Die 80er, die 90er und ich: Popkultur als Zeitreise mit Jens Balzer als Reiseleiter

Was ist mir von den 80er Jahren im Gedächtnis geblieben? Kajal und Haarspray, The Cure und Siouxsie and the Banshees. Ostermärsche und die Angst vor dem atomaren Wettrüsten. BWL Studenten überall und eine beginnende soziale Kälte in Deutschland. Viele Details und eine Erinnerung an eine Grundstimmung. Obwohl mich das Jahrzehnt geprägt hat, ist es für mich schwer zu greifen. Jens Balzer hilft. Natürlich schenkte mir sein Buch „High Energy. Die Achtziger -das pulsierende Jahrzehnt“ jede Menge sentimentale weißt-du-noch Momente. Doch er nimmt die Adlerperspektive ein und macht aus all den politischen und popkulturellen Details, an die ich mich noch gut erinnern kann, ein großes Ganzes. Vor allem arbeite er Querverbindungen heraus. So zeigt er, wie eins zum anderen führte und damit zu der Welt, in der wir heute leben. Wie sehr Jahrzehnte uns formen, ohne dass wir es immer merken. Kaum ausgelesen, griff ich gleich zum Folgeband. „No Limit. Die Neunziger – das Jahrzehnt der…

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Wie wird aus einem Ein-Raum-Museum ein lebendiger Ort? Das Literaturmuseum Augusta Bender in Schefflenz macht es vor

Damit ein Museum ein lebendiger Ort ist, braucht es Ideen. Das gilt für alle Museen der Welt. Aber für eines, das sich in Schefflenz, einem kleinen Dorf mit knapp 4000 Einwohnern im Odenwald, befindet, um so mehr. Wenn das Hauptthema des Museums dann noch Augusta Bender ist, eine Schriftstellerin, von der kaum jemand etwas gehört hat, erst recht. Das Literaturmuseum Augusta Bender ist so ein lebendiger Ort. Wie konnte das gelingen? Es erzählt das Leben der Augusta Bender packend nach und bietet dabei viele Anknüpfungspunkte. Menschen, die an Heimatgeschichte interessiert sind, Literaturinteressierte, Feministinnen, Odenwald-Touristen, Kinder und Jugendliche, die wissen wollen, wie man früher lebte oder einfach nur Menschen, die ungewöhnliche Biografien lieben – für sie ist das Museum bestens geeignet. Denn es bietet sehr viele unterschiedliche Einflugschneisen, Möglichkeiten, mit seinem eigenen Leben an damals und an die Lebensgeschichte von Augusta Bender anzuknüpfen. Obwohl das Museum nur einen großen Raum belegt ist es so vieles gleichzeitig:…

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Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik

Was passiert, wenn Fender auf Gender trifft? Eine geniale Frage. Kersty und Sandra Grether sind die richtigen, um sie zu beantworten. Weniger, weil sie als die berühmtesten Pop-Feministinnen Deutschlands gelten (sagt Birgit Fuß, Rolling Stone Germany). Sondern weil sie leidenschaftliche Musik-Fans, Musik-Journalistinnen, Musikerinnen, Label-Betreiberinnen und noch viel mehr sind. Sie leben Musik und Popkultur und Feminismus. Doch anders als so viele männliche Musik-Nerds steht bei ihnen die Vermittlung von Wissen und die Ermutigung, selbst mitzumischen, im Vordergrund. Wer jetzt an die Riot Grrrls denkt, liegt richtig. Dementsprechend ist ihr Buch „Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik“ ausgefallen. Es ist nerdig, empowernd, überraschend. Es ist lexikalisch und essayistisch, analytisch und subjektiv. Doch eines ist es immer: fair. Das haben die Autorinnen so vielen männlichen Kollegen voraus: Sie sind genauso meinungsstark, haben aber eine andere Art, über Musik zu schreiben – wertschätzend, analytisch, fest im eigenen Erleben verwurzelt und dabei immer mit diesem Funken Begeisterung, der ansteckt.…

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Anselm Kiefer ganz nah: Museum Haus Kiefer in Rastatt-Ottersdorf

Anselm Kiefer hat das Haus, in dem er aufgewachsen ist, zum Museum gemacht und ich war dort. Dieser Satz klingt harmlos. Aber so ist es nicht. Das Erste, was mir in den Sinn kommt, wenn ich an Kunst von Anselm Kiefer denke, ist Monumentalität. Überwältigung. Vielschichtigkeit. Die komplette Menschheitsgeschichte – Götter, Mythen, Lyrik, Weltkriege und gescheiterte Entnazifizierung – zu Kunst verdichtet. Große Menschheitsthemen. Doch sein Elternhaus, das jetzt zum Museum wurde, ist klein. Stimmt das? Im kleinen Rastatt-Ottersdorf ist es eines der größeren Häuser. Früher war es eine Schule, dann Wohnungen für Lehrer. Kann dieser Ort die Bilder von Anselm Kiefer überhaupt aufnehmen? Ja, er kann – und genau das ermöglichte mir einen ganz neuen Zugang zum Werk Anselm Kiefers. Ein Ort ohne Eile, an dem das Sonnenlicht über alte Dielen wandert Rastatt-Ottersdorf ist beschaulich. Das Museum für den großen Künstler ist schon da, die Hinweisschilder werden irgendwann folgen. Gemach, die Landschaften der Rheinauen sind…

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Ohne Museen, ohne mich: 10 gute Gründe für einen Museumsbesuch

Ich war im Museum. Ja, schon wieder. Bevor ihr jetzt denkt, ich hätte ein ernsthaftes Problem (oder sei einfach nur hoffnungslos langweilig), lasst mich euch versichern: Ich weiß genau, was ich tue! Museumsbesuche sind mein kleines Laster – nur eben deutlich günstiger als Shopping und weniger schweißtreibend als Marathon laufen. Hier sind meine zehn persönlichen Gründe, warum ich regelmäßig ins Museum gehe. So betrachtet sind Museen Fitnessstudios für Körper und Geist, Inspirationsquellen, soziale Treffpunkte und Türöffner zu neuen Welten. Hier findet ihr meine Museumstipps. Habt ihr ein Lieblingsmuseum, das ich mir unbedingt anschauen sollte? Eine kleine Auswahl an Museen, die ich euch ans Herz lege:

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Pop und Politik: Was erzählt deutsche Popmusik über unser Land und unsere Geschichte?

Über 400 Seiten, ein üppiges Literaturverzeichnis, an das sich die Playlist anschließt, 11 kleingedruckte Seiten mit Songs: „Keine Macht für Niemand. Pop und Politik in Deutschland“ ist nicht gerade snackable, sondern eine ernste Angelegenheit. Es ist keine Liste von „100 politische Songs aus Deutschland, die du kennen musst“ und auch nicht „Die 20 wichtigsten Bands, die was zu sagen haben“. Marcus S. Kleiner wählt für sein Buch einen anderen Ansatz. Im ersten Schritt analysiert er die deutsche Geschichte seit 1945, immer 10 Jahre in einem Kapitel. Was war wichtig, was hat das Land geprägt? Wie hat es sich in den einzelnen Jahrzehnten angefühlt, in Deutschland zu leben? Im zweiten Schritt prüft er, ob diese Ereignisse, diese Diskussionen und diese Stimmung in der deutschen Musik aufgegriffen wurde. Dafür analysiert er vor allem die Songtexte. Aufgelockert wird das durch Interviews, vielen Anekdoten aus seiner eigenen Biografie und vielleicht ein paar zu vielen Fotos, die den Autor mit…

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Fragen statt Antworten: Kunst selbst sehen. Ein Fragenbuch

Ich mag keine Audioguides für Kunstausstellungen. Ich möchte keine Stimme im Ohr haben, die mir sagt, in welcher Reihenfolge ich mir die Bilder ansehen und wohin ich schauen soll. Ich möchte nicht aufgefordert werden, weiterzugehen, wenn ich gerade die Oberflächenstruktur einer Skulptur bewundere. Ich möchte meinen Blick schweifen lassen, Museumsbesucher beobachten können und zum drittletzten Gemälde zurückgehen, weil mir gerade etwas dazu eingefallen ist. Wenn ich dann doch mal einen Audioguide im Museum verwendet habe, komme ich mit mehr Wissenshäppchen aus der Ausstellung. Ich habe zwar Neues gelernt, aber auch schnell wieder vergessen. Was noch schwerer wiegt: Mein Hamstervorrat an glücklich machenden Kunstmomenten wurde kaum aufgefüllt. Die didaktische Struktur des Guides raubt mir den Freiraum, den ich brauche, um mich von den Kunstwerken berühren zu lassen. Angeli Janhsen würde das verstehen. Nach der Logik ihres Buchs »Kunst selbst sehen. Ein Fragenbuch« geben Audioguides Antworten, bevor ich überhaupt die Chance hatte, die für mich richtigen Fragestellungen…

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Voyage, Voyage. Eine Reise durch die französische Popmusik

Voyage, Voyage! Mein nicht repräsentativer Test im Freundeskreis hat ergeben, dass wirklich jede*r bei Erwähnung des Songs von Desireless sofort einen Ohrwurm hat. Kein Wunder: 1986 kam niemand an diesem Lied vorbei. Im Sommer 1987 lief es immer noch. Es gibt noch ein paar französische Sommerhits, die nach Deutschland schwappten. »Ella, elle l’a« von France Gall, »Etienne« von Guesch Patti oder »Joe le taxi« von Vanessa Paradis hatten jedoch alles eines gemeinsam: Sie hatten Charme, klangen erfrischend ungewohnt, trieben uns aber eher von der Tanzfläche. Eine ganz andere Wirkung auf uns hatten Bands wie Les Rita Mitsouko oder Les Negresses Vertes, die zuverlässig auf unseren Mixtapes waren und uns auf der Fahrt in den Südfrankreich-Urlaub begleiteten. Bis heute gehört diese Urlaubsstimmung für mich zum Zauber französischer Popmusik. Trotzdem hätte ich nie behauptet, dass ich einen Überblick über Rock und Pop aus Frankreich hätte. Ich hätte auch gar nicht gewusst, wie ich den bekommen könnte. Wo…

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Kunst ist weiblich! Die Kunstgeschichte von der ersten Bildhauerin über Artemisia Gentileschi bis Yoko Ono und darüber hinaus

Ein chronologischer Streifzug durch die Kunstgeschichte von der Renaissance bis heute – dieses Buch hätte sehr trocken sein können. Ist es aber nicht! Denn die Kunsthistorikerin Dr. Carla Heussler kann fesselnd erzählen. Obwohl sie die Lebensläufe und das Werk von Künstlerinnen quer durch alle Epochen nach einem immer gleich bleibenden Schema präsentiert, kommt keine Langeweile auf. War es der Künstlerin möglich, eine Ausbildung zu erhalten – und wenn ja: Wie gut war diese? Wie waren ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen? Gelang es ihr, auszustellen, Werke zu verkaufen und vielleicht sogar von ihrer Kunst zu leben? Hat sie geheiratet, eine Familie gegründet? Konnte sie danach weiterhin als Künstlerin tätig sein? Oder brach sie soziale Tabus und wählte einen ganz anderen Lebensweg? Ergänzt werden die Kurzbiografien von Künstlerinnen durch prägnante Beschreibungen der Epochen. Dabei geht die Autorin nicht nur auf die Kunstgeschichte ein, sondern auch auf die gesellschaftliche Stellung der Frau in der jeweiligen Zeit. Natürlich kam mir…

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Wie haben Sie das gemacht? 50 Fotografinnen, die Geschichte schrieben, und ihre Techniken

Was haben Anna Atkins, Anja Niedringhaus und Cindy Sherman gemeinsam? Sie gehören zu den „Frauen, die die Fotografie verändert haben“. So lautet der Titel des Bildbands von Gemma Padley, in dem sie 50 Fotografinnen auf je vier Seiten vorstellt. Sie zeigt immer ein Porträtfoto, dem sie einen Text gegenüberstellt, in dem sie auf den Werdegang der Fotografin und das Besondere ihres künstlerischen Schaffens eingeht. Die Informationsdichte ist hoch. Biografie, gesellschaftspolitische Aspekte, Entwicklung als Künstlerin, Bedeutung und Rezeption des Werks – das sind viele Fakten für eine Seite Text. Doch auf der nächsten Doppelseite geht es dann sehr luftig zu. Gemma Padley zeigt ein typisches Bild der Fotografin und erläutert die Technik dahinter. Bildaufbau, Licht, Blende, Setting werden erklärt und die Leser*innen ermuntert, das selbst auszuprobieren. Das von jeder Künstlerin nur zwei Bilder gezeigt werden, ist verständlich, aber schade. Mir war das zu wenig, weswegen ich ständig das Handy in der Hand hatte und nach weiteren…

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Kleine Geschichten von großen Künstlern. Oder: wie ich lernte, Frida Kahlo zu mögen

Kunst für Kinder – diesem Thema widmen sich mehr Bücher, als ich Kinder im Museum sehe. Manche hoffen auf die Neugier von Kindern, doch diese muss beim Thema Kunst meist erst durch einen Impuls außerhalb des Buches geweckt werden. Andere Kunstbücher für Kinder setzen auf die kindliche Kreativität. Doch nicht jedes Kind traut sich, im Anblick großer Künstler selbst etwas zu gestalten. Dann gibt es noch Bücher, die versuchen, das Kunsterlebnis in eine Erzählung einzubinden. Die wirkt aber häufig so konstruiert, dass Kinder misstrauisch werden. Schließlich haben sie ein feines Gespür dafür, was eine gute Geschichte ausmacht und wann ihnen die Erwachsen nur etwas beibringen wollen! „Kleine Geschichten von großen Künstlern“ wählt einen anderen Weg. Laurence Anholt erzählt von Kindern, die wirklich gelebt haben und die wirklich berühmten Künstler*innen begegnet sind. Ergänzt werden diese wahren Begebenheiten von einer kindgerechten, kurzen Künstlerbiografie und Impulsfragen, die einen individuellen Zugang zu den Werken ermöglichen. Und natürlich von vielen…

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Künstlerinnen in New York

Eine Autorin begleiten, wie sie Kunst von Frauen in New York entdeckt. Skulpturen, Ausstellungen, Bilder die eines gemeinsam haben: Ich kann sie nicht dort erleben, wo Stephanie Hanel sie erlebt hat. Was sie sah, werde ich so nie zu sehen bekommen. Warum fand ich dann die Lektüre so faszinierend, wohltuend und bereichernd? Wer mir auf Instagram folgt weiß, dass Museen mein zweites Wohnzimmer sind. Das begann in meinen Teenie-Jahren und zieht sich bis heute durch. Warum das so ist, habe ich immer noch nicht wirklich ergründet. Sicher ist, dass Begegnungen mit Kunst für mich ein Safe Space sind. Ein Ort, an dem ich zur Ruhe komme, zu mir finde, wachsen und heilen kann. Im Real Life habe ich eine Kunstkomplizin, eine Freundin, mit der ich durch Ausstellungen streune, staune, albere. „Künstlerinnen in New York“ ist eine Freundin, eine Kunstkomplizin in Buchform. Mit diesem Buch kann ich all das auch erleben – okay, vielleicht ohne das…

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