Christian Rätsch – Vom Forscher, der auszog, das Zaubern zu lernen – Rezension

Wie schmeckt eigentlich gegrillter Papagei? Die Frage geht mir seit der Lektüre von Christian Rätschs Autobiographie „Vom Forscher, der auszog, das Zaubern zu lernen“ nicht mehr aus dem Kopf. Bevor sich jetzt wütende Veganer auf mich stürzen, möchte ich betonen, dass ich nicht vorhabe, den Papagei in der Nachbarschaft mit Pfeil und Bogen zu erschießen, um ihn am offenen Feuer zu grillen. In „Vom Forscher, der auszog, das Zaubern zu lernen“ beschreibt Christian Rätsch, wie er mit den Lakandonen, bei denen er ein Jahr lebt, auf Papageienjagd geht. Die Aufregung der Jagd und seine Vorfreude auf das leckere Papageienfleisch sind greifbar, regelrecht spürbar. All das Fremde des Lebens mit einem Maya-Volk wurde für mich in dieser Passage in einem magischen Lesemoment zusammengefasst. Die zweite Schlüsselszene verbindet für mich die fast nicht mehr greifbare europäische magische Tradition mit der, zumindestens damals noch, lebendigen, magischen Maya-Tradition.Ein Lakandone, der sich den Fuß verknackst…

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Abschied auf Raten: ein Nachruf auf den Brockhaus

Überraschend kommt es nicht, traurig ist es trotzdem: Bertelsmann beginnt, sich vom Brockhaus zu trennen. Als Mannheimerin und Buchhändlerin konnte ich das Drama um die Marken Brockhaus, Meyer, Bibliographisches Institut und Duden aus nächster Nähe beobachten. Beschleunigt wurde der Niedergang durch die grandiose Fehlentscheidung, noch einmal eine große Brockhaus-Enzyklopädie zu verlegen – und durch Wikipedia. Aber das kann es nicht allein gewesen sein, oder? Die Haltung des Verlagshauses BI klang für mich lange Zeit nach „Wir waren schon immer da, deswegen wird es uns auch immer geben.“ Als sich die kritische Situation nicht mehr länger ausblenden ließ, begann wilder Aktionismus. Brockhaus wurde an Bertelsmann verkauft, der Direktvertrieb gleich mit dazu. Im Bertelsmann Lexikon Verlag wurde zumindest der Kinder-Brockhaus weiterentwickelt und die inhaltliche Substanz der Lexika für Kalender erfolgreich ausgeschlachtet. Die große Brockhaus-Enzyklopädie verkaufte sich nur schleppend. Im BI wurden indessen neue Konzepte entwickelt und dann nicht weiterverfolgt. Ein Beispiel dafür ist der…

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Blogparade: Die "Neuen" – Aus- und Weiterbildung in der Buchbranche

„Willkommen im vierten Lehrjahr!“ mit diesem Satz habe ich gerne meine Azubis nach bestandener Prüfung begrüßt. Wenn ich mich richtig erinnere, waren die meisten von Ihnen  nur mäßig davon begeistert, hatten sich aber nach drei Lehrjahren in meiner Buchhandlung an meine Vorstellung von Humor gewöhnt. Im November 2012 hätten sie sich mit einem herzlichen „Willkommen im 25. Lehrjahr!“ revanchieren können und ich hätte es geliebt! Meine drei Empfehlungen an Berufsanfänger, die sich hinter dem Satz „Willkommen im vierten Lehrjahr!“ verbergen, lauten: Neugier ist die Grundvoraussetzung für ein abwechslungsreiches und inspirierendes Berufsleben. Aus Neugier habe ich im ersten Monat meiner Buchhandels-Ausbildung begonnen, das Börsenblatt zu lesen. Komplett. Inklusive der Beilage „Aus dem Antiquariat“, die es damals noch gab. Verstanden habe ich erst einmal nichts – lauter Namen, die ich nicht kannte und Probleme, von denen ich noch nie was gehört hatte. So erwarb ich mir eine Grundorientierung; ein Gefühl für Zusammenhänge.…

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Der Kinderbuchlotse und ich

Online-Redakteurin, Community-Manager, Online-Buchhändlerin  Die Zeit der eindeutigen Berufsbezeichnung habe ich hinter mir gelassen. Und das ist gut so! Meine Aufgaben beim Kinderbuchlotsen sind vielfältig und wesentlich abwechslungsreicher als meine Tätigkeit im stationären Buchhandel es in den letzten Jahren war. Trotzdem ist es kein radikaler Neuanfang, sondern ich baue auf dem auf, was ich in 25 Jahren Buchhandel gelernt, getan, ausprobiert und erfahren habe. Also fast alles beim Alten? Die Community unterhalten statt Kundenkontakt im Laden? Bücher online präsentieren und inszenieren statt direkt verkaufen? Mit der Presseabteilung reden statt dem Verlagsvertreter zu zuhören? Und das ganze ohne Inventuren am Sonntag und sowieso bei besseren Arbeitszeiten? Dazu noch der Vorteil, das man Blog-Beiträge nicht remittieren muss? Ja! Und nicht nur das: ich erfahre das Phänomen „Buch“ jetzt auf mehr Ebenen als vorher. Dadurch kann ich mich aus alten Sinnzusammenhängen lösen und meine Begeisterung für Bücher, Menschen und Geschichten viel freier leben. Im…

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Kurzbesprechung – Die digitale Gesellschaft – und was Goodreads damit zu tun hat

Ich wollte nur mal kurz dieses Buch besprechen Netzpolitik, Bürgerrechte, die Machtfrage und GoodReads „Die digitale Gesellschaft – Netzpolitik, Bürgerrechte und die Machtfrage“ von Markus Beckedahl und Falk Lüke ist eine grundsolide, sehr gut lesbare Zusammenfassung der aktuellen Diskussionen um Internet und Gesellschaft. Urheberrecht, Online-Petitionen, freier Netz-Zugang, Blogs und Online-Journalismus, LKW-Maut und Gesundheitskarte – es gibt so viele Bereiche in Demokratie und Gesellschaft, die durch das Internet und seine Möglichkeiten berührt und verändert werden. Wer sich selbst zutraut, stets auf dem neuesten Stand der Diskussionen zu sein, braucht dieses Buch nicht. Ich habe es gebraucht. Damit wollte ich die Kurzbesprechung eigentlich beenden. Die Meldung, dass Amazon Goodreads kauft, kam mir dazwischen.  Diese Übernahme bedeutet Marktführerschaft auf einem höheren Level; auf einem Level, das in der Vor-Internet-Zeit nicht möglich war. Jahrelang war koffeinhaltige Brause gleichbedeutend mit Cola. Damit konnte ich leben (und werde heute abend eine Afri-Cola trinken, da die Kneipe keine Fritz-Cola…

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Blogparade: Und was machen Sie so beruflich?

Und was machen Sie so beruflich? Oder warum eindeutige Berufsbezeichnungen auch nicht weiterhelfen. In den letzten 25 Jahren gab es bei mir auf die Frage „Und was machen Sie so beruflich?“ eine einfache, klare Antwort: Buchhändlerin. Darauf gab es, vereinfacht ausgedrückt, drei verschiedene Reaktionsmuster: Während ich jahrelang auf diese Frage eine einfache Antwort geben konnte, veränderte sich mein Beruf. Doch die Antwort blieb die gleiche. Die Warenwirtschaftssysteme wurden eingeführt und die Betriebswirtschaft wurde wichtiger. Die Buchhandlungen wurden größer, die Zentrale gewann an Bedeutung und Betriebswirtschaft fand nur noch dort statt. Das Internet kam und brachte den informierten Kunden mit. Die Ladenöffnungszeiten wurden länger und die Kolleg*innen weniger. Harry Potter erschien, Jugendbücher wurden cool und die Buchhandlung zum Familienzentrum mit Events und Lebensberatung. Der E-Reader machte die Buchhändlerin zur Technikerin und immer noch antwortete ich mit „Ich bin Buchhändlerin“. Wie wenig die Vorstellung meines Gesprächspartners von diesem Beruf mit meiner Realität…

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Blogger-Lebenslauf. Warum ich einen eigenen Buch-Blog haben wollte

In love with a blogger oder die Sache mit dem verlinken

Die Website Buchkarriere hat mich gefragt, wie ich eigentlich Buch-Bloggerin wurde. Das war meine Antwort: „Es gab mal eine Zeit, da hatten Buchhändler und Literaturkritiker die Deutungshoheit über Bücher. Was gibt es, was lohnt sich zu lesen, was ist gut und was nicht … wir Buchhändler gaben Auskunft und der Leser folgte uns. Dann kamen die Buch-Blogger und alles änderte sich. Auf einmal hatten die Kunden andere Informationsquellen. Erst dachte ich, sie meinten ihre Freundinnen wenn sie von Steffi, Ada oder Daniela sprachen. Als ich begriff, das die Informationen aus Blogs kommen, begann ich selbst Blogs zu lesen und stellte fest, das Bloggerinnen tatsächlich so etwas wie beste Freundinnen sind, die ganz überzeugend „Das musst Du gelesen haben!“ ausrufen. Ganz schnell wurde ich Fan und die Begeisterung der Blogger*innen floss in meine Verkaufsgespräche ein. Genauso hatte ich es mit den Leseerfahrungen meiner Freundinnen schon immer gehalten. Keine Buchhändlerin kann alles gelesen haben, was im…

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Alle Blogger verlinken auf Amazon …

Alle Blogger verlinken auf Amazon und Amazon ist pöse … Spätestens mit dem Artikel im Börsenblatt ist unsere Aktion „Blog den Welttag des Buches – Blogger schenken Lesefreude“ im Bewusstsein der Buchbranche angekommen. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten. Wir helfen im Rahmen der Aktion, wo wir können. Aber wir sind weder die Retter des unabhängigen Buchhandels noch die Taskforce von Amazon; wir sind keine Erziehungsanstalt des literarischen Geschmacks und auch nicht das Schwert der Fantasy-Autoren; wir haben den E-Reader im Zug dabei, das Buch mit in der Badewanne und das Hörbuch beim Autofahren; wir lieben die Indie-Verlage genauso wie die großen Häuser und lesen Erstlingswerke mit der gleichen Neugier wie den 6. Band einer Serie. Wir sind Buch-Blogger und eigentlich ist der Umgang mit uns ganz einfach: Gebt uns Bücher, die uns begeistern und wir werden die Begeisterung auf unseren Blogs verbreiten! Doch ich habe den Eindruck, das das Phänomen Buch-Blogger…

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Montagsfrage: Die Lieblingsbuchhandlung

Erzähl doch mal ein bisschen von deiner Lieblingsbuchhandlung! Was für eine harmlose Frage die Paperthin da stellt und für mich doch eine echte Knobelaufgabe. Ich bin Buchhändlerin, ich habe einen ganz speziellen Blick auf Buchhandlungen. Ich finde immer etwas, was mich begeistert und ich finde immer etwas, was sich meiner Meinung nach verbessern ließe. Meine absolute Lieblingsbuchhandlung habe ich noch nicht gefunden – aber es gibt an jeder Buchhandlung etwas, das ich lieb habe. Daher würde ich gerne andersrum beginnen: es gibt zwei Punkte, die eine Buchhandlung disqualifizieren. Schlechte Stimmung im Laden. Fehlende Ansichtsexemplare.  Wenn mich ein Buch interessiert, dann will ich es in die Hand nehmen und darin blättern. Und zwar genau jetzt, in diesem Moment. Und ich will nicht erst zur Buchhändlerin rennen und sie fragen. Und ich will auch nicht das Buch selbst aus der Folie auspacken und den Abfall irgendwo im Regal liegen lassen. Ich will…

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Buchkauf – ganz woanders: Australien

Bücher kommen über Nacht in die Buchhandlung.  Eigentlich ein unglaublicher Luxus, oder? Lediglich Medikamente werden in Deutschland noch schneller geliefert! Über 1,2 Millionen lieferbarer Bücher, die von jeder Buchhandlung besorgt werden können. Lieferzeit meist unter 10 Tagen. Wie sieht das eigentlich in anderen Teilen der Welt aus? Zum Beispiel in Australien? Tina lebt in der australischen Kleinstadt Mudgee und ist eine echte Leseratte; ein Bookworm, wie man in Australien sagt. Wir waren mal Kolleginnen und der Beruf der Buchhändlerin prägt einen für das ganze Leben. Einmal Buchhändlerin, immer Buchhändlerin. Damals haben wir gemeinsam eine der ersten Manga-Abteilungen aufgebaut. Das war die Ära von Mondstein sieg und flieg …Tina flog dann nach Australien und wir verloren uns aus den Augen. Dank Facebook haben wir heute wieder Kontakt und ich damit die Möglichkeit, Tina ein paar Fragen dazu zu stellen, wie sie in Australien an ihre Bücher kommt. Das Land ist groß…

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Montagsfrage von Paperthin

Freitag ist ein guter Tag, um eine Montags-Frage zu beantworten, oder? Letzt habe ich noch rumgealbert, dass ich ja gar keine echte Buch-Bloggerin sei. Ich habe noch nie an einer Challenge teilgenommen und habe auch noch nie ein Buch verlost. Ts, ts, ts … Mit einiger Verspätung, denn der Dezember ist für mich kein Monat, um andere Blogs zu verfolgen, fand ich „Die Montagsfrage“ von Paperthin. Ein guter Anlass für mich, mich in das echte, wahre und einzigartige Blogger-Leben zu stürzen und die Fragen zu beantworten. Was sind deine Leseziele im neuen Jahr? Wie viele Bücher möchtest du lesen? Oder hast du ganz andere Pläne: Ein neues Genre ausprobieren, eine Reihe endlich beenden? Nimmst du an Challenges teil oder lässt du das Lesejahr 2013 einfach auf dich zu kommen? Ein neues Genre ausprobieren ist bei mir kaum möglich, da ich alles lese außer blutrünstigen Krimis. Ich werde auch 2013 offen…

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Günter Faltin – Kopf schlägt Kapital – Rezension

„Kopf schlägt Kapital“ motiviert mich sofort loszulegen und mein eigenes Handelsprojekt zu starten – das kann der Autor Günter Faltin richtig, richtig gut.Einen Ratgeber in Buchform zu verfassen, kann er allerdings nicht so gut. Eine Aneinanderreihung von Kurzvorträgen ergibt leider kein schlüssiges Buchkonzept. So ist redundant noch ein nette Umschreibung. Oder ist es Absicht, weil der Autor davon ausgeht, dass angehende Manager nicht die Zeit haben, ein Buch komplett zu lesen? Für alle eiligen und oder unwilligen Leser mag es eine gute Nachricht sein, dass bei „Kopf schlägt Kapital“ drei beliebige Kapitel genügen, um die Kernaussagen zu erfassen. Ich fand die Wiederholungen und die Beschränkung auf die Kernaussage „Unternehmensgründung aus Komponenten lässt Raum für die richtig gute Idee und allein die ist entscheidend“ ermüdend. Warum habe ich den Ratgeber zur Unternehmensgründung dann doch ganz gelesen? Weil Günter Faltin hervorragend motivieren kann. Frisch, direkt und schwungvoll lenkt er den Blick weg von den Problemen hin zu den Möglichkeiten. Weg…

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