Wenn Pflanzen in der UNO säßen: die Charta der Pflanzenrechte von Stefano Mancuso

„Die Pflanzen und ihre Rechte. Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur“ Das Buch von Stefano Mancuso steht vor einem Salbei-Strauch

Was wäre, wenn in der UNO-Vollversammlung nicht nur Menschen, sondern auch Pflanzen säßen? Wer bereit ist, sich auf ein solches Gedankenspiel einzulassen, dem empfehle ich mit diesem Blog-Beitrag keinen Science-Fiction-Roman, sondern einen Essay von knapp 140 Seiten: „Die Pflanzen und ihre Rechte. Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur“ von Stefano Mancuso.

Lange Zeit war unser Weltbild so aufgebaut: unten die leblosen Steine, dann die Pflanzen, darüber die Tiere und als Spitze der Pyramide die Menschen. Warum eigentlich? Pflanzen sind nicht nur die Basis menschlichen und tierischen Lebens, sie sind weltweit auch am weitesten verbreitet. Ohne sie gäbe es weder ausreichend Sauerstoff noch Tiere noch uns. Für Mancuso und auch für mich ist das ein guter Grund, mal einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Der italienische Botaniker und Pflanzenphysiologe Stefano Mancuso betrachtet die Pflanzen als Nation mit einer eigenen Charta, einer Art Grundgesetz. Diese beginnt so:

Artikel 1. Die Erde ist die gemeinsame Heimat allen Lebens, die Macht gehört allen Lebewesen.

Sie endet mit:

Artikel 8. Die Nation der Pflanzen unterstützt die gegenseitige Hilfe natürlicher Gemeinschaften von Lebewesen und erkennt sie als Mittel des Zusammenlebens und des Fortschritts an.

Da haben wir Menschen noch einmal Glück gehabt, dass die Nation der Pflanzen uns nicht vom Erdboden tilgen will, sondern mit uns auf diesem Planeten leben will!

Man merkt an diesem flapsigen Kommentar: so richtig warm geworden bin ich mit seinem Essay nicht. Als Denkanstoß finde ich ihn großartig. Doch bei seinen Ausführungen zu den einzelnen Grundrechten hatte ich den Eindruck, dass er seiner guten Ausgangsidee nicht ganz traut. In den Kapiteln erzählt er viel über den Raubbau an der Natur und den Klimawandel. Aber er bleibt dabei nicht eng an den acht Grundrechten; er führt nicht immer aus, was sie genau bedeuten und wie sie unsere Welt verändern könnten. Dass er den Schwerpunkt darauf legt, warum Pflanzen Rechte verdient haben, finde ich schade. Für mich ist das nicht radikal genug. Er schöpft das Potenzial seiner Utopie nicht aus. Aber vielleicht bin ich von den Science-Fiction-Romanen, die ich gerne lese, einfach verwöhnt.

Zudem hätte ich mir mehr konkrete Beispiele wie dieses für zusätzliche Stadtbegrünung gewünscht:

Ob nun Dächer, Gebäudefassaden, Straßenränder, Terrassen, Balkone, Kamine, Ampeln oder Geländer, alles sollte vollständig mit Pflanzen bewachsen sein. Die Regel muss lauten: Wo eine Pflanze überleben kann, sollte auch eine wachsen.

Stefano Mancuso: „Die Pflanzen und ihre Rechte. Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur“, Seite 98 (Fettung von mir)

Hier zeigt sich allerdings eine Spannung, die mich im ganzen Buch begleitet hat. Wer Pflanzen Rechte einräumt, tritt immer noch als Gönner auf. Und Mancuso argumentiert zusätzlich mit dem Nutzen für die Menschen: „Vor allem jedoch hätten begrünte Städte großen Einfluss auf die absorbierte CO2-Menge.“ heißt es auf Seite 99.
Die Pflanzen dürfen, nein, sollen also nicht wachsen, weil es ihr gutes Recht ist, sondern weil sie die Menschheit vor der selbstverschuldeten Katastrophe retten können. Was wohl die „Nation der Pflanzen“ von diesem Ansatz hält? Dafür lohnt es sich, sich tiefer auf das Gedankenspiel einzulassen, das Stefano Mancuso mit seinem Buch „Die Pflanzen und ihre Rechte. Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur“ anbietet. Trotz aller Kritikpunkte wird mich dieser Denkanstoß eine Weile beschäftigen.


Bibliographische Angaben:

Stefano Mancuso

Die Pflanzen und ihre Rechte
Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur

Übersetzt aus dem Italienischen von Andreas Thomsen

Klett-Cotta Verlag

Ebenfalls zu empfehlen: Die unglaubliche Reise der Pflanzen. Hier die Buchbesprechung auf dem Blog Elementares Lesen.


Neue Blickwinkel auf Pflanzen bieten auch diese empfehlenswerte Bücher:


Natur beobachten, erleben und verstehen: mehr Buch-Tipps und Rezensionen zu Sachbüchern und Nature Writing hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert