Unkonferenz – das Literaturcamp Heidelberg

Das Literaturcamp Heidelcamp ist ein offenes Barcamp, eine Unkonferenz rund ums Buch, die Literatur, das Schreiben und Veröffentlichen. Es machte seinen Namen diesmal alle Ehre – noch unkonferenziger als das, was ich in den zwei Tagen erlebte, geht kaum.

Das begann mit dem Anfang: extra eine halbe Stunde früher starten als letztes Jahr um dann eine halbe Stunde mit der Technik rumschraddeln, bis endlich alles läuft. Das hätte man durchaus auch vorher proben können. Auch ein kleines Skript, was es alles zu sagen gibt, könnte helfen. Über die Hälfte der Anwesenden war noch nie auf einem Barcamp – da muss man auch ein wenig erklären, dass alles in Selbstorganisation abläuft. Dann müsste man auch am zweiten morgen nicht so schimpfen, dass Müll wegräumen und leere Flaschen in die Kästen zurückstellen nicht geklappt hat.

Egal, ich hab Euch trotzdem lieb.

Unkonferenz – jede Session ist unerwartet und anders

Der Herausgeber der Literaturzeitschrift Richtungsding stellt sein Projekt auf dem Literaturcamp Heidelberg vor
In welche Richtung wollte eigentlich das Richtungsding?

Meine erste Session war gleich Unkonferenz pur.

„Mein Name ist Paul und ich habe ein teures Hobby: ich gebe eine Literaturzeitschrift heraus.“

Das Publisher-Paradoxon nannte er seine Session und wollte seine These ergründen, dass es mehr Menschen gibt, die in einer Literaturzeitschrift veröffentlichen wollen, als solche, die diese Zeitschrift kaufen würden.

Belegen wollte er es mit seinem eigenen Projekt Richtungsding.

Doch schon nach 10 Minuten begann das Publikum daran zu zweifeln, dass seine Zeitschrift als Beispiel geeignet sei und begann, sehr klug und direkt, Marketing und Vertrieb zu hinterfragen.

Mir gab die Session viel, denn ich nahm nicht nur einen Haufen intelligente Fragen mit, sondern auch das beste Foto, dass ich auf dem Literaturcamp 17 gemacht habe. Danke Paul – seit deiner Session denke ich darüber nach, wie veröffentlichen ohne Zielgruppe funktionieren könnte. Daher betrachte ich diese Session als ein gutes Beispiel, was Unkonferenzen leisten können. Wer jedoch erwartet hatte, in dieser Session eine Art Schulung zu bekommen, war enttäuscht.

Anna von Ink of Books referiert über: Lebe deinen Blog
Lebe deinen Blog – Anna macht es vor.

Eine unerwartet gute Schulung bot hingegen Lebe Deinen Blog von Anna alias Ink of Books. Sehr souverän, sehr kompakt und mit viel mehr Informationen, als ich dachte, dass man in 45 Minuten packen könnte. Ein Blog ist ein Gesamtpaket und besteht aus Bildsprache, Tonalität und persönlicher Erzählstimme. Ein Blog ist aber auch eine Reise hin zu der Persönlichkeit, die man auf dem Blog sein möchte. Diese Blogpersönlichkeit ist nicht deckungsgleich mit der Privatperson hinter dem Blog. Übrigens könnte ich meinen Blog nicht so einfach mit drei Hashtags charakterisieren, wie Anna das vorschlägt. Ich werde weiter darüber nachdenken und bedanke mich für die kluge Session!

Auf jedem Barcamp sollte man sich mindestens eine Session anhören, von deren Thema man nichts versteht. Zu gerne hätte ich den Vortrag von Ingeborg von der EBookerei zum Thema barrierefreie EBooks gehört. Allein die Göttin des Zeitplans war mir nicht hold. Nun, es liefen auch immer 8 Sessions parallel. Wir haben also alle gefühlt mehr verpasst als gehört. Auch das gehört zu einer Unkonferenz dazu.

Alternativ habe ich mir dann „Schreiben fürs Hören“ herausgesucht, denn von Podcast oder Radio-Journalismus verstehe ich wenig. Was für eine muntere und bereichernde Session von Nora alias Die Anachronistin und Kati alias Kati quatscht. Auch dieser Vortrag war ein gutes Beispiel dafür, was Unkonferenzen leisten können – improvisiert, erfrischend und frei Schnauze. Auf einmal verstand ich dann doch was vom Thema: Schreiben fürs Hören ist näher am Online schreiben als am Print schreiben.

Klaus N. Frick, seit sehr langer Zeit Perry-Rhodan-Redakteur, könnte ich stundenlang zuhören. Er bot in seiner Session einen Werkstattbericht: Wie entsteht die Serie, welche Formate können die alten Heftchen ersetzen, was haben Karl May und Perry Rhodan gemeinsam und wie um Himmels Willen bekommen wir mehr weibliche Protagonisten … Großartig. Und hiermit äußere ich meinen ersten Wunsch für das #litcamp18: Klaus, mach doch mal was zu Punk und Literatur!

Was ist ein Barsortiment und was hat Amazon damit zu tun: Heiko und Michael vom Barsortiment Umbreit boten einen Einblick in die Welt eines Dienstleisters, der außerhalb des Buchhandels kaum wahr genommen wird. Was mir hier im Gedächtnis bleibt ist: Kunde bestellt ein Buch bei Amazon, Amazon bestellt beim Barsortiment, denn das große A hat weniger Bücher vorrätig als ein Barsortiment. Die liefern das Buch nach Polen und von dort liefert Amazon das Buch wieder nach Deutschland. Da fehlen mir die Worte, um einen solchen Wahnsinn zu beschreiben.

Meine Neugier führte mich auch in die Session des Astikos Verlags, da mich interessierte, wie sie ihr dezentrales Team organisieren. Aus der Session wurde schnell im Zusammenspiel mit Kollegen des Carl Auer Verlags ein Erfahrungsaustausch – danke dafür!

Einen Überblick über die aktuellen Entwicklungen wollte ich bei dieser Session bekommen: Mojoreads, ehemals log.os, tritt an um die Plattform für alle Belange des buchischen Lebensstils zu werden. Spannendes Projekt, definitiv. Ich werde es weiter verfolgen!

Aber was wünsche ich mir für das #litcamp18?

Diese Zwischenüberschrift besagt schon mal zweierlei: ich habe in meiner eigenen Session, SEO für Menschen, die lieber schreiben als sich um Technik zu kümmern, gut aufgepasst und ich möchte 2018 wieder dabei sein, denn ich habe diese Unkonferenz ins Herz geschlossen.

Wünsche habe ich einige.

  • Ich wünsche mir ein Publikum, dass seine Erwartungshaltung ablegt und nicht davon ausgeht, Kurz-Schulungen zu bekommen, die sich mindestens auf VHS-Niveau bewegen.
  • Ich wünsche mir eine stärkere Durchmischung der Sparten. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass es parallel ein Barcamp für Autoren, eines für Blogger und eines für Verlagsmitarbeiter gab.
  • Ich wünsche mir mehr Out-of-the-Box Themen; Sessions, bei denen der Zusammenhang zum Buch erst auf den zweiten Blick klar wird. Zum Beispiel eine Punksession.
  • Ich wünsche mir noch mehr Kinder auf dem Literaturcamp – die Kinderbetreuung macht das möglich – sowie Sessions zu Kinderbüchern.
  • Ich wünsche mir, dass die Orga in der Einführung nicht nur darauf hinweist, dass jeder eine Session anbieten sollte, sondern auch darauf, dass jeder mindestens eine Session besucht, die ein für ihn absolut unbekanntes Thema behandelt.

Und was wünscht Ihr Euch für das #litcamp18?

Ein Besucher der Unkonferenz: Sehr müder Hund auf dem #litcamp17
Ermüdeter Teilnehmer auf dem #litcamp17. Was er wohl über die Unkonferenz denkt?

Session verpasst? Hier gibt es manches zum Anschauen.

Rückblick auf das Literaturcamp Heidelberg 2016:

SEO für Menschen, die lieber schreiben als sich um Technik zu kümmern

SEO für Menschen, die lieber schreiben als sich um Technik zu kümmern. Wie kann ich nur mit Text Google beeindrucken? Meine Session auf dem #litcamp16
SEO-Session am Qualitätssonntag des Literaturcamps.

SEO für Menschen, die lieber schreiben als sich um Technik zu kümmern. Wie kann ich nur mit Text Google beeindrucken?

Das war das Thema der Session, die ich am zweiten Tag des Literaturcamp Heidelbergs #litcamp17 angeboten haben.

Wie versprochen stelle ich mein Skript für die Session online. Die echte Session lief natürlich anders. Dazu findet Ihr am Ende einige Anmerkungen.

Danke für Eure Fragen und Erfahrungen! Wenn Ihr über die Session schreibt, verlinke ich Euch gerne. Und wenn ihr Fragen oder Ergänzungen habt, dann freue ich mich über Eure Kommentare!

SEO für Menschen, die lieber schreiben

Wieviele eurer Blog- oder Webseitenbesucher kommen über Google?

Bei mir sind es 60%

Lohnt sich also, ein bisschen SEO zu betreiben, damit mehr davon kommen.

Ich skizziere euch einen Weg, der bei SEO das in den Mittelpunkt stellt, was ihr wahrscheinlich am liebsten macht: schreiben.

Schreibt zuerst einen großartigen Text. Fertig?

Fasst die Kernaussage des Texts in zwei Sätzen zusammen. Diese beiden Sätze gut aufheben, die brauchen wir am Schluss noch einmal.

Klappt nicht? Dann solltet ihr euren Text eh noch einmal überdenken, ob er schon klar, griffig & richtig gut ist!

Gut. Perspektivenwechsel. Nehmt diese beiden Sätze mit der Kernaussage. Stellt euch einen Menschen vor, der diesen Text unbedingt lesen will und der Google dafür nutzt, um ihn zu finden.

Mit welchen Begriffen sucht er?

Kommen diese Begriffe schon in eurem Text vor?
Ja? Prima!
Nein? Dann bessern wir jetzt nach.

Setzt diese Begriffe an folgenden Stellen ein:
Überschrift, erster und letzter Absatz, in mindestens einer Zwischenüberschrift.

Es gibt Buchblogs, auf denen Begriffe wie Buch, Bücher, lesen, Rezension, Buchempfehlung so gut wie gar nicht vorkommen.

Oder Feinkostläden, die lieber von Teigwaren als von Nudeln reden.

Ehrlich!

Vergesst abwechslungsreiche Umschreibungen. Verwendet die Begriffe, die jeder verwendet, in ausreichender Menge. Gute Autoren können auch so großartige Texte schreiben!

Eigentlich war es das schon.

Es gibt aber noch SEO-Ausbaustufen, die ebenfalls auf Text basieren.

Zwischen Euch und dem Leser liegt bei dieser Herangehensweise die Google Suche. Das Ergebnis dort wird in einer bestimmten Form gezeigt, dem sogenannten Snippet.

Eine Überschrift – dem sogenannten HTML Title

Circa zwei Zeilen Text – der sogenannten Meta description.

Dieser Text muss griffig und überzeugend sein, sonst klickt niemand. Bei WordPress könnt ihr diese mit Hilfe eines Plugins wie Yoast selbst schreiben.

Der Title beginnt mit dem wichtigsten Begriff, dem Keyword. Für die description, die zwei Zeilen darunter, nehmen wir die Kernaussage vom Anfang. Der Platz ist knapp: 55 bzw. 155 bis 170 Zeichen.

Haben wir noch Zeit? Dann gehen wir noch kurz auf die Alt Tags ein: Text, der sich hinter den Bildern versteckt und eigentlich der Barrierefreiheit dient. Er liefert eine Bildbeschreibung für Sehbehinderte. Sollte man also auf jeden Fall ausfüllen. Dabei kann man gleich – ihr ahnt es – Keywords verwenden.

Und was sind eure SEO-Tipps?

Was sonst noch geschah: Ergänzungen zur SEO-Session

So weit mein Skript, einiges lief natürlich anders. So habe ich zum Beispiel wesentlich mehr über Nudeln erzählt. Dahinter verbirgt sich die Geschichte eines Feinkostladens, den ich zu SEO und Online-Fragen beraten habe. Sie waren sehr stolz auf ihre hausgemachten Nudeln. Doch auf der Webseite war nur einmal von Nudeln die Rede; Begriffe wie Nudelsauce oder Pasta fehlten ganz. Dafür gab es Umschreibungen wie Frischeinudeln und Teigwaren. Woher soll Google dann wissen, um was es geht?

Ergänzt haben wir auch noch, dass man nicht nur die Alt-Tags, den Text hinter den Bildern ausfüllen sollte, sondern auch Bildunterschriften und sprechende Dateinamen verwenden kann und soll. Letzteres habe ich übrigens bei diesem Beitrag aus Zeitgründen wieder weggelassen. Aber Zwischenüberschriften habe ich diesmal genutzt!

Wir sind auch noch auf Blogspot eingegangen. Dort ist wie immer einiges anders. So weit ich weiß, gibt es dort keine zuverlässige, unaufwendige Möglichkeit, Titles & Descriptions selbst zu texten. Google verwendet hier meist den ersten Abschnitt des Textes. Über die Lage bei WordPress.com kann ich nichts sagen und würde mich über Kommentare dazu freuen.

Garantiert haben wir uns noch über viel mehr ausgetauscht. Es ist immer wieder erstaunlich, wieviel in eine 45-minütige Session auf einem Barcamp passt!

Ich hoffe, dass ich damit Menschen wie Euch, die gerne schreiben und  die ihre Kreativität nicht in ein Raster pressen wollen, einen pragmatischen und umsetzbaren Ansatz gezeigt habe. Das, was ich hier erklärt habe, ist ein guter Anfang, wenn man nicht all zuviel Zeit und Energie in Keywordrecherche und SEO-Strategien stecken will. Eine komplette SEO-Strategie umfasst natürlich noch viel mehr.

Ob pragmatischer Ansatz oder komplette Strategie: SEO ist ein Mittelstreckenlauf, kein Sprint. SEO ist nie fertig. Beginnt mit dem, was Euch leicht fällt – der Rest findet sich!

Update – Tipps & Ideen von den Lesern:

Nützlicher Hinweis: hier könnt ihr die Meta Description bei einem Blogspot Blog anlegen

Von Regina alias Chimikos Welt kam der Hinweis, dass Ihr bei Blogspot auch eine Meta Description anlegen könnt. Die Funktion befindet sich unter den Post-Einstellungen und heißt „Beschreibungen für Suchmaschinen“.

Juna im Netz hat mir in einem Facebook-Kommentar, den ich hier zitieren darf, geschrieben, wie sie mit den Alt-Tags der Bilder umgeht:

„Für die Barrierefreiheit ist es wichtig, nicht zu viele Sonderzeichen zu verwenden, weil die sonst mitgelesen werden. Das macht die alt-Tags schwer nachvolllziehbar. Bei den meist kurzen Sätzen benutze ich Platzhalter wie „Hier ist ein Bild von …“ plus die Erklärung, was auf dem Bild etwa zu sehen ist. Das trennt den Bereich vom Fließtext auch hörbar gut ab. Und manchmal verstecke ich auch etwas in den Tags, das nur für die Menschen mit Screenreadern ist, weil ich hoffe, jemandem einen Mehrwert dadurch zu bieten. Das kann so aussehen: „Du kannst es vielleicht nicht sehen, aber auf diesem Bild gucke ich sehr komisch, weil vorher … passiert ist und …“. Etwas, das ich im Fließtext eben nicht sagen würde. Wie ein kleines Geheimnis. :)“

Außerdem hat sie auch dieses Jahr wieder ganz wunderbare Fotos der Teilnehmer gemacht. Auch von mir und den Teilnehmern meiner Session. Danke schön!

Mein Fazit zum #litcamp17 findet Ihr hier.

Auerhaus, in the middle of the street

Auerhaus. Roman von Bov Bjerg
Auerhaus, in the middle of the street

Ja, so könnte es gewesen sein, genau so. Aber wäre ich schon vor meinem Abi in eine WG gezogen, dann hätte es dort mehr als nur ein Mixtape gegeben. Madness wäre sicherlich auch mit drauf gewesen, aber wahrscheinlich nicht mit ihrem Hit „Our house“. In meiner WG wäre es „Nightboat to Cairo“ gewesen.

Aber ich bin erst nach meiner Ausbildung in eine WG gezogen. Das ist eine ganz andere Geschichte als die, die Bov Bjerg erzählt.

Er erzählt von den zwei Jahren vor dem Abi. Dann, wenn es sich entscheidet, ob aus Zwangsbekanntschaften Freundschaften werden, die länger halten. Vielleicht sogar ein Leben lang.

Nur, weil man in einer Klasse ist, muss man sich nicht mögen. Es braucht noch mindestens eine zweite Gemeinsamkeit: Musikgeschmack, soziale Schicht, gemeinsames Außenseitertum.

Jahre später lässt sich das meist gar nicht mehr so genau nachvollziehen, wie es zur Freundschaft kam. Aber man kann sich genau daran erinnern, wie die Freundschaft wuchs, wichtiger wurde, sich mit Leben und Liebe füllte.

Auf einmal war man bereit, Verantwortung für den anderen zu übernehmen, für ihn einzustehen. Wenn man Pech hatte, hatte man sich einen Shit-Magnet dafür ausgekuckt. Wenn man Glück hatte, zog man diesen Magneten von der Scheiße weg.

So ergeht es den Kids im Auerhaus, der WG auf dem schwäbischen Dorf, die ursprünglich dazu beitragen sollte, einen suizid-gefährdeten Kumpel zu stabilisieren. Letzlich hat der Kumpel alle Mitbewohner stabilisiert und so die besten Jahre seines Lebens verbracht.

Wer am Ende des Buchs überlegt, warum Frieders Eltern so sind, wie sie sind, sollte sich an das verlassene Kinderzimmer im Auerhaus erinnern: der Raum ohne Fenster direkt neben der Schlachtküche kann nur das Kinderzimmer von Frieders Vater gewesen sein.

Wer Auerhaus liest, wird in sein eigenes Jahr vor dem Schulabschluss zurück katapultiert. So kommt es wohl, dass jeder den Roman ein wenig anders liest. Manche empfanden eine Leichtigkeit, manche suchten danach wieder nach dem Sinn des Lebens. Unberührt blieb wohl kaum einer Leser und Spaß hatten sie fast alle. Das ist zumindest mein Eindruck, wenn ich die höchst unterschiedlichen Rezensionen dazu lese.

Und ich? Ich liebe es. Vor allen Dingen die zwei Variationen eines möglichen Endes haben es mir angetan – wohlwissend, dass die zweite Variante die realistischere ist. Aber man wird ja wohl noch mal träumen dürfen, so wie man es damals vor dem Abi getan hat.


Angaben zum Buch:

Bov Bjerg
Auerhaus

Aufbau Taschenbuch
978-3-7466-3238-4

Rezensionen bei Aus.gelesen und bei den Booknerds

Bei mir bekommt Ihr nicht Madness mit „Our house“ zu hören, sondern den zweiten Song, der im Roman eine große Rolle spielt und der in fast keiner Rezension zitiert wird: Birth, school, work, death von den Godfathers.


Erwachsen werden ohne Musik? Undenkbar für mich. Wohl auch für Tijan Silja. In Krach erzählt er von einer Jugend in der pfälzischen Provinz – und von Punk.

My Maifeld

Maiifeld Derby Mannheim
Maifeld Derby 2017 – letzter Tag, großes Strahlen.

Aus. Das Derby ist aus. Das siebte Maifeld Derby war mein drittes. Was war? Was bleibt? Wer will das wissen?

Ich. Ich will das wissen. Die Erinnerungen an mein erstes Maifeld Derby überlagern sich mit dem zweiten. Wann habe ich Die Nerven gesehen? Metz? Freiburg? Human Abfall? Soft Moon? Und wie hieß diese andere Band mit S?

Diesmal habe ich mir Notizen gemacht – auf Instagram, auf Facebook, auf dem Grooveblog. Solche Notizen sind vergänglich, rutschen nach unten, nach hinten, weg.

Also muss eine Meta-Notiz her, hier, auf dem Blog.

Ein Festival besteht aus Momenten. Das Grinsen von Gemma Ray. Staub, der auf einer Schicht von Sonnenmilch klebt. Technikausfälle am Keyboard, die vom Sänger überspielt werden. Eine Rückkopplung, ein Schwarm Krähen über dem Palastzelt, ein Marienkäfer in der Menschenmenge. Eine Textzeile, ein Beat. Ein Gefühl, ein wahrer Moment.

Meine Sammlung an Band-Momenten beginnt mit

Gemma Ray. Wie konnte ich sie so lange übersehen? Fast wäre ich wegen Gemma Ray gewillt, dem Maifeld Derby den eklatanten Mangel an rockenden Frontfrauen zu verzeihen. Aber nur fast. Solange dort nicht eine Band vom Kaliber der Savages auftritt, bin ich nicht versöhnt. Aber ich schweife ab. Gemma Rays hintergründiges Lächeln war für mich der perfekte Start in mein Festivalwochenende. Genialer Sound, großartige Songs und so was von eigenständig weiblich … hach. Bin Fan-Girl ab jetzt und werde nie wieder den gleichen Blick auf Küchenmesser haben.

Lytics machten schlechten Sound mit dreifacher Energie wett und wirkten perplex, wie verdammt gut ihr Old-School-HipHop ankam. Was für ein Spaß für alle!

Friends of Gas hatten mich im Vorfeld neugierig gemacht. Ihr Ewiges Haus gehört dann auch zu meinen Festival-Ohrwürmern. Guter Gig, aber irgendwas fehlte für mich. War es das hermetische Agieren der Band in entspannter Konzentration, das auch in ein Labor passen würde? Oder fehlte mir eine zweite Stimme? Ich mag die kratzige Mädchenstimme, sie ist ein Hinhörer. Aber den Songs täte eine zweite Stimme gut.

Vor Heim gab es für mich noch einen schön stimmigen Auftritt von Rue Royale, die perfekt auf die kleine Bühne mit der besonderen Atmosphäre gepasst hat: Parcours d’Amour, der Ort für die gefühlvollen Entdeckungen.

Stimmungsbreak, Heim im Brückenawardzelt. Whäm. Beste Energie, geiles Set. Genau das, was ich mir im kleinsten und rauesten Zelt erwarte.

Zu White Wine, die mich schon mal auf dem Maifeld begeisterten, kann ich diesmal nichts sagen. Bis sie ihre Technik zum Laufen gebracht hatten, wollte ich schon wieder jemand anderes sehen.

Letzte Band, oder besser gesagt Ereignis, waren für mich Trentemøller. Groß, aber für mich zu perfekt.

Zum Abschluss des ersten Tages dann noch die indirekte Begegnung mit dem größten Arschloch des Festivals: Reifen platt. Möge der Mensch, der beim #Maifeld17 Luft aus meinen Reifen gelassen hat, ab jetzt immer 2m Menschen auf Konzerten vor sich haben.

Angekommen zu Klez.e und direkt in den 80ern gelandet. Schon lange nicht mehr so einen schönen Cure-Schlagzeug-Sound gehört. Knochentrocken.

Ist es dreistimmiger GospelSpeedMetal, was Zeal & Ardor da präsentiert haben? Oder Spiritual-Black-Metal-Blues? Wer einen Namen für eine Schublade braucht war wohl noch mit Nachdenken beschäftigt, während das Publikum im Palastzelt schon längst abging. Was für ein Brett und deutlich härter als ich es erwartet hatte. Toll!

Auf Royal Canoe war ich neugierig, aber ihr Auftritt hat ihrer Musik nichts hinzugefügt, eher etwas weggenommen.

Mein erster Gedanke, als die Temples auf die Bühne kamen: Gebt den Jungs was zum Essen! Der zweite: zieht ihm den Pullunder aus. BritPop trifft auf die 70er. Passt perfekt auf ein Sommerfestival und auf eine Bühne auf einem Zirkuszelt.

Dadurch habe ich jedoch Pabst verpasst. Was nach allem, was ich gehört habe, schade war. Aber auch das gehört zu einem Festival.

#schorlegram

Bei Metronomy nervte mich der Keyboard-Sound. Tidal Sleep boten geilen Hardcore, waren mir aber etwas zu nüchtern.

Also Pause und Zeit für einen Schorle mit Schnepfenpflug Riesling vom Margarethenhof Forst – was für eine gute Idee, die Getränkeauswahl auf dem Festival zu erweitern! Auch das Amber Lager der Weschnitztaler Braumanufaktur war lecker.

Vor Kae Tempest hatte ich mich mit Torsten alias RRRSoundz festgeschwätzt, meinem Mann in der ersten Reihe. So kam es, dass ich mich auf einmal bei Konzertbeginn in der zweiten Reihe wiederfand.
OK …

Aber ja, ich blieb dort bis kurz vor Schluss, bis mich ein paar fiese Frequenzen vertrieben. Wahrscheinlich gehöre ich zu den wenigen Festivalbesuchern, die für die strikten Dezibel-Auflagen beim Maifeld Derby dankbar sind.

Kae Hurricane Tempest also. Letztes Jahr erlebte ich ihre Lesung auf dem Maifeld Derby. Dieses Jahr also szenischer Poetry Slam mit Musikuntermalung. Nächstes Jahr dann vielleicht mit richtiger Musik? Aber yeah, es war großartig. Was für eine Wortgewalt, eine Wucht, eine Energie, eine unbändige Lust, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Bleibt die Frage des Tages: wie kann sich ein Mensch so viel Text merken?

Was kann nach so einem Auftritt bestehen? Moderat konnten es. Nur ich konnte nicht mehr stehen, nur ab und an mal tanzen. Dann habe ich wenigstens die absolut großartige Lightshow erlebt.

RRRSoundz hatte gesagt, ich muss bis zum Auftritt von Gewalt wach bleiben. Also blieb ich wach, auch wenn ein Auftritt um 2 Uhr nachts jenseits meiner Festivalkondition liegt. Natürlich hatte er recht. Im Prinzip. Geile Band. Aber einer von uns beiden war zu müde für echte Begeisterung. Würde ich aber noch mal wiedersehen wollen. Nachmittags. Nach Kaffee. Oder so.

Staub des Maifeld Derbys verfärbt das Badewasser

Ereignislose Heimfahrt. Ausschlafen. Den Staub des Derbys abwaschen. Beobachten, wie sich das Badewasser grau verfärbt. Viel Staub gab es diesmal – angeblich das erste Festival, das ganz ohne Regen daher kam.

Nach dem Ausschlafen kommt das wach werden. Das führte dazu, dass ich nicht um 12:30 wieder dort war. King Khan and the Shrines gab es daher für mich nur im Live-Stream von Arte. Bedauerlich, das gebe ich zu!

Überhaupt: Arte. Ein großer Erfolg für das Liebhaber-Festival, das Arte vor Ort war. Aber die Anwesenheit von Kamera verändert etwas. Man schaut, was die Kamera macht und fragt sich, was sie sieht. Man will hinschauen und der Arm der Kamera ist im Weg. Die Anwesenheit der Kamera führt eine Ebene ein, die vorher nicht dort war. Sie lenkt ab, denn sie ist schwer zu ignorieren.

Sonntag, Familientag. Seniorentag. Im Gegensatz zum Samstag nicht ausverkauft. Thurston Moore in der Mittagshitze. Sechs Songs genügen ihm für eine Stunde Konzert. Feinstes Geschraddel, grundsolide. Aber es fehlt ein Counterpart, der ihm musikalisch in den Arsch tritt und zu Höchstleistungen motiviert. Nett auch der Versuch, mit einem weißen, gebügelten, lässig geschnittenen T-Shirt den Bauch zu verstecken, der sich dann doch immer mal wieder oben auf der Gitarre ablegte. Aber hej – warum sollte es ihm besser ergehen als uns?

Auf zu Spoon und beim dritten Song wieder raus. Wie fad. Nach 15 Minuten doch wieder rein und, ups, ist das eine andere Band? Erstaunlich, was guter Sound auf einmal ausmacht. Tanzmucke für das Mädchen in mir.

King Gizzard & the Lizard Wizzard – einfach fein, wieviele Menschen man immer noch mit Metal und Hardrock glücklich machen kann. So ganz nebenbei haben die jungen Australier, die sich da in der Mannheimer Sonne rot färbten, 40 Jahre Musikgeschichte zitiert – einfach so, weil sie es können. Großartig!

Dann war ein Phänomen an der Reihe: Amanda Palmer. Eigentlich müsste ich sie auf Grund ihrer Ansichten lieben, oder? Aber ihr Buch Art of asking habe ich abgebrochen und den Auftritt habe ich trotz ihrer großartigen Bühnenpräsenz bald verlassen. Ihr Gestus und ich, wir passen nicht zusammen.

Primal Scream waren in meinem Freundeskreis schon immer die Konsens-Band für Partys aller Art. Zwar mochte jeder etwas anderes – Southern Rock, Rave, Elektro-Gedöns – aber irgendwie hat es immer für alle verlässlich gepasst. Party war das auch – aber eine von der trashigen Sorte. Ab und an konnte man mal die Gitarre hören, zu anderen Gelegenheiten hat der Sänger den Ton getroffen. Spaß hat es trotzdem gemacht.

Plan für das Maifeld Derby

Fazit, ein Fazit. 

Das ist einfach: nächstes Jahr wieder.

Die Karten werde ich auch diesmal wieder kaufen, bevor auch nur eine einzige Band bekannt ist. Ich werde wieder Monate vorher beginnen, Bands zu entdecken, mir einen Plan machen und ihn dann vor Ort auf dem Maifeld über den Haufen werfen, um ganz andere Bands zu entdecken. So muss das.


 

Unsagbare Dinge. Eine unschreibbare Rezension.

Laurie Penny, Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution. Fast fertig gelesen.

Am 2. Januar 2016 bezeichnete ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder als Feministin. Auslöser waren weniger die Ereignisse in der Silvesternacht am Kölner Bahnhof als viel mehr das, was darauf folgte.

Viele Männer (und einige wenige Frauen) fühlten sich auf einmal für den Schutz von Frauen zuständig. Sie erklärten mir, dass ich gefährdet sei und legten auch gleich fest, was ich für meine Sicherheit zu tun hätte: wo ich hingehen darf und wo nicht, was ich anzuziehen habe und was nicht und wie viel Abstand ich von meinen Mitmenschen zu halten habe.

Ganz ehrlich, liebe selbst ernannten Retter: bringt erst mal Euer Leben in Ordnung und dann unterhalte ich mich gerne mit Euch darüber, wer Schutz braucht und vor allem Dingen vor wem und wie.

Wer jungen Frauen erklärt, sie dürfen nicht dieselben Fehler begehen, nicht genauso viel Spaß haben und nicht dieselben Risiken eingehen wie junge Männer – sich betrinken, auf Abenteuer ausziehen, allein verreisen – mag sie kurzfristig vor Raubtieren schützen. Doch langfristig verleiht er diesen Raubtieren Macht.
Laurie Penny, Unsagbare Dinge, S. 159

Meine erste sexuelle Belästigung erlebte ich mit sieben Jahren. Beim Schlittenfahren trat ein Exhibitionist hinter dem Baum hervor. Wir Kinder fanden das seltsam, geradezu skurril und wechselten kurz entschlossen zu einem anderen Hügel. Ein paar Tage später kehrten wir wieder zu unserem Lieblings-Schlittenhügel zurück. Der Exhibitionist war nicht mehr da. Aber ich konnte noch Jahre später exakt die Kiefer benennen, hinter der er gewartet hatte.

Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, in der es für jede männliche Person strukturell schwierig und existenziell aufreibend ist, sich nicht wie ein komplettes Arschloch aufzuführen. Das nicht wenige Männer es dennoch zuwege bringen, anständige Menschen zu sein, müssen wir ihnen hoch anrechnen.
Laurie Penny, Unsagbare Dinge, S. 112

Ich glaube nicht, dass es eine einzige Frau auf der Welt gibt, die noch nie sexuelle Übergriffe oder Sexismus erlebt hat. Es gehört zu unserem Alltag dazu. Manches geschieht dreist, direkt und handgreiflich. Anderes subtiler und vieles davon in einer Grauzone, so dass mein erster Gedanke in dieser Situation eher ein „Das kann er doch jetzt nicht ernst meinen?“ ist.

Dieser erste Gedanke führt häufig dazu, dass man den Zeitpunkt des Eingreifens verpasst. So wie bei dem Mann, der sich in der Straßenbahn neben mich setzte, sich an meinem Oberschenkel rieb und an der nächsten Haltestelle wieder verschwand. Bevor ich realisierte, was geschah, war er schon wieder weg.

Weniger Glück hatte der junge Kerl, der vor meinen Augen am Bahnhof an den wartenden Vorortzug pisste und mich gleich danach nach einem Bier fragte. Ich brüllte ihn nieder und blamierte ihn vor seinen Kumpels.

Das ist mein Weg, mit sexuell motivierten Übergriffen umzugehen: laut werden, Dinge klar benennen und mir den Raum nicht nehmen lassen.

Eine Zeit lang habe ich dieses Verhalten als Feminismus bezeichnet, dann eher als Selbstbewusstsein, Respekt und Freiheitsdenken. Vielleicht auch, weil ich dachte, dass unsere Gesellschaft schon weiter sei. Wir hatten doch schon so viel erreicht – ein Label wie Feminismus brauchen wir doch nicht mehr, oder? Schließlich sind wir auf dem besten Weg endlich zu erreichen, dass jeder ein selbstbestimmtes, nicht normiertes Leben führen kann, oder?

Wir sind die, die zu laut lachen und zu viel reden und zu viel wollen und für sich arbeiten und eine neue Welt sehen, die knapp außer Reichweite ist, die am Rand der Sprache darum ringt, ausgesprochen zu werden. Und manchmal, zu später Nachtstunde, nennen wir uns Feministinnen.
Laurie Penny, Unsagbare Dinge, S. 68

Dazu kam, dass der Feminismus sich gewandelt hatte. Aus dem Grundbedürfnis nach Respekt und selbstbestimmtem Leben war ein akademischer Diskurs geworden, der auf eine Art und Weise geführt wurde, dass Menschen außerhalb der Universitäten dem kaum folgen konnten. Jetzt ging es um brillante Analysen von Geschlecht, Gender und Sexualität. Mein ganz normales Leben kam kaum noch darin vor.

Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution.

Und trotzdem das ganz normale Leben.

Im Januar 2016 war der Begriff Feminismus wieder da in meinem ganz normalen Leben. Zeit, nachzulesen, was sich im Diskurs in den letzten Jahren getan hatte.

Auf der Leipziger Buchmesse entdeckte ich „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“ von Laurie Penny. Wo sonst? Nur dort kann ich noch solche Buchentdeckungen machen – darüber hatte ich hier gebloggt.

Dieses Buch liest man entweder wie im Rausch auf einen Rutsch durch oder ganz langsam. Bei mir geschah letzteres; ich habe zehn Monate dafür gebraucht. Ganz bewusst habe ich mir diese Zeit für das Buch genommen und sie genossen. Laurie Penny langweilt nie.

Zudem ist sie fest im normalen Leben verwurzelt, auch wenn sie selbst kein normales Leben führt. Den akademischen Diskurs um Geschlecht und Gender kennt sie natürlich nahezu auswendig, setzt ihn aber nicht zwingend als bekannt voraus. Das, was sie bespricht, erklärt sie auch, und Begriffe wie Cis werden bei der ersten Verwendung eingeführt. Dieses Schreiben auf Augenhöhe mit dem Leser machte mir den Wiedereinstieg in feministische Themen leicht.

Laurie Penny ist wütend, betroffen, verletzlich und voller Energie. Sie schreibt nicht über das Leben als Frau, sie steht mittendrin. Was für eine Wohltat! Es ist ihre Energie, die es mir immer wieder ermöglicht, ihre Ansichten und Beobachtungen direkt mit meinem Leben zu verknüpfen – obwohl mein Leben so ganz anders aussieht als ihres.

Unsagbare Dinge, unschreibbare Rezension

Als ich das Buch „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“ von Laurie Penny fast ausgelesen hatte, verwendete ich auf Instagram den Hashtag #wieumhimmelswillensollichdasrezensieren.

So entstand dieser Blog-Beitrag – weit entfernt von einer Buch-Rezension, dafür eine persönliche Standortbestimmung, die von diesem Buch mit 283 Seiten zu einem Preis von 16,90 € in 10 Monaten Lesezeit ausgelöst wurde. Unbezahlbar.


Angaben zum Buch:

Laurie Penny
Unsagbare Dinge
Sex, Lügen und Revolution

Aus dem Englischen von Anne Emmert

Edition Nautilus

Richtige Rezensionen bei Faustkultur, im Untergrundblättle und bei CulturMag.

 


 Ob Ratgeber, Sachbuch oder Roman: Feministische Bücher erweitern den Horizont und schärfen das Denken. Sie regen dazu an, gesellschaftliche Normen und Erwartungen zu hinterfragen – nicht nur in Bezug auf Frauen, sondern auf alle Geschlechter und Lebenswelten. Sie dokumentieren die Kämpfe von marginalisierten Menschen um Gleichberechtigung, Wahlrecht, Bildungszugang und Selbstbestimmung. Sie zeigen, welche Rechte hart erkämpft wurden und was alle Menschen dabei gewonnen haben. Das schafft ein Bewusstsein, nichts als gegeben hinzunehmen. Was heute gut ist, könnte immer noch besser sein. Oder wieder schlechter werden, was es zu verhindern gilt. Hier findet ihr meine Rezensionen und Beiträge auf meinem Buch-Blog GeschichtenAgentin.


Was wäre, wenn das Patriarchiat in Terapie gehen würde? Meine Rezension zu dem Buch von Katharina Linnepe:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Musik 2016 – Spotify und tote Künstler

Musik 2016: nicht nur Spotify sondern auch Konzerte
Musik 2016: nicht nur Spotify, sondern auch live. The Courettes im Blau in Mannheim

2015 hatte ich schon keine Top Songs für meinen Kollegen vom Grooveblog – darüber hatte ich hier gebloggt. Dieses Jahr ist das auch nicht anders, aber trotzdem ist alles besser. Viel besser. Nicht nur, weil der Student über mir, der im letzten Jahresrückblick eine entscheidende Rolle spielte, ausgezogen ist.

Ich habe so viel Musik gehört wie schon lange nicht mehr; darunter auch viel Neues, sehr viel Neues. Ich habe so viel Musik gehört, dass kein Song es geschafft hat, ein Jahreshit zu werden, denn es gab immer noch den nächsten Song zu entdecken. Und den darauf. Und den übernächsten.

Hatte ich letztes Jahr noch Orientierungsschwierigkeiten, gab es dieses Jahr damit einen akustischen roten Faden für mich: weiterhören, immer weiterhören. Nächstes Genre, nächster Künstler, nächstes Thema.

Mochte ich mich 2015 noch nicht so recht mit Spotify anfreunden, bin ich Ende 2016 eine Heavy Userin. Und das kam so:

2016, Spotify und ich

Am Anfang stand ein Stück Technik. Meine Stereo-Anlage hatte ich mir noch von meinem Ausbildungsgehalt gekauft, also Ende der 80er Jahre. Dieses Jahr wurde um- und aufgerüstet. Mit dem Yamaha MusicCast AV Receiver RX-V479 konnte ich zum ersten Mal Musik von der Festplatte auf einem nicht umständlichen Weg über gute Boxen hören.

Natürlich nicht nur Musik von der Festplatte, sondern auch Youtube. Aber hier nervt die Werbung immer noch so wie in 2015, eher mehr. Also doch mal Spotify testen? Aber die haben doch das, was mich interessiert, eh nicht?

Das war ein Irrtum. Sogar die Mannheimer Ikone Schwefel ist dort vertreten. Mit 21 monatlichen Hörern – das sollten wir ändern. Die 3 Mustaphas 3 (314 monatliche Hörer) hatte ich vor Jahren mal auf dem Fest in Karlsruhe gehört und jetzt in einem Anfall von Alterssentimentalität wieder gesucht. An den Namen konnte ich mich nicht mehr erinnern, nur noch an die große Staubwolke, die über dem Festivalgelände lag, weil alle sich in Rundtänzen geübt haben. Ich habe sie gefunden.

Nicht nur Sentimentalität befriedigen, auch neue Musik entdecken funktioniert. Der Algorithmus ist erstaunlich gut und über den von Spotify vorgeschlagenen Mix der Woche habe ich tatsächlich schon viel entdeckt. Allerdings ist die Facebookseite von RRRSoundz für mich immer noch meine liebste Quelle für ganz was Neues, ganz was anderes.

Ein schaler Beigeschmack bleibt jedoch bei Spotify: viel Geld kommt bei den Künstlern nicht an. Doch bis jetzt ersetzt Spotify bei mir nicht den Kauf von Musik. Ich hatte in den letzten Jahren eh fast nichts mehr erworben. Spotify ist für mich erst mal ein Weg, neue Musik zu finden und alte Musik wieder zu entdecken.

Damit ersetzt Spotify das Radio meiner Jugend, das ist schmerzlich vermisst hatte. Damals hörte ich jede Woche die BBC-Charts. Die spannendsten Hörerlebnisse begannen meist mit dem Satz: „Neueinstieg auf Platz 53. Die Single liegt uns nicht vor, wir spielen sie dann nächste Woche.“ Die BBC-Charts wandelten sich und ich wechselte zu Klaus Walter mit seiner Sendung Der Ball ist rund im Hessischen Rundfunk. Als die dann auch eingestellt wurde war meine musikalische Neugier heimatlos geworden.

Tote Helden und warum mich das nicht erschüttert.

Oder nur ein wenig. Etwas. Verdammte Sterblichkeit.

2016 das Jahr der toten Musiker und Helden?

2016 war das Jahr, in dem viele Musiker und Künstler verstorben sind, von denen ich noch gerne viel mehr gehört hätte. Trotzdem werde ich nicht in das Wehklagen einstimmen. Als Klageweib tauge ich nicht viel. Ich erfreue mich lieber an dem, was sie uns hinterlassen haben und bin dankbar für alles, was sie geben konnten.

Als meine Oma die 90 Jahre schon überschritten hatte, gestand sie mir, dass sie gar keine Lust mehr hätte, sich die alten Filme anzuschauen. „Weißt Du“ sagte sie zu mir „ich denke dann nur: der ist auch schon tot. Das macht keine Freude mehr.“

So ist das, wenn man älter wird. Unsere Helden und Ikonen sind meist zehn bis zwanzig Jahre älter als wir. Zudem haben wir viele Helden und kennen viele Promis – mehr als frühere Generationen. Das bringt es mit sich, dass wir sie jetzt sterben sehen und 2017 wird das so weitergehen. Mit jeder neuen Todesnachricht werden wir wieder mit unserer eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Das tut weh.

Was helfen könnte: sich jüngere Idole suchen. Am besten solche, deren Lebensstil vermuten lässt, dass sie älter als 30 Jahre werden.

Bonuskapitel: Musik lesen

Blick in die Ausstellung Abstract Loop

Über gelesene Musik gibt es dieses Jahr nicht so viel zu berichten, denn Die Geschichte des Rock’n’Roll in zehn Songs hat mir nicht gefallen. Kein weiteres Musikbuch fand in 2016 den Weg zu mir. Sollte ich mehr Musikbücher suchen, bietet diese Liste des Billboard Magazine reichlich Lese-Inspiration. Aber Listen abarbeiten war noch nie mein Ding.

Dafür gab es in 2016 eine unerwartete Querverbindung zwischen Musik und Kunst: die großartige Ausstellung Abstract Loop hätte ich mir zu gerne mit der Musik der Battles im Ohr angehört. Loops fürs Ohr und für das Auge – das wäre es gewesen! Die Battles hatte ich auf dem Maifeld Derby gesehen und war schwer beeindruckt.

Womit ich wieder beim Anfang wäre: Auch das Maifeld Derby hat eine Playlist auf Spotify – ich höre mich schon mal ein. Sehen wir uns dort?


Der Buchkönig und ich: eine Glücksgeschichte

Buchkönig - Preis für Kinderbücher und Bilderbücher aus KleinverlagenWenn es eine Göttin des Bloggens gibt (Saraswati, bist Du das?) dann meint sie es gut mit mir. Sie beschert mir Glücksfälle wie (in chronolgischer Reihenfolge) den Hugendubel-Buchblog, Blogger schenken Lesefreude, den Kinderbuchlotsen und den Buchkönig.

Gerade der Buchkönig hat mich in diesem Jahr wieder zum Staunen gebracht. Nicht, weil alle Leser und die gesamte Buchbranche unserem ideellen Preis für Bilderbücher und Kinderbücher aus Kleinverlagen zujubelt (wir arbeiten daran) – mein ganz persönliches Buchkönig-Wunder kommt anders zustande.

Als ich vor knapp 4 Jahren den Buchhandel den Rücken zukehrte dachte ich mir: endlich kann ich lesen, was ich will, ohne mir gleich überlegen zu müssen, ob es verkäuflich ist. Klingt banal, hat sich aber als gar nicht so leicht umsetzbar herausgestellt.

Wenn ich nicht mehr lesen muss, was neu auf den Markt kommt und von mir verkauft werden will – wonach suche ich dann meine Lektüre aus?

Ganz ehrlich: ich hatte keinen Plan.

Meine ersten Versuche in der Bibliothek mit dem Finger am Regal entlang zu wandern scheiterten. Kenn ich, kenn ich, war Bestseller und lese ich deswegen nicht, mochte die Kollegin damals nicht, war ein Flop, hat sich auch ohne inhaltlichen Kenntnisse verkauft ….

25 Jahre mit Einkaufsverantwortung im Buchhandel hatten mich geprägt. Unbeschwertes Auswählen von Büchern war mir nicht mehr möglich.

Meine Mit-Streiterinnen beim Buchkönig-Kinderbuchpreis können das wahrscheinlich gar nicht so recht abschätzen. Doch so gut wie jedes Kinderbuch, das sie als potentiellen Preisträger vorschlagen, wird von mir automatisch, geradezu reflexartig durch die Einkäuferbrille bewertet.

Cover? Geht ja gar nicht! Sandor zum Beispiel ist viel zu dunkel, das kauft mir doch keiner ab. Myka und die Versteckschule wird bestimmt nur im Herbst funktionieren. Klein – das Cover-Motiv ist so klein, da erkennt man ja nichts.

Gerade der letzte Satz beweist, wie unsinnig diese Denkreflexe sind. Und überhaupt: Stopp, muss mir ja auch niemand abkaufen. Ich muss es weder einkaufen, noch verkaufen. Ich darf es lesen, auf mich wirken lassen, meinen Spaß damit haben. Dafür sind Bücher eigentlich auch da!

Was für ein Befreiungsschlag. Einfach so lesen, was ich will, wann ich es will. Ich lese, um des Lesens willen.

Damit bin ich jetzt wieder dort angekommen, wo ich 1987, zum Beginn meiner Ausbildung zur Buchhändlerin stand. Nur mit mehr Erfahrung und Wissen. Danke an den Buchkönig und das wunderbare Team dahinter!

Infos zum Buchkönig:

Der Buchkönig ist ein ideeller Preis für Bilderbücher und Kinderbücher, die im Trubel der Großbuchhandlungen, im Rauschen des Blätterwaldes und im Knistern der Webseiten untergehen, weil sie aus Kleinverlagen stammen.

Vergeben wird er von uns drei Kinderbuch-Bloggerinnen: Wenke vom Blog Kinderbibliothek, Miriam von der Geschichtenwolke und Dagmar vom Buchkind Blog. Den ersten Buchkönig haben wir bereits im März 2015 verliehen. Seitdem wurden jedes Jahr drei Bücher von uns ausgezeichnet. Eine Übersicht über alle Buchkönig-Preisträger findet Ihr auf unseren Blogs – zum Beispiel hier.

 

 

 

Aus der Yoga-Praxis gefallen. Und nun?

Yoga Asanas Buch von Barbara Kündig

Ich bin aus meiner Yoga Praxis gefallen, so gründlich und so lange wie noch nie. Ich weiß auch, wie es dazu kam, und dass es mir nicht gut tut. Steifheit macht sich breit, Körperspannung lässt sichtbar nach, Nackenschmerzen breiten sich entlang der Wirbelsäule weiter aus. Ich weiß, dass eine regelmäßige Yoga Praxis all das beenden würde.

Was ich nicht weiß ist, wie ich wieder zurück auf die Matte finde. Das Anfangen habe ich verlernt, beim Üben bin ich aus der Übung. Das einfach machen will mir nicht gelingen.

Also probiere ich es mit dem einfach lesen, auch wenn dieser Kobold in mir sagt, dass ich mittlerweile mehr Yoga gelesen als praktiziert habe. Ich ignoriere die Stimme so gut, wie es geht, und hoffe auf die Kraft des richtigen Buchs zur richtigen Zeit.

Yoga Asanas von Barbara Kündig könnten das passende Buch für mich sein. Barbara Kündig, deren Yoga Nidra Buch mit CD ich schon sehr schätze, konzentriert sich diesmal auf den „Gehalt“ der Asanas. Unterstützt wird sie dabei von Gertrud Hirschi, deren Bücher und Karten-Sets mich schon lange begleiten.

Gehalt der Asanas – wie ist das zu verstehen? Mit Gehalt meine ich die ursprüngliche Kraft, die jeder Asana inne wohnt; die Emotion, die Symbolik, die Inspiration. Das, was man findet, wenn man Körper und Atem in den Yogahaltungen verbindet.

In dem Buch geht es weniger um Übungsfolgen, auch wenn dafür schöne Vorschläge gemacht werden. Jetzt, zu meiner Situation, passen die Folgen, die aus jeweils nur drei Asanas bestehen. Drei Asanas, das klingt für mich machbar, auch jetzt, da mich meine Yogamatte immer wieder abwirft. Drei Asanas – dafür muss ich noch nicht mal die Matte ausrollen, dafür genügt der Teppich. Die drei Asanas und ich, wir haben jetzt einen Deal.

Doch das Buch bewirkt bei mir noch mehr. Beim Lesen erinnere ich mich an vergangene Yoga-Erlebnisse. Diese Erinnerung entsteht nicht im Kopf-Gedächtnis, sie ist im Körper verankert. Ich strecke mich, atme tiefer. Finde zurück zum Yoga im Alltag. Hier eine kleine seitliche Drehung der Wirbelsäule, dort ein ruhiges Innehalten. Es kommt, es wächst. Es wird.


Mehr Infos zum Buch:

Barbara Kündig

Yoga Asanas für mehr Leichtigkeit und Lebensfreude

Windpferd Verlag

ISBN 978-3-86410-108-3

Von der gleichen Autorin und ebenfalls sehr zu empfehlen: Yoga Nidra – Die Perle der Tiefenentspannung. Buch mit CD.


Mehr Rezensionen zu Yoga-Büchern findet Ihr hier auf meinem Buch-Blog GeschichtenAgentin.


 

Hainich – wandern im Noch-Nicht-Urwald

Wandern im Hainich Buchenwald
Buchen im Hainich. Zu groß für ein Instagram-Foto.

Es waren die alten Buchenwälder, die dem Hainich zum Status Unesco Weltnaturerbe verhalfen.

Doch selbst ein alter Buchenwald ist kein Urwald. Das liegt einmal an der Struktur des Waldes: das dichte Laubdach der alten Buchen lässt nur wenig Licht durch, so dass kaum Unterholz wächst. Erst, wenn ein Baum umstürzt, fällt genug Licht auf den Waldboden und das Wachstum beginnt.

Zudem wurden im Hainich bis 1998 noch Bäume gefällt. Die Spuren der Forstwirtschaft verblassen genauso wie die Spuren des Truppenübungsgeländes. Doch Urwald ist der Hainich nicht – eher ein Urwald-Erwartungsgebiet.

Dschungelgefühl kommt daher nur sehr selten auf – das kann man im Nationalpark Bayrischer Wald besser erleben. Aber auch dort sind es nur wenige Waldstücke, die schon seit sehr langer Zeit nicht mehr bewirtschaftet werden. Nicht, weil man den Wald schützen wollte, sondern weil sie einfach zu unzugänglich und abgelegen waren.

Es ist auch nicht nur der Hainich, der von der Unesco ausgezeichnet und unter Schutz gestellt wurde. Auch wenn auf manchen Informationstafeln dieser Eindruck entsteht. Zu den alten Buchenwäldern, die sich Unesco Weltnaturerbe nennen dürfen, zählen in Deutschland auch

  • Nationalpark Jasmund auf der Insel Rügen
  • Nationalpark Kellerwald-Edersee in Hessen
  • Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin in Brandenburg
  • Müritz-Nationalpark in Mecklenburg-Vorpommern

Das Wahrzeichen des Hainich ist übrigens keine Buche, sondern eine Eiche: die Betteleiche nahe der Wüstung Ihlefeld. Dieser Ort fasst die ganze Geschichte des Hainichs zusammen: alte Handelsstraßen, Klostergründung, Umwandlung zum Gutshaus, Enteignung, Zerstörung und Nutzung als Truppenübungsplatz.

Betteleiche, Wahrzeichen des Hainich: eine alte Eiche mit zwei Stämmen
Betteleiche im Hainich

Wandern im Hainich

Der Hainich bietet eine touristische Infrastruktur, wie ich sie noch in keinem Wandergebiet vorgefunden habe: perfekt ausgezeichnete Wanderwege, Trocken-Toiletten mit Klopapier nicht nur an den Parkplätze, sondern auch dort, wo wichtige Routen sich kreuzen, Wanderwege und Radwege für jede Konditionsstufe und barrierefreie Spaziergänge, die sowohl für Rollstuhlfahrer als auch für Blinde geeignet sind.

Trotzdem waren wir, sobald wir die Spazierwege unter 4 km Länge oder den Weg zum Baumkronenpfad verlassen hatten, alleine im Wald. Im Juli in der Ferienzeit! Die wenigen Menschen, die uns begegneten, haben freundlich gegrüßt oder sogar nach dem woher und wohin gefragt. Das lässt vermuten, dass auch ihnen noch nicht allzu viele Menschen begegnet waren.

Wir sind den Saugraben-Weg entlang gewandert, der mir mit seiner Mischung aus blühenden Wiesen mit unzähligen Schmetterlingen und schönen Waldpassagen am besten gefallen hat.

Beim Bummelkuppenweg hat mich das lange Stück am Anfang entlang einer Schotterstraße gestört. Dieses Wegstück ist historisch bedeutend, da es sich um eine alte Handelsstraße mit Resten von Zollstationen handelt, aber mühsam zu laufen. Deswegen haben wir den Weg etwas variiert und um einen Abstecher zur Betteleiche ergänzt und am Ende des Weges noch einen Schlenker über den Urwaldpfad gemacht. So wurde trotz des Schotters zu Beginn noch eine schöne Wanderung daraus.

Den Naturpfad Thiemsburg haben wir als Abschiedsspaziergang gemacht. Dort waren wir, keinen Kilometer von der Hauptattraktion Baumkronenpfad entfernt, schon wieder von wäldlicher Stille umgeben.

Als Ausgangspunkt hatten wir Bad Langensalza gewählt, was sich als gute Idee herausstellte. Hier gibt es sogar eine Ferienwohnung, die mitten im kleinen botanischen Garten liegt, mit Kneippanlage direkt vor der Haustür! Allerdings sind es von Bad Langensalza bis zu den Wanderparkplätzen des Hainichs meist 45 Minuten Fahrzeit. Das liegt an den schmalen, schlecht ausgebauten Straßen und an der Tatsache, dass es in Thüringen generell an Umgehungsstraßen mangelt.

Wer wie ich die Pfalz vor der Haustür hat, ist schwer von anderen Wandergebieten zu begeistern. Der Hainich hat jedoch mein Herz erobert.


GeschichtenAgentin auf Reisen: Ausflugsziele und Reisebücher, die ich empfehlen kann


Raus aus dem Wald, rein in die Stadt: Chemnitz entdecken

Barcamp Rhein-Neckar #bcrn16

dezernat 16 in Heidelberg. Toller Veranstaltungsort für das Barcamp Rhein-Neckar
Dezernat 16 in Heidelberg: guter Ort für ein Barcamp

Schule im digitalen Zeitalter, Müll von Pappbechern vermeiden, Minecraft, Drohnen und Zen: Obwohl das Barcamp Rhein-Neckar eine wilde, bunte Mischung an Themen bot, habe ich mir diesmal sehr viele Sessions mit technischem Hintergrund herausgesucht.

Damit war für mich über weite Strecken das Barcamp eine Fortbildungsveranstaltung und eine Möglichkeit, in Themen hineinzuschnuppern, von denen ich selbst nicht viel verstehe.

Genauso gut kann man ein Barcamp als Reality-Talkshow und Diskussionsrunde wahrnehmen. Oder als gemütliches Abhängen mit interessanten Menschen (und Hunden).

Auf jeden Fall gibt es auf jenem Barcamp immer mindestens eine Session, die einem lange im Gedächtnis bleiben wird. Auf dem Barcamp Rhein-Neckar waren es gleich zwei, die unterschiedlicher kaum sein könnten:

Autistisch – Authentisch!

Sicherlich die intensivste Session lieferte @querdenkender Aleksander Knauerhause, der sich ganz entspannt vorne hinsetzte und über Autismus erzählte – seinen Autismus. Damit lieferte er Aha-Momente im Sekundentakt. Vergesst alles, was ihr meint, bei Rain Man & Co gelernt zu haben, und hört einfach ihm zu!

Wer keine Möglichkeit hat, Aleksander Knauerhause auf einem Barcamp zu erleben, dem empfehle ich sein Buch: Autismus mal anders. Einfach, authentisch, autistisch.

Eine Besprechung hier auf dem Blog wird sicherlich noch folgen; es gibt aber auch ein sehr informatives Interview bei Literaturschock. Oder lest seinen Autismus-Blog.

Update Oktober 2016: Meine Rezension zu dem Buch von Aleksander Knauerhase „Autismus mal anders. Einfach, authentisch, autistisch“ ist jetzt erschienen

Sind wir zu deutsch für Social Media?

Während in dieser Session die Diskussion sich doch hauptsächlich um den Datenschutz und seine bremsende Wirkung drehte, habe ich für mich auf Twitter Fragen gesammelt. So nehme ich aus dieser Session wenig neue Erkenntnisse, aber viele gute Fragen mit:

Blogger Selfie mit Barcamp Hashtags
Fast ein Blogger-Selfie mit Hashtags

Überhaupt: Twitter, der second screen eines Barcamps. Oder wie @derexperte in seiner Session meinte: Ein Barcamp ohne Twitter wäre kein Barcamp. Da fragt man schnell aus dem Session-Raum am Ende des Gebäudes per Twitter nach einem Mini-HDMI-Adapter; bezieht Menschen, die nicht dabei sein können, in die Diskussionen mit ein, wünscht einer kranken Mit-Organisatorin gute Besserung, und schreibt für sich selbst Notizen zu den Sessions als Tweets.

Anhand dieser Notiz-Tweets schreibe ich hier meinen Blog-Beitrag. Twitter als ausgelagertes Gedächtnis und als Tool, um Menschen und Themen zu verbinden. Mit jedem Barcamp wächst meine Begeisterung für Twitter.

Das sehen auch andere so: über 3000 Mentions kamen zusammen – viel Twitter, etwas Facebook und einige schöne Bilder auf Instagram.

Barcamp mit Aussicht auf Heidelberg
Barcamp mit Aussicht auf das romantische Heidelberg

Freifunk Rhein-Neckar sorgte für ein hervorragendes WLAN, das tatsächlich nur in der obersten Etage in der hintersten Ecke des Gebäudes schwächelte. Dafür hatte man von dort den besten Ausblick auf Heidelberg, das nun mal auch Ecken ohne Touristen hat.

Damit habe ich jetzt drei Barcamps in 2 Monaten besucht: das Literaturcamp Heidelberg, die Electric Bookfair in Berlin und jetzt das klassische Barcamp Rhein-Neckar.

Jedes davon war eine inspirierende Wundertüte, jedes auf seine Art einzigartig.

Doch wer beim Literaturcamp dabei war wird mein Fazit verstehen: das Literaturcamp Heidelberg ist der Sieger der Herzen!

 

 

Electric Book Fair: was kommt nach dem eBook?

eReader auf der Electric Book Fair Berlin
Ein einsamer eReader auf der Electric Book Fair. Während meine müden Augen das digitale Lesen so genießen, lesen alle anderen schon längst auf Tablet oder Smartphone.

Eigentlich wollte ich die Electric Book Fair in Berlin als Leser besuchen, oder um genau zu sein: als bloggende Leserin. Schließlich hatte ich die Karte mit meinem Beitrag zur Blogparade „Mein erstes eBook – #1stebook“ gewonnen. Den Plan gab ich schnell auf, denn die Vielfalt der Themen und Sessions berührte so ziemlich alles, was ich mit Büchern mache.

eBooks verschenken – wie kann man daraus ein haptisches, persönliches Erlebnis machen? Wie hält man eine Backlist von 1500 eBooks auf dem technisch aktuellen Stand? Wie sieht der Lebenszyklus eines eBooks aus, welche Themen sind überhaupt für eBooks geeignet und welche Rolle spielen dabei Rezensionen und Preisaktionen? Kann man einen eBook-Verlag mit Wunderlist organisieren? Ab wann ist ein Selfpublisher ein Ein-Mann-Verlag? Was gehört alles zu dem Themenbereich Data Driven Publishing? Bieten eBooks leseschwachen Kindern Vorteile oder haben in diesem Fall Apps die besseren Karten?

Nicht alle dieser Fragen wurden in Sessions erörtert. Viele hochinteressante Diskussionen fanden zwischendurch auf dem Gang oder auf der Dachterasse statt. Eigentlich konnte man nirgendswo hingehen, ohne gleich in ein Gespräch verwickelt zu werden. Offen, neugierig, konstruktiv und sehr freundlich – das war die Grundhaltung der Teilnehmer der Electric Book Fair. Von der Frage „Was machst Du?“ kamen wir alle sehr schnell zur Folgefrage „Und wie machst Du das?“

Doch was wird mir als bloggende Leserin, ganz unabhängig von allen anderen Berührungspunkten, im Gedächtnis bleiben?

Das Gefühl, mit meiner Kreuz- und Querleserei nicht in die Denkmuster der Verlage zu passen. Es war viel von Zielgruppen die Rede, manchmal auch von Lesern. Doch mir kamen die Vorstellungen von Lesern häufig sehr eindimensional vor.

Natürlich haben Leser wie ich auch ihre Vorlieben, ihre Autoren oder Verlage, zu denen sie bevorzugt greifen. Doch entspringt das mehr einem Sicherheitsbedürfnis und dem Wunsch, ohne viel nachdenken zu müssen zu einem zufrieden stellenden Leseerlebnis zu kommen. Das auf einer solchen Vereinfachung ganze Programmstrategien basieren, kann wohl kaum im Sinne des Lesers sein.

Genauso, wie ich als Leser zwischen Papier und eBook wechsel, genauso wechsel ich auch durch die Genres und Themen – hybrid lesen in jeder Hinsicht. An das wechselnde Medium können sich Verlage anscheinend leichter gewöhnen.

Während mir diese Gedanken schon durch den Kopf gingen, begann die letzte Session der Electric Book Fair. Sie widmete sich der Frage „Was kommt nach dem eBook?“ Dabei ging es erstaunlicherweise nicht um Technik. Mein persönliches Fazit aus dieser spannenden Diskussion bot mir als Hybrid-Leserin auch wieder Trost: Was kommt nach dem eBook? Einfach die nächste gute Geschichte! Der Inhalt ist entscheidend.

 

Update & Netzlese:

Wie sich dieser fremde Planet namens Electric Bookfair anfühlt, wenn man eher zufällig dort strandet und zudem zu Beginn davon überzeugt ist, dass PDFs mit verstellbarer Schriftgröße einfach nur Quatsch sind: Litaffin Blog

„Das E-Book allein ist bestimmt nicht die Zukunft des Buchmarkts, aber vielleicht das E-Zusammenspiel und die E-Kreativität eines E-Literaturbetriebs. “

Digitur mit einem Videobeitrag, der den beiden Kuratorinnen viel Raum gibt, Hintergründe aufzuzeigen.

Schöner wandern in Franken mit Graupelschauern

Fotos von den Wanderungen in Franken
Wandern in Franken im April 2016

Graupelschauer. Für diese Form des Niederschlag habe ich im Franken-Urlaub im winterlichen Frühling 2016 eine besondere Vorliebe entwickelt.

Graupelschauer prallen von der Regenjacke ab. Dabei wird man nicht nass. Einfach weiterlaufen bis zum nächsten Gasthof und dort wieder aufwärmen.

Geplant war ein Wander- und Biergartenurlaub; es wurde ein Wander-und Bierurlaub. Doch dank der Graupelschauer konnten wir trotz des unerwarteten Kälteeinbruch sehr viel wandern.

Bei der Urlaubsplanung und beim Finden der Wanderrouten geholfen haben diesmal diese Reiseführer aus dem fränkischen Ars Vivendi Verlag:

  • Fundort Sagen und Legenden in Franken. 30 Freizeittouren für Entdecker
  • Der Städte-Verführer Metropolregion Nürnberg

Pünktlich nach meinem Franken-Urlaub war dann auch der Bierführer lieferbar:

Wandern in Franken:
bergauf, bergab und wieder hinauf und wieder hinab

Ars Vivendi ist kein Reiseführer Verlag, verlegt aber Regionalia, nach denen man reisen kann. Diese Unterscheidung musste ich als Leserin stets im Hinterkopf behalten. „Fundort Sagen und Legenden in Franken“ enthält wenig Kartenmaterial, aber viel Geschichten, Anekdoten, Sagen und Wissenswertes zur Landschaft und zur Geschichte Frankens.

In diesem Buch habe ich mir die Anregungen und Inspirationen für wunderschöne Wandertouren gesucht. Danach habe ich mir eine Landkarte daneben gelegt und versucht, herauszubekommen, wie die Route verläuft. Oder ich habe gleich bei Outdooractive geschaut, ob es dort eine Wandertour gibt, die genau die beschriebenen Sehenswürdigkeiten beinhaltet.

Dabei sollte man die Angaben zu den Höhenmetern gut im Blick haben. Auch wenn die Berge in Franken nicht hoch sind, kommt im Laufe einer Wanderung doch einiges an Höhenmetern zusammen. Hinauf auf die Burg, hinab ins Tal und wieder bergauf zu den Felsformationen und wieder bergab zum Brauereigasthof – das ist eine typische fränkische Wanderroute.

Auf jeden Fall habe ich dank des Reiseführers „Fundort Sagen und Legenden in Franken“ wunderschöne Täler, Felsformationen und Burgen entdeckt und dabei jede Menge Schauergeschichten gelesen. Mein Traum wäre jedoch genau so ein Buch mit den GPS-Daten zur Tour zum Herunterladen.

Metropolregion Nürnberg:
Groß denken und die Kleinstädte nicht vergessen

Ich spotte gerne über den inflationären Gebrauch des Begriffs Metropolregion Rhein Neckar. Kaum eine amtliche Verlautbarung oder Pressemeldung, in der nicht auf diese großartige und innovative Region hingewiesen wird. In Zukunft werde ich weniger spotten, denn die Ausdehnung der Metropolregion Nürnberg reicht bis nach Sonneberg in Thüringen. Das nenne ich mal groß gedacht beim Thema Kleinstädte!

Damit umfasst der Reiseführer „Metropolregion Nürnberg“ ein Gebiet, das kaum jemand in einem Urlaub komplett bereisen wird.

Schön finde ich an diesem Buch, das hier auch über die kleinen Städte geschrieben wird, die in den klassischen Reiseführern immer zu kurz kommen. Das Tropfhaus Museum bei Hirschaid zum Beispiel hätte ich sonst nie entdeckt.

Dieser Reiseführer ist ideal, um zu entscheiden, ob es sich lohnt, die Stadt am Wegesrand zu besuchen. Aber auch hier wäre etwas mehr Kartenmaterial von Vorteil.

Ganz Franken ein einziger Brauereigasthof

Vor einiger Zeit habe ich Craft Beer für mich entdeckt. Würde ich in Franken leben, wäre mir das nicht passiert. Ganz ehrlich: ein Franke braucht kein Craft Beer. Das ist nur was für arme Großstadt-Kinder wie mich, die sonst nie an vernünftiges Bier mit Eigengeschmack kämen.

Gefühlt hat jedes fränkische Dorf noch seinen eigenen Gasthof mit Brauerei. Jedes Bier schmeckt anders, keines davon wie eines aus einer Großbrauerei und fast jedes Bier ist nur vor Ort zu bekommen. Ein Paradies!

33 Biere. Eine Reise durch Franken“ stellt genau solche Brauereigasthöfe vor. Sehr vergnüglich liest sich dieses Buch, das mehr ein Bier-Tagebuch als ein informativ-sachlicher Reiseführer ist. Ich werde es bei meinem nächsten Urlaub in Franken garantiert dabei haben, denn noch kenne ich nicht alle Brauereien.

Allerdings wäre es mir recht, wenn ich das nächste Mal nicht die Kachelöfen der Gasthöfe bewundern würde, sondern die Biergärten. Lieber fränkischer Wettergott, wäre das möglich?

Mehr Infos zu den Büchern und weitere Regionaltitel Franken beim Ars Vivendi Verlag


 Gibt es eigentlich ein Definition für Wandern? Dieses Buch hat die Antwort: Wandern. 100 Seiten