
Frauen erleben einige Wandlungen in ihrem Leben. Erste Menstruation und Pubertät, Schwangerschaft und Mutterschaft, Wechseljahre und Menopause. Nicht immer fühlen sie sich gut darauf vorbereitet. Mal fehlt es an Infos, mal an Vorbildern oder an psychologischer Sicherheit.
Die Frauen in „When women were dragons“ kennen noch eine mögliche Verwandlung mehr. Manche von ihnen verwandeln sich in Drachen. Warum? Was passiert danach? Darüber wird genauso geschwiegen wie über Monatsblutungen, weibliche Sexualität und das Talent von Wissenschaftlerinnen. Denn wir befinden uns in den fiktiven USA der 50er Jahre. An einem Tag verwandeln sich schlagartig tausende Frauen in Drachinnen. Ihnen wachsen Schuppen, Krallen, Flügel. Sie werden zu groß für ihr gewohntes Leben und fliegen davon. Etliche von ihnen brennen noch ihre Häuser nieder und manch Ehemann gleich mit.
Doch darüber spricht man nicht. Wer es doch versucht, erlebt Repressionen. Die Mac Cathy Ära lässt grüßen. Die Versuche, das Gesellschaftssystem mit Lügen und Ausblenden von Fakten zu stabilisieren, reichen bis ins Privatleben.
Wir erleben die Geschichte aus der Sicht von Alex. Ihre Tante war beim großen Drachenwandeln dabei. Seitdem tut die Familie so, als sei deren Tochter Bea schon immer die Schwester von Alex gewesen. Während die beiden Mädchen gemeinsam aufwachsen, hört das Drachenwandeln in den USA einfach nicht auf. Doch etwas, worüber man nicht spricht, lässt sich auch nicht lösen.
Wenn Wut Flügel bekommt: Drachen als Spiegel der Gesellschaft
Kelly Barnhill zeigt mit „When women were dragons“ eindrücklich, was phantastische Literatur alles leisten kann. Gesellschaftskritik üben und Lösungen andenken. Aufzeigen, was im Patriarchat schief läuft, und zeigen, wie wir Veränderungen angehen können. Der weiblichen Wut eine Stimme geben und uns von Schwesternschaft träumen lassen.
Und doch kam mir ihr Roman nicht ganz rund vor. Fast so, als hätte ihre Idee „Was wäre, wenn Frauen sich in Drachinnen wandeln könnten?“ sich immer weiter verselbstständig. Als wäre ihr erst so nach und nach aufgefallen, was diese Grundannahme für den Weltenbau bedeutet. So scheint es erst, dass nur wütende Frauen sich wandeln. Erst später kommen pure Lebenslust, unterdrückte Sexualität und viele andere Gründe dazu. Irgendwann wird auch klar, dass nicht alle Drachinnen vorher als Frauen gelebt haben.
Es gibt zudem einige Gedankenfäden, die die Autorin nicht zu Ende spinnt, obwohl sie in manchen Kapiteln sehr präsent sind. Alte Mythen und Knotenmagie sind dafür ein Beispiel. Vielleicht ist es aber auch die doch sehr versöhnliche Schluss-Utopie, die meinen unrunden Eindruck verstärkt hat.
All das ändert nichts daran, dass„When women were dragons“ ein wichtiges Buch und ein Meilenstein der progressiven Phantastik. Zudem eines, zu dem auch Nicht-Fantasy-Leser*innen gut Zugang finden, da es nicht so magisch daher kommt, wie der Titel vermuten lässt. Die starke Idee, dass die Welt voller Drachinnen ist, begleitet mich seitdem. Damit bekam Female Rage für mich ein Gesicht – und es hat glitzernde Schuppen!
Infos zum Buch:
Kelly Barnhill
When Women Were Dragons
Unterdrückt, entfesselt, wiedergeboren
Übersetzerin: Isabelle Gore
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