Wie haben Sie das gemacht? 50 Fotografinnen, die Geschichte schrieben, und ihre Techniken

Was haben Anna Atkins, Anja Niedringhaus und Cindy Sherman gemeinsam? Sie gehören zu den „Frauen, die die Fotografie verändert haben“. So lautet der Titel des Bildbands von Gemma Padley, in dem sie 50 Fotografinnen auf je vier Seiten vorstellt. Sie zeigt immer ein Porträtfoto, dem sie einen Text gegenüberstellt, in dem sie auf den Werdegang der Fotografin und das Besondere ihres künstlerischen Schaffens eingeht. Die Informationsdichte ist hoch. Biografie, gesellschaftspolitische Aspekte, Entwicklung als Künstlerin, Bedeutung und Rezeption des Werks – das sind viele Fakten für eine Seite Text. Doch auf der nächsten Doppelseite geht es dann sehr luftig zu. Gemma Padley zeigt ein typisches Bild der Fotografin und erläutert die Technik dahinter. Bildaufbau, Licht, Blende, Setting werden erklärt und die Leser*innen ermuntert, das selbst auszuprobieren. Das von jeder Künstlerin nur zwei Bilder gezeigt werden, ist verständlich, aber schade. Mir war das zu wenig, weswegen ich ständig das Handy in der…

weiterlesen

Weise, wild und weiblich: Female Empowerment von Hestia bis Kali

Göttinnen, Hexen, Kraftorte – das sind Themen, zu denen seit Jahrzehnten in Wellen immer wieder neue Bücher veröffentlicht werden. Interessant finde ich, dass jedes Mal eine leicht andere Herangehensweise gewählt wird, die stets zum Zeitgeist passt. 80er-Jahre-Feminismus, kulturhistorisch, literarisch, pseudo-wissenschaftlich – insbesondere über Göttinnen habe ich schon alles Mögliche gelesen. Das meiste davon mit Vergnügen und Gewinn: Weibliche Vorbilder und Heldinnen kann es für mich und mein feministisches Herz nie genug geben! „Weise, wild und weiblich. Erwecke die Göttin in dir“ von Tala Mohajeri passt bestens in diese Reihe hinein. Dieses Mal werden die Göttinnen im Mantel von female Empowerment präsentiert: Archetypen, an denen wir uns orientieren können, und die uns helfen, in unsere Mitte und Kraft zu kommen. Tala Mohajeri erzählt nicht nur niederschwellig, sondern auch lebhaft und plastisch. Das kam meinem Kopfkino sehr entgegen. Jedes Kapitel beginnt mit einer Einführung in die Mythologie, gefolgt von einem eher poetisch-atmosphärischen…

weiterlesen

Parts Per Million. Keine Wohlfühllektüre und deswegen gut!

Am liebsten würde ich mich bei der Besprechung von „Parts per million“ von Theresa Hannig auf einen Nebenaspekt der Handlung konzentrieren. Die Protagonistin Johanna Strohmann ist Autorin. Ausgerechnet sie bringt die nötigen Skills mit, um die Klimaschutz-Bewegung auf das nächste Level zu heben. Ihr Werkzeug: das Buch, an dem sie gerade schreibt, sowie gute Geschichten, Storytelling und Wissen, wie die Aufmerksamkeitsökonomie funktioniert. Damit unterstützt sie Klima-Aktivist*innen und radikalisiert sich dabei zunehmend selbst. Geschichten aus und über die Buchbranche – damit würde ich mich wohl fühlen und die Rezension ginge mir leicht von der Hand. Aber Theresa Hannig hat kein Buch geschrieben, mit dem sich die Lesenden wohl fühlen sollen, sondern eines über die Folgen des Klimawandels. Eine gründliche und scharfe Analyse, warum so viele Menschen den vermeintlich bequemen Weg des „Ist ja nur Wetter“, des „Ich kann da eh nichts machen“ und des „Wird schon gut gehen“ wählen – und…

weiterlesen

Zwischen Ministeriumsdefinition und Alpenmythos: Was ist echtes Wandern? Meine Verteidigung der gemütlichen Tour

Ist das jetzt ein Spaziergang oder eine Wanderung? Diese Frage wollte ich schon immer einmal beantwortet haben. Nicht weil es für meinen sportlichen Ehrgeiz wichtig wäre. Der ist sowieso nicht sonderlich ausgeprägt. Für mich zählen nicht der Gipfel, nicht die Höhenmeter und auch nicht die Länge der Strecke. Ich will einfach nur durch einen Wald laufen, dabei zur Ruhe kommen und tief durchatmen. Wenn ich dann noch Natur beobachten und einkehren kann, ist das für mich ein perfekter (Wander)Tag. Der Unterschied zwischen Wandern und Spazierengehen interessiert mich aus einem ganz eigenen Grund. Wenn ich erwähne, dass ich am Wochenende wandern war, habe ich zu oft den Eindruck, dass sich mein Gegenüber etwas anderes, deutlich sportlichers darunter vorstellt. Ich bin weder mit einem vollgepackten Rucksack unterwegs, noch mache ich Mehrtagestouren. Und schon gar nicht würde ich mein Wandern als Sport bezeichnen – ich lasse es mir einfach bei Bewegung und frischer…

weiterlesen

Luisa Francia über die verborgenen Schichten der Wirklichkeit

Ab und an packt mich die Neugier und ich lese ein aktuelles Buch einer Autorin, die mir vor Jahrzehnten wichtige Impulse gegeben hat. Luisa Francia ist eine von Ihnen. Vor rund 20 Jahren hat mich ihre eigensinnige Themenmischung begeistert: Selbstermächtigung, Selbstreflexion, Körperbewusstsein, Feminismus, Schamanismus, Psychologie und alte Mythen. Das war genau das, was ich damals als junge Frau brauchte – und heute, in der Menopause angekommen, wieder brauche. Ihr neues Buch „Die Macht des Verborgenen. Wie das Versunkene, Vergessene, Verheimlichte unser Leben steuert“ lässt mich jedoch eher ratlos zurück. Ja, all das, was mir damals gut tat, blitzt auch hier durch. Doch das schmale Büchlein wirkt unfertig. Gerade mal 140 Seiten, in sehr großer Schrift gesetzt und mit ganzseitigen Zeichnungen aufgelockert. Das ist wenig Buch fürs Geld! Der Inhalt hat den Charme von persönlichen, tagebuchartigen Skizzen. Liest sich gut, der seelische und praktische Nährwert war für mich allerdings gering. Als…

weiterlesen

Jedem sein Ruhrgebiet: Geschichten von Fördertürmen und Schrankwänden

Anscheinend hat Heinrich Böll einmal etwas über das Ruhrgebiet geschrieben, das für viel Wirbel sorgte. Sein Einleitungstext zum Bildband „Im Ruhrgebiet“, den er zusammen mit dem Fotografen Chargesheimer 1958 veröffentlichte, beginnt mit den Worten: „Das Ruhrgebiet ist noch nicht entdeckt worden.“ Was dann folgt, klingt für mich wie der Intellektuelle aus der Großstadt, der die malochende Verwandtschaft besucht und froh ist, wenn er wieder zurück nach Köln darf. Für mich mit meinen Ruhrgebietswurzeln liest sich das amüsant, löst aber nicht mehr als ein Schulterzucken aus. So ganz konnte ich Böll nicht folgen. Wurde das Ruhrgebiet noch nicht entdeckt, weil es ignoriert wurde? Oder weil es sich als Industrielandschaft ständig wandelt? Oder weil man es vor lauter Smog nicht sieht? Oder einfach nur, weil er nie richtig hingeschaut hatte? Um so mehr war ich verblüfft, dass sowohl der Schriftsteller und Philosoph Wolfram Eilenberger in seinem Buch „Das Ruhrgebiet. Versuch einer Liebeserklärung“…

weiterlesen

Liebe auf den dritten Blick: die Vampirkrimis von Tanya Huff. Oder warum Trends kleinen Verlagen das Genick brechen können

Blutzoll, Blutspur – das sind Titelformulierungen, die nicht gerade meinem Beuteschema bei Büchern entsprechen. Urban Fantasy, trockener Humor, eine Privatdetektivin und Vampire hingegen schon! Trotzdem musste die Buchserie von Tanya Huff durch drei Verlage wechseln, bis ich sie endlich entdeckte. Und ich frage mich: Warum? Wie konnte ich so lange blind sein? Was mich tröstet: Ich bin nicht alleine. Auch Eva Bergschneider vom mittlerweile leider eingestellten Buchblog Phantastisch lesen erging es so. Das schreibt sie über die Serienheldin Vicki Nelson: Vicki brachte allerdings bereits Anfang der 90er Jahre Eigenschaften mit, die man heute mit Progressiver Phantastik assoziiert. Sie ist nicht nur eine coole und selbstbewusste Frau, sondern hat mit einer Sehbehinderung zu kämpfen und lebt offene Beziehungen. Beides wird in der Geschichte weder besonders betont, noch versteckt, sondern gehört ganz natürlich zu ihrem Leben. Viele der nachfolgenden Urban Fantasy Held:innen aus den frühen 2000er Jahren kamen weitaus konventioneller herüber. Buchblog…

weiterlesen

Wenn die KI ein Fall für die Inquisition ist: Athos 2643

Alles in dieser Geschichte ist logisch und doch ist nichts so, wie es scheint. „Athos 2643“ von Nils Westerboer ist einmal das, was dem Genre Science-Fiction besonders liegt: ein philosophisches Gedankenexperiment. Es ist aber auch ein KI-Thriller und ein klassischer whodunit-Krimi. Zugleich überrascht der Roman mit witzig-skurrilen Details und Gags. Das kann nur funktionieren, weil der Autor seinen Plot unglaublich verdichtet und mit beeindruckender innerer Logik zusammenhält. Auf Athos, einem kleinen Neptunmond, stirbt ein Mönch. Rüd Kartheiser, Inquisitor und Spezialist für lebenserhaltende künstliche Intelligenzen, ermittelt. An seiner Seite: seine Assistentin Zack. Schön, intelligent und bedingungslos gehorsam. Ein Hologramm.Website des Verlags Trotzdem hat mich „Athos 2643“ kurz vor dem zweiten Mord verloren. Denn die Handlung beginnt mit wunderbar skurrilen Szenen auf einem Weltraumflughafen und wandelt sich dann in Richtung Mitrate-Krimi. Oder auch nicht – weswegen mich das Buch dann doch nicht als Leserin verloren hat. Denn immer wieder werden moralische und…

weiterlesen

Kondorkinder: Eine Reise durch Peru auf der Suche nach einem magischen Buch

Zum Glück fängt die Geschichte mit dem Handlungsstrang an, der in der Vergangenheit in Peru spielt. Ein kleiner Junge, eine Frau mit einem Geheimnis. Berge, Götter, alte Mythen und das reale Leben der armen Bevölkerung. Zu Beginn kommt Kondorkinder als historischer Roman mit phantastischem Einschlag daher. Cut, zweites Kapitel. Berlin in der Gegenwart. Eher New Adult als Phantastik. Ganz ehrlich: hätte das Buch so begonnen, wäre ich ausgestiegen. Wer wann mit wem welchen Streit hatte und wer wann warum etwas Verletztendes gesagt hat oder missverstanden wurde – ich möchte das nicht lesen. Das ist einfach nicht meine Romanwelt. Doch zum Glück war das erste Kapitel so stark, dass ich weitergelesen habe. Und noch weiter. Und immer weiter. Denn das Buch entwickelt einen Sog. Irgendwann verschmelzen die beiden Handlungsstränge. Die Protagonisten verhalten sich deutlich erwachsener. Der historisch-phantastische Teil bekommt einen Twist – und ein sprechendes Alpaka! Ab da wollte ich Kondorkinder…

weiterlesen

Mit der Hitze kam die Werwölfin: Silver Moon

Was wäre, wenn die Energie der Hitzewallungen in den Wechseljahren etwas Unerwartetes mit sich bringen würde? Wenn die Hitze das Wilde, Ungezähmte hervorbrechen lässt? Wenn die hormonellen Veränderungen tatsächlich einen neuen Lebensabschnitt einleiten? Becca Thornton, Heldin des Fantasy-Romans „Silver Moon“ von Catherine Lundoff, erlebt genau das. Weil ihr Mann sie wegen einer Jüngeren verlassen hat und jetzt das Haus verkaufen will, muss sie sich neu im Leben orientieren. Doch als sie in einer Vollmondnacht das von einer Hitzewallung gerötete Gesicht mit kaltem Wasser kühlen will, sieht sie im Spiegel etwas, was sie irritiert: goldene Augen und Fell. Was nun folgt, ist ein Fantasy-Roman der anderen Art, der mir viel Lesevergnügen geschenkt hat. Handwerklich gut geschrieben und bestens übersetzt kommt die Geschichte mit der für mich genau passende Mischung aus Trash, Action, Plot-Twists, Frechheiten und einer dezenten Liebesgeschichte daher. Von allem etwas – aber nichts zu viel. In der Kleinstadt irgendwo…

weiterlesen

Kleine Geschichten von großen Künstlern. Oder: wie ich lernte, Frida Kahlo zu mögen

Kunst für Kinder – diesem Thema widmen sich mehr Bücher, als ich Kinder im Museum sehe. Manche hoffen auf die Neugier von Kindern, doch diese muss beim Thema Kunst meist erst durch einen Impuls außerhalb des Buches geweckt werden. Andere Kunstbücher für Kinder setzen auf die kindliche Kreativität. Doch nicht jedes Kind traut sich, im Anblick großer Künstler selbst etwas zu gestalten. Dann gibt es noch Bücher, die versuchen, das Kunsterlebnis in eine Erzählung einzubinden. Die wirkt aber häufig so konstruiert, dass Kinder misstrauisch werden. Schließlich haben sie ein feines Gespür dafür, was eine gute Geschichte ausmacht und wann ihnen die Erwachsen nur etwas beibringen wollen! „Kleine Geschichten von großen Künstlern“ wählt einen anderen Weg. Laurence Anholt erzählt von Kindern, die wirklich gelebt haben und die wirklich berühmten Künstler*innen begegnet sind. Ergänzt werden diese wahren Begebenheiten von einer kindgerechten, kurzen Künstlerbiografie und Impulsfragen, die einen individuellen Zugang zu den Werken…

weiterlesen

Die Abenteuer von Pina Parasol. Steampunk-Kurzgeschichten

Kurze Geschichten für den kleinen Steampunk-Hunger zwischendurch: Genau dafür sind die Abenteuer von Pina Parasol optimal geeignet! Tino Falke hat ein pralles Universum erschaffen, das locker für einen fetten Roman langen würde – oder mehrere. Doch er macht Steampunk-Kurzgeschichten daraus. Heldin aller Folgen: Pina Parasol, professionelle Verliererin, die sich um Dinge kümmert, die nie wieder gefunden werden sollen. Sie ist schlagfertig bis vorlaut, mutig bis übermütig und hat selbst in der größten Bredouille einen Plan, der vielleicht auch nur auf Improvisationstalent fußt. Sie kommt weiter rum als Indiana Jones und Lara Croft zusammen und greift dabei nicht nur auf feinste Steampunk-Technik wie Flug-Lokomotiven, sondern auch auf Magie zurück. Doch vor allem hat sie ihr Herz am richtigen Fleck und lebt ihre Werte. Ganz nebenbei sind die Geschichten auf eine sehr lässige Art progressiv, queer und divers. Wenn euch also der Winter zu grau ist oder euch eine Wahl-Familie lieber wäre…

weiterlesen