Was ich gerne schon mit 20 gelesen hätte: Anarchie Deco.

Anarchie Deco. Fantasy-Taschenbuch auf glitzerndem Untergrund.

Viele Jahre meines Leserinnen-Lebens habe ich mit Macho-Figuren wie dem Dunkelelfen verbracht. Abends, vor dem Einschlafen, hatte ich dann das dringende Bedürfnis, diese Geschichten umzudichten. Die Fantasy-Welten habe ich mit gescheiten, authentischen Frauen gefüllt und den Männern habe ich differenziertere Eigenschaften zugestanden, als deren Schöpfer das taten. Nur so konnte ich mich mit den Büchern wirklich wohl fühlen.

Wäre ich heute noch mal 20, ich müsste das nicht mehr machen. Ich könnte einfach in Fantasy-Welten eintauchen wie jene, die Judith und Christian Vogt erschaffen – und dort bleiben. Ohne etwas ändern zu müssen. Progressive Phantastik heißt das – und ich beginne süchtig zu werden.

„Anarchie Deco“ startet schon mal mit dem stärksten Buchbeginn, den ich in 2021 gelesen habe:

„Gott zaubert nicht!“ hatte Einstein gesagt. Das war der Grund, warum der angesehenste lebende Physiker heute nicht eingeladen war.

Es geht um Magie, die mit physikalischen Methoden ausgelöst werden kann. Wichtig dafür sind Gegensatzpaare wie Mann und Frau, Wissenschaft und Kunst. Doch dieser Magie passiert das, was jeder neuen Technik passiert: Während die Halbwelt ausprobiert, wie sich dadurch der Genuss steigern lässt, und die Intellektuellen diskutieren, ob sich damit die Menschheit befreien lässt, setzen Kriminelle die Entdeckung schon längst für ihre Verbrechen ein. Und die Wissenschaftler? Die forschen noch, derweil politische Gruppierungen bereits Verschwörungsmythen verbreiten, um ihre Interessen durchzusetzen.

Aus dieser Ausgangslage entwickelt das Autoren-Duo J. C. Vogt einen Urban-Fantasy-Krimi, der genauso intelligent wie divers ist. Eine Vielzahl an sexuellen Identitäten, queere Lebensentwürfe, Migrationserfahrung, Feminismus, fehlende Chancengleichheit und Armut – alles ist im Leben der Protagonist*innen enthalten. Einfach genau so, wie es in meiner Realität auch ist.

Deswegen fühle ich mich von diesem Buch ernst genommen. Ich kann noch tiefer in die Geschichte eintauchen und sie viel intensiver miterleben. Wenn ich mir dann abends vor dem Einschlafen das Berlin im Jahr 1927 vorstelle, wie „Anarchie Deco“ es mir gezeigt hat, muss ich nichts mehr abändern. Ich kann mich einfach in das Setting, wie es ist, dazu träumen. Das hätte ich wirklich gerne schon mit Anfang 20 erlebt!


Infos zum Buch:

J. C. Vogt
Anarchie Deco

Fischer Tor


Mehr von J. C. Vogt auf meinem Blog:

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