Antifolk – ein bisschen DIY schadet keinem Musik-Genre

Antifolk von Martin Büsser aus dem Ventil Verlag

Das war mein erstes Buch von Martin Büsser. Die Folgen sind katastrophal: ich mag nun alles von ihm lesen, sowie alle Bücher, auf die er sich bezieht, und einfach alles hören, was er in Antifolk erwähnt. Ich beantrage am besten Lese-Urlaub, nein: Bildungsurlaub.

Dabei war das Buch sozusagen nur Beifang. Ich wollte mir Our piece of punk bestellen, stöberte noch ein wenig durch das Programm des Ventil Verlags und dachte mir: Antifolk. Weiß ich nichts darüber, klingt gut, kostet nicht viel und der DJ meines Vertrauens meinte letzt doch eh, dass sich Texte von Martin Büsser extrem gut lesen lassen.

Das kann ich jetzt bestätigen – aber über die Folgen hätte er mich ruhig auch aufklären können.

Was ist Antifolk?

Antifolk ist Folk, der sich selbst nicht zu ernst nimmt – ruppig, witzig, ehrlich und bewusst gegen den Strom. Eine ironische, rohe Gegenbewegung zum romantisierten Singer-Songwriter-Folk der 1960er und 70er Jahre. Eine lose Musikbewegung, die Ende der 1980er Jahre in New York (vor allem rund um die Lower East Side) entstand

Das erklärt es schon ganz gut. Aber ich zitiere noch viel lieber den Ventil Verlag, in dem das Buch erschienen ist:

Antifolk ist für Folk das, was Punk für Rock gewesen ist: eine Blutauffrischung gegen Spießigkeit und Dogmatismus.
Quelle Ventil Verlag

Die Tücke bei dieser Definition ist für mich, dass viele bei Punk erst mal an lautes, ungehobeltes Auftreten und viel Bier denken. Viel wichtiger ist aber eine bestimmte Haltung: keine Ahnung, ob ich das kann, ich mach das einfach mal. Energie ist wichtiger als Können.

Bei Antifolk steht aber der Song viel mehr im Mittelpunkt. Daher kommt zur DIY-Haltung des Punks noch ein anderer Aspekt hinzu: die Bereitschaft, sich zu blamieren. Rauf auf die Bühne, machen – auch wenn es scheppert oder die Emotion, die man transportieren möchte, dann doch nicht beim Zuhörer ankommt.

Ich höre mich derzeit durch Jeffrey Lewis und all die anderen Künstler, von denen ich bisher noch nichts gehört hatte. Beck und Adam Green, die ausgerechnet im Titel genannt werden, lasse ich links liegen. Es gibt spannenderes zu entdecken.

Aber was ist nun das Besondere an dem Buch, dass ich beschließe, alles von Martin Büsser zu lesen? Sein Stil, sein Fachwissen, seine gedanklichen Verknüpfungen von Musik, Kunst, Politik und Gesellschaft – aber vor allem ist es sein Herz.


Infos zum Buch:

Martin Büsser

Antifolk
Von Beck bis Adam Green

Ventil Verlag

Lee Hollis war übrigens der erste Autor aus dem Ventil Verlag, dessen Bücher bei mir einzogen. Mehr dazu hier.


Ausgelesen und da steht sie nun, meine Rezension zu Our piece of punk:

Wie das Handbuch Popkultur meinen Hair-Metal-Konsum steigerte

Handbuch Popkultur - Sachbuch

Popkultur als Wissenschaftsdisziplin und Forschungsfeld – darum geht es im »Handbuch Popkultur« das im Metzler Verlag erschienen ist.

Ich, obwohl »nur« interessierter Laie mit leichtem Hang zum Nerdtum, habe es trotzdem gelesen – mal mit Genuss und Informationsgewinn, mal mit Kopfschütteln, mal mit einem klar sichtbaren Häh? auf meiner Leserinnen-Stirn.

Der Einstieg: Gattungen und Medien

Grandios war für mich der Einstieg ins Buch. Der Überblick über die Musikgeschichte von Rhythm & Blues bis Hip-Hop führt dazu, dass ich ständig online nach Musik suchte, Künstler neu oder wieder für mich entdeckte. Das Besondere: Jede Musikrichtung wird von einem anderen Autor vorgestellt. Das erfordert zwar stilistische Flexibilität auf Leser-Seite, tut aber insbesondere den Artikeln über Subkulturen wie Hardcore und EBM gut.

Den größten Spaß hatte ich mit dem Kapitel über Metal, weil die Lektüre bei mir dazu führte, dass ich einen ganzen Abend lang klassischen Hair-Metal gehört habe. Ok, dazu wurde das Handbuch Popkultur zwar sicherlich nicht geschrieben – aber ich lasse das jetzt mal einfach unter Feldforschung laufen.

Die Hintergründe: Produktionsbedingungen und Innovationen

Schon in den Kapiteln über Musikstile wird immer wieder auf die Produktionsbedingungen, auf Vertrieb und Marketing, auf Hörer und Zielgruppen, auf technische Innovationen und ihre Auswirkungen auf die Musik eingegangen.

Das machte es für mich besonders spannend. Viel gelernt, viel gestaunt – und das gilt auch für den Themenbereich Radio – Formate, Sender und DJs. Ich vermisse übrigens Klaus Walter mit seiner Sendung »Der Balll ist rund« immer noch.

Popkultur als Mosaik

Sehr dankbar bin ich auch für das Kapitel zu Camp und Trash – damit wäre das für mich nun auch mal geklärt. Herzchen vergeben würde ich am liebsten für die Analyse der Bedeutung der Riot Grrrls für den Hardcore.

Und alles andere? Nun, mal so mal so. Der Beitrag zur Popliteratur verweilte mir zu sehr in der Vergangenheit. Musikproduktion blieb mir zu sehr an der Oberfläche. Anderes war mir, da ich nicht zur eigentlichen Zielgruppe zähle, zu wissenschaftlich.

Und dann gab es noch dieses Zitat zum Thema Bücher-Blogs:

Versteht man nämlich ein Blog als niederschwelliges Format zur Dokumentation eigenen Konsumverhaltens, etwa in Form eines Bücherblogs, …
Handbuch Popkultur, S. 232, Autor: Ole Petras

Äh ja. Nun. Ach. Lassen wir das.

So findet sich mein Fazit in diesem Instagram-Beitrag wieder:


Infos zum Buch:

Handbuch Popkultur
Hrsg. Thomas Hecken und Marcus S. Kleiner

Metzler Verlag
ISBN  978-3-476-05601-6

Interview mit Thomas Hecken beim Deutschlandfunk


Was ist Popkultur? Was alle kennen, worüber alle reden – das ist Popkultur. Damit bezeichnet man die Gesamtheit der kulturellen Ausdrucksformen, die in einer Gesellschaft weit verbreitet sind und von einer breiten Mehrheit konsumiert, geteilt und mitgestaltet werden – im Gegensatz zur Hochkultur (wie zum Beispiel E-Musik) oder Subkultur.

Sie umfasst Musik, Film, Serien, Mode, Memes, Sport, Games, Memes und vieles mehr. Sie spiegelt die Werte, Trends und den Zeitgeist einer Epoche wider. Popkultur ist kommerziell geprägt, massenmedial verbreitet und lebt von ständigem Wandel.


Bücher zur Popkultur – meine Rezensionen hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin


Einfach nur Musik machen: Kurt Cobain. 1967 – 1994.

»I don't have a gun«. Die Lebensgeschichte des Kurt Cobain. Jugendbuch. Biografie.

Ein Jugendbuch über Kurt Cobain zu schreiben, ist eine fast unlösbare Aufgabe. Wie soll man für diese sensible Zielgruppe über einen Musiker schreiben, dessen Leben von unglaublich viel Talent, Drogen und alten Wunden geprägt wurde, sehr früh mit einem Selbstmord endete, und der heute noch als Ikone der Rockmusik verehrt wird?

Ein solches Unterfangen gleicht einer schwierigen Gratwanderung. Informieren, aber nicht verherrlichen. Empathisch schreiben, aber nicht zur Nachahmung anregen. Kurz: Ich hätte es nicht schreiben wollen. Aber lesen. Vielleicht verstehe ich ja danach die Heldenverehrung, die Kurt Cobain heute noch erfährt?

Warum ich kein Fan wurde: Nirvana in heavy Rotation

Ich hatte Nirvana relativ spät entdeckt. Gute Musik, eindeutig. Mir erst einmal einen Tick zu eingängig – Mudhoney lagen mir da näher. Doch bevor ich mich entscheiden konnte, ob mir Nirvana nun gefällt oder nicht, liefen sie in heavy Rotation. Auf MTV, im Radio, überall. Wenn in den Clubs die prägnanten Eröffnungsakkorde von »Smells like Teen spirit« erklangen, strömte alles auf die Tanzfläche, die ich genau dann verließ.

Was nach dem Selbstmord von Kurt Cobain passierte, ließ mich, genau wie die bis heute andauernde Verehrung, perplex zurück. Vielleicht kann das Buch »I don’t have a gun. Die Lebensgeschichte des Kurt Cobain.« Licht in die Angelegenheit bringen? Es konnte – aber auf einem ganz anderen Weg als erwartet.

I don’t have a gun – von wegen!

Der Autor Marcel Feige schildert in seinem Buch die Kindheit von Kurt Cobain unerwartet ausführlich. Dem eigentlichen Erfolg von Nirvana widmet er nur ein Drittel des Buches. Das hat mich erst einmal gewundert, sorgt aber dafür, dass man den nicht ganz einfachen Charakter von Kurt Cobain besser verstehen kann.

Wobei verstehen bei dieser Biographie nicht mit »gut heißen« gleichzusetzen ist. Marcel Feige schildert sehr sachlich und achtet strikt darauf, nicht zu werten. So gut wie jeder hat Mist gebaut, aber keinem kann man die Schuld am Selbstmord und dem Drogenmissbrauch geben. Weder den Eltern Kurt Cobains, noch seinen Freunden, noch der Musikindustrie und vielleicht sogar noch nicht mal ihm selbst. Keiner ist unschuldig, aber niemand ist schuld.

Dadurch wird Kurt Cobain vom Sockel der Verehrung geholt und der Fokus auf sein enormes musikalisches Talent gerichtet. Mehr als einmal wird betont, wie viel Arbeit es erfordert, um als Band so gut spielen zu können – da scheint dann doch das Genre Jugendbuch sehr deutlich durch.

Trotz aller Sachlichkeit liest sich das sehr gut und ich habe mein Ziel erreicht: Ich kann jetzt nachvollziehen, wie es zur Heldenverehrung kam und was für eine enorme Projektionsfläche Kurt Cobain bietet.


Angaben zur Biografie:

Marcel Feige

»I don’t have a gun«.
Die Lebensgeschichte des Kurt Cobain.

Jugendbuch. Empfohlen ab 14 Jahren.

Beltz Verlag
ISBN 978-3-407-81087-8

Noch eines fiel mir auf: Mit wie viel Respekt Marcel Feige von den Frauen in Kurt Cobains Leben schreibt. Deswegen endet dieser Beitrag auch nicht mit einem Nirvana-Song, sondern mit meinem Lieblingssong von Courtney Love und ihrer Band Hole: Doll Parts


Ein Musikbuch, das gut dazu passt: Die Rache der She-Punks

Schule des Sehens: gebt dem Zufall eine Chance

Sachbuch: Die Schule des Sehens von Peter Jenny

Wie lernt man schreiben? Ein berühmter SF-Schriftsteller* antwortete mal auf die Frage eines Fans: „Schreibe eine Million Wörter und dann komme wieder zu mir.“

Wie lernt man demnach fotografieren?

Mit jedem Blogbeitrag lerne ich ein wenig mehr über das Schreiben. Mit jedem Smartphone-Foto ein wenig mehr über das Fotografieren.

Veröffentlichen ist dabei Teil des Lernprozesses. Ich mache mein Üben damit sichtbar – und nehme es selbst dadurch ernster.

Die Suche nach neuen Themen und Motiven ist ein zweiter wichtiger Ansporn. Nicht ausruhen auf dem, was man schon kann. Weitergehen, Neues wagen. Neue Fotomotive suchen, neue Blog-Themen.

Über Bücher schreiben kann ich. Außer, es ist ein Buch aus dem Herrmann Schmidt Verlag. Dann wird es knifflig, denn diese Bücher sind anders als die, die ich 25 Jahre lang in der Buchhandlung angepriesen habe.

Die Schule des Sehens – zweite Runde

Der 8. Band aus der Reihe Schule des Sehens von Peter Jenny war für mich ein Durchbruch. Mit Bild sucht Bild – Weitere Ideen aus dem Atelier der Gegensätze entdeckte ich, die sich bisher als Wortmensch bezeichnete, das kreative Potential von Fotos für mich. Schreibblockaden gibt es seit dem für mich nicht mehr. Wenn ich an einer Idee festhänge, wechsel ich das Medium. Darüber hatte ich hier geschrieben.

Seit einigen Monaten beschäftige ich mich mit dem 9. Band aus der Reihe. Notizen zur Fotogestaltung – Findet Sie der Zufall?  bezeichnet sich als Einladung zur Fotosafari in den eigenen vier Wänden. Das ist Understatement, denn das Büchlein verführt zu noch so viel mehr.

Der Weg ist das Ziel tönt zwar gut, entspricht aber auch nicht der zielgerichteten Wirklichkeit. Ein Glückspilz zu sein, setzt voraus, abseits des Weges Entdeckungen zu machen.
S. 21

Seit dieser Lektüre kultiviere ich lustvolles Verlaufen in meiner eigenen Wohnung und übe mich darin, zu erblicken, was der Zufall mir beschert. Ich entdecke Schattenspiele, Strukturen und Blickwinkel.

Aufnahme eines Schattenspiels, inspiriert durch Peter Jenney -Schule des Sehens BAnd 9

Dabei bemühe ich mich, nicht zu werten, sondern dem Zufall, dem glücklichen Moment Raum zu geben.

„Nicht zu werten“ heißt für mich auch, auf Instagram Bilder zu veröffentlichen, die mein Üben protokollieren. Dabei bin ich immer wieder erstaunt, wie sich Bilder über Nacht verändern. Was habe ich früher Bilder in die Tonne getreten! Vielen davon würde ich heute eine Chance geben und ich bin mir sicher, dass sich eine kleine Handvoll davon im Nachgang durchsetzen würde.

Abfalltonne für Ideen. Mülleimer fotografiert nach der Lektüre von: Peter Jenny - Schule des Sehens Band 9 Notizen zur Fotogestaltung

 

Ich glaube, als nächstes erkunde ich mit Peter Jenny und seiner Schule des Sehens das Vorher – Nachher.


* „Wenn Du schreiben lernen willst, dann schreibe erst einmal eine Million Wörter“. Leider bin ich mir nicht mehr ganz sicher, von wem das Zitat ist. Es könnte Niven gewesen sein – oder Heinlein. Wisst Ihr es? Falls Ihr es wisst freue ich mich über einen Kommentar. Und Ihr freut Euch vielleicht über das Blogstöckchen #SFvongestern


Informationen zu den Büchern:

Peter Jenny

Die Schule des Sehens

Band 8
Bild sucht Bild
Weitere Ideen aus dem Atelier der Gegensätze

Band 9
Notizen zur Fotogestaltung
Findet Sie der Zufall?

Verlag Hermann Schmidt


Auch in diesem Kunstbuch geht es darum, das Sehen zu üben: Kunst selbst sehen. Ein Fragenbuch. Hier meine Rezension dazu:

Lee Hollis: schreiben statt schreien

Lee Hollis, Sänger der Hardcore Bands Spermbands und Steakknife, hat im Ventil Verlag Kurzgeschichten veröffentlicht

Am 1. Oktober 1995 trat Lee Hollis zum ersten Mal als Spoken-Word-Künstler auf – und das gleich im Vorprogramm von Lydia Lunch. Kein schlechter Start, den er so beschreibt:

It was the first time I ever spoke to an audience, instead of screaming at one.

Daraus könnte man eine Geschichte machen. Macht Lee Hollis aber nicht. Er verwendet dieses Schnipsel einfach nur für den Abspann des Buches. Das Spiel mit den Erwartungshaltungen des Publikums hat er perfektioniert.

Manche seiner Kurzgeschichten sind von vornherein in einem Land weit jenseits der Normalität angesiedelt: brennende Hochhäuser, Horror-Ausflüge mit dem Segelboot, Wahnsinn.

Doch am besten gefallen mir die Geschichten, die harmlos und realistisch beginnen und dann urplötzlich kippen, surreal werden.

Einige Stories sind autobiographisch verankert, wobei sich der Leser auch hier nie so ganz sicher ist, ob die Geschichte nicht doch an irgendeiner Stelle die Realität verlassen hat. Hat sich das wirklich so zugetragen oder erzählt Lee Hollis gerade Punk-Märchen?

Zitat von Lee Hollis: Don't tell me how cool you are. Be cool.

Aber ist diese Frage überhaupt wichtig? Entscheidend ist, dass die Show stimmt. Da ist und bleibt Lee Hollis Entertainer – ein verdammt guter noch dazu!

Er weiß, was die Menschen von ihm hören wollen – nämlich Anekdoten aus dem Hardcore-Leben, Seitenhiebe auf seine Wahlheimat Deutschland und Sätze wie Don’t tell me how cool you are. Be cool. Das liefert er auch ab. Aber nicht gleich.

Lee Hollis spielt genüsslich mit der Erwartungshaltung des Lesers, rotzt das Publikum an, um es im nächsten Abschnitt gleich wieder äußerst charmant zu umwerben. Also alles so wie auf der Bühne.

Erzählstimme und Bühnenpräsenz liegen bei ihm sehr nah beieinander – das klingt richtig, richtig gut!


Infos zu den Büchern von Lee Hollis:

Strategy for Victory
ISBN 978-3-931555-73-3

Many injured, more dead
ISBN 978-3-95575-084-8

Ventil Verlag


Empfohlen wurden mir die Bücher von RRR Soundz, dem DJ meines Vertrauens. Danke dafür – und für so vieles mehr!


Sechs Jahre nach dieser Buch-Rezension, kurz nach dem Jubiläumskonzert in der Kammgarn Kaiserslautern, bei dem ich dabei war, haben sich die Spermbirds dann aufgelöst. Das war es woohl endgültig – danke für all den Krach!


Die Kurzgeschichten von Lee Hollis erscheinen im Mainzer Ventil Verlag. Der Spezialist für Subkultur, Indie und Punk hat sich bei mir zu einem Lieblingsverlag entwickelt. Folgende Comics, Sachbücher und Musikbücher aus dem Ventil Verlag habe ich auf meinem Buch-Blog rezensiert (Liste alphabetisch nach Buch-Titel):

Weitere Titel werden folgen – hier liegen noch einige Bücher aus dem Ventil Verlag, die ich noch nicht gelesen habe!


Leere Räume, Kunst erwartend: die neue Kunsthalle Mannheim

Wie ist sie nun geworden, die neue Kunsthalle Mannheim? Die Räume, das Licht und die Blicke nach draußen sind großartig. Ich habe mich gleich dort wohlgefühlt. Der Lichthof ist eine wahre Pracht und die Kunstwerke, die dort schon hängen, sind klug gewählt. Die Instagram-Gemeinde hatte jetzt schon Spaß damit!

Nur von außen ist die neue Kunsthalle Mannheim keine Schönheit und nein, sie fügt sich weder harmonisch in das Jugendstil-Ensemble am Wasserturm ein, noch setzt sie einen mutigen Kontrapunkt. Sie ist einfach nur da.

Allein das Lichtspiel der Fassade könnte interessant werden. An diesem trüben Tag im Dezember wirkte die Außenhülle leicht verschwommen. Fast wie im Nebel, ein Avalon der Kunst. Das erschien mir vielversprechend – vielleicht hat die Fassade ja eine eigene Stimme und möchte uns etwas erzählen?

Zum Tag der offenen Tür, dem preopening vor der eigentlichen Eröffnung im Sommer 2018, war wohl ganz Mannheim gekommen. Die Räume haben das gut vertragen: wäre Kunst an den Wänden gewesen, hätte man sie sich immer noch gut anschauen können.

Im Sommer werde ich sicherlich ausführlich darüber bloggen, denn ich habe mit meinen #kuma_bepart Bildern eine Jahreskarte gewonnen – für ein Museum, das es so noch nicht gibt. Mannheim, Du bist wunderbar!

Mehr Bilder aus der neuen Kunsthalle Mannheim findet Ihr auf Instagram unter dem Hashtag #kuma_bepart.


Für mich gilt: Ohne Museen, ohne mich! 10 gute Gründe, mal wieder ins Museum zu gehen:

NTM goes Pop. Wie weit gehe ich da mit?

Disco-Kugel über der Bühne im Nationaltheater Mannheim.
Alles ist besser mit Disco-Kugel. Auch das Große Haus im Nationaltheater Mannheim.

Erst Superflu, jetzt Andreas Henneberg und The Glitz: da hat sich das Orchester des Mannheimer Nationaltheaters ja was ins Haus geholt. Techno, House, elektronische Musik.

Bei beiden Konzerten hatten meine Gedanken vorher ungefähr diese Struktur: „Orchestermusik und Techno. Klasse, ich verstehe von beidem nix. Also muss ich da hin.“ Womit der Musikvermittlungsauftrag eindeutig erfüllt wurde. Zumindest bei mir. Nachhaltig. Super Flu höre ich mir seit dem häufiger an.

Zweimal elektronische Musik, zweimal Techno und House. Den Unterschied könnte ich wohl immer noch nicht erklären, aber sehr wohl sagen, was mir gefällt.

Andreas Henneberg und The Glitz waren orchestraler, mehr Wall of Sound mit schönen Spannungsbögen. Hier wurde das Orchester gefordert, Klänge und Effekte zu erzeugen, die es sonst so nicht im Repertoire hat. Sieger der Herzen sind bei mir aber Super Flu, die mich mit ihrem Witz und ihrer Spielfreude mitgerissen haben, obwohl hier das Orchester für meine Ohren viel traditioneller eingebunden wurde.

Warum eigentlich?

Tut das Not? Bekommt man so junge Leute ins Theater? Irgendwo am Rande hörte ich solche Fragen. Da stelle ich mich ganz naiv und sage: ich verstehe die Frage nicht.

Wozu ist denn ein Musiktheater da? Für Musik, die eine gewisse Tiefe und Komplexität aufweist. Für Musik, die man nicht mal so eben schnell nebenbei hören kann. Für Musik, die weitere Ebenen offenbart, wenn man sich auf sie einlässt.

Das wäre meine Meßlatte für solche Konzerte. Für mich sind das keine Events, die neue Zielgruppen erschließen sollen. Sollte das nebenbei gelingen: um so besser. Aber für mich steht etwas ganz anderes im Mittelpunkt: Traditionelles Musiktheater mit den Möglichkeiten moderner Musik zu verknüpfen. Im Mittelpunkt: das Orchester und sein Klang. Der Rahmen: ein großes Theater. Das Ergebnis: nicht wirklich vorhersagbar, sondern überraschend.

Die jungen Leute waren übrigens da. Es waren die anderen, die gefehlt haben.

NTM goes Pop. Wie weit gehe ich mit?

Sehr weit. Wahrscheinlich weiter, als das Nationaltheater selbst gehen würde.

Das Experiment Techno/House trifft auf Orchester wurde für mich mit diesen beiden Konzerten erschöpfend behandelt. Aber es gibt noch viele Künstler und Musikrichtungen, die ich gerne einmal in diesem Rahmen erleben möchte. Soft Moon wären eine schlüssige Fortsetzung, wenn es elektronisch bleiben soll. Aber mich würden auch noch ganz andere Klänge reizen. Chelsea Wolfe zum Beispiel. Oder die Savages. Human Abfall. Also Musik, bei der ich mir erst mal so gar nicht vorstellen kann, ob oder wie das Experiment funktionieren könnte.

Aber der absolute Wunschkandidat wäre die Musik von Norbert Schwefel, dem Mannheimer Musik-Pionier. Seine Musik im Mannheimer Nationaltheater zu erleben: das wäre ein tolles Heimspiel! Nebenbei wäre ich mir auch sicher, dass das Große Haus an diesem Abend voll gewesen wäre.

Bühneneingang des Nationaltheaters Mannheim

NTM goes Pop– mehr Infos auf der Website des Nationaltheaters Mannheim.
Dort bezeichnen sie die Veranstaltungen im schönsten Hochkultur-Deutsch als 
Musiksalon. Interdisziplinäre Konzertreihe – Klassik, Jazz, Lied und Pop und zitieren Björk, eine Musikerin, die mich nicht ins Theater locken würde, dafür aber gut erforscht ist. Auf dem Alphabet-Blog der Mannheimer Oper finden sich ebenfalls Hintergrundinfos. Doch ich neige dazu, mich in der dortigen Menüstruktur zu verlaufen, wenn auch lustvoll.


Für meine außergewärtigen Leser*innen: Auf einmal war Mannheim cool – Norbert Schwefel

Farewell Photography – Foto Biennale – Hack Museum

Biennale für aktuelle Fotografie 2017 – Farewell Photography. Hack Museum Ludwigshafen

Nein, das Wilhelm Hack Museum hat nicht vergessen, aufzuräumen. Das gehört so und ist Teil der Biennale für aktuelle Fotografie Mannheim / Ludwigshafen / Heidelberg.

Die Ausstellung im Hackmuseum war die erste, die ich mir innerhalb der Biennale angeschaut habe. Hier geht es stark um den technischen Prozess des Fotografierens und seine Auswirkung auf das Bild.

Nun, das war das erste Problem, das ich mit der Ausstellung hatte: das ist nicht nur nicht mein Blickwinkel auf Fotografie, es ist ein mir sehr fremder Blickwinkel.

Aber das macht ja nichts, ganz im Gegenteil. Kunst entdecken kann ich überall und neue Blickwinkel probiere ich gerne aus.

Das zweite Problem begegnete mir gleich am Anfang der Ausstellung. Die einführende Texte sind sehr abgehoben und ohne Vorkenntnisse kaum zu erfassen. Das kenne ich von diesem Museum so gar nicht. Sonst helfen die Texte hier sehr, einen Zugang zur Kunst zu finden.

Womit wir beim dritten Problem sind, das allerdings ein sehr persönliches ist. Als Museumsbesucherin brauche ich diesmal die Begleittexte, da der Gang durch die Ausstellung einem strikten Storytelling folgt. Ein Rundgang durch ein Fotohandbuch soll es sein, so das der Besucher alle technischen Aspekte des Fotografierens abläuft.

Interessanter Ansatz. Aber ich mag es nicht, wenn eine Ausstellung mir einen Rahmen vorgibt, in dem ich mich bewegen soll. Das ist nicht die Art, wie ich mich der Kunst annähern will. Ganz und gar nicht. Ich will streunen, erkunden, entdecken – eigenständig und frei.

Die Ausstellung empfehle ich Euch trotzdem. Auch diesmal gab es für mich so einiges, dass die gefährliche Anreise von Mannheim nach Ludwigshafen – der Rhein! die Hochstraßen! – rechtfertigt.

Mein Plan lautet ja, mir noch viele Ausstellungen der Biennale und der Off/Foto anzuschauen. Schaun mer mal, wie es ausgeht, denn schließlich liegen in dem Zeitraum Urlaub, Buchmesse und damit jede Menge eigene Fotos. Aber „Hochstrasse – Über Ludwigshafen. Sandra Köstler & Marco Vedana“ möchte ich mir zu gerne noch ansehen!


 Ohne Museen, ohne mich! Mehr Museumstipps hier auf dem Blog GeschichtenAgentin


Parthenon of books – Tempel der verbotenen Bücher

Parthenon of books - Tempel der verbotenen Bücher. Dachgiebel mit viel Himmel

Nun ist er selbst im Kunsthimmel, der Tempel der verbotenen Bücher auf der Documenta 14.

Ich hatte mich sehr darauf gefreut. Dann stand ich davor, daneben und darin – und wurde nicht so recht warm damit.

Seltsam, oder?

 

Parthenon of books - Tempel der verbotenen Bücher. Säulen aus der Nähe.

War mir der Tempel der verbotenen Bücher zu groß? Nein, eigentlich nicht. Er war groß, sehr groß. Aber der Standort hat das gut vertragen und gegen Kunst im öffentlichen Raum, die sich nicht einfügt, sondern sperrig und laut ist, habe ich gar nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil.

 

Parthenon of books - Tempel der verbotenen Bücher. Viel leere Luft innen,

Die Fernwirkung des Parthenons war genial. Aber was war innen?

Bei Büchern kommt es doch auf das Innen an, oder?

Dort fand ich nichts, noch nicht mal einen inspirierenden Leerraum, den ich hätte füllen können. Der Tempel der verbotenen Bücher wirkte von innen wie ein potemkinsches Dorf.

 

Ist das alles, was Bücher heute noch können? Eine mahnende Fernwirkung?

Meinen Fotos sieht man meine Irritation sehr deutlich an. Alles etwas distanziert, bei vielen Bildern bin ich auf der Suche nach dem richtigen Blickwinkel.

Das war meine erste Documenta, darüber hatte ich hier gebloggt. Ich fand sie sehr inspirierend und habe mich dort sehr wohlgefühlt. Nur dieses Kunstwerk, das ich unbedingt sehen wollte, … wir beide kamen einfach nicht zusammen.

Mehr Infos zum Kunstwerk bei Deutschlandfunk Kultur; ein Liste verbotener Bücher gibt es hier bei der Uni Kassel.

Habt Ihr Euch den Tempel der verbotenen Bücher auf der Documenta in Kassel angeschaut? Wie war Euer Eindruck?


Ohne Museen, ohne mich! Mehr Museumstipps auf dem Blog GeschichtenAgentin


Ausflugstipp für den Odenwald: ein genauso außergewöhnliches wie kleines Literaturmuseum

Nick Cave – Graphic Novel von Reinhard Kleist

Die Graphic Novel über Nick Cave und mein Knie auf der Couch. Erotischer wird es heute nicht mehr.

Als ich mit der Graphic Novel „Nick Cave – Mercy on me“ von Reinhard Kleist auf der Couch lag gingen mir drei Gedanken durch den Kopf:

Eine Graphic Novel liest sich also auch nicht schneller als ein Buch.

Verdammt, ich habe kein Vokabular um angemessen über die Illustrationen zu schreiben.

Wie um Himmels Willen konnte ich Anita Lane bisher übersehen?

Verdammnis, der Himmel und die Frage nach der Zeit – daraus könnte Nick Cave gleich einen richtig guten Song machen.

Ich gehe es ein paar Nummern kleiner an und versuche mich an einer ordentlichen Rezension im Stil der GeschichtenAgentin: was habe ich mit der Graphic Novel erlebt?

Tote Frauen und Pathos

Nick Cave ist für mich ein großer Künstler und ein Phänomen. Ich ergänze dazu ganz sexistisch: ein gut aussehender Mann (vor allen Dinger später, als er etwas mehr auf den Rippen hat), stilbewusst bis eitel, mit einer wunderbaren Stimme. Den sexistischen Blick auf Nick Cave nutze ich ganz bewusst. Ich halte ihn für durchaus angemessen, denn in seinen Liedern ertönt es genauso: Frauen sind entweder Mütter, Huren oder tot – gerne auch eine Kombination von allem.
An eye for an eye, a tooth for a tooth, anyway I told the truth … warum sollte ich also auf den Sexismus verzichten? Aber ich bin ja gar nicht so. Doch das Universum des Nick Cave lockt mich nicht sonderlich. Fan war ich also nie.

Wer wie ich Ende der 80er Jahre auf einem deutschen Gymnasium war, kann wahrscheinlich heute immer noch den Song „Mercy Seat“ mit-sprechsingen. Es gab keinen Weg vorbei an diesem Monster von einem Song. Dummerweise verbinde ich damit das Bild blasser Jünglinge, die mit aller Inbrunst, die ihre schmalen Oberkörper zuließen, jede Zeile mitgröhlten – so, als könnten sie nachvollziehen, wie ein Verurteilter sich auf dem elektrischen Stuhl fühlen würde.

Diese beiden Punkte – Frauenrollen und Pathos – sorgen bei mir für eine gewisse Distanz. Interessant, dass ich viel davon in der Graphic Novel wieder gefunden haben. Reinhard Kleist hat ein Heldenlied gezeichnet, aber er verzichtet nicht auf Brüche, Ecke und Kanten und gib so dem Künstler Nick Cave eine stimmige Tiefe.

Deswegen brauchte ich auch deutlich mehr Lesezeit – oder besser: Betrachtungszeit – als ich erst dachte. Die Brüche, Ecken und Kanten gilt es zu entdecken und zu erkunden. Das erste Drittel des Buches ist eher biographisch gehalten. Hier sind es die Querverweise und Hintergrundinfos, die es zu finden und entschlüsseln gilt. Diese Figur ist eindeutig Siouxsie, das muss Lydia Lunch sein, dieser Mode-Stil, jener Club und was läuft da im Hintergrund im Radio?

Im weiteren Verlauf vermischen sich biographische Fakten mit der Welt, über die Nick Cave in seinen Songs schreibt. Seine Figuren klagen ihn an: mein (Schöpfer)Gott, warum hast Du uns das angetan? Berechtigte Frage, finde ich.

Warum schreibt Nick Cave gerade diese Texte? Ist es der Kampf mit den eigenen Dämonen? Oder nur die pure Lust an der eigenen Wortmacht? Ich freue mich, dass diese Fragen gestellt und nicht beantwortet werden. So sorgt Reinhard Kleist dafür, dass sich jeder auf seine Art seiner Graphic Novel nähern kann – auch ein faszinierter Nicht-Fan wie ich.

Bleibt mein Problem, dass ich nicht angemessen über die Illustrationen erzählen kann. Sie sind passend und gigantisch. Genügt das? Ich finde nicht. Der Kölner Stadtanzeiger schlägt sich da deutlich besser: „höchste Intensität und tiefstes Schwarz.“ (Leider ist die Rezension nicht mehr online)

Alles andere als eine tote Frau: Anita Lane

Lesen bildet. In diesem Fall meinen Musikgeschmack: zum Entsetzen meiner Freundin Andrea habe ich Anita Lane wirklich erst in der Graphic Novel „Nick Cave – Mercy on me“ entdeckt. Das hat die Musikerin nicht verdient! Zum Ausgleich läuft sie jetzt bei mir rauf und runter.


Infos zur Graphic Novel:

Reinhard Kleist

Nick Cave – Mercy on me

Carlsen Verlag

ISBN  978-3-551-76466-9


RRRSoundz, der Musik-Kurator vulgo DJ meines Vertrauens, empfahl mir diesen Song von Birthday Party: Mr. Clarinet. Recht hatte er natürlich.


Mehr Kunst? Mehr Musik? Hier entlang!


Documenta. Meine erste.

Stahlbarren von Dan Peterman in der Neuen Neuen Galerie auf der Documenta in Kassel.
Stahlbarren von Dan Peterman in der Neuen Neuen Galerie auf der #documenta14. Das Schild mit den Erläuterungen dazu hing so, dass es immer nur eine Person lesen konnte. Ich war es nicht.

Hätte man mich vor meiner Fahrt nach Kassel gefragt, welche Art Kunst ich auf der Documenta erwarte, wäre dieses Bild die passende Antwort gewesen: Stahlbarren in Säcken. Kunst, für die man ein Handbuch braucht. Kunst, die ohne den dazugehörigen Diskurs unverständlich bleibt. Kunst, bei der der theoretische Überbau schon vorhanden ist, bevor der erste Pinselstrich, der erste Schlag mit dem Meisel getan ist.

Zum Glück habe ich auf der #documenta14 sehr viel andere Kunst gefunden. Sehr andere. Das hat gut getan.

Liebe Documenta, was erwarte ich eigentlich?

Was erwarte ich von Kunst? Ich möchte einen spontanen Zugang zum Kunstwerk finden. Einfach so, von Kunstwerk zu Mensch. Ein Kunstwerk muss mich berühren, eine Verbindung herstellen. Das kann ein zartes Hallo! sein. Oder ein Kratzen. Ein befremdlicher Ton. Eine Harmonie. Ein Faustschlag. Ein Häh? Ein Brüller. Ein Ich-glaube-wir-kennen-uns. Ein Stolpern. Ein warum-finde-ich-dich-jetzt-erst.

Wenn dieser erste Kontakt zwischen Kunstwerk und mir hergestellt ist, darf die Reise weitergehen. Hintergründe über die Entstehung führen in die Tiefe des Werkes. Neue Ebenen erschließen sich. Das Kunstwerk führt, ich folge.

Erst aus dieser Tiefe heraus kann ein fest verwurzelter Diskurs entstehen, der weiter führt. So funktioniert für mich die Annäherung an Kunst.

Auf der #documenta14 passierte all das. Es war anstrengend. Es war schön. Es war meine erste Documenta.

Atlas Fractured – Theo Eshetu

Die schon fast monströs große Video-Installation von Theo Eshetu ist für mich ein gutes Beispiel für meine Art der Annäherung.

Der Kontakt war sofort da. Die Geschichte hinter dem Kunstwerk fasziniert und führt in die tieferen Schichten des Werks. Die Projektionsfläche ist ein Banner, das ursprünglich über dem Eingang des ethnologischen Museums in Berlin-Dahlem angebracht war. Überlagerungen von Bildern der europäischen Kunst, Masken und Menschen, die so lange Themen der ethnologischen Museen waren, ohne darin als Mensch vorzukommen, führen mich direkt zu der Frage, wie ich als hellhäutige Europäerin mit klassischer Schulbildung Kunst wahrnehme – und was ich alles nicht sehe. (Hier bitte den passenden Diskurs einsetzen – ich kann das nicht.)

Euro-Zentrismus, sichtbar machen von dem, was in unseren Museen nicht vorkommt, ist ein Thema, das mich durch die ganze Documenta begleiten wird.

Crossings – Angela Melitopoulos

Manchmal ist die erste Berührung zwischen einem Kunstwerk und mir auch ein Würgegriff. Ich wünschte, ich hätte mehr als eine knappe halbe Stunde des Films ausgehalten. Wir werden nicht sagen können, wir hätten nichts gewusst – nicht, wenn wir solche Kunst gesehen haben. Mit vier Filmen, die im runden Bau des Gießhaus so angeordnet sind, dass ich mich ständig drehen und wenden musste, macht die Künstlerin die Zusammenhänge sichtbar: Berge von Schwimmwesten auf Lesbos, Gefechte um Kobane an der türkisch-syrischen Grenze, die Angst in den Gesichtern von Flüchtlingskindern, Containerschiffe, Tagebau, der Berge abträgt. Wirtschaft, Gier, Flucht, Zerstörung. Die HNA kann Crossings von Angela Melitopoulus besser erklären als ich.

Migration. Flucht. Das Thema ist auf der Documenta sehr präsent. All die Bildungsbürger, wie ich auch eine bin, pilgern daran vorbei. Da muss was hängen bleiben, ein Erkennen, ein Verstehen, ein Funke … eine Möglichkeit der Veränderung, der Aktion. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es anders ist. Nachrichten kann man ausblenden. Kunst nicht, denn sie nimmt andere Wege.

Nassibs Bäckerei – Mounira Al Solh

Die Geschichte von Nassibs Bäckerei. Erzählt Mounira Al Solh auf der Documenta in Kassel

Zurück von den großen Zusammenhängen in das Leben der einzelnen Menschen. Brot braucht jeder – insbesondere in schlechten Zeiten. Mounira Al Solh hat die Bäckerei ihres Vaters nachgebaut. Nassibs Bäckerei gibt gerade durch den Mangel an Gestaltung der Geschichte hinter dem Kunstwerk viel Raum.

Im Untergeschoss werden Skizzen ausgestellt, die während Interviews mit Flüchtlingen und Migranten entstanden sind. Schnell dahin geworfen wirken sie und zeigen Charakterköpfe. Der abstrakte, gesichtslose Begriff Flüchtling löst sich auf, die einzelne Person wird sichtbar. Was für eine Vielfalt an Menschen und Lebensgeschichten!

Photo Notes – Hans Eijkelboom

Doch es gibt auch die Kunstwerke auf der Documenta, die nah an dem bleiben, was ich an Kunst „gewohnt“ bin. Wie zum beispiel die Photo Notes von Hans Eijkelboom. Schmerzhaft aber auch seine Bilder: nach dem ersten Lachen droht die Erkenntnis, dass Individualität nur eine Konstruktion ist. Oder wie kann es sonst sein, dass er an einem Tag auf einer beliebigen Straße so viele Menschen ablichten kann, die alle auf die gleiche Art individuell sind? Diese Bilder setzt er auf Tafeln, 12 Menschen mit gelben Jacken. 15 Frauen im bauchnabelfreien Top. 12 Rentner in beigen Jacken. 15 Männer mit T-Shirt-Sprüchen, die bis eben noch originell waren.

Und ab und an ein schönes Bild

Und ab und an gibt es auch ein Bild, das ich einfach nur als schön empfinde. So wie dieses

Graphische Partituren von Guillermo Galindo auf der Documenta in Kassel. lotusblüten mit Noten auf Stoff.
Graphische Partituren von Guillermo Galindo auf der #documenta14

oder dieses (Instagram-Schnipsel aus einer Video-Installation: Letter 5 von Amar Kanwar)

Museumsselfie auf der Documenta in Kassel: Mein Schatten auf einem Bild von Agnes Denes
Folgen der Documenta. Museumsselfies und Künstlerinnen, über die ich mehr wissen möchte. Agnes Denes.

 


My Maifeld

Maiifeld Derby Mannheim
Maifeld Derby 2017 – letzter Tag, großes Strahlen.

Aus. Das Derby ist aus. Das siebte Maifeld Derby war mein drittes. Was war? Was bleibt? Wer will das wissen?

Ich. Ich will das wissen. Die Erinnerungen an mein erstes Maifeld Derby überlagern sich mit dem zweiten. Wann habe ich Die Nerven gesehen? Metz? Freiburg? Human Abfall? Soft Moon? Und wie hieß diese andere Band mit S?

Diesmal habe ich mir Notizen gemacht – auf Instagram, auf Facebook, auf dem Grooveblog. Solche Notizen sind vergänglich, rutschen nach unten, nach hinten, weg.

Also muss eine Meta-Notiz her, hier, auf dem Blog.

Ein Festival besteht aus Momenten. Das Grinsen von Gemma Ray. Staub, der auf einer Schicht von Sonnenmilch klebt. Technikausfälle am Keyboard, die vom Sänger überspielt werden. Eine Rückkopplung, ein Schwarm Krähen über dem Palastzelt, ein Marienkäfer in der Menschenmenge. Eine Textzeile, ein Beat. Ein Gefühl, ein wahrer Moment.

Meine Sammlung an Band-Momenten beginnt mit

Gemma Ray. Wie konnte ich sie so lange übersehen? Fast wäre ich wegen Gemma Ray gewillt, dem Maifeld Derby den eklatanten Mangel an rockenden Frontfrauen zu verzeihen. Aber nur fast. Solange dort nicht eine Band vom Kaliber der Savages auftritt, bin ich nicht versöhnt. Aber ich schweife ab. Gemma Rays hintergründiges Lächeln war für mich der perfekte Start in mein Festivalwochenende. Genialer Sound, großartige Songs und so was von eigenständig weiblich … hach. Bin Fan-Girl ab jetzt und werde nie wieder den gleichen Blick auf Küchenmesser haben.

Lytics machten schlechten Sound mit dreifacher Energie wett und wirkten perplex, wie verdammt gut ihr Old-School-HipHop ankam. Was für ein Spaß für alle!

Friends of Gas hatten mich im Vorfeld neugierig gemacht. Ihr Ewiges Haus gehört dann auch zu meinen Festival-Ohrwürmern. Guter Gig, aber irgendwas fehlte für mich. War es das hermetische Agieren der Band in entspannter Konzentration, das auch in ein Labor passen würde? Oder fehlte mir eine zweite Stimme? Ich mag die kratzige Mädchenstimme, sie ist ein Hinhörer. Aber den Songs täte eine zweite Stimme gut.

Vor Heim gab es für mich noch einen schön stimmigen Auftritt von Rue Royale, die perfekt auf die kleine Bühne mit der besonderen Atmosphäre gepasst hat: Parcours d’Amour, der Ort für die gefühlvollen Entdeckungen.

Stimmungsbreak, Heim im Brückenawardzelt. Whäm. Beste Energie, geiles Set. Genau das, was ich mir im kleinsten und rauesten Zelt erwarte.

Zu White Wine, die mich schon mal auf dem Maifeld begeisterten, kann ich diesmal nichts sagen. Bis sie ihre Technik zum Laufen gebracht hatten, wollte ich schon wieder jemand anderes sehen.

Letzte Band, oder besser gesagt Ereignis, waren für mich Trentemøller. Groß, aber für mich zu perfekt.

Zum Abschluss des ersten Tages dann noch die indirekte Begegnung mit dem größten Arschloch des Festivals: Reifen platt. Möge der Mensch, der beim #Maifeld17 Luft aus meinen Reifen gelassen hat, ab jetzt immer 2m Menschen auf Konzerten vor sich haben.

Angekommen zu Klez.e und direkt in den 80ern gelandet. Schon lange nicht mehr so einen schönen Cure-Schlagzeug-Sound gehört. Knochentrocken.

Ist es dreistimmiger GospelSpeedMetal, was Zeal & Ardor da präsentiert haben? Oder Spiritual-Black-Metal-Blues? Wer einen Namen für eine Schublade braucht war wohl noch mit Nachdenken beschäftigt, während das Publikum im Palastzelt schon längst abging. Was für ein Brett und deutlich härter als ich es erwartet hatte. Toll!

Auf Royal Canoe war ich neugierig, aber ihr Auftritt hat ihrer Musik nichts hinzugefügt, eher etwas weggenommen.

Mein erster Gedanke, als die Temples auf die Bühne kamen: Gebt den Jungs was zum Essen! Der zweite: zieht ihm den Pullunder aus. BritPop trifft auf die 70er. Passt perfekt auf ein Sommerfestival und auf eine Bühne auf einem Zirkuszelt.

Dadurch habe ich jedoch Pabst verpasst. Was nach allem, was ich gehört habe, schade war. Aber auch das gehört zu einem Festival.

#schorlegram

Bei Metronomy nervte mich der Keyboard-Sound. Tidal Sleep boten geilen Hardcore, waren mir aber etwas zu nüchtern.

Also Pause und Zeit für einen Schorle mit Schnepfenpflug Riesling vom Margarethenhof Forst – was für eine gute Idee, die Getränkeauswahl auf dem Festival zu erweitern! Auch das Amber Lager der Weschnitztaler Braumanufaktur war lecker.

Vor Kae Tempest hatte ich mich mit Torsten alias RRRSoundz festgeschwätzt, meinem Mann in der ersten Reihe. So kam es, dass ich mich auf einmal bei Konzertbeginn in der zweiten Reihe wiederfand.
OK …

Aber ja, ich blieb dort bis kurz vor Schluss, bis mich ein paar fiese Frequenzen vertrieben. Wahrscheinlich gehöre ich zu den wenigen Festivalbesuchern, die für die strikten Dezibel-Auflagen beim Maifeld Derby dankbar sind.

Kae Hurricane Tempest also. Letztes Jahr erlebte ich ihre Lesung auf dem Maifeld Derby. Dieses Jahr also szenischer Poetry Slam mit Musikuntermalung. Nächstes Jahr dann vielleicht mit richtiger Musik? Aber yeah, es war großartig. Was für eine Wortgewalt, eine Wucht, eine Energie, eine unbändige Lust, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Bleibt die Frage des Tages: wie kann sich ein Mensch so viel Text merken?

Was kann nach so einem Auftritt bestehen? Moderat konnten es. Nur ich konnte nicht mehr stehen, nur ab und an mal tanzen. Dann habe ich wenigstens die absolut großartige Lightshow erlebt.

RRRSoundz hatte gesagt, ich muss bis zum Auftritt von Gewalt wach bleiben. Also blieb ich wach, auch wenn ein Auftritt um 2 Uhr nachts jenseits meiner Festivalkondition liegt. Natürlich hatte er recht. Im Prinzip. Geile Band. Aber einer von uns beiden war zu müde für echte Begeisterung. Würde ich aber noch mal wiedersehen wollen. Nachmittags. Nach Kaffee. Oder so.

Staub des Maifeld Derbys verfärbt das Badewasser

Ereignislose Heimfahrt. Ausschlafen. Den Staub des Derbys abwaschen. Beobachten, wie sich das Badewasser grau verfärbt. Viel Staub gab es diesmal – angeblich das erste Festival, das ganz ohne Regen daher kam.

Nach dem Ausschlafen kommt das wach werden. Das führte dazu, dass ich nicht um 12:30 wieder dort war. King Khan and the Shrines gab es daher für mich nur im Live-Stream von Arte. Bedauerlich, das gebe ich zu!

Überhaupt: Arte. Ein großer Erfolg für das Liebhaber-Festival, das Arte vor Ort war. Aber die Anwesenheit von Kamera verändert etwas. Man schaut, was die Kamera macht und fragt sich, was sie sieht. Man will hinschauen und der Arm der Kamera ist im Weg. Die Anwesenheit der Kamera führt eine Ebene ein, die vorher nicht dort war. Sie lenkt ab, denn sie ist schwer zu ignorieren.

Sonntag, Familientag. Seniorentag. Im Gegensatz zum Samstag nicht ausverkauft. Thurston Moore in der Mittagshitze. Sechs Songs genügen ihm für eine Stunde Konzert. Feinstes Geschraddel, grundsolide. Aber es fehlt ein Counterpart, der ihm musikalisch in den Arsch tritt und zu Höchstleistungen motiviert. Nett auch der Versuch, mit einem weißen, gebügelten, lässig geschnittenen T-Shirt den Bauch zu verstecken, der sich dann doch immer mal wieder oben auf der Gitarre ablegte. Aber hej – warum sollte es ihm besser ergehen als uns?

Auf zu Spoon und beim dritten Song wieder raus. Wie fad. Nach 15 Minuten doch wieder rein und, ups, ist das eine andere Band? Erstaunlich, was guter Sound auf einmal ausmacht. Tanzmucke für das Mädchen in mir.

King Gizzard & the Lizard Wizzard – einfach fein, wieviele Menschen man immer noch mit Metal und Hardrock glücklich machen kann. So ganz nebenbei haben die jungen Australier, die sich da in der Mannheimer Sonne rot färbten, 40 Jahre Musikgeschichte zitiert – einfach so, weil sie es können. Großartig!

Dann war ein Phänomen an der Reihe: Amanda Palmer. Eigentlich müsste ich sie auf Grund ihrer Ansichten lieben, oder? Aber ihr Buch Art of asking habe ich abgebrochen und den Auftritt habe ich trotz ihrer großartigen Bühnenpräsenz bald verlassen. Ihr Gestus und ich, wir passen nicht zusammen.

Primal Scream waren in meinem Freundeskreis schon immer die Konsens-Band für Partys aller Art. Zwar mochte jeder etwas anderes – Southern Rock, Rave, Elektro-Gedöns – aber irgendwie hat es immer für alle verlässlich gepasst. Party war das auch – aber eine von der trashigen Sorte. Ab und an konnte man mal die Gitarre hören, zu anderen Gelegenheiten hat der Sänger den Ton getroffen. Spaß hat es trotzdem gemacht.

Plan für das Maifeld Derby

Fazit, ein Fazit. 

Das ist einfach: nächstes Jahr wieder.

Die Karten werde ich auch diesmal wieder kaufen, bevor auch nur eine einzige Band bekannt ist. Ich werde wieder Monate vorher beginnen, Bands zu entdecken, mir einen Plan machen und ihn dann vor Ort auf dem Maifeld über den Haufen werfen, um ganz andere Bands zu entdecken. So muss das.