Punk und New Wave in Deutschland. Wie alles begann.

Das Buch "Verschwende deine Jugend - Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave" liegt auf einem unordentlichen Buchstapel mit weiteren Büchern über Punk

War ich die Letzte meiner Generation, die das Buch noch nicht gelesen hatte? Und dass, obwohl Punk und New Wave mein Erwachsenwerden geprägt haben? Und ich heute hauptsächlich Musik höre, die ohne die Pionierarbeit von deutschen Musikern und Musikerinnen wie FM Einheit und Peter Hein, Gudrun Gut und Annette Humpe ganz anders klingen würde? Und ohne Aufklärungsarbeit von Journalisten wie Diedrich Diederichsen anders gedacht werden würde?

Andererseits schadet es überhaupt nichts, den Doku-Roman „Verschwende deine Jugend“ 20 Jahre nach Erscheinen und gut 30 Jahre nach dem eigenen Erwachsenenwerden zu lesen. Letzteres ist natürlich nur ein Schätzwert.

Ich hatte schon immer ein Talent für spontane, aufrichtige Begeisterung, war aber nie ein Fan-Girl, das Band-Besetzungen hätte herunterbeten können. Heute bin ich schon froh, wenn mir der Name der Band einfällt. Da haben wir es schon wieder: es ist kaum möglich, über dieses Buch zu bloggen, ohne zu überlegen, wie sich das eigene Erleben von Musik im Laufe der Jahrzehnte geändert hat.

Trotzdem ist der Doku-Roman eines ganz sicher nicht: sentimental. Dafür sorgt ein handwerklicher Kniff. Jürgen Teipel hat über 1000 Stunden Original-Interviews in kleine Schnipsel zerstückelt und dann wieder neu zusammengesetzt. O-Ton an O-Ton, ohne Erläuterungen dazwischen. Eine Collage aus Anekdoten, Hintergrundinfos, Nachdenken über Punk und Reflexion der eigenen Rolle. Klingt nach einer Heidenarbeit!

Aber das Ergebnis wirkt unglaublich frisch, lebendig und ergibt tatsächlich so etwas wie eine durchgehende Handlung. Genau deswegen lässt es sich locker lesen und macht Spaß!

Was für mich nach der Lektüre hängenbleiben wird, ist zweierlei. Einmal, wie wenig Menschen es braucht, um solche Veränderungen in Musik, Kunst und Leben auszulösen. Ein Funken zur richtigen Zeit, gezündet mit Leidenschaft, genügt.

Punk? New Wave? Hauptsache cool!

Die andere Erkenntnis war eher ernüchternd. Was war denn die Motivation dafür, Musik zu machen, rauf auf die Bühne zu gehen und die Welt in Brand zu setzen? In unglaublich vielen Fällen lautet die Antwort: Ich wollte cool sein.

Ach, ihr auch? So, wie wir auf dem Schulhof, in den Kneipen und auf der Tanzfläche?

Inga Humpe: Aber ich habe wirklich darunter gelitten, dass ich nicht so cool war wie die (Malaria)

Jürgen Teipel, Verschwende deine Jugend – Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave. S. 279

Gudrun Gut: Und kühl zu sein, das fiel mir einfach leichter als zu sagen „Ich bin unsicher“

S. 316

Ich habe bewusst zwei Zitate von Frauen herausgesucht – schon alleine, weil ich mich darüber gefreut habe, wie viel Raum Jürgen Teipel den Frauen einräumt, obwohl die Szene sehr männlich geprägt war. Vielleicht auch, weil das, was die Jungs zum Thema „cool sein“ sagen, meist sehr pubertär daher kommt. Oder auch, weil ich mich immer noch darüber ärgere, dass ich eine Frauenband wie Malaria! erst viel später entdeckt habe.

Sagte ich schon, dass es kaum möglich ist, diesen Doku-Raum zu lesen, ohne darüber nachzudenken, was man selbst wann, wie und warum gehört hat? Deswegen gehe ich jetzt Platten abstauben und beginne bei A wie abwärts …


Infos zum Buch:

Jürgen Teipel
Verschwende deine Jugend – Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave

Suhrkamp Verlag

Eine ausführliche Rezension findet ihr bei diesem Online-Magazin: Satt.org


Und wie geht es dem Punk heute? Buchtipp: Our piece of punk

Ein Kommentar

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