Neongrau

Neongrau. Buch von Aiki Mira

Neongrau – in dieser Wortschöpfung steckt schon alles, was den SF-Roman von Aiki Mira auszeichnet. Kühle Technik, poetische Sehnsucht und das Ausloten von Zwischentönen. Aber auch der starke Wille, etwas Neues zu erschaffen – zum Beispiel ein besseres Leben. Für sich, für nahestehende Menschen, für alle.

Das halb abgesoffene Hamburg im Jahr 2112 ist eine unschöne, aber logische Weiterentwicklung der Welt von heute. Doch das Leben geht weiter. Die Wohnungen haben Fluttüren, es gibt ein paar Fähren mehr. Ratten mutieren. Die Kommentare auf Social Media sind immer noch toxisch, weswegen das Miteinander in privaten Chats gelebt wird. Das Bedürfnis nach Flucht aus dem Alltag ist groß. Gaming Events füllen die Stadien und die Subkultur trifft sich in leerstehenden Häusern und halb unter Wasser stehenden Tunneln.

Die Gesellschaft ist diverser geworden und bleibt doch den alten Vorurteilen verhaftet. Mittendrin Jugendliche, die zu einer Clique zusammenwachsen könnten, eine Familie, die keine mehr ist, und VIPs, deren Leben nicht mehr ihnen gehört.

Wenn ein Buch Cyberpunk-Elemente enthält, ist der Vergleich mit William Gibson nicht weit. »Neongrau – Game over im Neurosubstrat« hat etwas, was ich bei Gibson immer vermisst habe: nahbare Figuren. Während Gibsons Protagonisten mir meist wie eine Projektionsfläche für seine Gesellschaftsentwürfe erscheinen, schreibt Aiki Kira über real wirkende Personen. Die Held*innen sind echte Menschen, mitten in einer Entwicklung und voller Widersprüche. Dafür habe ich den manchmal etwas fragmentarischen Spannungsbogen, über den Carsten Kuhr in seiner Rezension bei den Booknerds schreibt, gerne in Kauf genommen.

Bücher mit einem so atmosphärisch-dichten Weltenbau wie »Neongrau« begleiten mich häufig bis in meine Träume. Überraschend war, dass ich nicht vom allgegenwärtigen Wasser und auch nicht von der morbiden Schönheit Hamburgs geträumt habe – sondern von Musik. Das ist nur ein Nebenstrang der Handlung, dem Aiki Mira aber so viel Liebe geschenkt hat, dass mich die Playlist zur Entstehung des Buches interessieren würde!


Infos zum Buch:

Aiki Mira

Neongrau
Game over im Neurosubstrat

Polarise Verlag in der Verlagsgruppe Bedey & Thoms


Manchmal schrieb William Gibson Sprüche für das Buchhändlerinnen-Poesiealbum. Dafür bitte hier entlang:

Feministische Musikgeschichte: Die Rache der She-Punks – Buch und Playlist

Buch von Vivien Goldman: Die Rache der She-Punks. Das Cover zeigt ein ikonisches Foto von Debbie Harry of Blondie, Viv Albertine - The Slits, Siouxsie Sioux, Chrissie Hynde - The Pretenders, Poly Styrene - X-Ray Spex  und Pauline Black - The Selector

Habe ich das Buch nun ausgelesen oder ausgehört? Wie zuletzt beim Punk-Roman von Tijan Sila habe ich auch »Die Rache der She-Punks« gleich mit einer Spotify-Playlist genossen. Vivien Goldman stellt jedem Kapitel eine thematisch passende Auswahl an Songs vorneweg: Girly Identity, Geld, Love/Unlove und Protest. Nette Menschen habe daraus Playlists kuratiert, was das Lesevergnügen enorm erhöht.

Ja, dieses Buch macht Spaß. Vivien Goldman erzählt lebendig, geradezu quirlig. Sie weiß genau, wann eine Anekdote das beste Mittel ist, eine Aussage zu unterstreichen. Sie vermittelt immer im passenden Moment theoretisches Hintergrundwissen zum Feminismus, zu Kreativität und zur Musikbranche. Aber vor allem gibt sie den Musikerinnen Raum und lässt sie erzählen. Denn Vivien Goldman kennt sie alle: Poly Styrene, Chrissie Hynde, Blondie, aber auch ESG, Neneh Cherry und Maid of Ace und Skinny Girl Diet. Also nicht nur die Heldinnen der ersten Stunde, sondern auch die, die folgten. Und nicht nur die, die Punk im Sinne von »3,2,1 Krach« spielen, sondern auch die, die mit der punkigen DIY-Haltung Musik machen. Und nicht nur die, die wir in Europa wahrgenommen haben, sondern zum Beispiel auch Bands aus Indien und Latein-Amerika.

Die große Überraschung an dem Buch sind die Querverbindungen, die Vivien Goldman findet. Mal in der musikalischen Herangehensweise, mal in den Bedingungen, unter denen die Musik entsteht oder im Ziel des Protests. Da wird schon deutlich, warum die Autorin den Spitznamen »Punk-Professorin« trägt. Sie verbindet das Musikwissen eines Nerds mit einem klugen Blick auf weibliche Realitäten und der klaren Mission, Frauen zu ermutigen, ihr Ding zu machen. Eindeutige Lese- und Hör-Empfehlung!


Infos zum Buch:

Vivien Goldman
Die Rache der She-Punks
Eine feministische Musikgeschichte von Poly Styrene bis Pussy Riot

Aus dem Englischen übersetzt von Vojin Saša Vukadinovic

Ventil Verlag

Und wenn ihr schon mal im Online-Shop des Ventil Verlags stöbert, werft noch einen Blick auf diese Bücher:

Punk as F*ck. Die Szene aus FLINTA-Perspektive.

Riot Grrrl Revisited.
Oder lest hier meine Rezension.

Our Piece of Punk.
Meine Meinung zum Buch hier


Noch mehr Krach:

Unter Bäumen ist mir wohl

Buch von Helmut Schreier:

Unter Bäumen

Aus der Reihe: European essays on nature and landscape

KJM Buchverlag

Ein Wald, der zum Urwald wurde, weil er im Niemandsland zwischen BRD und DDR lag. Etwas, was Wald genannt wird, aber eine Forst-Plantage ist. Ein Waldstück, das ein fürstliches Jagdgebiet war. Bäume, die auf Dünen wachsen. Die Wälder, die Helmut Schreier für sein Buch ausgewählt hat, sind klug zusammengestellt. So unterschiedlich, wie sie sind, haben sie doch eines gemeinsam: An ihnen lässt sich gut ablesen, dass das, was wir Wald nennen, stets von Menschen gemacht wurde. Forstwirtschaft, Jagdgebiet, Waldweide – es sind die Maßnahmen der Menschen und die Antwort der Natur darauf, die aus Bäumen und Unterholz einen Wald formen.

Im Vergleich zu alten Buchenurwäldern oder Bergwäldern sind diese Wälder eher unscheinbar. Wälder, wie wir sie überall in Deutschland haben könnten. Doch jeder ist einzigartig, wenn man genau hinschaut. Und das tut Helmut Schreier. Er schaut genau hin, wie der Wald aussieht und woraus er besteht. Er blickt aber auch auf seine Geschichte und darauf, wie der Wald früher ausgesehen hat, und was zwischen damals und heute mit ihm passiert ist. Sein Buch ist ein Streifzug durch die Natur, die Wissenschaft und durch die Kulturgeschichte.

Jeder irgendwie dem Wald verbundene Gegenstand, der mit dem Werkzeug der Fächer Biologie, Ökologie, der Forstwissenschaften und der Geschichtsschreibung untersucht werden kann, bietet uns einen Zugang zur Annäherung.

Helmut Schreier: Unter Bäumen – European essays on nature and landscape. S. 114

Im Wald und unter Bäumen: Entdeckungen machen, sich treiben lassen, ankommen

Innenseiten aus dem Buch von Helmut Schreier

Unter Bäumen

Aus der Reihe: European essays on nature and landscape

KJM Buchverlag

Es ist schön, mit Helmut Schreier durch die Wälder zu streifen. Doch mehr als einmal hätte ich mir gewünscht, dass er mich an seinem erzählerischen roten Faden, den er sicher für sich hatte, hätte teilhaben lassen. Dann wäre für mich klarer gewesen, warum er mir seine Naturbeobachtungen und Ausflüge in die Geschichte erzählen möchte. Dann hätte ein tieferer Dialog zwischen dem Buch und mir begonnen.

So war es für mich vor allem eines: ein wunderbarer Startpunkt, um in eigenen Erinnerungen an Wald-Begegnungen zu schwelgen.

Was durch die Buchausstattung verstärkt wurde: Wie schön sind bitte Papier, Layout, Druckqualität und Haptik des Umschlags bei diesem Buch? Schon allein das macht Lust, noch mehr aus der Buchreihe „European essays on nature and landscape“ zu lesen!

Unter Bäumen ist mir wohl. Ihre Nähe gibt mir Gelassenheit, den Vorschein des Gefühls, angekommen zu sein.

Helmut Schreier: Unter Bäumen – European essays on nature and landscape. S. 11

Weitere Angaben zum Buch:

Helmut Schreier

Unter Bäumen

Aus der Reihe: European essays on nature and landscape

KJM Buchverlag


„Unter Bäumen ist mir wohl“ könnte auch mein Motto sein. Hier noch ein passender Buchtipp: Bäume in der Kunst

Zurück ins Wasteland: Laylayland von Judith und Christian Vogt

Laylayland, die Fortsetzung zum Buch Wasteland von J. C. Vogt

Bei Buchserien kann ich gnadenlos sein: Ich lese sie fast nie weiter. Selbst dann nicht, wenn mich beim ersten Band Sprache und Weltenbau überzeugt haben. Warum soll ich mich an diese eine Buchwelt fesseln? Es gibt doch noch so viele andere! Ich bin Poly-Leserin, immer bereit für eine neue Buchliebe.

Dass ich also Laylayland, die Fortsetzung zu Wasteland, unbedingt lesen wollte, sagt schon alles.

Dabei bescherte mir der erste Band Albträume. Zu beklemmend waren die Bunkerszenen für mich. Auch das apokalyptische Szenario machte mir, die das Genre der Dystopien sonst meidet, zu schaffen. (Meine Rezension zu Wasteland findet ihr hier)

Doch es gab Hoffnung. Hopepunk eben. Und am Ende sattelten Layla und Zeeto das Motorrad, packten Baby Mtoto in den Beiwagen und ritten in den Sonnenaufgang, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Ein progressiv-phantastischer Schluss, der perfekt passte – und mein Kopfkino startete.

Hopepunk ist, wenn alles aussichtslos erscheint – aber du und deine Leute, ihr versucht es trotzdem, bildet Banden, seid gleichzeitig rauchend wütend und radikal zärtlich. Laylayland, der Nachfolger von Wasteland vom Vögte-Duo, ist das Buch für alle, die Utopien in Dystopien errichten wollen.

Website Plan 9 Verlag

Wie bitte könnte diese Geschichte weitergehen?

Als wäre das nicht genug, gab es noch einen Grund, warum ich Wasteland 2 unbedingt lesen wollte: ein Verlagswechsel. Band 1 erschien sozusagen bei einem Major Label, Band 2 hingegen ist durch und durch Indie. Würde man so etwas merken?

Meiner Meinung nach: Ja – und nicht nur am Formatwechsel. Sorry liebe Buchsammler*innen, das sieht nicht gut im Regal aus! Ich kann jetzt nur mutmaßen, aber mein Eindruck ist, dass es beim Plan 9 Verlag eine klare Ansage an die Autoren gab: macht! Und genau das taten Judith und Christian Vogt.

Natürlich kann das auch daran liegen, dass sie mittlerweile vertrauter mit der Welt von Wasteland waren und Dinge über ihre Protagonist*innen wussten, die ihnen vorher nicht bewusst waren. Auf jeden Fall steckt in Band 2 so viel mehr als in dem ersten – alles ist plastischer, wilder, freier, aber gleichzeitig auch detaillierter und noch durchdachter.

Doch wie geht die Geschichte nun weiter? Mit Handlung nacherzählen habe ich es einfach nicht – schaut mal bei Rezensionsnerdista rein, die außerdem auch noch aufschlüsselt, wie divers der Roman erzählt ist. Ein Aspekt fehlt bei ihr, den ich ergänzen möchte: Hat schon jemals jemand im Genre SF die Frage, wann das Baby Hunger bekommen und schreien wird, als spannungsförderndes Element verwendet? Das ist nur eines der vielen Details, die Laylayland so großartig machen.

Doch jetzt heißt es Abschied nehmen vom Wasteland. Die Geschichte ist rund und zu Ende erzählt. Obwohl – was macht eigentlich Root 2.0, der Internet-Schamane, als nächstes?


Infos zum Buch:

Judith und Christian Vogt

Laylayland
(Wasteland Band 2)

Plan 9 Verlag

Wasteland Band 1 – Droemer Knaur


Hoffnung in einer postapokalyptischen Welt: Wasteland von Judith und Christian Vogt


Berlin, Berlin – die Vögte können auch Berlin: Anarchie Deco


Auch der kleinste Schuber der progressiven Phantastik stammt von „den Vögten“:

Climate Fiction mit Wow-Effekt: Exit this city

Climate Fiction aus Deutschland: Exit this city von Lisa-Marie Reuter

„Exit this city“ stellt die Welt, wie wir sie kennen, auf den Kopf – und entwickelt doch das, was wir erleben, konsequent weiter. Indien ist dank seiner Hightech-Firmen der Sieger des Globalisierungsrennens. Tagestemperaturen weit über 40 Grad sind dort normal geworden. Überleben ist nur mit Hitzeanzügen möglich. Deutschland ist hingegen nur noch ein Agrarstaat und versinkt im fruchtbaren Schlamm. Starkregen im Frühjahr, kurze heiße Sommer, die gerade eben das Getreide reifen lassen. Die Gewinne streichen Agrar-Konzerne aus Indien ein. Genmanipulierte Bienen sollen die Erträge steigern. Doch ihr Stich ist tödlich und die Landarbeiter*innen planen den Aufstand.

Dazwischen indische Göttinnen, ein Mann ohne Gedächtnis, die Gewinnerin einer Reality-Show (der Preis war die Flucht von ihrer Heimatinsel, die wegen des Klimawandels im Meer versank) Supercomputer mit Eigenleben und ein sprechender Hund. Es ist ein wildes Puzzle, dass Lisa-Marie Reuter vor ihren Leser*innen ausbreitet. Doch jedes Teil bekommt seinen passenden Platz.

Ganz abgesehen davon: Einen SF-Roman, genauer gesagt Climate Fiction aus Deutschland, mit einem Showdown in einem Rechenzentrum, das in der altehrwürdigen Würzburger Festung versteckt ist, muss ich einfach ins Herz schließen!


Angaben zum Buch:

Lisa-Marie Reuter

Exit this city

Fischer Tor Verlag

Ein Buch mit Wow-Effekt“: Rezension auf dem Blog Phantastisch Lesen

Climate Fiction – mehr über das Genre beim Deutschlandfunk


Ein Buch, das gut dazu passt: Wasteland

Maria Borrély – Mistral. Eine Wiederentdeckung.

Natürlich habe ich zu „Mistral“ gegriffen, weil die Provence für mich ein Sehnsuchtsort ist. Wenn ich dort Urlaub mache, zieht es mich nicht an die Küste, sondern ins Hinterland. Dorthin, wo die Gegend rauer und die Naturerlebnisse intensiver sind. Der schmale Roman von Maria Borrély spielt in der Haute-Provence. Ich kann mich an beeindruckende Wanderungen erinnern und an Wege, bei denen wir nicht wussten, ob das der Wanderweg oder ein Ziegenpfad ist. An den Duft von Thymian und Lavendel. An dornige Sträucher und an Schmetterlinge. Abends, bei Baguette, Käse und Rosé, dann die Frage: Wollen wir nicht hierher ziehen? Meine Antwort immer: Dazu müsste ich hier erst einmal als Sommerurlaube erlebt haben – und die Zeit des Mistrals.

Jetzt, nach etwa 100 intensiven Seiten, auf denen es kein Wort zu viel oder zu wenig gab, habe ich eine Vorstellung davon, wie es sein könnte, mit der Natur und dem Wind zu leben. Nun bin ich mir noch unsicherer, ob ich das könnte.

Das Leben, die Liebe – und der Wind

„Mistral“ erzählt, wie es ist, wenn Wind und Wetter den Rhythmus vorgeben, wenn Leben und Natur eines sind. Maria Borrély beschreibt wilde Schönheit der Haute Provence und die harte Arbeit, die es braucht, um all die Schätze – Lavendel, Mandeln, Früchte – zu ernten. Fast schwärmerisch lässt sie Farben und Gerüche lebendig werden und kehrt doch immer wieder zum kargen, präzisen Ton zurück, der so perfekt zur Landschaft passt. Mittendrin Marie, die sich bis zu dem Tag, an dem sie sich verliebt, kein anderes Leben vorstellen kann.

Immer weht der Wind, der die Menschen mal spielerisch umschmeichelt, um dann wieder zu zeigen, dass er auch anders kann. Seine ständige Präsenz gilt es auszuhalten, sonst wird man nicht nur sehnsüchtig, sondern auch wahnsinnig.

Fast schon ein Roman: die Geschichte hinter dem Buch

Aber „Mistral“ von Maria Borrély ist so viel mehr als ein Provence-Roman. Das Buch ist eine Wiederentdeckung, die ahnen lässt, wie viele großartige Bücher von Frauen uns verloren gegangen sind. Sogar solche, die bei Erscheinen Lob von großen Schriftstellern ihrer Zeit erhielten.

Warum „Mistral“ doch knapp 100 Jahre überlebt hat, was verlegerischer Mut und die Reisen einer Übersetzerin in die kleinen Dörfer der Haute-Provence damit zu tun haben, erzählt das ausführliche Nachwort. Auch diese Geschichte wäre einen Roman wert!


Infos zum Buch:

Maria Borrély
Mistral

Neuübersetzung von Amelie Thoma

Kanon Verlag

Rezension auf dem Blog Buch-Haltung. Sie hat mir einen Ohrwurm beschert:

„Le vent nous portera“ – hier in der Version von Sophie Hunger


Provence – Buchtipp zu einem Sehnsuchtsort:

Bloß nicht verirren und schon gar nicht auf Zeitreisen!

Zwei Bücher von Kathrin Passig und Aleks Scholz, präsentiert auf einer alten Landkarte: Handbuch für Zeitreisende - Von den Dinosauriern bis zum Fall der Mauer und das Buch Verirren - eine Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene

Nehmen wir einmal an, Zeitreisen wären möglich. Der Aufwand für eine Reise wäre zudem vergleichbar mit dem einer heutigen Fernreise. Wahrscheinlich würde sich sehr schnell eine spezialisierte Tourismusbranche entwickeln. Abenteuerreisen, Individualtourismus, Gruppenreisen, Bildungsreisen, einfach-so-Reisen – nur eben in die Vergangenheit.

Für solche touristischen Zeitreisen bräuchte es einen objektiven Reiseführer. Kathrin Passig und Aleks Scholz haben ihn bereits geschrieben. Und ich habe ihn jetzt, in der Gegenwart, mit viel Spaß gelesen.

Sehen, staunen, entdecken: mach mehr aus deiner Zeitreise!

»Handbuch für Zeitreisende. Von den Dinosauriern bis zum Fall der Mauer« funktioniert auf (mindestens) zwei Ebenen. Einmal als vergnügliche Lektüre, die Geschichts-Nerds und Science-Fiction-Fans beim Lesen vor sich hin glucksen und kichern lässt. In allen Details wird erklärt, warum Zeitreisen die eigene Geschichte nicht verändern (parallele Geschichtsstränge) und warum es schwierig ist, den richtigen Landepunkt zu bestimmen, um Steinzeitmenschen zu beobachten (viel Landschaft, wenig Menschen). Sehr praktisch sind auch die Empfehlungen für Reisende, die die Landessprache nicht beherrschen. Entweder, man sucht sich als Reiseziel eine Handelsstadt. Die Einwohner dort sind Fremde gewohnt und jagen sie nicht gleich aus der Stadt. Oder man gibt sich als Pilger mit Schweigegelübde aus.

Das zeigt, wie anschaulich das Buch Geschichte vermittelt. Und das ist die zweite Ebene: Mit knochentrockenem Humor transportiert es Fakten. Zum Beispiel in diesem Kapitel über Ernährung in vergangenen Zeiten:

»Die Idee einer Mahlzeit ist oft nicht, dass man satt vom Tisch aufsteht, sondern lediglich, dass man weniger hungrig ist als vorher«

Handbuch für Zeitreisende S. 284

Verirren oder verlaufen? Lernen von den Meistern ihres Fachs

Von Kathrin Passig und Alkes Scholz stammt ein weiteres Handbuch, das ähnlich funktioniert: »Verirren. Eine Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene«. Verlaufen habe ich mich schon häufiger, denn ich bin eine Meisterin im Landkarten interpretieren, anstatt sie korrekt zu lesen. Mit dem Handbuch habe ich jedoch gemerkt, dass es noch viele Steigerungsmöglichkeiten gibt! Zwischen verlaufen und verirren liegen Welten. Das Buch erzählt anhand von wahren Geschichten, die nicht alle gut ausgegangen sind, warum wir uns auf unseren Orientierungssinn nicht verlassen können. Natürlich enthält es auch sehr praktische Tipps, wie wir trotzdem wieder heil vom Berg herunter und aus der Wildnis heraus kommen.

Lesehäppchen gefällig?

Doch zu beiden Titeln möchte ich anmerken, dass eine ihrer Stärken zugleich eine Schwäche ist. Die Kapitel sind angenehm kurz und schön in sich abgeschlossen. Genau recht, wenn ich spät abends merke, dass ich noch gar nichts gelesen habe, und nur Aufnahmekapazität für ein paar Seiten habe. Aber dieser Aufbau des Buches bringt es auch mit sich, dass sich einige Aspekte immer mal wiederholen. Deswegen nahm die Häufigkeit, mit der ich weiter gelesen habe, gegen Ende ab.

Aber mich bestens amüsiert und viel gelernt habe ich auf jeden Fall!


Infos zu den Büchern:

Kathrin Passig und Aleks Scholz

Verirren
Eine Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene
Rowohlt

Handbuch für Zeitreisende
Von den Dinosauriern bis zum Fall der Mauer
Rowohlt


Warum eigentlich habe ich mir angewöhnt, am Ende eines Blog-Beitrags auf Bücher hinzuweisen, die gut dazu passen? Hierzu passt nichts, basta. Außer vielleicht die Micro Science Fiction, die man eh nicht häufig genug empfehlen kann:

Monarchie und Alltag – der Fehlfarben-Songcomic

Monarchie und Alltag. Fehlfarben Songcomic. Cover zeigt ein Spießer-Pärchen mit der LP in der Hand.

Als ich begann, Musik zu entdecken und nicht einfach nur zu hören, war »Monarchie und Alltag« von den Fehlfarben schon da. Allerdings dürfte es noch Jahre gedauert haben, bis ich die Platte zum ersten Mal am Stück gehört habe. Songs und Musikwissen kamen damals in Fragmenten zu mir. Deswegen war mir auch lange unklar, dass die NDW-Hymne »Ein Jahr (Es geht voran)« und das bewegende »Paul ist tot« von der gleichen Band sind. Jahrzehnte später war der Song »Kebabträume«, der bei ihnen »Militürk« heißt, für mich immer noch ein Tanzflächen-Magnet – egal, ob in der Version von DAF oder Fehlfarben.

2021 habe ich den Doku-Roman »Verschwende deine Jugend« gelesen. Die Düsseldorfer Szene um den Ratinger Hof nimmt darin viel Raum ein. Das Buch war für mich der Anlass, mich einmal quer durch die Werke deutscher Punk- und New-Wave-Bands zu hören. Erst dann entdeckte ich geniale Fehlfarben-Songs wie »All that heaven allows« für mich.

Von »Hier und Jetzt« bis zur »Apokalypse«: 11 Lieder, 11 Comics

So weit die Vorgeschichte, die ich sicherlich mit vielen teile. Sonst wäre wohl kaum eine Comic-Anthologie über die ikonische Platte erschienen, die alle 11 Songs würdigt.

Peter Hein und Thomas Schwebel erzählen darin recht lakonisch etwas zur Entstehungsgeschichte der Songs – so weit sie sich noch daran erinnern können. Die Comic-Zeichner*innen berichten kurz, was sie mit den Fehlfarben verbinden. Dann folgt ihre Interpretation eines Songs. In der Version von Nicolas Mahler entwickelt sogar das von mir ungeliebte »Ein Jahr (Es geht voran)« einen neuen Reiz! Doch die Highlights sind für mich der Bildertaumel von Ricaletto zu »Militürk«, der den Sog des Songs perfekt widerspiegelt, und die wilde, träumerische Reise, die Minou Zaribaf zu »Gottseidank nicht in England« erschuf. Ihre Bilder erzählen wie es damals war, als wir uns in unsere Zimmer einschlossen, Musik hörten und uns wirklich frei dabei fühlten.

»Das war vor Jahren« – und ist doch eine Platte für die Ewigkeit

Nur wenige der Comic-Zeichner*innen waren Fehlfarben-Fans von Anbeginn. Manche haben durch die Anfrage des Ventil-Verlags zum ersten Mal von der Band gehört. Und vielleicht ist dass das Erstaunlichste an »Monarchie und Alltag«: Diese Platte braucht nicht das richtige Jahrzehnt, sondern nur den richtigen Augenblick, dann ist alles wieder da: Frische, Wucht und Faszination, Eingängigkeit und Rätselhaftigkeit.


Infos zum Comic:

Gunther Buskies / Jonas Engelmann (Herausgeber)

Monarchie und Alltag
Ein Fehlfarben-Songcomic

Mit Comics von:

Frank Witzel: »Hier und jetzt«
18Metzger: »Grauschleier«
Anke Kuhl: »Das sind Geschichten«
Anna Sommer: »All That Heaven Allows«
Minou Zaribaf: »Gottseidank nicht in England«
Ricaletto: »Militürk«
Karolina Chyzewska: »Apokalypse«
Nicolas Mahler: »Ein Jahr (Es geht voran)«
Tine Fetz: »Angst«
Andreas Michalke: »Das war vor Jahren«
Markus Färber: »Paul ist tot«

Ventil Verlag


Verschwende deine Jugend“ – der Doku-Roman zu Punk und New Wave in Deutschland


Die Wächterinnen von New York: Was wäre, wenn die Stadt eine Seele hätte?

Die Wächterinnen von New York. Der Roman von N.K. Jemisin liegt auf einem aufgeschlagenen Bildband "New York vertical" von Horst Hamann.

Wenn eine Stadt vom ersten Moment an ein ganz eigenes Gefühl in uns auslöst, unterstellen wir ihr gerne einen Charakter. Aber was wäre, wenn Städte wirklich ein Eigenleben, eine Seele hätten? Einen Wesenskern, der sich Menschen sucht, um mit ihnen zu kommunizieren? Der diese Menschen dann dazu bringen möchte, bestimmte Dinge zu tun, die für den Fortbestand der Stadt entscheiden sind – auch wenn sie unlogisch und surreal wirken?

Jetzt transportieren wir diesen Ansatz nach New York City und durchdenken ihn noch einmal. New York muss mit vielen Stimmen sprechen, schon allein deswegen, weil jeder Stadtteil anders ist. Und erst recht, weil die Bewohner*innen New Yorks vielstimmig sind und in diesem Stimmenkonzert Race, Class und Gender mitmischen. Und das, was getan werden muss, um die Metropole zu retten, muss diesen Stimmen entsprechen – samt Widerstand gegen Rassismus und Gentrifizierung und inklusive Alien-Glibber, King-Kong und anderen Zitaten aus der Popkultur.

N. K. Jemisin, vierfache Gewinnerin des Hugo Awards, ist definitiv die Autorin, die eine solche Geschichte bändigen kann. Auch wenn ich die seltsame, feindliche Macht, die das Erwachen New Yorks verhindern will, bis zur letzten Seite nicht verstanden habe: Ich habe dieses Buch genossen. Selbst die Tatsache, dass ich recht früh geahnt habe, wie die Nebenhandlung um den abtrünnigen Stadtteil Staten Island ausgehen wird, hat mich nicht gestört.

Letzten Herbst ist der zweite Band der Duologie auf Englisch erschienen: »The World We Make«. Ich freue mich auf die Übersetzung!


Infos zum Buch:

N. K. Jemisin
Übersetzt von Benjamin Mildner

Die Wächterinnen von New York

Tropen Verlag

Rezensionen bei Bellas Wonderland und im Fantasyguide.

Für mein Beitragsbild habe ich das Buch auf ein Foto aus dem Bildband „New York Vertical“ von Horst Hamann gelegt.


Mehr von N. K. Jemisin auf meinem Blog: Broken earth – Zerrissene Erde

Manchmal werden in der Stadt, die niemals schläft, sogar Elfen gesichtet

Rude Girl – Comic von Birgit Weyhe

Rude Girl - Comic von Birgit Weyhe. Cover des Buches

Auf den ersten Blick ist »Rude Girl« eine Biografie. Ganz linear erzählt Birgit Weyhe den Lebensweg der amerikanischen Germanistik-Professorin Priscilla Layne. Doch »Rude Girl« ist keine Roman-Biografie, es ist ein Comic. Und Comics erreichen Stellen, die Romanen verschlossen bleiben. Sie können mit zeichnerischen Mitteln im wahrsten Sinne des Wortes den Blickwinkel wechseln und neue Perspektiven eröffnen. Mit Farbe können sie Bekanntes verfremden und somit Vertrautes hinterfragen. Birgit Weyhe nutzt all diese Stilmittel souverän und bleibt doch einem ganz eigenen Minimalismus treu.

Sehr konzentriert erzählt sie, wie Priscilla Layne als Tochter einer alleinerziehenden Mutter und als Kind karibischer Einwanderer aufwuchs. Wie sie nicht das typische Mädchen sein wollte und welche Freiheit sie in der Musik fand. Warum sie an der Schule wenig wohlwollend als „Oreo“ bezeichnet wurde – außen schwarz, innen weiß. Wie sie in den Indiana Jones Filmen zum ersten Mal Deutsch hörte, diese seltsame Sprache lernen wollte und schließlich mit Kafka die Literatur entdeckte.

Wenn ich das so erzähle, klingt es wie eine nette, empowernde Story über eine Frau, die ihren eigenen Weg geht. Das ist aber nur eine Ebene – da fehlt so viel. So, wie dieser Einschub hier in meinem Blog-Beitrag steht, lässt auch Birgit Weyhe immer am Ende des Kapitels ihre Figur selbst zu Wort kommen. Sie nimmt das bis dahin gezeichnete auseinander, kritisiert und gibt wichtige Hinweise, wie sich ihr Leben in dem Moment wirklich angefühlt hat.

Es ist dieses Zusammenspiel, das »Rude Girl« zu etwas ganz Besonderem macht. Nach und nach erhalten wir Einblick in ein Leben, in dem Race, Gender und Class durchgehend eine Rolle gespielt haben. Nicht mädchenhaft genug für die karibischen Verwandten, nicht schwarz genug für die Black Community, zu arm für das weiße Bildungsbürgertum – was auch immer sie tat, Priscilla saß zwischen den Stühlen. Bei den Skinheads und Punks fand sie eine Heimat, doch vor allem fand sie hier die Kraft, ihren individuellen Lebensentwurf zu entwickeln.

Und noch etwas zeichnet«Rude Girl« aus: Zum allerersten Mal schaffte es ein Comic auf die Nominierungsliste für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Die Jury begründet ihre Entscheidung so:

„Neben der starken visuellen Kraft, die RUDE GIRL entwickelt, ist das Besondere die Montage: Auf einer zweiten Erzählebene legt Weyhe der US-Professorin Priscilla Layne immer wieder Versatzstücke ihrer gezeichneten Biographie vor. So entsteht ein produktiver und höchst offener Austausch zweier kooperierender Erzählerinnen: über kulturelle Aneignung, Race und Gender. Ein unverzichtbarer Beitrag zu den Identitätsdebatten unserer Zeit.“

Website Avant Verlag

Auch das ist eine Sichtweise – aber definitiv nicht die einzige, die »Rude Girl« ermöglicht!


Weitere Infos zum Comic:

Birgit Weyhe
Rude Girl

Avant Verlag


Mehr Comic-Tipps auf meinem Blog – wie wäre es mit diesem hier? Adventure Huhn!

Passt nicht? Dann vielleicht lieber Women of Punk

Nico

Nico. Das Buch liegt auf schwarzem Stoff.

Lineares Erzählen würde Nico nicht gerecht. »Nico. Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist« versucht das auch erst gar nicht. Es ist keine Biographie, auch wenn Nicos Leben nacherzählt wird. Es ist kein Erklärungsversuch und auch keine Hommage. Es ist kein Werk über ihre Musik, auch wenn die Entstehung jeder Platte beschrieben wird und die Leser*innen mit auf ihre Konzerte genommen werden. Es ist ein düster schillerndes Kaleidoskop, gebildet aus vielen Einzelbeiträgen.

Natürlich können wir mit den Interviews, Konzertberichten, Erinnerungen, Gedichten und Fotos verfolgen, wie aus dem Mädchen Christa Päffgen zunächst das erste deutsche Supermodel, dann die Vevlvet-Underground-Chanteuse, die Schauspielerin und schließlich die Sängerin und Musikerin wurde. Und wie all das zusammen das Gesamtkunstwerk Nico ergab.

Doch vor allem ist das Buch ein Versuch, Nicos Aura zu ergründen und der Faszination nachzuspüren, die sie in ihren Fans und Wegbeleiter*innen weckte. Es ist ein Buch über das Phänomen Nico und das rechtfertigt den Umfang von über 600 Seiten. Kürzer wäre unvollständig.

See the way she walks
Hear the way she Talks

Femme Fatale – The Velvet Underground & Nico

Nico, eine Leinwand für die Träume anderer?

Nico zählt nicht zu meinen Heldinnen. Dafür war sie zu sehr Junkie. Deswegen näherte ich mich dem Mammut-Werk mit einer distanzierten Neugier. Vielleicht deswegen fiel mir beim Lesen vor allem eines auf: Nico war eine Projektionsfläche für die ungelebten Träume der anderen – insbesondere der Männer. Von den 68 Beiträgen im Buch stammen keine 15 von Frauen. Ich hätte mir eine andere Gewichtung gewünscht.

Ich kenne Nico nicht. Niemand kann Nico kennen.

S. 434: Albrecht Piltz – Blicke in die Finsternis

Mehr als fünf Minuten Ruhm

Hätte Nico Spaß gehabt an dem Buch? Wahrscheinlich nicht. Auch wenn sie eine Ikone der Popkultur ist, war sie an Popularität nicht interessiert. Wobei ich nach der Lektüre glaube, dass der Grund für dieses Desinteresse ein sehr eigener war. Warum hätte sie Energie in etwas stecken sollen, das sowieso vorhanden war? Sie konnte weder die Vorteile, die ihr aus ihrer Schönheit heraus zuflossen, noch die traumwandlerische Sicherheit, mit der sie immer die richtigen Menschen kennenlernte, sonderlich würdigen. Es war einfach etwas, das so zu ihr gehörte wie ihre dunkle Stimme, die uns bis heute fasziniert.


Weitere Infos zum Buch:

Manfred Rothenberger und Thomas Weber – Herausgeber
In Zusammenarbeit mit dem Institut für moderne Kunst Nürnberg


Nico
Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist

Starfruit Publications


Jimi Hendrix, Bob Dylan, Leonard Cohen, Lou Reed, John Cale, Iggy Pop und Jim Morrison – Nico kannte sie alle. Aber es war Patti Smith, die im entscheidenden Moment etwas tat, was für Kontinuität in ihrem Leben sorgte: Sie kaufte ihr ein neues Harmonium, nachdem das alte geklaut wurde. Auch eine Geschichte, von der ich gerne mal in Pattis Büchern lesen würde!

Frauen Literatur. 1986 schon (m)ein Thema – und heute?

Frauen Literatur. Das Buch von Nicole Seifert zusammen mit den Büchern "Deutsche Dichterinnen" und "Lyrikerinnen aus der DDR"

Eigentlich knüpfe ich mit der Lektüre von »Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt« von Nicole Seifert an Themen an, die mich schon vor über 30 Jahren beschäftigt haben. Meine Ausgabe der Anthologie »Deutsche Dichterinnen. Gedichte und Lebensläufe« stammt aus dem Jahr 1986, also noch aus meiner Schulzeit. Sie hat mir die Augen geöffnet.

Genau aus diesem Grund wollte ich »Frauen Literatur« zunächst nicht lesen. Die Erkenntnis, wie wenig sich seit dem geändert hat, ist nichts, was mir einen Leseabend auf der Couch versüßt. Been there, done that – und die Welt ist eben immer noch schlecht.

Vom Deutschunterricht bis zum Germanistikstudium ist der Autorinnenanteil noch immer verschwindend gering, und so lernen wir von Anfang an: Was literarisch wertvoll ist, stammt von Männern.

Website Kiepenheuer & Witsch

Doch was für die Universität und für den Literatur-Kanon gilt, greift auch in den Fanzines der Nerds und in der Genre-Literatur. Das war der Grund, das Buch dann doch zu lesen.

Frauen Literatur: Auf einmal handeln die Bücher von mir.

Frauen Literatur. Das Buch von Nicole Seifert zusammen mit dem Buch Grenzwelten von Ursula le Guin

Was für einen Unterschied es für mich macht, wenn Autorinnen ein Genre mitprägen, habe ich in den letzten Jahren im Bereich Science-Fiction und Fantasy erlebt. Beides sind Lese-Vorlieben, die ich für mich ohne groß darüber nachzudenken aufgegeben hatte. Ich fühlte mich mit den Büchern einfach nicht mehr wohl und griff eben zu etwas anderem.

Erst als ich Autorinnen wie Ann Leckie, Theresa Hannig, Nnedi Okorafor, N.K. Jemisin und Ursula le Guin für mich entdeckte, änderte sich das. Auf einmal fand ich mich in den Büchern wieder. Mein Leben, meine Themen, meine Fragen an die Gesellschaft, verpackt in eine packende, genre-typische und doch so andere Geschichte. Seitdem verschlinge ich SF und Fantasy wie früher und merke, wie sehr mir diese fantastischen Welten gefehlt haben!

Was wäre, wenn das überall in der Welt der Bücher sein könnte?

Wie Frauen unsichtbar werden – lässig und pointiert erklärt

Genau darum geht es in Nicole Seiferts »Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt«. Sie zeigt auf, wie viele großartige Autorinnen uns durch die Mechanismen der Buchbranche und der Universitäten entgangen sind. Aber vor allem durchleuchtet sie auf allen Ebenen, wie diese Verdrängungsmechanismen funktionieren. Das macht sie einerseits so präzise und pointiert, dass ihre Analysen in jeder gesellschaftspolitischen Debatte standhalten. Andererseits macht sie es so lässig und locker, dass jedes Kapitel ein Lesevergnügen ist. Zudem geht sie dabei so gründlich vor, dass ihr alle Leser*innen folgen können. Ein Grundstudium in Literaturgeschichte oder Feminismus ist nicht nötig – Spaß am Lesen genügt!


Bibliographische Angaben zum Buch:

Nicole Seifert

Frauen Literatur
Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt

Kiepenheuer & Witsch


Wer kauft diese Bücher eigentlich – und wer nicht?
Eine Anekdote aus meiner Buchhändlerinnen-Vergangenheit erzähle ich hier:

Noch mehr Dichterinnen & Denkerinnen auf meinem Blog: Frauen, die trotzdem geschrieben haben