Unter Bäumen ist mir wohl

Ein Wald, der zum Urwald wurde, weil er im Niemandsland zwischen BRD und DDR lag. Etwas, was Wald genannt wird, aber eine Forst-Plantage ist. Ein Waldstück, das ein fürstliches Jagdgebiet war. Bäume, die auf Dünen wachsen. Die Wälder, die Helmut Schreier für sein Buch ausgewählt hat, sind klug zusammengestellt. So unterschiedlich, wie sie sind, haben sie doch eines gemeinsam: An ihnen lässt sich gut ablesen, dass das, was wir Wald nennen, stets von Menschen gemacht wurde. Forstwirtschaft, Jagdgebiet, Waldweide – es sind die Maßnahmen der Menschen und die Antwort der Natur darauf, die aus Bäumen und Unterholz einen Wald formen. Im Vergleich zu alten Buchenurwäldern oder Bergwäldern sind diese Wälder eher unscheinbar. Wälder, wie wir sie überall in Deutschland haben könnten. Doch jeder ist einzigartig, wenn man genau hinschaut. Und das tut Helmut Schreier. Er schaut genau hin, wie der Wald aussieht und woraus er besteht. Er blickt aber auch…

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Zurück ins Wasteland: Laylayland von Judith und Christian Vogt

Bei Buchserien kann ich gnadenlos sein: Ich lese sie fast nie weiter. Selbst dann nicht, wenn mich beim ersten Band Sprache und Weltenbau überzeugt haben. Warum soll ich mich an diese eine Buchwelt fesseln? Es gibt doch noch so viele andere! Ich bin Poly-Leserin, immer bereit für eine neue Buchliebe. Dass ich also Laylayland, die Fortsetzung zu Wasteland, unbedingt lesen wollte, sagt schon alles. Dabei bescherte mir der erste Band Albträume. Zu beklemmend waren die Bunkerszenen für mich. Auch das apokalyptische Szenario machte mir, die das Genre der Dystopien sonst meidet, zu schaffen. (Meine Rezension zu Wasteland findet ihr hier) Doch es gab Hoffnung. Hopepunk eben. Und am Ende sattelten Layla und Zeeto das Motorrad, packten Baby Mtoto in den Beiwagen und ritten in den Sonnenaufgang, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Ein progressiv-phantastischer Schluss, der perfekt passte – und mein Kopfkino startete. Hopepunk ist, wenn alles aussichtslos erscheint…

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Climate Fiction mit Wow-Effekt: Exit this city

„Exit this city“ stellt die Welt, wie wir sie kennen, auf den Kopf – und entwickelt doch das, was wir erleben, konsequent weiter. Indien ist dank seiner Hightech-Firmen der Sieger des Globalisierungsrennens. Tagestemperaturen weit über 40 Grad sind dort normal geworden. Überleben ist nur mit Hitzeanzügen möglich. Deutschland ist hingegen nur noch ein Agrarstaat und versinkt im fruchtbaren Schlamm. Starkregen im Frühjahr, kurze heiße Sommer, die gerade eben das Getreide reifen lassen. Die Gewinne streichen Agrar-Konzerne aus Indien ein. Genmanipulierte Bienen sollen die Erträge steigern. Doch ihr Stich ist tödlich und die Landarbeiter*innen planen den Aufstand. Dazwischen indische Göttinnen, ein Mann ohne Gedächtnis, die Gewinnerin einer Reality-Show (der Preis war die Flucht von ihrer Heimatinsel, die wegen des Klimawandels im Meer versank) Supercomputer mit Eigenleben und ein sprechender Hund. Es ist ein wildes Puzzle, dass Lisa-Marie Reuter vor ihren Leser*innen ausbreitet. Doch jedes Teil bekommt seinen passenden Platz. Ganz abgesehen…

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Maria Borrély – Mistral. Eine Wiederentdeckung.

Natürlich habe ich zu „Mistral“ gegriffen, weil die Provence für mich ein Sehnsuchtsort ist. Wenn ich dort Urlaub mache, zieht es mich nicht an die Küste, sondern ins Hinterland. Dorthin, wo die Gegend rauer und die Naturerlebnisse intensiver sind. Der schmale Roman von Maria Borrély spielt in der Haute-Provence. Ich kann mich an beeindruckende Wanderungen erinnern und an Wege, bei denen wir nicht wussten, ob das der Wanderweg oder ein Ziegenpfad ist. An den Duft von Thymian und Lavendel. An dornige Sträucher und an Schmetterlinge. Abends, bei Baguette, Käse und Rosé, dann die Frage: Wollen wir nicht hierher ziehen? Meine Antwort immer: Dazu müsste ich hier erst einmal als Sommerurlaube erlebt haben – und die Zeit des Mistrals. Jetzt, nach etwa 100 intensiven Seiten, auf denen es kein Wort zu viel oder zu wenig gab, habe ich eine Vorstellung davon, wie es sein könnte, mit der Natur und dem Wind…

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Bloß nicht verirren und schon gar nicht auf Zeitreisen!

Nehmen wir einmal an, Zeitreisen wären möglich. Der Aufwand für eine Reise wäre zudem vergleichbar mit dem einer heutigen Fernreise. Wahrscheinlich würde sich sehr schnell eine spezialisierte Tourismusbranche entwickeln. Abenteuerreisen, Individualtourismus, Gruppenreisen, Bildungsreisen, einfach-so-Reisen – nur eben in die Vergangenheit. Für solche touristischen Zeitreisen bräuchte es einen objektiven Reiseführer. Kathrin Passig und Aleks Scholz haben ihn bereits geschrieben. Und ich habe ihn jetzt, in der Gegenwart, mit viel Spaß gelesen. Sehen, staunen, entdecken: mach mehr aus deiner Zeitreise! »Handbuch für Zeitreisende. Von den Dinosauriern bis zum Fall der Mauer« funktioniert auf (mindestens) zwei Ebenen. Einmal als vergnügliche Lektüre, die Geschichts-Nerds und Science-Fiction-Fans beim Lesen vor sich hin glucksen und kichern lässt. In allen Details wird erklärt, warum Zeitreisen die eigene Geschichte nicht verändern (parallele Geschichtsstränge) und warum es schwierig ist, den richtigen Landepunkt zu bestimmen, um Steinzeitmenschen zu beobachten (viel Landschaft, wenig Menschen). Sehr praktisch sind auch die Empfehlungen für…

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Monarchie und Alltag – der Fehlfarben-Songcomic

Als ich begann, Musik zu entdecken und nicht einfach nur zu hören, war »Monarchie und Alltag« von den Fehlfarben schon da. Allerdings dürfte es noch Jahre gedauert haben, bis ich die Platte zum ersten Mal am Stück gehört habe. Songs und Musikwissen kamen damals in Fragmenten zu mir. Deswegen war mir auch lange unklar, dass die NDW-Hymne »Ein Jahr (Es geht voran)« und das bewegende »Paul ist tot« von der gleichen Band sind. Jahrzehnte später war der Song »Kebabträume«, der bei ihnen »Militürk« heißt, für mich immer noch ein Tanzflächen-Magnet – egal, ob in der Version von DAF oder Fehlfarben. 2021 habe ich den Doku-Roman »Verschwende deine Jugend« gelesen. Die Düsseldorfer Szene um den Ratinger Hof nimmt darin viel Raum ein. Das Buch war für mich der Anlass, mich einmal quer durch die Werke deutscher Punk- und New-Wave-Bands zu hören. Erst dann entdeckte ich geniale Fehlfarben-Songs wie »All that heaven…

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Die Wächterinnen von New York: Was wäre, wenn die Stadt eine Seele hätte?

Wenn eine Stadt vom ersten Moment an ein ganz eigenes Gefühl in uns auslöst, unterstellen wir ihr gerne einen Charakter. Aber was wäre, wenn Städte wirklich ein Eigenleben, eine Seele hätten? Einen Wesenskern, der sich Menschen sucht, um mit ihnen zu kommunizieren? Der diese Menschen dann dazu bringen möchte, bestimmte Dinge zu tun, die für den Fortbestand der Stadt entscheiden sind – auch wenn sie unlogisch und surreal wirken? Jetzt transportieren wir diesen Ansatz nach New York City und durchdenken ihn noch einmal. New York muss mit vielen Stimmen sprechen, schon allein deswegen, weil jeder Stadtteil anders ist. Und erst recht, weil die Bewohner*innen New Yorks vielstimmig sind und in diesem Stimmenkonzert Race, Class und Gender mitmischen. Und das, was getan werden muss, um die Metropole zu retten, muss diesen Stimmen entsprechen – samt Widerstand gegen Rassismus und Gentrifizierung und inklusive Alien-Glibber, King-Kong und anderen Zitaten aus der Popkultur. N.…

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Rude Girl – Comic von Birgit Weyhe

Auf den ersten Blick ist »Rude Girl« eine Biografie. Ganz linear erzählt Birgit Weyhe den Lebensweg der amerikanischen Germanistik-Professorin Priscilla Layne. Doch »Rude Girl« ist keine Roman-Biografie, es ist ein Comic. Und Comics erreichen Stellen, die Romanen verschlossen bleiben. Sie können mit zeichnerischen Mitteln im wahrsten Sinne des Wortes den Blickwinkel wechseln und neue Perspektiven eröffnen. Mit Farbe können sie Bekanntes verfremden und somit Vertrautes hinterfragen. Birgit Weyhe nutzt all diese Stilmittel souverän und bleibt doch einem ganz eigenen Minimalismus treu. Sehr konzentriert erzählt sie, wie Priscilla Layne als Tochter einer alleinerziehenden Mutter und als Kind karibischer Einwanderer aufwuchs. Wie sie nicht das typische Mädchen sein wollte und welche Freiheit sie in der Musik fand. Warum sie an der Schule wenig wohlwollend als „Oreo“ bezeichnet wurde – außen schwarz, innen weiß. Wie sie in den Indiana Jones Filmen zum ersten Mal Deutsch hörte, diese seltsame Sprache lernen wollte und schließlich…

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Nico

Lineares Erzählen würde Nico nicht gerecht. »Nico. Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist« versucht das auch erst gar nicht. Es ist keine Biographie, auch wenn Nicos Leben nacherzählt wird. Es ist kein Erklärungsversuch und auch keine Hommage. Es ist kein Werk über ihre Musik, auch wenn die Entstehung jeder Platte beschrieben wird und die Leser*innen mit auf ihre Konzerte genommen werden. Es ist ein düster schillerndes Kaleidoskop, gebildet aus vielen Einzelbeiträgen. Natürlich können wir mit den Interviews, Konzertberichten, Erinnerungen, Gedichten und Fotos verfolgen, wie aus dem Mädchen Christa Päffgen zunächst das erste deutsche Supermodel, dann die Vevlvet-Underground-Chanteuse, die Schauspielerin und schließlich die Sängerin und Musikerin wurde. Und wie all das zusammen das Gesamtkunstwerk Nico ergab. Doch vor allem ist das Buch ein Versuch, Nicos Aura zu ergründen und der Faszination nachzuspüren, die sie in ihren Fans und Wegbeleiter*innen weckte.…

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Frauen Literatur. 1986 schon (m)ein Thema – und heute?

Eigentlich knüpfe ich mit der Lektüre von »Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt« von Nicole Seifert an Themen an, die mich schon vor über 30 Jahren beschäftigt haben. Meine Ausgabe der Anthologie »Deutsche Dichterinnen. Gedichte und Lebensläufe« stammt aus dem Jahr 1986, also noch aus meiner Schulzeit. Sie hat mir die Augen geöffnet. Genau aus diesem Grund wollte ich »Frauen Literatur« zunächst nicht lesen. Die Erkenntnis, wie wenig sich seit dem geändert hat, ist nichts, was mir einen Leseabend auf der Couch versüßt. Been there, done that – und die Welt ist eben immer noch schlecht. Vom Deutschunterricht bis zum Germanistikstudium ist der Autorinnenanteil noch immer verschwindend gering, und so lernen wir von Anfang an: Was literarisch wertvoll ist, stammt von Männern. Website Kiepenheuer & Witsch Doch was für die Universität und für den Literatur-Kanon gilt, greift auch in den Fanzines der Nerds und in der Genre-Literatur. Das war der Grund,…

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Immer schön langsam. Unterwegs in der Stadt.

Stadtwandern. Durch die City, die Vororte, die Parks und die Industriegebiete. Mir eine Stadt erlaufen ist etwas, was ich mir nicht für die Urlaube aufhebe. Auch meine Heimatstadt Mannheim erkunde ich so, wie Barbara Weitzel ihr Berlin. Immer schön langsam. Zu Fuß unterwegs in der Stadt. Das ist etwas anderes, als von A nach B zu laufen oder auf den stets gleichen Wegen die Besorgungen zu erledigen. Spazieren? Flanieren? Ich kenne kein Wort für das, was Barbara Weitzel macht. Sie erläuft sich ihren Alltag genauso wie den Sonntagsspaziergang, den Weg zur Ärztin oder die 10 Minuten Müßiggang, die man sich zwischen den Verpflichtungen gönnt. Immer an ihrer Seite: die Stadt mit all ihren Facetten Da heißt es: Hinschauen und sich den Beobachtungen öffnen. Architektonische Details bewundern und die tristen Stellen akzeptieren. Das Minutenglück genauso umarmen wie die harschen Momente. Die Menschen auch dann mögen, wenn sie unangenehm sind, und sie…

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Französische Bistro-Küche von einfach & lecker bis oh là là!

80 Seiten über Wein, 400 Seiten über Essen. Ich mag die klare Ansage auf dem Buchrücken des Kochbuchs »Bistro, Bistro! 100% französische Küche«. Ein bisschen erinnert das Buch an den Manufactum-Katalog: Es gibt sie noch, die guten Dinge. Das, was früher auf den Speisekarten der Bistros stand. Diese Welt jenseits von Baguette frites und Touristenmenüs. Wir können sie wieder aufleben lassen, wir müssen es nur wollen! Manche Rezepte wirken tatsächlich ein wenig aus der Zeit gefallen: Markknochen mit Austern oder Froschschenkel. Bei anderen frage ich mich, wo ich bitte diese Zutaten herbekommen soll. Schnecken oder Merguez erhalte ich in den zum Glück für mich nicht so weit entfernten Supermärkten im Elsass. Aber Scheidenmuscheln oder Entenmägen? Andere wiederum verblüffen durch ihre Einfachheit. Doch bei fast jedem Rezept denke ich mir: Her damit – das würde ich wirklich gerne essen! Viele der Kochrezepte stammen zudem aus einer Zeit, in der es selbstverständlich…

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