Outdoor-Kulturtipp: das berühmteste Wildschwein Mannheims

Wildschwein Luisenpark Mannheim Skulptur
1999: das berühmteste Wildschwein Mannheims und ich

Mannheims berühmtestes Wildschwein lebt nicht im Rheinauer Wald und auch nicht im Wildgehege des Käfertäler Walds. Eigentlich lebt es auch gar nicht, es ist aus Metall, massiv, und steht auf einem Steinsockel in einem Park.

Von allen Skulpturen, die entlang des Heinrich Vetter Wegs im Luisenpark stehen, ist es sicherlich die am häufigsten fotografierte. Auch ich habe schon viel mit diesem Motiv rumgealbert. So, wie auf dem Foto, sahen Wildschwein und ich 1999 aus.

Doch andere Skulpturen entlang des Spazierweges faszinieren mich deutlich mehr.

Diese hier zum Beispiel lädt mich jedes Mal aufs Neue zum drumherum laufen, zum drunter und drüber schauen, zum beobachten ein. Je nach Wetter, Licht und Jahreszeit bietet sie mir ein neues Blick-Erlebnis an.

Spiegelung Heinrich Vetter Weg Skulpturen Mannheim Luisenpark
Spiegelung am Heinrich Vetter Weg im Luisenpark Mannheim

Der Heinrich-Vetter-Skulpturenweg im Luisenpark Mannheim ist mein Beitrag zur Blogparade von Kulturnatur: Mein Outdoor-Kulturtipp. Berge, Meere und Täler wären gewünscht gewesen, Kultur jenseits der Städte.

Ich bin jetzt doch erst einmal in der Stadt geblieben, in einem Park, in dem die Halsbandsittiche eine Heimat gefunden haben und in dem es den Störchen so gut geht, dass sie in manchen Wintern gleich hier in Mannheim bleiben. In diesem Park habe ich als Kind mein erstes Wiesel gesehen. In der Abenddämmerung tollte es über die Wiese.

Ist das Natur? Die Frage mag ich ebenso wenig beantworten wie die Frage, ob wirklich jede Plastik entlang des Weges Kunst ist. Doch jedes Mal wenn ich den Spaziergängern entlang des Weges zuhöre und ich ihre Reaktionen auf die Werke der Bildhauer beobachte, merke ich, wie wichtig es ist, Kunst im öffentlichen Raum zu präsentieren. Kommt der Mensch nicht zur Kunst muss die Kunst eben zum Menschen kommen. Ein Weg wie der Heinrich Vetter Weg hilft dabei.

Ausflug in den Odenwald: ein verwunschenes Waldstück mit 80 Skulpturen

Doch ich biete Euch auch noch einen Abstecher in die freiere Natur an: in den Odenwald – oder ist es schon das Bauland?

Wer Skulpturen in freier Natur mag sollte auch mal in Seckach im Odenwald vorbeischauen. Dort gibt es ein verwunschenes kleines Waldstück mit mehr als 80 Skulpturen. Leider habe ich keine geeigneten Fotos von dort. Bilder und Infos findet ihr jedoch hier. Und wenn ich es dieses Jahr wieder dort hin schaffe, gibt es auch einen längeren Blog-Artikel darüber. Versprochen.

Mit der Kunst spazieren gehen

Wer noch mehr Hintergrund-Infos über den Mannheimer Mäzen Heinrich Vetter und seine Skulpturen-Sammlung braucht, dem sei der Artikel „Figur und Abstraktion“ empfohlen. Und das auch hier nicht alles so einfach ist, mag ich auch nicht verschweigen und verlinke den Artikel der Rheinpfalz „Der gute Nazi“.

Womit wir dann wieder beim Wildschwein vom Anfang wären: jedes Mal, wenn ich davor stehe, denke ich an Schweine und Eichen; an typisch deutsche Symbole. Dann scheint mir, dass dadurch, dass die Skulpturen im Freien, im weiten Raum, stehen, sich noch einmal ganz andere thematische Verknüpfungen ergeben. Meine Gedanken gehen spazieren – zusammen mit der Kunst – und verlassen den vorgegebenen Spazierweg recht schnell.

Kunst in freier Natur oder auch in der befriedeten Natur eines Parks, das ist mehr als das Spiel mit Licht, Jahreszeiten und Wetter. Kunst in freier Natur befreit für mich die Kunst aus dem akademischen Korsett. Ich kann um die Objekte herum laufen, ich kann ihnen nahe kommen, ich kann ihnen fern bleiben. Was auch immer ich tue, ich nehme einen neuen Blickwinkel ein, der viel mehr mein eigener Blickwinkel ist, als das in einem Museum oder geschlossenen Raum der Fall sein würde.

Update 16. März 2016:

Meine Eltern lesen meinen Blog. Keine Fotos vom Skulpturenpark Seckach im Odenwald? Das geht ja gar nicht! Hier also Schnappschüsse aus dem Familienfundus:

Skulpturen in Seckach
Skulpturen in Seckach

Ausflugtipps für Mannheim findet ihr auch in diesem Buch:

Historische Eisenbahn Mannheim – Museumsbesuch

Historische Eisenbahn Mannheim Museum und Verein
Vorsichtig rangieren!

In der Pfalz gibt es den Spruch: Wann’s Licht brennt is uff. An den musste ich denken, als ich heute vor dem großen grünen Tor zum Gelände mit den historischen Eisenbahnen stand. Kein Schild mit Öffnungszeiten, kein Hinweis, ob Besucher erwünscht sind. Man muss es wissen oder einfach mutig die Klinke herunterdrücken. Das Tor war offen, also war wohl auf.

„Historische Eisenbahn Mannheim“ ist kein Museum, sondern ein sehr lebendiger Verein. Auf dem Vereinsgelände stehen restaurierte Loks und Waggons, aber auch viele, die noch auf Arbeitseinsatz und Sponsoren warten. Aus der Werkstatt klangen Geräusche, dort werkelte ein Mann. Er sah sehr glücklich aus.

Das Gelände ist selbst schon fast ein Museum. Fahrleitungsmeisterei steht noch auf dem Schild am Gebäude und auch sonst ist einiges aus der Zeit, als hier noch die Deutsche Bahn zu Hause war, erhalten. Das Bürogebäude könnte aus den 50er Jahren stammen, die Werkstätten wirken noch älter.

Daneben die Gleise, die zum Mannheimer Rangierbahnhof führen. Auf der anderen Seite der Gleise alte Industriegebäude aus Backstein. Darüber ragt das futuristisch beleuchtete Vogelnest heraus, dass sich die Friatec als Lager gebaut hat.

Heute war ein windiger Tag, die Luft war frisch. Doch auf dem Gelände roch es nach Fett, Schmieröl und ein wenig nach Farbe. Diesen besonderen Geruch nach alter Technik bringt auch der Wind nicht weg. Ich bin zwischen den Eisenbahnen entlang gelaufen, habe mich an technischen Details erfreut und an Schildern mit seltsamen Aufforderungen. Doch vor allen Dingen habe ich das Farbenspiel von Rost und abblätterndem Lack bewundert. Ich mag das.

„Samstags von 10.00 – 17.00 Uhr finden Sie hier einen Ansprechpartner“ heißt es auf der Webseite des Vereins Historische Eisenbahn Mannheim. Das sind dann wohl die Öffnungszeiten. Ihr findet das Eisenbahn-Museum in Mannheim Friedrichsfeld, zwischen Rheinauer Wald und Bahnstrecke.

Nach dem Museumsbesuch gab es für mich noch eine schöne Spazierrunde durch den Rheinauer Wald und einen kurzem Abstecher zum Wildgehege Dossenwald.


Informationen zum Eisenbahn Museum Mannheim:

Historische Eisenbahn Mannheim e. V.
Sulzer Str. 43
68229 Mannheim Friedrichsfeld
Öffnungszeiten: Samstags 10.00 – 17.00 Uhr
(bitte den aktuellen Stand auf der Website des Vereins prüfen!)


 Mehr Mannheim auf meinem Blog: Wie die Industrie nach Mannheim kam

Bier ist gut, sagte der Arzt: Braukunst und 500 Jahre deutsches Reinheitsgebot im TECHNOSEUM in Mannheim

Altes Werbeschild: Bier ist gut sagt der Arzt Technoseum Mannheim

Bier ist gut, sagte der Arzt früher tatsächlich einmal und empfahl Kindern, Kranken und stillenden Müttern alkoholarmes Nährbier.

Auch heute hat so ziemlich jeder, egal ober er oder sie Bier trinkt oder nicht, eine Meinung zum Thema Bier. Genau das macht einen Besuch der Ausstellung „Bier. Braukunst und 500 Jahre deutsches Reinheitsgebot“ im Technoseum in Mannheim zu einem vergnüglichen Ausflug.

Einfach mal in den mittleren Teil der Ausstellung stellen, dort wo die alten Werbeschilder hängen, und die Ohren spitzen. Heidelberger Schlossqual und Karlsruher Friedhofsbräu – in diesem Raum fliegen im Publikum die Sprüche und Verballhornungen tief. Bellemer und Parkbräu – da werden Party-Erinnerungen unterschiedlichster Qualitäten wach. Das Kölsch, das nicht zu Alt werden darf – Grabenkämpfe flammen auf, befeuert von regionalen Spitzfindigkeiten.

Bier ist ein hoch emotionales Thema. Wer eine Ausstellung dazu machen will, braucht Fingerspitzengefühl, um alle Befindlichkeiten von Anonymen Alkoholikern über Braumeister bis hin zu Craftbeer-Fans einzusammeln. Dazu bedarf es noch einer besonderen Gründlichkeit, um alle Aspekte aufzugreifen: Geschichte der Braukunst, Brotbier aus dem alten Ägypten und Brauen als alchemistische Kunst, Zünfte und Industrialisierung, Braumeisterinnen und Berufe wie den Picher, Rohstoffe und Landwirtschaft, Chemie und Lebensmitteltechnik, Bier als Wirtschaftsfaktor und als Gefahr für die Gesundheit, Marketing und Verpackung, Trinkrituale und Volksfeste.

Bier berührt sehr viele Lebensbereiche und die Ausstellung im Technoseum greift sie alle auf. Das ist sehr viel Stoff, sehr viel Information und sehr viel Kurzweil. Eine wirklich gelungene Sonderausstellung zum Jubiläum des Reinheitsgebots in Deutschland, die ich im Rahmen des Tweetups #bier500 besucht habe. Die äußerst vergnügliche Sammlung der Tweets und Instagram-Bilder zu #bier500 findet Ihr hier auf Storify.

Der Führung durch die Kuratorin zuhören, geichzeitig twittern und instagrammen, nebenbei die vielen Informationen lesen, den Hopfen beschnuppern und die Gerste probieren sowie die lebensmittelchemischen Zusammenhänge verstehen – das war dann doch etwas viel für einen Abend. Zwei Tage später war ich daher gleich noch einmal im Museum. Hier einige Impressionen:

 

Alle Informationen zur Ausstellung, die noch bis zum 24. Juli dauert, findet ihr hier auf der Webseite des Technoseums Mannheim. Mein Tipp: fahrt danach weiter in den Taproom im Jungbusch, Craftbeer probieren!


Kommt ihr mit ins Museum? Hier findet ihr meine Museumstipps


Bier kann man nicht nur trinken, man kann auch darüber lesen und wird dabei bestens unterhalten. Hier zwei Buchtipps von mir:

Bier. Die ersten 13.000 Jahre.

33 Biere. Eine Reise durch Franken.

Wie leben? Wie wohnen? Wie arbeiten? Zukunftsbilder im Hack Museum

Hack Museum

Im Hack Museum war ich nun schon lange nicht mehr, was nicht daran liegt, dass es für eine Mannheimerin wie mich auf der falschen Rheinseite liegt. Ehrlich! Für eine gute Ausstellung fahre ich sogar nach Ludwigshafen.

Allein, es gab schon lange keine Ausstellung mehr, die mich gelockt hätte. Aber jetzt:

Wie leben?
Zukunftsbilder von Malewitsch bis Fujimoto

Wie wollen wir leben? Wie wollen wir wohnen? Wie wollen wir arbeiten? Welche Gedanken haben sich Künstler dazu gemacht?

Das ist ein Ausstellungsthema, das perfekt zu Ludwigshafen passt.

Diese Stadt leidet noch heute unter den Folgen städtebaulicher Visionen vergangener Zeiten: marode Hochstraßen, verödete Fußgängerzonen und einem Bahnhof, bei dem das Umsteigen vom Regional- in den Fernverkehr zum Wanderevent mutiert. (Immerhin wurde in Ludwigshafen 1902 der Pfälzerwald-Verein gegründet.)

Was noch möglich gewesen wäre

Mit etwas mehr Mut oder einem größeren Budget oder mit etwas weniger Sponsoring durch die BASF hätte man genau das zum wichtigen Neben-Thema der Ausstellung machen können. So kommen die lokalen Besonderheiten nur am Rande vor. Die Siedlung am Ebert Park wird erwähnt, die BASF-Fotografien von Robert Häusser begrüßen den Besucher gleich am Eingang neben den Berufsbildern von August Sander – das ist schön und verankert die Ausstellung in der Region. Aber hier wäre noch mehr möglich gewesen.

Macht aber nichts: diese Ausstellung rockt!

Macht aber nichts, denn es bleiben auch so noch mehr als genug Themen übrig. Und yeah: diese Ausstellung rockt, denn sie springt kreuz und quer von der Malerei zum Design zur Architektur zum Film zur Forschung und zur Industrie (erwähnte ich schon, das BASF gesponsored hat?) Ein bisschen Skulptur hat auch noch hineingepasst. Perfekt, denn wenn sich die Ausstellung der kompletten Bandbreite menschlichen Lebens widmet – wohnen, leben, arbeiten – muss auch die komplette Bandbreite der Kunst in der Ausstellung vorkommen.

An manchen Stellen hätte ich mir etwas mehr Erläuterungen gewünscht. Warum wurden auf einmal variable, offene Grundrisse in der Architektur wichtig? Welches Menschenbild und welche Wünsche an die Zukunft steckten dahinter? Dieses Auslassen von Zusammenhängen führte bei meinem Museumsbesuch jedoch zu einer höchst interessanten Tonspur: Museumsbesucher, die ihren Begleitern das erklärten, was die Informationstafeln verschwiegen.

Das Hack Museum wird für mich immer das Museum bleiben, in dem ich Malewitsch für mich entdeckte. Um so mehr hat es mich gefreut, dass ihm und seinen Architektona ein Abschnitt der Ausstellung gewidmet ist.

Doch wie es sich in einer guten Ausstellung gehört kam das Highlight für mich unerwartet: Fantasy Landscape von Verner Panton; eine begehbare Raumskulptur aus Textil. Zieht die Schuhe aus, geht rein, lümmelt darin rum und entspannt, chilled, relaxed: es wirkt!!!

Wie leben? Zukunftsbilder von Malewitsch bis Fujimoto ist für mich eine rundum gelungene Ausstellung und ich freue mich, dass das Hack Museum wieder da ist – alive and kicking.

Quellen des Lebens – die zweite Ausstellung

Weniger erschlossen hat sich mir die parallel laufende Ausstellung „Quellen des Lebens.
Vom Ursprünglichen in der Kunst des Expressionismus bis zur Nachkriegszeit“ die Bestände aus der Sammlung zeigt und diese mit Fundstücken aus der Steinzeit kombiniert. Der Dialog, der durch thematische Oberbegriffe wie Kindheit und Natur entstehen soll, funkioniert bei mir nicht.

Trotzdem war es schön, mal wieder die Bilder von August Macke, Ferdinand Leger, Max Ernst und Miro zu sehen. Alte Bekannte, denen ich lange nicht mehr begegnet war, und die mich immer noch genau so begeistern wie damals vor dem Umbau des Museums.

10€ Eintritt kostet die Ausstellung. Das ist nicht wenig. Es gab mal eine Zeit, da war das Hack Museum ein günstiges Museum mit dem klaren Auftrag, in der Arbeiterstadt Ludwigshafen für Bildung zu sorgen. Das ist lange her. Das Folkwang Museum in Essen, das einen ähnlichen Hintergrund hat, ist jetzt zu diesem ursprünglichen Bildungsauftrag zurückgekehrt. Dort ist der Eintritt wieder frei.


Infos zur Ausstellung im Hack Museum Ludwigshafen:

Wie leben?
Zukunftsbilder von Malewitsch bis Fujimoto

Alle Infos hier auf der Website des Hack Museums Ludwigshafen


 Nach der langen Pause war ich dann wieder viel häufiger im Wilhelm Hack Museum Ludwigshafen – zum Beispiel habe ich Marilyn besucht:

Ich habe heute keine Top Songs 2015 für Dich

Grooveblog - die Buchhändlerin, der Buchhändler und der Groove. Auf Facebook.

Mein Kollege vom Grooveblog meinte, dass auch wir am Jahresende zurückblicken oder hören könnten. Da hat er recht, doch die erhofften Top-5 Songs 2015 kann ich ihm und Euch diesmal nicht bieten.

Wirklich nicht.

Und das verblüfft mich selbst.

Was ich aber bieten kann sind meine Top 5 Erlebnisse mit Musik 2015.

Deren Existenz erklärt dann auch die Abwesenheit der Hitliste: Der Student über mir – Stille – Youtube nervt – Musik da draußen – Stuttgarter Nervengeflecht. Bonus-Kapitel: Musik lesen.

Der Student über mir

Der Student über mir mag Musik. Das merke ich an den vielen Amazon-Paketen, die ich für ihn annehme, die eindeutig Vinyl-LPs enthalten. Aber was hört er eigentlich? Am Anfang drang ein undefinierbares Gewummer durch die Decke an meinem Schreibtisch, der anscheinend genau unter seiner Anlage steht. Monate später AC/DC und dann auf einmal drei Tage Nirvana Teen Spirit in Endlos-Schleife. Es gibt Schlimmeres, aber irgendwie fühlte ich mich alt dabei.

Aktuell entdeckt er Queen. Neue Musik, also Musik, die ich nicht identifizieren kann, hört er kaum. Ist das heute so? Führt dieses unglaubliche Fülle an Musik da draußen dazu, dass man sich an den Charts vergangener Jahrzehnte entlang hangelt?

Die nachmittägliche Dauerbeschallung durch die WG über mir führt mich zum nächsten Thema:

Stille

Ich habe die Stille schätzen gelernt. Hintergrundmusik oder Nebenbei-Musik gibt es bei mir nicht mehr. Musik hören ist ein bewusstes Erlebnis geworden.

Wieso soll ich singen, wenn ich auch schweigen kann? heißt es in einem Song der Nerven. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Das führte bei mir auch zum Sterben des Radios. Womit wir beim nächsten Punkt sind:

Youtube nervt

Youtube nervt: zu viele, zu lange Werbeeinblendungen und der Streit mit der GEMA verbessert die Situation auch nicht.

Lange Zeit war Youtube für mich ein guter Ort, um Musik zu recherchieren und zu entdecken. Meine ganze Neo-Rockabilly, Americana und Country-Punk-Phase wäre ohne Youtube nicht so dauerhaft gewesen.

Der Service ist krank, die Karawane zieht weiter. Doch wohin? Wo ist die Musik jenseits der Charts, die ich hören mag – wohl kaum auf Spotify?

Gut, wenn man einen DJ seines Vertrauens hat. Was mich direkt zum nächsten Punkt führt:

Musik da draußen

Wo befindet sich die Musik die ich hören mag? Immer häufiger da draußen.

Die Boxen an meinem PC sind ordentlich, aber kein Klangwunder. Meine Stereoanlage stammt aus den 90er Jahren und ist auf Vinyl, CDs und Cassetten ausgerichtet. Wenn ich zu Hause mehr Musik hören wollte, dann müsste ich mich nicht nur an neue Bezugsquellen gewöhnen, ich müsste mich mir auch neue Technik aneignen.

Der Buchhändler vom Grooveblog hat einen ganz wunderbaren Artikel aufgetrieben, der die Probleme beschreibt, die die Entkörperlichung der Plattensammlung mit sich bringt.

All das führt dazu, dass ich immer häufiger Musik da draußen entdecke, zum Beispiel im Teufel in Mannheim beim DJ meines Vertrauens. Dort klingt einfach alles besser als bei mir zu Hause.

Musik da draußen hören heißt auch, endlich wieder auf Konzerte zu gehen. Aus vielerlei Gründen kam das in den letzten Jahren zu kurz. Wer den ganzen Tag im Laden steht hat meist wenig Lust, abends auf einem Konzert zu stehen. So kam es, dass es mit dem Maifeld-Derby schon seit Jahren ein OpenAir in Fahrrad-Nähe gibt und ich erst letztes Jahr zum ersten Mal dort war. Jetzt noch im Gedächtnis sind bei mir Soft Moon, The Rural Alberta Advantage und eine Band aus Stuttgart.

Womit wir zum Highlight des Jahres kommen:

Stuttgart

Ich hätte ja nie gedacht, dass ich mal Stuttgart als Highlight des Jahres bezeichnen würde. Nur die Nennung von Karlsruhe würde mich noch mehr schockieren. Es ist mir bisher nur selten passiert, dass ich eine Band gleich zweimal in einem Jahr live sehe. 2015 schafften das gleich zwei Bands. Human Abfall auf dem Maifeld Derby und beim Bite it! – Sounds of Subterrania Festival im JUZ, Die Nerven auf dem FEST in Karlsruhe und im Cafe Central in Weinheim.

Ich hatte mich ja schon fast damit abgefunden, dass ich zu den Musik-Fans gehören werde, die jenseits der 40 fast nur noch hören, was sie schon in ihrer Jugend gehört haben. Gott sei Dank kam es anders! Fan sein fühlt sich gut an und die gefühlten dreihundertölfzig Nebenprojekte der Musiker machen das Fan-Sein nur um so angenehmer.

Bonus-Kapitel: Musik lesen

Musik lesen 2015 bedeutet, zuerst einen Nachruf schreiben zu müssen. Dynamite ist von uns gegangen, das Rockabilly Magazin wurde ein Opfer der Print-Krise. So war ich nicht Leser der ersten Stunde, aber sehr wohl der letzten Stunde.

Zur Autobiographie von Kim Gordon habe ich ein wenig zögernd gegriffen. Ich hatte befürchtet, dass sie mir zuviel über das Scheitern ihrer Ehe erzählt und ich habe nun mal eine Allergie gegen Familiengeschichten aller Art. Die Sorge war unbegründet, denn die Frau hat Stil. So wurde „Girl in a band“ zu meinem Musik-Lesen-Highlight 2015 – hier meine Rezension.

Das war mein Musikjahr 2015. Was 2016 bringen wird könnt Ihr dann in Echtzeit auf dem Grooveblog verfolgen:

Grooveblog auf Facebook
Entdecke den Grooveblog!

Der Grooveblog, ein privater und doch öffentlicher Dialog zweier Freunde über Musik, verzeichnet ein rasantes Fan-Wachstum. Nicht. Immerhin halten wir uns in diesem Jahr stabil bei etwas über 100 Fans. Wenn Du uns besuchst wird uns das also sicher auffallen!


 Musik, 2, 3, 4 – Gelesenes und Gehörtes hier auf meinem Buch-Blog


Und so ging es 2016 weiter:

Joy Division: alle Songtexte und viel Raum für Legendenbildung

Buch Songtexte Joy Division Ian Curtis

Zwei Essays, alle Songtexte und Fragmente und sehr viel Raum zur Legendenbildung: das enthält der edel ausgestattete Band So This Is Permanence – Joy Division. Songtexte und Notizen.

Deborah Curtis, die Witwe des Sängers, Dichters und Perfomance-Künstlers – anders kann man seine Bühnenauftritte kaum bezeichnen – erzählt im ersten Text des Buches von ihrer Liebe zu Ian Curtis, den sie als sensiblen, von seiner Arbeit besessenen Künstler wahrnimmt.

Das ist sehr persönlich und verankert den Ausnahmekünstler im normalen Leben. Aber bei mir kam bei der Lektüre der Eindruck auf, dass hier doch viel ausgeblendet wird. Das kann aber auch an der Kürze des Textes liegen.

Belesen und dystopisch

Joy Division waren eine Band, die Ian Curtis nach seiner Vorstellung geformt hatte, und die war von Belesenheit geprägt und zutiefst dystopisch.
S. 19

Spannender finde ich den zweiten Essay und die Verbindungen zur Literatur, die Jon Savage darin aufzählt. Wahrscheinlich gab es schon Semesterarbeiten und literaturwissenschaftliche Studien über die Texte, Gedichte und Fragmente von Ian Curtis: Burroughs, Ballard und Pulp Fiction spielen in seinen Lyrics genauso eine Rolle wie die Klassiker der Literatur.

Sehr wichtig waren bei der musikalischen Entwicklung der Außenseiter die Orte, an denen man Literatur begegnet: Buchhandlungen.

Die interessierten sich für alles Ausgefallene und Unkonventionelle, und im Laden fand man es. Nicht nur durch die Verkäufer, sondern auch durch die Stammkunden. Wahrscheinlich betrachteten die beiden den Laden als einsame Rettungsboje in dem ansonsten trostlosen Manchester der frühen Siebziger.
Butterworth über Stephen Morris und Ian Curtis; S. 21

Schon allein für die Betrachtungen zum Thema Buchhandlungen und der Literaturmarkt der Siebziger Jahre muss ich dieses Buch mögen!

Joy Division – mein Eindruck damals

Joy Division waren damals einzigartig, beeindruckend und fremd. Die dichte Atmosphäre und die ungewohnten Klänge faszinierten mich, aber es gelang mir nur selten, die ganze LP durchzuhören. Die Texte sprachen mich an, verstanden habe ich sie aber nicht. Ich mochte das hören, aber definitiv nicht so leben. Heute darüber zu lesen verstärkt diesen Eindruck. Ausnahmekünstler.

Zum Abschluss mein Lieblingssong: nicht Love will tear us apart sondern She’s lost control


Angaben zum Buch:

Ian Curtis

So This Is Permanence
Joy Division. Songtexte und Notizen.

Rezension im Signaturen Magazin

Rowohlt Verlag


Und hier noch der Amazon-Algorithmus-Fail des Tages. Kunden, die die Texte von Joy Division kauften griffen auch zum Gute-Laune-Block:

Fail Joy Division und gute Laune


Ist wer Joy Division hört, ein Schwarzer Romantiker? Gedanken zur Blogparade des Staedelmuseums


Damals, als wir alle Joy Division entdeckten: Punk und New Wave in Deutschland. Wie alles begann.

Krakelüre, lukrieren, Provenienz – Original oder Fälschung?

Original oder Fälschung? Meisterfälscher - Sachbuch

Vater Arthur Scott, so stellte er sich dem Museum vor. Der Mäzen im Habit eines Jesuitenpriesters hatte im Kofferraum seines Autos ein wertvolles Gemälde aus dem Nachlass seiner Mutter, dass er dem Museum schenken wollte. Er übergab dem Museum das Bild und fuhr davon.

Bereits die erste Überprüfung ergab, dass es sich um eine Fälschung handelte.

Vater Arthur Scott besuchte unter anderem Namen auch noch weitere amerikanische Museen. Die Bilder, die er verschenkte, waren gerade mal so gut gefälscht, dass sie einem ersten prüfenden Blick stand hielten – aber nicht länger.

Warum tat er das? Was war sein Beweggrund?

Ruhm, Geld, Rache und Genugtuung sind die häufigsten Motivationen für Kunstfälscher.

Geld, so nehmen die meisten an, ist die eigentliche Triebfeder hinter jeder Kunstfälschung. Fakt ist, dass es selten das primäre Ziel ist, auch wenn es später, nach einem ersten großen Erfolg, der Hauptgrund für den Fälscher ist, mit dem, was er tut, weiterzumachen. Den Grad der eigenen Genialität auszureizen, sein Können zu demonstrieren, sich am Establishment, von dem man gekränkt wurde, zu rächen, Ruhm und Bewunderung – das sind viel eher die Kriterien, die einen Künstler zum Fälscher werden lassen.
S. 189

Vater Arthur Scott passt nicht so recht in dieses Schema und genau deswegen blieb er in meinem Lesergedächtnis.

Ebenfalls im Gedächtnis bleiben werden einige Worte: Krakelüre. Lukrieren. Provenienz. Für Worte-Sammler ist das Buch ein einziges Vergnügen.

Ich bin zwar leidenschaftliche Museumsbesucherin, doch mit dem Kunstmarkt oder der Restauration von Kunstwerken habe ich mich bisher kaum befasst. Daher waren mir diese Begriffe neu. Krakelüre oder Krakelee sind die feinen Risse auf der Oberfläche eines Gemäldes, die im Laufe der Jahrzehnte entstehen. Lukrieren bezeichnet den wirtschaftlichen Erfolg auf einer Auktion und die Provenienz ist die Biographie eines Sammlerobjektes – wer hat es wann besessen und wo wurde das Kunstwerk erwähnt. Die Lektüre erweitert nicht nur den Wortschatz, sie ist auch äußerst vergnüglich.

Doch besitzt nun ein Original diese gewisse Aura, die es zu etwas ganz Besonderem macht? Kann man ein Original wirklich „erspüren“? Anscheinend nicht. Das lassen zumindest die vielen Irrtümer und Fehlbewertungen von Experten, über die in diesem Buch berichtet wird, vermuten.

Wann also kann man sicher sein, dass ein Original keine Fälschung ist? Dann, wenn es die richtigen Papiere hat. Aber diese Papiere kann man auch fälschen. Genauso wie Weinflaschen.

„Original Meisterfälscher“ – Vergnügliche Lektüre, sofern man kein Sammler ist!


Bibliographische Angaben:

Noah Charney

Original Meisterfälscher
Ego, Geld & Größenwahn

Psychogramme und Motive der berühmtesten Fälscher
Einblicke in den Kunstbetrieb – spannend wie ein Krimi
Fakes in Kunst, Archäologie und Literatur

Brandstätter Verlag

ISBN 978-3-85033-921-6

Leider nicht mehr lieferbar.


Ob Original oder Fälschung: Kunst macht das Leben schöner! Hier findet ihr meine Rezensionen und Buch-Tipps


Auch dieses Kunstbuch liest sich äußerst süffig: Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist Kunst

Alles Quack! Duckomenta in Mannheim

Duckomenta Mannheim

Es ist fast ein wenig schade, dass die Anatiden anscheinend mit der Mond-Mission die Erde verlassen haben.

Aber gut, dass das Reiss-Engelhorn-Museum sich die Mühe gemacht hat, dass Wirken der Anatiden in der Welt- und Kunstgeschichte zu erforschen! Unser Leben wäre ärmer ohne sie. Was wäre die Welt ohne die Maler Monente und Manente? Ohne Duckfretete? Und was die Architektur ohne die Baumaus-Bewegung?

Was für ein Glück, dass sich ein renommiertes Museum diesem Thema widmet. Noch besser, dass ich einen schönen Sonntag Nachmittag mit Freunden in dieser Ausstellung mit Gute-Laune-Garantie verbringen konnte.

Doch plant bitte ausreichend Zeit für den Besuch der Duckomenta ein, denn die Ente steckt im Detail. Es lohnt sich, alle Erklärungstexte zu lesen!

Informationen zur Duckomenta-Ausstellung:

Die Duckomenta
Weltgeschichte neu ENTdeckt

Reiss-Engelhorn-Museum Mannheim

13. September 2015 bis 24. April 2016

Alle Informationen zur Duckomenta auf der Seite des Museums

Den aktuellen Stand der Forschung könnt Ihr hier verfolgen.


Ein Museum, das bestens dazu passt: Dr. Erika Fuchs Museum

Wer ist nur diese Alice? 101 Fragen der Popmusik

101 Fragen der Popmusik Who is Alice

Guter Grund für mich, das Büchlein „Who the fuck is Alice?“ zu lieben, ist, dass ein Song meiner Lieblingsband enthalten ist. Can i get in your pants? verleitet die Autoren Evelyn Peternel und Andreas R. Peternell zu einem kleinen Exkurs über die Geschichte der Damenunterhose. Das geht erstens genau haarscharf am Thema des Songs der Cramps vorbei und zeigt zweitens prima, wie das Buch funktioniert. Die Frage des Songs wird nur als Ausgangspunkt für eigene Querdenkereien genommen. Und wie das bei Querdenkereien so ist, kann der Leser dem mal ganz großartig folgen und manchmal überhaupt nicht.

So hat sich mir der Gedankensprung von Alles klar Herr Kommissar? zur Entstehungsgeschichte des SOS nicht wirklich erschlossen. Genau mein Humor war hingegen die Frage Das soll ich sein?, die Blumfeld stellen, mit dem Bilderbuch „Das kleine Ich bin Ich“ von Mira Lobe zu beantworten. Großes Musical ist es auch Was hat Dich nur so ruiniert? mit wahren Geschichten von Lotto-Gewinnern zu beantworten, die durch ihren Riesengewinn alles verloren haben.

Insgesamt ist das Buch wie ein Abend in einer Disco: es gibt Herzenssongs und halbwegs tanzbares und manches, bei dem man fluchtartig die Tanzfläche verlässt. Doch wer ist denn nun diese Alice, jene mysteriöse Nachbarin, die so unnahbar erscheint, dass der Sänger von Smokie sie über 20 Jahre lang nicht ansprach? In diesem Buch heißt Alice eigentlich A.L.I.C.E. und ist ein Sprachcomputer, programmiert, um menschliche Gespräche nachzuahmen. Passt, denn der Dialog ist genauso ein Nicht-Gespräch wie das verpasste Gespräch mit der mysteriösen Nachbarin.

Sollten die Autoren eine Fortsetzung ihres Buches planen würde ich gerne ihre Antwort auf eine Frage aus einem anderen Song der Cramps hören: How far can to far go?


Bibliographische Angaben:

Evelyn Peternel
Andreas R. Peternell

Who the fuck ist Alice?
101 Antworten auf die drängendsten Fragen der Popmusik

Rogner & Bernhard
ISBN 9783954030804

Ich danke dem Buchhändler des Grooveblog, der mir „Who the fuck is Alice?“ für diese Rezension ausgeliehen hat.


Hier findet ihr mehr Musikbücher auf meinem Buch-Blog


Wer diese Alice ist weiß ich wiederum sehr genau: Alice im Wunderland

Kein Steinzeit-Disneyland: Zu Besuch in Lascaux II

T-Shirt Lascaux
Höhlenmalerei auf dem T-Shirt: Mitbringsel aus Lascaux

Ich war skeptisch. Die Originalhöhle von Lascaux musste geschlossen werden, weil die vielen Besucher den prähistorischen Zeichnungen geschadet haben. Deswegen wurde die Höhle von Lascaux eins zu eins nachgebaut. Aus Beton.

Was das dann wohl sein mag – ein Steinzeit-Disneyland? Eine Betonwüste?

Doch die Umschreibung „Nachbau aus Beton“ führt in die Irre. Lascaux fühlt sich sehr lebendig an. Das hat meines Erachtens zwei Gründe: die ungeheure Genauigkeit des Nachbaus und die Art und Weise, wie die Bilder an die Wand gebracht wurden.

In Lascaux wurde nicht einfach eine Höhle aus Spritzbeton hingestellt. Vielmehr wurde die Originalhöhle millimetergenau vermessen und nachmodelliert. Der enge Durchgang zwischen den beiden Höhlenkammern ist auch in Lascaux II ein sehr enger Durchgang. Lediglich der Boden ist ein stolperfreier Turnhallenboden, das ist aber auch das einzige Zugeständnis an moderne Bequemlichkeitsbedürfnisse.

Graffiti mit Röhrenknochen – Künstler in der Steinzeit

Die Bilder wurden auch nicht mit einer modernen Projektionstechnik an die Wand gebracht. Ganz im Gegenteil: es kamen bei der modernen Höhlenmalerei genau die Techniken zum Einsatz, die für die Steinzeit nachgewiesen sind. Die Künstlerin hat exakt die Farben von damals verwendet und exakt die überlieferten Mal- und Zeichentechniken. So wurden auch Federn und Röhrenknochen, durch die die Farbe gepustet wurde, genutzt. Das sorgt für unglaublich lebendige, authentische Bilder.

Sehr gut gefallen hat mir auch, dass unsere Führerin durchgehend von Kunst und Steinzeitkünstlern sprach. Denn genau das sind diese Wandzeichnungen: Kunst, die uns auch heute noch beeindruckt und berührt.

Damit kann ich zum zweiten Mal innerhalb eines Urlaubs den alten Werbespruch der Beton-Industrie zitieren.

Beton – es kommt darauf an, was man daraus macht.

In Lascaux wurde aus dem Werkstoff Beton etwas sehr Beeindruckendes erschaffen. Nach nur wenigen Minuten Aufenthalt in der Höhle hatte ich vergessen, dass es sich um einen Nachbau aus Beton handelt. Von Steinzeit-Disneyland keine Spur!

Besuch im Prähistorischem Museum in Eyzies

Einige Tage zuvor war ich auf Empfehlung des Reiseführers Südwestfrankreich aus dem Michael Müller Verlag im Musée National de Préhistoire, dem Prähistorischen Museum in Eyzies. OK, die Sammlung an Funden aus der Steinzeit ist sehenswert – aber mehr als sehen kann man dort als deutscher Tourist, der der französischen Sprache kaum mächtig ist, nicht. Lange Reihen moderner, sehr gut ausgeleuchtetet Vitrinen voller Knochen und Knöchelchen, Steinen und Steinchen. Mal mit Ritzungen, mal ohne. So stellt es sich einem dar, der wie ich die dazugehörigen Texte in anspruchsvollem, wissenschaftlichen Französisch nicht lesen kann. Einen anderssprachigen Audioguide gibt es nicht.

Einziger Lichtblick sind die Videos: experimentelle Archäologie. Hier wird gezeigt, wie die Werkzeuge aus der Steinzeit hergestellt wurden und wie sie eingesetzt wurden. Jetzt weiß ich, wie mit einem Stück Feuerstein Fell und Haut von einer Hirschkeule geschabt werden. Es würde mich freuen, wenn irgendjemand mal die Outtakes dieser Videoproduktion veröffentlichen würde!

Überzeugt nicht nur mit Infos zu Lascaux:
Michelin Reiseführer Périgord Dordogne

Als Reiseführer für das Perigord kann ich den Michelin empfehlen und vom Michael Müller Südwestfrankreich abraten, denn dieser lässt zuviele Sehenswürdigkeiten aus und ist in seinen Texten und Infos sehr launisch. Der Grüne Michelin Reiseführer Périgord Dordogne hingegen war ein zuverlässiger Begleiter, informativ und übersichtlich.

Gerade bei Lascaux lohnt es sich, zuerst in den Reiseführer zu schauen. Die Eintrittskarten für die Höhle von Lascaux gibt es nämlich nicht am Höhleneingang, sondern im Ort Montignac an der Tourist Info. An Markttagen sollte man einplanen, dass man für die Fahrt zur Tourist-Info ein paar Minuten mehr braucht. Ich bin dank einer gewissen südländischen, flexiblen Organisation gerade noch in der letzten Minute in die letzte deutschsprachige Führung des Vormittags hineingerutscht. Steinzeit-Museumsbesuche können sehr spannend sein!


Bibliographische Angaben zum Reiseführer:

Der Grüne Reiseführer Périgord Dordogne

Michelin Verlag
9783834289216

Informationen zu Lascaux II:

In der SZ gibt es eine Bilderstrecke mit Infos zu Lascaux und Lascaux II.

Diese Webseite informiert darüber, wo und wie man Karten für Lascaux II erhalten kann. Eine Vorab-Reservierung via Internet ist nicht möglich! In der Höhle darf nicht fotografiert werden.

Es gibt deutschsprachige Führungen in Lascaux. Meine war sehr gut und ging weit über das Wiedergeben auswendig gelernter Informationen hinaus.


Updates: Mittlerweile sind wir bei Lascaux IV angekommen. Damit entfällt auch die Rennerei nach den Tickets. Die gibt es jetzt direkt am Museum. Der Höhlennachbau ist überzeugend. Drumherum gibt es jetzt aber deutlich mehr Show.
Die grünen Reiseführer von Michelin gibt es nicht mehr auf Deutsch. Die Reihe wurde eingestellt. Michelin Le Guide Vert wird aber weiterhin auf Französisch verlegt.


Lust auf mehr Beiträge zu Museen? Von Steinzeit bis Moderne: meine Museumsbesuche.


 

Auf einmal war Mannheim cool: Schwefel

LP-Cover der Band Schwefel aus Mannheim

Natürlich war Mannheim in den 80er Jahren für mich langweilig. Die Stadt war unschuldig. Ich war ein Teenager und wusste es nicht besser. Die Tatsache, dass ich heute immer noch in Mannheim lebe, zeigt, dass sich meine Haltung zu meiner Heimatstadt geändert hat. Ich kann auch genau den Abend benennen, an dem sich mein Mannheim-Bild zu verändern begann.

Wie so vieles, was für mich wirklich wichtig war und blieb, fand auch dieses Ereignis im Cafe Old Vienna statt. Das Lokal ist Geschichte. Seine Reinkarnation nach dem Abriss des Gebäudes, das New Vienna, habe ich deswegen nie betreten.

Wahrscheinlich hatte ich mir dieses Konzert im Old Vienna, das mein Mannheim-Bild änderte, nicht bewusst rausgesucht. Entweder war ich sowieso schon seit dem Nachmittag dort und blieb einfach. Oder ein guter Freund empfahl mir die Band eindringlichst*.

An dem Abend, irgendwann in den 80er Jahren, trat im Old Vienna die Band Schwefel auf. Musik aus Mannheim, auf der Höhe der Zeit und trotzdem völlig eigenständig. Da musste auch mein Teenager-Hirn zugeben: wenn solche Musik aus Mannheim kommt, dann kann die Stadt gar nicht so langweilig sein.

In diesen Tagen werden seine Vinyl-Platten wieder hervorgeholt. Norbert Schwefel verstarb im Juli 2015. Da bleibt mir nur eines: DANKE! sagen – Deine Musik hat mir viel Energie gegeben und mich durch wichtige Lebensphasen getragen.

Eine Playlist samt wunderbaren Nachruf findet Ihr auf Alles Mannheim – Die Stadt auf meiner Seite.
Nachruf auf Norbert Schwefel im Ox-Fanzine.
Film von Dieter Wöhrle über Norbert Schwefel.

*Genau das macht der gute Freund heute immer noch: eindringlich neue Musik empfehlen. RRRsoundz


Noch ein Nachruf, den ich nie schreiben wollte:

Buchs – es kommt darauf an, was man daraus macht: Jardin Eyrignac

Jardin Eyrignac Schattenplatz mit Sichtachse

Kann sich noch jemand an den alten Werbespruch der Zement­wirtschaft erinnern? „Beton – es kommt darauf an, was man daraus macht.“

Buchs war für mich immer so etwas wie der Beton im Garten. Ein williger Werkstoff, der genau zeigt, was der Gärtner alles nicht kann und was der Standort des Gartens alles nicht hergibt.

Die Gärtner aus dem Jardin Eyrignac hingegen zeigen, was jenseits des Reihenhausgartens mit Buchs alles möglich ist: Formschnitt in Vollendung.

Prachtvolle umrandete Wege, Sichtachsen, die den Blick lenken, lauschige Ecken, Umrahmungen für üppig blühende Beete, geheime Gartenzimmer, schattige Plätze und von der Sonne beschienen Plätze. Dieser Garten bietet einfach alles, was mit Buchs möglich ist und das in einer Formvollendung, wie ich sie noch nirgendswo gesehen habe. Auch in Großbritannien nicht.

Im Jardin Eyrignac gibt es kein welkes Blatt, keine zerzaustes Ästchen, keinen krummen Zweig. Nur Perfektion. Und freies WLAN – zumindestens im vorderen Teil des Gartens – und jemanden, der Instagram-Bilder mit dem #eyrignac wahrnimmt und darauf reagiert.

Bei so viel Pflegeaufwand wundert es nicht, dass Jardin Eyrignac 12,50€ Eintritt kostet (Stand 2015). Ob der Garten das wert ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich war auf jeden Fall beeindruckt.

Möge der Buchsbaumzünsler dort niemals ankommen!

Mein Buchs im eigenen Garten darf aber auch weiterhin wild vor sich hinwuchern und den hässlichen Maschendrahtzaun des Nachbarn verdecken. Das macht er nämlich ohne Formschnitt ganz hervorragend.


Informationen zum Garten:

Jardin Eyrignac

Les Jardins du Manoir d’Eyrignac
24590 SALIGNAC Dordogne – Périgord

Webseite Jardin Eyrignac

Selfie im Jardin Eyrignac
Selfie im Jardin Eyrignac

Eine süffig zu lesende Geschichte der Gartenkunst bietet dieses Buch: Lord Findlater und die Gärten seiner Zeit.