Besprechung von „Parts per million“ von Theresa Hannig auf einen Nebenaspekt der Handlung konzentrieren. Die Protagonistin Johanna Strohmann ist Autorin. Ausgerechnet sie bringt die nötigen Skills mit, um die Klimaschutz-Bewegung auf das nächste Level zu heben. Ihr Werkzeug: das Buch, an dem sie gerade schreibt, sowie gute Geschichten, Storytelling und Wissen, wie die Aufmerksamkeitsökonomie funktioniert. Damit unterstützt sie Klima-Aktivist*innen und radikalisiert sich dabei zunehmend selbst.

Geschichten aus und über die Buchbranche – damit würde ich mich wohl fühlen und die Rezension ginge mir leicht von der Hand. Aber Theresa Hannig hat kein Buch geschrieben, mit dem sich die Lesenden wohl fühlen sollen, sondern eines über die Folgen des Klimawandels. Eine gründliche und scharfe Analyse, warum so viele Menschen den vermeintlich bequemen Weg des „Ist ja nur Wetter“, des „Ich kann da eh nichts machen“ und des „Wird schon gut gehen“ wählen – und was es braucht, damit Menschen aktiv werden oder sich sogar radikalisieren. Das war für mich das Besondere an „Parts per million“: Der Climate-Fiction-Thriller schmerzt, weil er uns die Möglichkeit des Wegschauens nimmt.

Das beginnt mit dem near-future Setting. In Deutschland regiert eine Koalition aus CDU und AFD. Was mit den bayrischen Polizeigesetzen begann, wird einfach nur ein klein wenig weiter gedacht. Das war das erste Mal, dass ich das Buch aus der Hand legen musste, um tief durchzuatmen. Viele weitere solche Lesemomente folgten, denn Theresa Hannig seziert wirklich jeden alltäglichen Lebensbereich. Hausfrauenehe, Mobilität, Finca auf den Kanaren, Social Media, alternative Beziehungsmodelle, Polizeiüberwachung, Migration, Unwetter, Dürren, Männer, die die Welt verbrennen, Populisten und die Sorgen der Teenager – all das und noch viel mehr wird durchleuchtet, inwieweit es mit unserer bisherigen Unfähigkeit, dem Klimawandel zu stoppen, zusammenhängt.

Diese Gründlichkeit gehört, genau wie die Spannung, zu den Stärken des Buchs. Aber sie bringt auch mit sich, dass ich mich an manchen Stellen im ersten Drittel in einem Lehrstück wähnte. Das legte sich, als die Gewaltspirale sich immer schneller zu drehen begann. Ab da hatte ich ein neues Problem. Ich bin ein bekennendes Weichei, was Gewaltdarstellungen angeht. Doch den Untertitel „Gewalt ist eine Option“ sollten Leser*innen sehr ernst nehmen!

Trotzdem bin ich froh, „Parts per million“ gelesen zu haben. Es ist schmerzhaft gut und damit das richtige Buch zur richtigen Zeit. Oder wie der Autor Andreas Eschbach in den Pressestimmen zitiert wird: „Wer danach nicht über den Klimawandel nachdenkt, ist wahrscheinlich tot.“


Angaben zum Buch:

Theresa Hannig

Parts per million.
Gewalt ist eine Option.

Fischer Tor

Vertiefendes Interview mit der Autorin auf dem Blog Janetts Meinung


Wem „Parts per million“ zu hart kling, dem empfehle ich als Einstieg „Pantopia“ von Theresa Hannig

Wenn die KI ein Fall für die Inquisition ist: Athos 2643

Titel: ATHOS 2643
Autor: Nils Westerboer
Verlag: Hobbit Presse / Klett-Cotta Verlag
Das Buchcover zeigt einen weiblichen Schattenriss vor einem sehr großen Mond

Alles in dieser Geschichte ist logisch und doch ist nichts so, wie es scheint. „Athos 2643“ von Nils Westerboer ist einmal das, was dem Genre Science-Fiction besonders liegt: ein philosophisches Gedankenexperiment. Es ist aber auch ein KI-Thriller und ein klassischer whodunit-Krimi. Zugleich überrascht der Roman mit witzig-skurrilen Details und Gags. Das kann nur funktionieren, weil der Autor seinen Plot unglaublich verdichtet und mit beeindruckender innerer Logik zusammenhält.

Auf Athos, einem kleinen Neptunmond, stirbt ein Mönch. Rüd Kartheiser, Inquisitor und Spezialist für lebenserhaltende künstliche Intelligenzen, ermittelt. An seiner Seite: seine Assistentin Zack. Schön, intelligent und bedingungslos gehorsam. Ein Hologramm.
Website des Verlags

Trotzdem hat mich „Athos 2643“ kurz vor dem zweiten Mord verloren. Denn die Handlung beginnt mit wunderbar skurrilen Szenen auf einem Weltraumflughafen und wandelt sich dann in Richtung Mitrate-Krimi. Oder auch nicht – weswegen mich das Buch dann doch nicht als Leserin verloren hat. Denn immer wieder werden moralische und philosophische Grundsatzfragen erörtert. Fragen über Allwissenheit durch Daten und dem Segen des Vergessens, über Logik und Empathie, über KI und Menschlichkeit, über Glauben und Verstehen.

Deswegen gratuliere ich Nils Westerboer und „Athos 2643“ nicht nur nachträglich zum Deutschen Science Fiction Preis 2023 – ich gratuliere auch dazu, dass er mich als Leserin aufs Allerbeste verwirrt zurückgelassen hat. Ich mag so was!


Angaben zum Buch:

Nils Westerboer

Athos 2643
Ausgezeichnet mit dem Deutschen Science-Fiction-Preis 2023

Hobbit Presse im Klett-Cotta Verlag


Mehr zur besonderen Erzählweise erfahrt ihr in diesem Interview, das Sandra von booknapping mit Nils Westerbroer geführt hat.


Hier sollte jetzt ein Tipp für ein Buch folgen, dass meiner Meinung nach gut dazu passt. In diesem Fall bin ich ratlos und verweise einfach auf meine Science-Fiction Rezensionen!


Apropos KI: Wegweiser durch eine Welt im Wandel – Alles überall auf einmal

Ace in Space: Wenn das Buch eine Playlist braucht

Ace in Space: Das Buch steht vor einem kleinem Lautsprecher der MArke Teufel. Dahinter eine blaue Wand.

Ich tue es schon wieder und beginne diesen Blog-Beitrag mit einem großen „Ich“. Tun wir Buch-Bloggerinnen angeblich so gerne. Ich lese auch meist mit dem Smartphone griffbereit in der Nähe. Noch so ein Klischee. Aber bei diesem Buch war es zwingend nötig, denn es verlangte nach Musik.

Schmutziger Rock für die Szenen, die im Lager der Weltraumpiloten-Gang spielten. Trotz des Buchtitels „Ace in Space“ habe ich mich nicht für Motörhead, sondern für Nashville Pussy entschieden. Ich brauchte was mit Frauenpower, das gut zu der Queen der Gang passte, der deutlich anzumerken ist, dass sie schon länger wild und frei lebt. Heldinnen im (nahezu) Rentenalter sind selten. Ich habe sie gefeiert.
Abgespaceten Techno bitte für die Flüge durchs Wurmloch. Etwas mit Weltmusik-Anklängen für die Siedler, die mit Selbstversorgung und Handel versuchen, sich ein minimalistisches, aber gutes Leben aufzubauen. Dann brauchen wir noch Musik mit Wumms für Luftkämpfe und Flug-Stunts. Und was nehmen wir für die strategischen Machtspiele in den Büros der Konzerne und vor Gericht? Oder für die so absolut nicht hetero-normativen Sexszenen?

Ich war also beschäftigt. Mit Musik zum Buch suchen. Trotzdem habe ich „Ace in Space“ von Judith und Christian Vogt weggesuchtet. Obwohl der Einstieg auf Grund des selbst entwickelten Slangs für mich holperte. Auch wenn alle Begriffe in den Klappen des Broschur-Bandes erläutert werden, war es manchmal anstrengend zu lesen.

Und dann, als ich mein „Ich habe ausgelesen“-Bild auf Instagram poste und mich im Beitrag beschwere, das dieses Buch mit einer Playlist ausgeliefert werden müsste, dann …
… reposted die Autorin meine Post in einer Story mit „Aber es gibt doch eine SpotifyPlaylist“.

Ja danke! Die passt auch noch richtig gut. Hätte ich das gewusst, wäre ich noch schneller durch die Seiten geflogen. Menno.


Infos zum Buch:

Judith und Christian Vogt

Ace in Space – Trident

Ach je Verlag im Amrun Verlag


Eine richtige Rezension und damit mehr zum Inhalt findet ihr bei Teilzeithelden.
Und damit es euch nicht so ergeht wie mir: hier findet ihr die Playlist zu Ace in Space!


Kleiner Hinweis: das ist nicht die erste Rezension zu einem Buch der „Vögte“ auf meinem Blog. Hier findet ihr mehr:

Neongrau

Neongrau. Buch von Aiki Mira

Neongrau – in dieser Wortschöpfung steckt schon alles, was den SF-Roman von Aiki Mira auszeichnet. Kühle Technik, poetische Sehnsucht und das Ausloten von Zwischentönen. Aber auch der starke Wille, etwas Neues zu erschaffen – zum Beispiel ein besseres Leben. Für sich, für nahestehende Menschen, für alle.

Das halb abgesoffene Hamburg im Jahr 2112 ist eine unschöne, aber logische Weiterentwicklung der Welt von heute. Doch das Leben geht weiter. Die Wohnungen haben Fluttüren, es gibt ein paar Fähren mehr. Ratten mutieren. Die Kommentare auf Social Media sind immer noch toxisch, weswegen das Miteinander in privaten Chats gelebt wird. Das Bedürfnis nach Flucht aus dem Alltag ist groß. Gaming Events füllen die Stadien und die Subkultur trifft sich in leerstehenden Häusern und halb unter Wasser stehenden Tunneln.

Die Gesellschaft ist diverser geworden und bleibt doch den alten Vorurteilen verhaftet. Mittendrin Jugendliche, die zu einer Clique zusammenwachsen könnten, eine Familie, die keine mehr ist, und VIPs, deren Leben nicht mehr ihnen gehört.

Wenn ein Buch Cyberpunk-Elemente enthält, ist der Vergleich mit William Gibson nicht weit. »Neongrau – Game over im Neurosubstrat« hat etwas, was ich bei Gibson immer vermisst habe: nahbare Figuren. Während Gibsons Protagonisten mir meist wie eine Projektionsfläche für seine Gesellschaftsentwürfe erscheinen, schreibt Aiki Kira über real wirkende Personen. Die Held*innen sind echte Menschen, mitten in einer Entwicklung und voller Widersprüche. Dafür habe ich den manchmal etwas fragmentarischen Spannungsbogen, über den Carsten Kuhr in seiner Rezension bei den Booknerds schreibt, gerne in Kauf genommen.

Bücher mit einem so atmosphärisch-dichten Weltenbau wie »Neongrau« begleiten mich häufig bis in meine Träume. Überraschend war, dass ich nicht vom allgegenwärtigen Wasser und auch nicht von der morbiden Schönheit Hamburgs geträumt habe – sondern von Musik. Das ist nur ein Nebenstrang der Handlung, dem Aiki Mira aber so viel Liebe geschenkt hat, dass mich die Playlist zur Entstehung des Buches interessieren würde!


Infos zum Buch:

Aiki Mira

Neongrau
Game over im Neurosubstrat

Polarise Verlag in der Verlagsgruppe Bedey & Thoms


Manchmal schrieb William Gibson Sprüche für das Buchhändlerinnen-Poesiealbum. Dafür bitte hier entlang:

Zurück ins Wasteland: Laylayland von Judith und Christian Vogt

Laylayland, die Fortsetzung zum Buch Wasteland von J. C. Vogt

Bei Buchserien kann ich gnadenlos sein: Ich lese sie fast nie weiter. Selbst dann nicht, wenn mich beim ersten Band Sprache und Weltenbau überzeugt haben. Warum soll ich mich an diese eine Buchwelt fesseln? Es gibt doch noch so viele andere! Ich bin Poly-Leserin, immer bereit für eine neue Buchliebe.

Dass ich also Laylayland, die Fortsetzung zu Wasteland, unbedingt lesen wollte, sagt schon alles.

Dabei bescherte mir der erste Band Albträume. Zu beklemmend waren die Bunkerszenen für mich. Auch das apokalyptische Szenario machte mir, die das Genre der Dystopien sonst meidet, zu schaffen. (Meine Rezension zu Wasteland findet ihr hier)

Doch es gab Hoffnung. Hopepunk eben. Und am Ende sattelten Layla und Zeeto das Motorrad, packten Baby Mtoto in den Beiwagen und ritten in den Sonnenaufgang, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Ein progressiv-phantastischer Schluss, der perfekt passte – und mein Kopfkino startete.

Hopepunk ist, wenn alles aussichtslos erscheint – aber du und deine Leute, ihr versucht es trotzdem, bildet Banden, seid gleichzeitig rauchend wütend und radikal zärtlich. Laylayland, der Nachfolger von Wasteland vom Vögte-Duo, ist das Buch für alle, die Utopien in Dystopien errichten wollen.

Website Plan 9 Verlag

Wie bitte könnte diese Geschichte weitergehen?

Als wäre das nicht genug, gab es noch einen Grund, warum ich Wasteland 2 unbedingt lesen wollte: ein Verlagswechsel. Band 1 erschien sozusagen bei einem Major Label, Band 2 hingegen ist durch und durch Indie. Würde man so etwas merken?

Meiner Meinung nach: Ja – und nicht nur am Formatwechsel. Sorry liebe Buchsammler*innen, das sieht nicht gut im Regal aus! Ich kann jetzt nur mutmaßen, aber mein Eindruck ist, dass es beim Plan 9 Verlag eine klare Ansage an die Autoren gab: macht! Und genau das taten Judith und Christian Vogt.

Natürlich kann das auch daran liegen, dass sie mittlerweile vertrauter mit der Welt von Wasteland waren und Dinge über ihre Protagonist*innen wussten, die ihnen vorher nicht bewusst waren. Auf jeden Fall steckt in Band 2 so viel mehr als in dem ersten – alles ist plastischer, wilder, freier, aber gleichzeitig auch detaillierter und noch durchdachter.

Doch wie geht die Geschichte nun weiter? Mit Handlung nacherzählen habe ich es einfach nicht – schaut mal bei Rezensionsnerdista rein, die außerdem auch noch aufschlüsselt, wie divers der Roman erzählt ist. Ein Aspekt fehlt bei ihr, den ich ergänzen möchte: Hat schon jemals jemand im Genre SF die Frage, wann das Baby Hunger bekommen und schreien wird, als spannungsförderndes Element verwendet? Das ist nur eines der vielen Details, die Laylayland so großartig machen.

Doch jetzt heißt es Abschied nehmen vom Wasteland. Die Geschichte ist rund und zu Ende erzählt. Obwohl – was macht eigentlich Root 2.0, der Internet-Schamane, als nächstes?


Infos zum Buch:

Judith und Christian Vogt

Laylayland
(Wasteland Band 2)

Plan 9 Verlag

Wasteland Band 1 – Droemer Knaur


Hoffnung in einer postapokalyptischen Welt: Wasteland von Judith und Christian Vogt


Berlin, Berlin – die Vögte können auch Berlin: Anarchie Deco


Auch der kleinste Schuber der progressiven Phantastik stammt von „den Vögten“:

Climate Fiction mit Wow-Effekt: Exit this city

Climate Fiction aus Deutschland: Exit this city von Lisa-Marie Reuter

„Exit this city“ stellt die Welt, wie wir sie kennen, auf den Kopf – und entwickelt doch das, was wir erleben, konsequent weiter. Indien ist dank seiner Hightech-Firmen der Sieger des Globalisierungsrennens. Tagestemperaturen weit über 40 Grad sind dort normal geworden. Überleben ist nur mit Hitzeanzügen möglich. Deutschland ist hingegen nur noch ein Agrarstaat und versinkt im fruchtbaren Schlamm. Starkregen im Frühjahr, kurze heiße Sommer, die gerade eben das Getreide reifen lassen. Die Gewinne streichen Agrar-Konzerne aus Indien ein. Genmanipulierte Bienen sollen die Erträge steigern. Doch ihr Stich ist tödlich und die Landarbeiter*innen planen den Aufstand.

Dazwischen indische Göttinnen, ein Mann ohne Gedächtnis, die Gewinnerin einer Reality-Show (der Preis war die Flucht von ihrer Heimatinsel, die wegen des Klimawandels im Meer versank) Supercomputer mit Eigenleben und ein sprechender Hund. Es ist ein wildes Puzzle, dass Lisa-Marie Reuter vor ihren Leser*innen ausbreitet. Doch jedes Teil bekommt seinen passenden Platz.

Ganz abgesehen davon: Einen SF-Roman, genauer gesagt Climate Fiction aus Deutschland, mit einem Showdown in einem Rechenzentrum, das in der altehrwürdigen Würzburger Festung versteckt ist, muss ich einfach ins Herz schließen!


Angaben zum Buch:

Lisa-Marie Reuter

Exit this city

Fischer Tor Verlag

Ein Buch mit Wow-Effekt“: Rezension auf dem Blog Phantastisch Lesen

Climate Fiction – mehr über das Genre beim Deutschlandfunk


Ein Buch, das gut dazu passt: Wasteland

Die Wächterinnen von New York: Was wäre, wenn die Stadt eine Seele hätte?

Die Wächterinnen von New York. Der Roman von N.K. Jemisin liegt auf einem aufgeschlagenen Bildband "New York vertical" von Horst Hamann.

Wenn eine Stadt vom ersten Moment an ein ganz eigenes Gefühl in uns auslöst, unterstellen wir ihr gerne einen Charakter. Aber was wäre, wenn Städte wirklich ein Eigenleben, eine Seele hätten? Einen Wesenskern, der sich Menschen sucht, um mit ihnen zu kommunizieren? Der diese Menschen dann dazu bringen möchte, bestimmte Dinge zu tun, die für den Fortbestand der Stadt entscheiden sind – auch wenn sie unlogisch und surreal wirken?

Jetzt transportieren wir diesen Ansatz nach New York City und durchdenken ihn noch einmal. New York muss mit vielen Stimmen sprechen, schon allein deswegen, weil jeder Stadtteil anders ist. Und erst recht, weil die Bewohner*innen New Yorks vielstimmig sind und in diesem Stimmenkonzert Race, Class und Gender mitmischen. Und das, was getan werden muss, um die Metropole zu retten, muss diesen Stimmen entsprechen – samt Widerstand gegen Rassismus und Gentrifizierung und inklusive Alien-Glibber, King-Kong und anderen Zitaten aus der Popkultur.

N. K. Jemisin, vierfache Gewinnerin des Hugo Awards, ist definitiv die Autorin, die eine solche Geschichte bändigen kann. Auch wenn ich die seltsame, feindliche Macht, die das Erwachen New Yorks verhindern will, bis zur letzten Seite nicht verstanden habe: Ich habe dieses Buch genossen. Selbst die Tatsache, dass ich recht früh geahnt habe, wie die Nebenhandlung um den abtrünnigen Stadtteil Staten Island ausgehen wird, hat mich nicht gestört.

Letzten Herbst ist der zweite Band der Duologie auf Englisch erschienen: »The World We Make«. Ich freue mich auf die Übersetzung!


Infos zum Buch:

N. K. Jemisin
Übersetzt von Benjamin Mildner

Die Wächterinnen von New York

Tropen Verlag

Rezensionen bei Bellas Wonderland und im Fantasyguide.

Für mein Beitragsbild habe ich das Buch auf ein Foto aus dem Bildband „New York Vertical“ von Horst Hamann gelegt.


Mehr von N. K. Jemisin auf meinem Blog: Broken earth – Zerrissene Erde

Manchmal werden in der Stadt, die niemals schläft, sogar Elfen gesichtet

Einfach zurücklehnen und die Autorin machen lassen: Die Maschinen von Ann Leckie

Ann Leckie - Die Maschinen. Taschenbuch.

Stell dir eine KI vor, die zwei klare Hauptaufgaben hat: das Raumschiff verteidigen und dafür sorgen, dass es der Mannschaft gut geht. Über die Jahrhunderte hinweg entwickelt sich so eine KI, die ebenso kämpferisch wie fürsorglich ist.

Um ihre Aufgabe besser zu erfüllen, agiert sie als dezentrales Netzwerk. Sie ist genauso das Raumschiff wie alle Hilfseinheiten – Leichen, die mit KI-Bewusstsein wieder belebt wurden. Egal, von welchem Punkt aus sie agiert, sie bezeichnet sich als „ich“.

Das Raumschiff ist Teil eines Staatengebildes, dass seit Jahrhunderten auf Eroberung aus ist. An dessen Spitze eine weitere dezentrale KI, die schon so viele politische Ränkespiele gemeistert hat, dass sie nichts und niemanden mehr traut. Noch nicht mal sich selbst.

Wenn jetzt die Staaten-KI politisches Kalkül über das Wohlergehen der Raumschiffbesatzung stellt … dann sind wir mitten im SF-Roman »Die Maschinen« von Ann Leckie.

Die gesamte Handlungskonstruktion ist so vielschichtig und ausgeklügelt, dass ich mir bald dachte: liebe Autorin, ich habe keine Ahnung, was du da tust und auch nicht wie – aber ich lehne mich jetzt in meinem Lesesessel zurück und folge dir vertrauensvoll durch die Galaxien.

Der Übersetzer Bernhard Kempen toppt das Ganze noch. Zum Glück erläutert er in seinem Vorwort, was er getan hat. Das hat mir beim Einstieg in die komplexe Welt, die keine Geschlechter kennt und eine sehr eigene Vorstellung von Identität hat, sehr geholfen.

Das eher gemächliche Erzähltempo half ebenfalls. Genau wie der Rezensent des Standards fühlte auch ich mich stellenweise an den SF-Klassiker Dune erinnert. Und genau wie er war ich verblüfft, wie leicht sich ein Buch liest, das durchgehend und aus gutem Grund im generischen Femininum geschrieben wurde, und welche neuen Erzählmöglichkeiten sich daraus ergeben!


Infos zum Buch:

Ann Leckie

Die Maschinen
Ein Roman aus der fernen Zukunft

Übersetzt von Bernhard Kempen

Heyne Verlag


Eine Frau, die solche SF-Romane möglich gemacht hat: Ursula le Guin

Grenzwelten: zwei Hainish-Erzählungen von Ursula le Guin

Ursula le Guin - Grenzwelten. Taschenbuch im Baum. Schließlich ist in dem Sammelband die wunderbare Erzählung "Das Wort für Welt ist Wald" enthalten.

Meine erste Begegnung mit den Büchern von Ursula le Guin verlief etwas eigen. Anfang der 90er hatte ich eine sehr große Abteilung für Fantasy und Science Fiction übernommen. Ein SF-Sortiment zusammenzustellen war damals recht einfach. Man brauchte die silbernen Perry Rhodan Bänder von Pabel Moewig, ein bisschen was aus dem Goldmann Taschenbuch Verlag und vor allem viel von Heyne Science Fiction. Das Bestellformular war ein dickes Heft mit perforierten Seiten, die sich heraustrennen und faxen ließen. Auf dem Formular waren bestimmte Titel besonders hervorgehoben: Novis, Bestseller und Meilensteine der SF-Literatur wie die Hainish-Romane von Ursula le Guin.

Ich hatte ihre Bücher daher im Regal stehen. Sie standen. Die Nerds und Maschinenbau-Studenten, die bei mir Science-Fiction kauften, ignorierten ihre Werke. Sie interessierten sich für Technik und für die Zukunft der Menschheit, aber nicht für Ökologie und Feminismus. So kam es, dass ich die Bücher von Ursula le Guin zuerst als Remittende kennenlernte – also Bücher, die wegen Unverkäuflichkeit an den Verlag zurück gingen.

Und heute? Keine Ahnung, was meine Kunden von damals mittlerweile lesen. Ich vermute, sie sind Perry Rhodan treu geblieben, greifen ansonsten zu Büchern wie »Die drei Sonnen« oder „Amalthea“ und meiden den Feminismus weiterhin. Ich habe damals Shadowrun und William Gibson gelesen und war trotzdem Feministin. Was wahrscheinlich direkt dazu führt, dass ich derzeit große Lust habe, mich quer durch die Gewinnerinnen des Hugo Awards zu lesen und Ursula le Guin jetzt endlich für mich entdeckt habe.

Weniger mit dem Erdsee-Zyklus als viel mehr mit diesem Sammelband. »Grenzwelten« enthält zwei Romane aus dem Hainish-Zyklus. Beide wurden ganz wunderbar übersetzt von Karen Nölle. In »Das Wort für Welt ist Wald« zerstört le Guin mal eben den kompletten Themenkomplex toxische Männlichkeit, Kolonialismus, Rassismus und Ressourcenvernichtung. Das ist heute fast noch aktueller als damals. Die zweite Erzählung »Die Überlieferung« ist ein fein komponiertes Werk über die Bedeutung kultureller Werte und über die Schäden, die Kolonialisten anrichten.

Kein Wunder, dass ich die Bücher von Ursula le Guin damals remittieren musste. Ein großer Glücksfall, dass sie die Jahrzehnte überdauert haben und jetzt von mir neu entdeckt werden können.


Infos zum Taschenbuch:

Ursula le Guin
Grenzwelten

Der Sammelband enthält:
Das Wort für Welt ist Wald
Die Überlieferung

Übersetzt von Karen Nölle

Fischer Tor Verlag


Mehr von Ursula le Guin auf meinem Buchblog:

Beruf: Sherpa für Gamer. 88 Namen von Matt Ruff

Matt Ruff 88 Namen

Ich könnte selbst so einen Sherpa wie John Chu gebrauchen. Allerdings müsste er mir nicht durch Boss-Level helfen, sondern mir erst einmal die Steuerung aktueller Spiele erklären.

Ich mochte und mag Games wie das ruhige Taucherspiel »Endless Ocean« und die endlosen Murmelbahnen von »Kororinpa» für die WII, habe aber auch schon viele Spiele gleich am Anfang abgebrochen, weil ich gar nicht wusste, was ich tun soll.

Für John Chu wäre das leicht verdientes Geld und die Gefahr, dass er mich für Kim Jong-un hält, ist gering. Ich bevorzuge es, im Internet mit Realnamen unterwegs zu sein.

Womit die Eckpfeiler des Cyber-Punk-Gamer-Spaß genannt wären. Matt Ruff liefert mit »88 Namen« eine gute Show. Hätte er nicht den Status des Kultautors, hätte ich das Buch mit einem amüsierten Lächeln zur Seite gelegt. Doch so fehlte mir was. Aber was?

Sicherlich hätte dem Buch etwas weniger Gamer-Fäkal-Humor gut getan. Aber wirklich tragisch fand ich die Episoden nicht, denn es gibt noch genug anderes zu lachen. Die Action-Szenen, die in den Games stattfanden, hätten straffer erzählt sein können. Aber auch das führte bei mir nicht zum Abbruch. Wahrscheinlich hätte mich der Roman mit weniger Personal und besserer Verzahnung von online und offline mehr gepackt.

Im Gedächtnis bleiben wird mir die coolste Mutterfigur aller Zeiten. Für Mama Chu, die Spezialagentin in einem Cyber-Kommando der US Army ist und elementar zur Lösung des verzwickten Falls beiträgt, werde ich Matt Ruff ewig dankbar sein. Doch sie hat es noch nicht mal auf den Klappentext des Buches geschafft …


Infos zum Buch:

Matt Ruff

88 Namen

Lässig und treffsicher übersetzt von Alexandra Jordan

Fischer Tor Verlag


Schon alles von Matt Ruff ausgelesen? Lust auf Science Fiction? Wie wäre es hiermit: