Perfekt, glatt, wirkungslos: Was KI mit unserer Sprache macht.

Was macht KI mit unserer Sprache? Die Frage ist gut und notwendig. Warum haben so viele Texte auf einmal den gleichen Aufbau, die gleichen Stil-Figuren und die gleichen Emojis? Weil KI imitiert und so formuliert, wie es rein mathematisch am wahrscheinlichsten ist. So entstehen normschöne Sätze, die im Rahmen des Üblichen durchaus brillieren. Originell sind sie nicht, aber sie funktionieren. Doch warum übernehmen Menschen diese Sätze eins zu eins für ihre ganz persönlichen Beiträge in Social Media? Pressesprecher für ihre Unternehmenskommunikation? Marketing-Manager für ihre Produkttexte? Blogger*innen für ihre Rezensionen? Und was passiert mit unserer Kommunikation, wenn wir sie der KI überlassen?Das sind für mich die wichtigeren Fragen. Definitiv kein Prompt-Ratgeber Daniel Caroppo beschäftigt sich mit genau solchen Fragen. Welche Gedankengänge sie bei ihm auslösen, können wir in seinem Buch „Perfekt. Glatt. Wirkungslos. Was KI mit unserer Sprache macht und wie wir wieder wirksam kommunizieren“ beobachten. Aufbau und Schreibstil widersetzen sich…

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Demokratie beginnt vor Ort: Gute Politik – was wir dafür brauchen.

Ich habe lange gezögert, ob ich das Buch „Gute Politik. Was wir dafür brauchen.“ von Peter Kurz wirklich lesen möchte. Meine Befürchtung war, dass es zu theoretisch sein könnte und eher für Verwaltungsfachleute geschrieben wurde. Doch der Ex-Oberbürgermeister meiner Heimatstadt Mannheim richtet sich einfach an alle engagierten Bürger*innen. An Menschen, für die ihre Stadt mehr ist als der Ort, an dem sie arbeiten, einkaufen und schlafen. Vor allem schreibt er für Menschen, die eine Ahnung haben, dass die Orte, an denen wir uns im Alltag begegnen, die Keimzellen der Demokratie sind. Hier handeln wir aus, wie wir miteinander leben wollen. Um das zu ermöglichen, braucht es handlungsfähige, zukunftsorientierte Städte und Kommunen. Viele der Gesetze kommen zwar vom Bund. Doch umgesetzt werden sie vor Ort. Dort erleben die Menschen, ob die Politik funktioniert. Das gilt für alle großen Themen wie Klimawandel, Bildung, Migration, Wohnen, Mobilität, Gesundheit oder die Bewahrung der Demokratie.…

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Du musst gar nichts: den Selbstoptimierungswahn elegant umschiffen

Ich muss, ich muss, ich muss gar nichts. Den Song von Antje Schomaker hatte ich bei der Lektüre von Martin Brunners „Du musst gar nichts. Für alle, die nicht mehr mitmachen wollen“ sofort im Ohr. In 54 kurzen Kapiteln hinterfragt der Autor alles, was man angeblich so tun muss: Interessant und schön sein, an Challenges teilnehmen, zu allem eine Meinung haben, für seine Arbeit brennen, Ziele haben, die Welt retten und ewig leben. Im Kapitel „Ich muss nicht meine Komfortzone verlassen“ liest sich das so: Und das nervtötendste Mantra dieser Optimierungskultur lautet: Verlasse deine Komfortzone. Als wäre unser ganzes Leben ein schlecht gelauntes Bootcamp, in dem man ständig beweisen muss, wie viel Unannehmlichkeit man aushält, um ein wertvoller Mensch zu sein. Martin Brunner – Du musst gar nichts. Seite 19 Denn die Ironie ist ja, dass uns das Leben sowieso ständig aus unserer Komfortzone hinausbefördert. Niemand von uns kann durchgehend…

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Stadtwildpflanzen. 52 Ausflüge in die urbane Pflanzenwelt

Knöterich, Berufkraut, Platane. Was haben diese drei Pflanzen gemeinsam? Sie sind alle drei recht zuverlässig in europäischen Städten anzutreffen. Sie sind Stadtwildpflanzen und Autor Jonas Frei bringt sie uns in 52 Ausflügen nahe. Damit schickt er uns vor unsere Haustür und lädt uns ein, dort genau hinzuschauen. Nur das Buch können wir nicht mitnehmen, denn der wunderschön gestaltete, gut 300 Seiten starke Bildband hat zwar mit 14.8 cm x 21 cm ein kompaktes Format, wiegt jedoch fast ein Kilo. Aber wer die Hände frei hat, kann besser schauen! Urbane Pflanzenwelt: Wildpflanzen, die unsere Städte erobern Und es gibt viel zu entdecken. Die Stadt als Naturraum – das klingt zunächst paradox. Doch Jonas Frei, Landschaftsarchitekt und Stadtökologe aus Zürich, zeigt, dass gerade urbane Räume zu überraschend vielfältigen Lebensräumen geworden sind. Während Wildpflanzen im intensiv bewirtschafteten Umland verdrängt werden, finden sie in Asphaltfugen, auf Baubrachen und entlang von Bahntrassen neue Nischen. Das…

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Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik

Was passiert, wenn Fender auf Gender trifft? Eine geniale Frage. Kersty und Sandra Grether sind die richtigen, um sie zu beantworten. Weniger, weil sie als die berühmtesten Pop-Feministinnen Deutschlands gelten (sagt Birgit Fuß, Rolling Stone Germany). Sondern weil sie leidenschaftliche Musik-Fans, Musik-Journalistinnen, Musikerinnen, Label-Betreiberinnen und noch viel mehr sind. Sie leben Musik und Popkultur und Feminismus. Doch anders als so viele männliche Musik-Nerds steht bei ihnen die Vermittlung von Wissen und die Ermutigung, selbst mitzumischen, im Vordergrund. Wer jetzt an die Riot Grrrls denkt, liegt richtig. Dementsprechend ist ihr Buch „Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik“ ausgefallen. Es ist nerdig, empowernd, überraschend. Es ist lexikalisch und essayistisch, analytisch und subjektiv. Doch eines ist es immer: fair. Das haben die Autorinnen so vielen männlichen Kollegen voraus: Sie sind genauso meinungsstark, haben aber eine andere Art, über Musik zu schreiben – wertschätzend, analytisch, fest im eigenen Erleben verwurzelt und dabei immer mit…

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Nerd Girl Magic. Noch genauer: Nrrd Grrrls

Die ersten Nerds, die mir begegnet sind, waren die Perry Rhodan Fans in meiner Klasse. Alles Jungs. Später folgten die Musik-Nerds. Mädchen wie ich versuchten, mitzuhalten. Das führte zu meiner ersten Begegnung mit den Gatekeepern. Jungs, die bestimmen wollten, was niedliche Schwärmerei und was echtes Fandom ist. Mädchen = Schwärmen = muss Mann nicht ernst nehmen. Wirklich darüber nachgedacht habe ich nicht, sondern lieber weiter Musik entdeckt. Bewusst wurde mir der Mechanismus Jahre später beim anerkennenden Nicken eines WOM-Mitarbeiters, der durch seinen Job und seine Arbeit als Musikjournalist der personifizierte Gatekeeper war: „Hätte nicht gedacht, dass du so etwas (Geniales) hörst.“ Meine Reaktion lag wahrscheinlich irgendwo zwischen Schulterzucken, hochgezogener Augenbraue und Lachen. Lachen hilft ja immer. Was ich daran lustig fand, hätte er eh nicht verstanden: Es ging um die Band Monster Magnet, die ich musikalisch gut und erfrischend, aber ihre überzogene Männlichkeit einfach nur amüsant fand. Und ihn durch…

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Von Spinnen und Menschen. Eine verwobene Beziehung

Ich mag Spinnen. Als Kind konnte ich tote Spinnen anfassen und lebende Spinnen über meine Hand laufen lassen. Ein wenig ging mir das verloren. Heute zögere ich und bedauere das gleichzeitig sehr.Der Autor Jan Mohnhaupt schreibt über beide Seiten, über die Lebensweise der Arachniden und über unseren Blick auf diese Tiere. Biologie und Kulturgeschichte gehören für ihn zusammen. Verbunden wird beides durch die Faszination, die Spinnen ausüben. Denn wirklich neutral verhält sich kaum ein Mensch bei diesem Thema. Die Spinne, die fast bei uns wohnte Die erste Spinne, die ich bewusst über einen längeren Zeitraum beobachtet habe, hatte ein Netz vor unserem Küchenfenster. Meine Mutter entschied, dass sie bleiben darf. Wir nannten sie Thekla, nach der Spinne aus der Zeichentrickserie Biene Maja, und freuten uns über jede Stechmücke, die sich im Spinnenetz verfing. In meiner Erinnerung wohnte Thekla lange bei uns. Aber wahrscheinlich gab es viele Theklas und dadurch deutlich…

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Reisen in Gedanken: Literarisches Lothringen

In den letzten Wochen bin ich in Gedanken durch Lothringen gereist. Ich habe von Städten, wie Plombières les Bains erfahren, in denen ich noch nie war. An Metz, Nancy und Lunéville habe ich neue Seiten entdeckt. Und für Orte, zu denen ich bisher keinen Zugang fand wie Géradmer und Saint Dié des Vosges, habe ich Erklärungen gefunden, warum das so ist. Meist, aber nicht immer, lautet sie: Krieg und Entvölkerung, Zerstörung und Wiederaufbau.Denn über Lothringen zu schreiben bedeutet auch, über deutsch-französische Verhältnisse zu schreiben. Über Vorurteile und Nichtwissen, über Feindschaft und Versöhnung. Doch vor allem schreibt Stefan Woltersdorff über das menschliche Bedürfnis, eine Heimat zu haben, und über die Faszination des Reisens. Dafür lässt er einheimische Schriftsteller*innen beider Sprachen ebenso zu Wort kommen wie Touristen und historische Persönlichkeiten. Er zitiert aus Büchern, Tagebüchern und Zeitschriften. So wurden zahlreiche bekannte und weniger bekannte Autoren und Autorinnen aus unterschiedlichen Epochen, Ländern, gesellschaftlichen…

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Wegweiser durch eine Welt im Wandel: Alles überall auf einmal – unser neues Leben mit KI

Als ich »Alles überall auf einmal. Wie Künstliche Intelligenz unsere Welt verändert und was wir dabei gewinnen können« im Frühjahr las, war das Sachbuch schon über ein Jahr alt. Da stellt sich sofort die Frage: Lohnt sich das bei einem so aktuellen Thema wie KI? Wurde das Buch nicht längst von neuen Entwicklungen überholt?Nein, wurde es nicht. Die Lektüre lohnt sich, denn wer KI nicht nur nutzen, sondern auch verstehen will, braucht ein solides Wissensfundament. Genau diese Grundlagen liefern Miriam Meckel und Léa Steinacker – ganz unaufgeregt und sehr fundiert. Allein das war schon eine Wohltat in dem aktuellen Hype voller Get-rich-fast und wir-bauen-uns-eine-neue-Welt und Panik-vor-Tech-Milliardären Vibes. Miriam Meckel und Léa Steinacker sind fasziniert von KI und treten genau deswegen erst einmal einen Schritt zurück. Denn von dort aus hat man einen besseren Blick! Den lassen sie schweifen und schauen sich wirklich alles an: die Grundlagenforschung, die zu den jetzigen…

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Die verborgene Tierwelt unserer Städte

Der Anfang täuscht. Was mit einer toten Kakerlaken beginnt, wird schnell sehr lebendig. Ein Jahr lang muss es der Biologe Marco Granata aus beruflichen Gründen in der Großstadt aushalten. Häusermeere, Beton, viele Menschen, wenig Grün – für ihn, der sonst in der Nähe der Berge lebt, eine lebensfeindliche Umgebung. Doch es kommt anders. Ein bisschen zumindest.Ausgehend von der toten Kakerlake beginnt er, Insekten in der Wohnung zu erforschen. Von dort geht es auf den Balkon zu den Schmetterlingen und weiter zu den Vögeln. Seine Kreise werden größer. Säugetiere wie Eichhörnchen und Füchse folgen. Bis er schließlich am Stadtrand ankommt, wo die Stadt in die Natur übergeht. Ich fand das Buch »Die verborgene Tierwelt unserer Städte« immer dann besonders stark, wenn der Autor seine Sicht auf die urbane Wildnis reflektiert. Zunächst verschleiert ihm die Sehnsucht nach den heimatlichen Bergen den Blick. Doch er entschließt sich, die Natur der Städte so zu…

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Interozeption entschlüsselt: Was geschieht, wenn Körper und Gehirn sich gegenseitig zuhören

Den Begriff Interozeption hatte ich zuvor nie gehört. Er bezeichnet die Fähigkeit, Körpervorgänge bewusst wahrzunehmen. Dazu gehören Atmung, Herzfrequenz und Verdauung, aber auch Körperspannung und Energielevel – eben einfach alles, was in uns vorgeht. Das sind sozusagen die Rohdaten. Das Gehirn hat das Gegenstück dazu, die Erfahrungswerte. Beides zusammen mündet in einer Interpretation der aktuellen Lage plus einen Handlungsimpuls. So ergibt sich aus dem Druck auf der Blase die Entscheidung, die nächste Toilette zu suchen. Doch Fehlinterpretationen sind häufig. Das flaue Gefühl im Magen kann Hunger oder Nervosität sein. Vielleicht hat der Schwindel etwas mit der Halswirbelsäule zu tun oder ist der Vorbote einer Migräne. Vielleicht sollte ich aber auch einfach nur ein Glas Wasser trinken. Doch es geht nicht nur darum, Körpervorgänge zu spüren und die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Eine erhöhte Herzfrequenz kann ein Alarmzeichen sein. Unruhe und Anspannung sind die Folge. Das Zusammenspiel von Körper und Gehirn…

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Urlaub verändert die Gesellschaft: eine Geschichte des Tourismus

War der erste Pauschaltourist ein Pilger auf der Reise nach Jerusalem? Das ist nicht so abwegig, wie es zunächst klingt. Viele Pilger hatten schon im Mittelalter einen Reiseleiter, einen Schiffskapitän. Er beschaffte ihnen die nötigen, meist teuren Geleitpapiere, kümmerte sich um sichere Herbergen und sorgte dafür, dass seine Reisegruppe ihr Ziel auch fand. Somit sind die mittelalterlichen Pilgerfahrten eine der Wurzeln dessen, was wir heute als Pauschalurlaub bezeichnen. In »TraumZeitReise. Eine Geschichte des Tourismus« benennt Hasso Spode noch weitere solcher Wurzeln. So führte die Naturverherrlichung der Romantiker dazu, dass aus dem lebensfeindlichen Hochgebirge ein Sehnsuchtsort wurde. Und die »Grand Tour« junger Adliger, aus der vielleicht das Wort Tourist entstand, ist die Blaupause für die Reisen des Bildungsbürgertums. All das führte zu Phänomenen wie die Erfindung des Reiseführers oder der Gründung von Fremdenverkehrs- und Wandervereinen. Aus der Entdeckung der Sommerfrische wurde ein Aufschwung der Seebäder, was wiederum das Leben der bürgerlichen…

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