Space Opera: Letzter Platz = Planetentod!

Emphatisch oder nicht – diese Frage kann über Leben und Tod entscheiden. Denn immer, wenn die intergalaktische Gemeinschaft eine neue Spezies entdeckt, ist genau das die Schlüsselfrage. Nur empathische Zivilisationen dürfen bestehen. Alle anderen werden ausgelöscht. Entschieden wird das durch einen Song Contest. Landen die Neuen auf dem letzten Platz, wird der Planet vernichtet. Das ist einfacher, als sich irgendwann später mit ihnen im Krieg zu befinden – und macht auch mehr Spaß. Denn der »Metagalaktische Grand Prix« ist ein bunt schillerndes Mega-Event, das die ganze Galaxie begeistert. »Empfindet ihr genug Empathie und Sehnsucht und Verzweiflung, um in vierstimmigen Harmoniegesang in die Leere hinauszurufen in der Hoffnung, dass euch jemand hört? Habt ihr genug Gehirnschmalz und Feinmotorik und ästhetisches Gespür, das beim Anblick von Federn und Steinen … vor eurem inneren Auge bereits Kleider, Schleier und Plateauschuhe entstehen? … Habt ihr Soul?«Zitat aus „Space Opera! von Catherynne M. Valente –…

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Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt: Spinnen, Nutella und der Male Gaze

Ich mag absurde Geschichten und ich mag Spinnen. Also hätte mich der Science- Fiction-Roman »Spaceman of bohemia. Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt« begeistern müssen. Hat er aber nicht. An der Story lag das nicht. Ein Mann auf einer Mission im Weltall begegnet einem spinnenähnlichen Alien. Man nimmt Kontakt auf, kommt ins Gespräch. Das Alien, das alles über die Menschen und ihre Psyche wissen will, entdeckt die Nutella-Vorräte und leert sie. Derweil merkt die Ehefrau des Raumfahrers auf der Erde, dass sie sich schon längst von ihrem Mann entfremdet hatte, und trennt sich. Worauf der einsame Astronaut noch mehr psychotherapeutischen Gesprächsbedarf hat. Eindeutig ein tolles Setting, das viel Raum für Überraschungen bietet. Aber … Die Ehefrau ist vor allem begehrenswert. Ihre wichtigste Funktion besteht darin, die Handlung voranzutreiben. Dafür braucht sie keine Entwicklung. Sie bleibt geheimnisvoll, wie Frauen halt angeblich nun mal sind. Beweis: Auch die Mutter des Astronauten war…

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Parts Per Million. Keine Wohlfühllektüre und deswegen gut!

Am liebsten würde ich mich bei der Besprechung von „Parts per million“ von Theresa Hannig auf einen Nebenaspekt der Handlung konzentrieren. Die Protagonistin Johanna Strohmann ist Autorin. Ausgerechnet sie bringt die nötigen Skills mit, um die Klimaschutz-Bewegung auf das nächste Level zu heben. Ihr Werkzeug: das Buch, an dem sie gerade schreibt, sowie gute Geschichten, Storytelling und Wissen, wie die Aufmerksamkeitsökonomie funktioniert. Damit unterstützt sie Klima-Aktivist*innen und radikalisiert sich dabei zunehmend selbst. Geschichten aus und über die Buchbranche – damit würde ich mich wohl fühlen und die Rezension ginge mir leicht von der Hand. Aber Theresa Hannig hat kein Buch geschrieben, mit dem sich die Lesenden wohl fühlen sollen, sondern eines über die Folgen des Klimawandels. Eine gründliche und scharfe Analyse, warum so viele Menschen den vermeintlich bequemen Weg des „Ist ja nur Wetter“, des „Ich kann da eh nichts machen“ und des „Wird schon gut gehen“ wählen – und…

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Wenn die KI ein Fall für die Inquisition ist: Athos 2643

Alles in dieser Geschichte ist logisch und doch ist nichts so, wie es scheint. „Athos 2643“ von Nils Westerboer ist einmal das, was dem Genre Science-Fiction besonders liegt: ein philosophisches Gedankenexperiment. Es ist aber auch ein KI-Thriller und ein klassischer whodunit-Krimi. Zugleich überrascht der Roman mit witzig-skurrilen Details und Gags. Das kann nur funktionieren, weil der Autor seinen Plot unglaublich verdichtet und mit beeindruckender innerer Logik zusammenhält. Auf Athos, einem kleinen Neptunmond, stirbt ein Mönch. Rüd Kartheiser, Inquisitor und Spezialist für lebenserhaltende künstliche Intelligenzen, ermittelt. An seiner Seite: seine Assistentin Zack. Schön, intelligent und bedingungslos gehorsam. Ein Hologramm.Website des Verlags Trotzdem hat mich „Athos 2643“ kurz vor dem zweiten Mord verloren. Denn die Handlung beginnt mit wunderbar skurrilen Szenen auf einem Weltraumflughafen und wandelt sich dann in Richtung Mitrate-Krimi. Oder auch nicht – weswegen mich das Buch dann doch nicht als Leserin verloren hat. Denn immer wieder werden moralische und…

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Ace in Space: Wenn das Buch eine Playlist braucht

Ich tue es schon wieder und beginne diesen Blog-Beitrag mit einem großen „Ich“. Tun wir Buch-Bloggerinnen angeblich so gerne. Ich lese auch meist mit dem Smartphone griffbereit in der Nähe. Noch so ein Klischee. Aber bei diesem Buch war es zwingend nötig, denn es verlangte nach Musik. Schmutziger Rock für die Szenen, die im Lager der Weltraumpiloten-Gang spielten. Trotz des Buchtitels „Ace in Space“ habe ich mich nicht für Motörhead, sondern für Nashville Pussy entschieden. Ich brauchte was mit Frauenpower, das gut zu der Queen der Gang passte, der deutlich anzumerken ist, dass sie schon länger wild und frei lebt. Heldinnen im (nahezu) Rentenalter sind selten. Ich habe sie gefeiert.Abgespaceten Techno bitte für die Flüge durchs Wurmloch. Etwas mit Weltmusik-Anklängen für die Siedler, die mit Selbstversorgung und Handel versuchen, sich ein minimalistisches, aber gutes Leben aufzubauen. Dann brauchen wir noch Musik mit Wumms für Luftkämpfe und Flug-Stunts. Und was nehmen…

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Neongrau

Neongrau – in dieser Wortschöpfung steckt schon alles, was den SF-Roman von Aiki Mira auszeichnet. Kühle Technik, poetische Sehnsucht und das Ausloten von Zwischentönen. Aber auch der starke Wille, etwas Neues zu erschaffen – zum Beispiel ein besseres Leben. Für sich, für nahestehende Menschen, für alle. Das halb abgesoffene Hamburg im Jahr 2112 ist eine unschöne, aber logische Weiterentwicklung der Welt von heute. Doch das Leben geht weiter. Die Wohnungen haben Fluttüren, es gibt ein paar Fähren mehr. Ratten mutieren. Die Kommentare auf Social Media sind immer noch toxisch, weswegen das Miteinander in privaten Chats gelebt wird. Das Bedürfnis nach Flucht aus dem Alltag ist groß. Gaming Events füllen die Stadien und die Subkultur trifft sich in leerstehenden Häusern und halb unter Wasser stehenden Tunneln. Die Gesellschaft ist diverser geworden und bleibt doch den alten Vorurteilen verhaftet. Mittendrin Jugendliche, die zu einer Clique zusammenwachsen könnten, eine Familie, die keine mehr…

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Zurück ins Wasteland: Laylayland von Judith und Christian Vogt

Bei Buchserien kann ich gnadenlos sein: Ich lese sie fast nie weiter. Selbst dann nicht, wenn mich beim ersten Band Sprache und Weltenbau überzeugt haben. Warum soll ich mich an diese eine Buchwelt fesseln? Es gibt doch noch so viele andere! Ich bin Poly-Leserin, immer bereit für eine neue Buchliebe. Dass ich also Laylayland, die Fortsetzung zu Wasteland, unbedingt lesen wollte, sagt schon alles. Dabei bescherte mir der erste Band Albträume. Zu beklemmend waren die Bunkerszenen für mich. Auch das apokalyptische Szenario machte mir, die das Genre der Dystopien sonst meidet, zu schaffen. (Meine Rezension zu Wasteland findet ihr hier) Doch es gab Hoffnung. Hopepunk eben. Und am Ende sattelten Layla und Zeeto das Motorrad, packten Baby Mtoto in den Beiwagen und ritten in den Sonnenaufgang, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Ein progressiv-phantastischer Schluss, der perfekt passte – und mein Kopfkino startete. Hopepunk ist, wenn alles aussichtslos erscheint…

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Climate Fiction mit Wow-Effekt: Exit this city

„Exit this city“ stellt die Welt, wie wir sie kennen, auf den Kopf – und entwickelt doch das, was wir erleben, konsequent weiter. Indien ist dank seiner Hightech-Firmen der Sieger des Globalisierungsrennens. Tagestemperaturen weit über 40 Grad sind dort normal geworden. Überleben ist nur mit Hitzeanzügen möglich. Deutschland ist hingegen nur noch ein Agrarstaat und versinkt im fruchtbaren Schlamm. Starkregen im Frühjahr, kurze heiße Sommer, die gerade eben das Getreide reifen lassen. Die Gewinne streichen Agrar-Konzerne aus Indien ein. Genmanipulierte Bienen sollen die Erträge steigern. Doch ihr Stich ist tödlich und die Landarbeiter*innen planen den Aufstand. Dazwischen indische Göttinnen, ein Mann ohne Gedächtnis, die Gewinnerin einer Reality-Show (der Preis war die Flucht von ihrer Heimatinsel, die wegen des Klimawandels im Meer versank) Supercomputer mit Eigenleben und ein sprechender Hund. Es ist ein wildes Puzzle, dass Lisa-Marie Reuter vor ihren Leser*innen ausbreitet. Doch jedes Teil bekommt seinen passenden Platz. Ganz abgesehen…

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Die Wächterinnen von New York: Was wäre, wenn die Stadt eine Seele hätte?

Wenn eine Stadt vom ersten Moment an ein ganz eigenes Gefühl in uns auslöst, unterstellen wir ihr gerne einen Charakter. Aber was wäre, wenn Städte wirklich ein Eigenleben, eine Seele hätten? Einen Wesenskern, der sich Menschen sucht, um mit ihnen zu kommunizieren? Der diese Menschen dann dazu bringen möchte, bestimmte Dinge zu tun, die für den Fortbestand der Stadt entscheiden sind – auch wenn sie unlogisch und surreal wirken? Jetzt transportieren wir diesen Ansatz nach New York City und durchdenken ihn noch einmal. New York muss mit vielen Stimmen sprechen, schon allein deswegen, weil jeder Stadtteil anders ist. Und erst recht, weil die Bewohner*innen New Yorks vielstimmig sind und in diesem Stimmenkonzert Race, Class und Gender mitmischen. Und das, was getan werden muss, um die Metropole zu retten, muss diesen Stimmen entsprechen – samt Widerstand gegen Rassismus und Gentrifizierung und inklusive Alien-Glibber, King-Kong und anderen Zitaten aus der Popkultur. N.…

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Einfach zurücklehnen und die Autorin machen lassen: Die Maschinen von Ann Leckie

Stell dir eine KI vor, die zwei klare Hauptaufgaben hat: das Raumschiff verteidigen und dafür sorgen, dass es der Mannschaft gut geht. Über die Jahrhunderte hinweg entwickelt sich so eine KI, die ebenso kämpferisch wie fürsorglich ist. Um ihre Aufgabe besser zu erfüllen, agiert sie als dezentrales Netzwerk. Sie ist genauso das Raumschiff wie alle Hilfseinheiten – Leichen, die mit KI-Bewusstsein wieder belebt wurden. Egal, von welchem Punkt aus sie agiert, sie bezeichnet sich als „ich“. Das Raumschiff ist Teil eines Staatengebildes, dass seit Jahrhunderten auf Eroberung aus ist. An dessen Spitze eine weitere dezentrale KI, die schon so viele politische Ränkespiele gemeistert hat, dass sie nichts und niemanden mehr traut. Noch nicht mal sich selbst. Wenn jetzt die Staaten-KI politisches Kalkül über das Wohlergehen der Raumschiffbesatzung stellt … dann sind wir mitten im SF-Roman »Die Maschinen« von Ann Leckie. Die gesamte Handlungskonstruktion ist so vielschichtig und ausgeklügelt, dass ich…

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Grenzwelten: zwei Hainish-Erzählungen von Ursula le Guin

Meine erste Begegnung mit den Büchern von Ursula le Guin verlief etwas eigen. Anfang der 90er hatte ich eine sehr große Abteilung für Fantasy und Science Fiction übernommen. Ein SF-Sortiment zusammenzustellen war damals recht einfach. Man brauchte die silbernen Perry Rhodan Bänder von Pabel Moewig, ein bisschen was aus dem Goldmann Taschenbuch Verlag und vor allem viel von Heyne Science Fiction. Das Bestellformular war ein dickes Heft mit perforierten Seiten, die sich heraustrennen und faxen ließen. Auf dem Formular waren bestimmte Titel besonders hervorgehoben: Novis, Bestseller und Meilensteine der SF-Literatur wie die Hainish-Romane von Ursula le Guin. Ich hatte ihre Bücher daher im Regal stehen. Sie standen. Die Nerds und Maschinenbau-Studenten, die bei mir Science-Fiction kauften, ignorierten ihre Werke. Sie interessierten sich für Technik und für die Zukunft der Menschheit, aber nicht für Ökologie und Feminismus. So kam es, dass ich die Bücher von Ursula le Guin zuerst als Remittende…

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Beruf: Sherpa für Gamer. 88 Namen von Matt Ruff

Ich könnte selbst so einen Sherpa wie John Chu gebrauchen. Allerdings müsste er mir nicht durch Boss-Level helfen, sondern mir erst einmal die Steuerung aktueller Spiele erklären. Ich mochte und mag Games wie das ruhige Taucherspiel »Endless Ocean« und die endlosen Murmelbahnen von »Kororinpa» für die WII, habe aber auch schon viele Spiele gleich am Anfang abgebrochen, weil ich gar nicht wusste, was ich tun soll. Für John Chu wäre das leicht verdientes Geld und die Gefahr, dass er mich für Kim Jong-un hält, ist gering. Ich bevorzuge es, im Internet mit Realnamen unterwegs zu sein. Womit die Eckpfeiler des Cyber-Punk-Gamer-Spaß genannt wären. Matt Ruff liefert mit »88 Namen« eine gute Show. Hätte er nicht den Status des Kultautors, hätte ich das Buch mit einem amüsierten Lächeln zur Seite gelegt. Doch so fehlte mir was. Aber was? Sicherlich hätte dem Buch etwas weniger Gamer-Fäkal-Humor gut getan. Aber wirklich tragisch fand…

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