Von Hausbesetzern und genialen Dilletanten: Käthe Kruse erzählt aus ihrem Leben

Cover des E-Books "Lob des Imperfekts" von Käthe Kruse. Darin erzählt unter anderem über die Bewegung der Genialen Dilletanten

Zu „Lob des Imperfekts“ von Käthe Kruse habe ich gegriffen, weil ich auf Hintergrundinfos gehofft hatte: zu der Gruppe „Die tödliche Doris“, zu Punk in Deutschland in den 80er Jahren und zu all den Menschen, die damals als „Geniale Dilletanten“ unterwegs waren. Bekommen habe ich etwas anderes als erwartet und eigentlich viel mehr.

Musik, Kunst und Wohnen sind die Themen, zu denen Käthe Kruse berichtet. Das sagt zumindest der Untertitel. Doch da sich all das nicht trennen lässt, erzählt sie aus ihrem Leben. Dabei empfand ich im ersten Teil des Buches, der von ihrer Zeit mit der Band „Tödliche Doris“ und dem Festival „Geniale Dilletanten“ handelt, ihre Erzählhaltung als distanziert-amüsiert. Wesentlich überraschender war für mich der Werkstattbericht im nächsten Kapitel, in dem sie anhand der Mariakissen erklärt, wie sie zusammen mit Nikolaus Utermöhlen und Wolfgang Müller Kunst und Musik gemacht hat.

Wirklich gepackt hat mich der dritte und letzte Teil über ihr Leben in den besetzten Häusern in der Manteuffelstraße 40 und 41 in Berlin Kreuzberg. Ein so reflektierter Blick auf die Hausbesetzerszene und ihre Versuche, neu Formen von Zusammenleben und Arbeiten, Bauen und Wohnen zu entwickeln, war mir bisher nicht begegnet.

Vielleicht kann ich mir jetzt ein bisschen besser vorstellen, wie sich das Leben damals in Berlin angefühlt hat. Die Musik und die Performances der Band „Die Tödliche Doris“ hingegen bleibt für mich das, was sie schon vor der Lektüre war: ein Faszinosum, dass ich nie so ganz verstehen werde, einfach weil ich sie nicht live gesehen habe.


Infos zum Buch:

Käthe Kruse
Lob des Imperfekts
Kunst, Musik und Wohnen im West-Berlin der 1980er

mikrotext

Rezension im von mir sehr geschätzten Missy Magazin.


Noch ein Hinweis zur Legendenbildung: Offensichtlich war Blixa Bargeld der erste, der die Bezeichnung „Geniale Dilletanten“ verwendete. Wahrscheinlich auf einem Badge, einem Anstecker, dem Meme-Generator der Punk-Ära. Ob die Schreibweise Dilletanten statt Dilettanten nun eine geniale Idee oder ein genialer Fehler war – das wird sich wohl nie klären.


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