Wie wird aus einem Ein-Raum-Museum ein lebendiger Ort? Das Literaturmuseum Augusta Bender in Schefflenz macht es vor

Damit ein Museum ein lebendiger Ort ist, braucht es Ideen. Das gilt für alle Museen der Welt. Aber für eines, das sich in Schefflenz, einem kleinen Dorf mit knapp 4000 Einwohnern im Odenwald, befindet, um so mehr. Wenn das Hauptthema des Museums dann noch Augusta Bender ist, eine Schriftstellerin, von der kaum jemand etwas gehört hat, erst recht. Das Literaturmuseum Augusta Bender ist so ein lebendiger Ort. Wie konnte das gelingen? Es erzählt das Leben der Augusta Bender packend nach und bietet dabei viele Anknüpfungspunkte. Menschen, die an Heimatgeschichte interessiert sind, Literaturinteressierte, Feministinnen, Odenwald-Touristen, Kinder und Jugendliche, die wissen wollen, wie man früher lebte oder einfach nur Menschen, die ungewöhnliche Biografien lieben – für sie ist das Museum bestens geeignet. Denn es bietet sehr viele unterschiedliche Einflugschneisen, Möglichkeiten, mit seinem eigenen Leben an damals und an die Lebensgeschichte von Augusta Bender anzuknüpfen. Obwohl das Museum nur einen großen Raum belegt…

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Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik

Was passiert, wenn Fender auf Gender trifft? Eine geniale Frage. Kersty und Sandra Grether sind die richtigen, um sie zu beantworten. Weniger, weil sie als die berühmtesten Pop-Feministinnen Deutschlands gelten (sagt Birgit Fuß, Rolling Stone Germany). Sondern weil sie leidenschaftliche Musik-Fans, Musik-Journalistinnen, Musikerinnen, Label-Betreiberinnen und noch viel mehr sind. Sie leben Musik und Popkultur und Feminismus. Doch anders als so viele männliche Musik-Nerds steht bei ihnen die Vermittlung von Wissen und die Ermutigung, selbst mitzumischen, im Vordergrund. Wer jetzt an die Riot Grrrls denkt, liegt richtig. Dementsprechend ist ihr Buch „Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik“ ausgefallen. Es ist nerdig, empowernd, überraschend. Es ist lexikalisch und essayistisch, analytisch und subjektiv. Doch eines ist es immer: fair. Das haben die Autorinnen so vielen männlichen Kollegen voraus: Sie sind genauso meinungsstark, haben aber eine andere Art, über Musik zu schreiben – wertschätzend, analytisch, fest im eigenen Erleben verwurzelt und dabei immer mit…

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Nerd Girl Magic. Noch genauer: Nrrd Grrrls

Die ersten Nerds, die mir begegnet sind, waren die Perry Rhodan Fans in meiner Klasse. Alles Jungs. Später folgten die Musik-Nerds. Mädchen wie ich versuchten, mitzuhalten. Das führte zu meiner ersten Begegnung mit den Gatekeepern. Jungs, die bestimmen wollten, was niedliche Schwärmerei und was echtes Fandom ist. Mädchen = Schwärmen = muss Mann nicht ernst nehmen. Wirklich darüber nachgedacht habe ich nicht, sondern lieber weiter Musik entdeckt. Bewusst wurde mir der Mechanismus Jahre später beim anerkennenden Nicken eines WOM-Mitarbeiters, der durch seinen Job und seine Arbeit als Musikjournalist der personifizierte Gatekeeper war: „Hätte nicht gedacht, dass du so etwas (Geniales) hörst.“ Meine Reaktion lag wahrscheinlich irgendwo zwischen Schulterzucken, hochgezogener Augenbraue und Lachen. Lachen hilft ja immer. Was ich daran lustig fand, hätte er eh nicht verstanden: Es ging um die Band Monster Magnet, die ich musikalisch gut und erfrischend, aber ihre überzogene Männlichkeit einfach nur amüsant fand. Und ihn durch…

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Alles ist seltsam in der Welt – eine Annäherung an die Schriftstellerin Gertrud Kolmar

Eine Biografie zu lesen, bei der ich genau weiß, dass das Leben tragisch endete, kostet mich immer etwas Überwindung. Gertrud Kolmar starb viel zu früh und hatte viel zu wenig Gelegenheit, zu schreiben. Sie wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Als ich als junge Frau ihre Lyrik für mich entdeckte, wusste ich das zunächst nicht. Ich nahm sie zuerst als sehr freie, sinnliche und manchmal auch wilde Stimme wahr. Ein Gedicht, das ich so häufig las, dass der Gedichtband sich heute von alleine an dieser Stelle aufschlägt, beginnt so: Ich will die Nacht um mich ziehn als ein warmes Tuch führt uns Zeilen später weiter zu Mann, ich träumte dein Blut, ich beiße dich wund,Kralle mich in dein Haar und sauge an deinem Mund. und endet nach vielen weiteren beeindruckenden Bildern mit Und bin eine kleine Speise in einem Becher von Nacht. Gertrud Kolmar, Verwandlungen Was war das nur für eine…

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Kunst ist weiblich! Die Kunstgeschichte von der ersten Bildhauerin über Artemisia Gentileschi bis Yoko Ono und darüber hinaus

Ein chronologischer Streifzug durch die Kunstgeschichte von der Renaissance bis heute – dieses Buch hätte sehr trocken sein können. Ist es aber nicht! Denn die Kunsthistorikerin Dr. Carla Heussler kann fesselnd erzählen. Obwohl sie die Lebensläufe und das Werk von Künstlerinnen quer durch alle Epochen nach einem immer gleich bleibenden Schema präsentiert, kommt keine Langeweile auf. War es der Künstlerin möglich, eine Ausbildung zu erhalten – und wenn ja: Wie gut war diese? Wie waren ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen? Gelang es ihr, auszustellen, Werke zu verkaufen und vielleicht sogar von ihrer Kunst zu leben? Hat sie geheiratet, eine Familie gegründet? Konnte sie danach weiterhin als Künstlerin tätig sein? Oder brach sie soziale Tabus und wählte einen ganz anderen Lebensweg? Ergänzt werden die Kurzbiografien von Künstlerinnen durch prägnante Beschreibungen der Epochen. Dabei geht die Autorin nicht nur auf die Kunstgeschichte ein, sondern auch auf die gesellschaftliche Stellung der Frau in der…

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Was wäre, wenn das Patriarchat in Therapie gehen würde?

Da liegt ein Buch auf meiner Couch und es ist gut: »Wenn das Patriarchat in Therapie geht« von Katharina Linnepe ist buchgewordene Schwesternschaft. Mit Humor, klugen Analysen und vielen Fakten stärkt sie allen Frauen und FLINTA-Personen den Rücken. »Es liegt nicht an dir, my dear – es ist das System«. Genau dieses System, das Patriarchat, hat Therapiestunden gebucht. Es macht sich Sorgen um sein Image, das durch all diese – in seinen Augen lächerlichen – Kampagnen zur Gleichberechtigung und zur Förderung der Diversität Schaden gelitten hat. Ob die Therapeut*in da nicht was machen könne? Es folgen höchst amüsante Therapiesitzungen, an die sich immer eine faktenreiche Analyse der gesellschaftlichen Situation anschließt. Meine liebste Passage dreht sich um den Versuch einer Familienaufstellung. Der Patriarch weigert sich, diese mit den Stoffpuppen aus der Praxis durchzuführen. In der nächsten Sitzung bringt er He-Man und andere Actionfiguren mit. Natürlich in Originalverpackung, denn dann sind sie…

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Wie haben Sie das gemacht? 50 Fotografinnen, die Geschichte schrieben, und ihre Techniken

Was haben Anna Atkins, Anja Niedringhaus und Cindy Sherman gemeinsam? Sie gehören zu den „Frauen, die die Fotografie verändert haben“. So lautet der Titel des Bildbands von Gemma Padley, in dem sie 50 Fotografinnen auf je vier Seiten vorstellt. Sie zeigt immer ein Porträtfoto, dem sie einen Text gegenüberstellt, in dem sie auf den Werdegang der Fotografin und das Besondere ihres künstlerischen Schaffens eingeht. Die Informationsdichte ist hoch. Biografie, gesellschaftspolitische Aspekte, Entwicklung als Künstlerin, Bedeutung und Rezeption des Werks – das sind viele Fakten für eine Seite Text. Doch auf der nächsten Doppelseite geht es dann sehr luftig zu. Gemma Padley zeigt ein typisches Bild der Fotografin und erläutert die Technik dahinter. Bildaufbau, Licht, Blende, Setting werden erklärt und die Leser*innen ermuntert, das selbst auszuprobieren. Das von jeder Künstlerin nur zwei Bilder gezeigt werden, ist verständlich, aber schade. Mir war das zu wenig, weswegen ich ständig das Handy in der…

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Weise, wild und weiblich: Female Empowerment von Hestia bis Kali

Göttinnen, Hexen, Kraftorte – das sind Themen, zu denen seit Jahrzehnten in Wellen immer wieder neue Bücher veröffentlicht werden. Interessant finde ich, dass jedes Mal eine leicht andere Herangehensweise gewählt wird, die stets zum Zeitgeist passt. 80er-Jahre-Feminismus, kulturhistorisch, literarisch, pseudo-wissenschaftlich – insbesondere über Göttinnen habe ich schon alles Mögliche gelesen. Das meiste davon mit Vergnügen und Gewinn: Weibliche Vorbilder und Heldinnen kann es für mich und mein feministisches Herz nie genug geben! „Weise, wild und weiblich. Erwecke die Göttin in dir“ von Tala Mohajeri passt bestens in diese Reihe hinein. Dieses Mal werden die Göttinnen im Mantel von female Empowerment präsentiert: Archetypen, an denen wir uns orientieren können, und die uns helfen, in unsere Mitte und Kraft zu kommen. Tala Mohajeri erzählt nicht nur niederschwellig, sondern auch lebhaft und plastisch. Das kam meinem Kopfkino sehr entgegen. Jedes Kapitel beginnt mit einer Einführung in die Mythologie, gefolgt von einem eher poetisch-atmosphärischen…

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Mit der Hitze kam die Werwölfin: Silver Moon

Was wäre, wenn die Energie der Hitzewallungen in den Wechseljahren etwas Unerwartetes mit sich bringen würde? Wenn die Hitze das Wilde, Ungezähmte hervorbrechen lässt? Wenn die hormonellen Veränderungen tatsächlich einen neuen Lebensabschnitt einleiten? Becca Thornton, Heldin des Fantasy-Romans „Silver Moon“ von Catherine Lundoff, erlebt genau das. Weil ihr Mann sie wegen einer Jüngeren verlassen hat und jetzt das Haus verkaufen will, muss sie sich neu im Leben orientieren. Doch als sie in einer Vollmondnacht das von einer Hitzewallung gerötete Gesicht mit kaltem Wasser kühlen will, sieht sie im Spiegel etwas, was sie irritiert: goldene Augen und Fell. Was nun folgt, ist ein Fantasy-Roman der anderen Art, der mir viel Lesevergnügen geschenkt hat. Handwerklich gut geschrieben und bestens übersetzt kommt die Geschichte mit der für mich genau passende Mischung aus Trash, Action, Plot-Twists, Frechheiten und einer dezenten Liebesgeschichte daher. Von allem etwas – aber nichts zu viel. In der Kleinstadt irgendwo…

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Künstlerinnen in New York

Eine Autorin begleiten, wie sie Kunst von Frauen in New York entdeckt. Skulpturen, Ausstellungen, Bilder die eines gemeinsam haben: Ich kann sie nicht dort erleben, wo Stephanie Hanel sie erlebt hat. Was sie sah, werde ich so nie zu sehen bekommen. Warum fand ich dann die Lektüre so faszinierend, wohltuend und bereichernd? Wer mir auf Instagram folgt weiß, dass Museen mein zweites Wohnzimmer sind. Das begann in meinen Teenie-Jahren und zieht sich bis heute durch. Warum das so ist, habe ich immer noch nicht wirklich ergründet. Sicher ist, dass Begegnungen mit Kunst für mich ein Safe Space sind. Ein Ort, an dem ich zur Ruhe komme, zu mir finde, wachsen und heilen kann. Im Real Life habe ich eine Kunstkomplizin, eine Freundin, mit der ich durch Ausstellungen streune, staune, albere. „Künstlerinnen in New York“ ist eine Freundin, eine Kunstkomplizin in Buchform. Mit diesem Buch kann ich all das auch erleben…

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Geteilte Nächte: Erotiken des Surrealismus

Es hat immer seinen ganz eigenen Reiz, Männer zu beobachten, die um ihre Schwanzspitze kreisen. Damit könnte ich meinen Blog-Beitrag zu „Geteilte Nächte – Erotiken des Surrealismus“, diesem eigenwilligen Lesevergnügen, bereits beenden. Auch wenn Quickies reizvoll sein können wäre das selbst für mich zu kurz. Da geht es also schon los. Obwohl Frauen in den erotischen Fantasien der surrealistischen Männer erstaunlich wenig präsent sind – häufig nur als einzelne Körperteile, Erfüllungsgehilfinnen oder ferne Sehnsucht – wecken die Miniaturen auch bei einer Leserin Assoziationen. Manche davon werden privat bleiben. So, wie auch manches aus diesem Büchlein besser privat geblieben wäre. Aber die Träume und literarischen Versuche wurden nun mal ausgebreitet. In seltenen Momenten entstand dabei Poesie oder Texte, die nachhallen. Doch das war ja auch nie die Absicht. Das Beste, was man meiner Meinung machen kann, ist, das Büchlein als Einladung zu betrachten, selbst wild und frei zu assoziieren und zu…

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Sommer, Frauen und das Leben: die Geschichte zur Playlist

Damals, als Schülerin, habe ich jeden Sommer ein Mixtape zusammengestellt. Dabei ging es mir nie um die besten Songs des Jahres, sondern um die, die meine Stimmung in diesem speziellen Sommer perfekt ausdrückten. Weswegen das Mixtape auch „Dr. Sommer“ hieß. Die Herausforderung war dabei immer, die musikalische Bandbreite in eine halbwegs vernünftige Reihenfolge zu bringen: Violent Femmes mit Les Negresses Vertes, The Cure mit Siouxsie, Metallica mit Spermbirds und zwischendrin Dance und Pop – aber das bitte alles auf einer 90er-Musikkassette. Mangels Kassettendeck und auf Grund des sicheren Wissens, dass diese Kassetten heute leiern würden, habe ich sie vor einigen Jahren in die Tonne getreten. Vorher habe ich die Songs auf Spotify gesucht und war selbst verblüfft, dass ich so gut wie alles gefunden habe. Ein paar lokale Bands wie Schwefel fehlten, aber deren Musik hatte ich auch auf Vinyl. Loslassen fiel also leicht – und neu anfangen! Mein neues…

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