Der Talmud für Dummies. Oder: göttliche Diskussionsfreude

Für neugierige Menschen wie mich ist die Buchreihe „ … für Dummies“ ein Segen, weil sie einen niedrigschwelligen Einstieg in Wissensgebiete ermöglicht. Wie „Der Talmud für Dummies“ beweist, funktioniert das auch bei hochkomplexen Themen, die sehr weit von der eigenen Lebenswelt entfernt sind. Beginnen wir mit einer Definition, was der Talmud eigentlich ist, die mich gleich aufhorchen ließ. Rabbi Steinsalz bezeichnet ihn als das wichtigste Buch der jüdischen Kultur „… ein Konglomerat aus Recht, Legende, und Philosophie, eine Mischung aus einzigartiger Logik und klugem Pragmatismus, aus Geschichte, Wissenschaft und Humor.“Der Talmud für Dummies – Seite 30 Ich gestehe: Ein heiliges Buch, das den Alltag regelt, hatte ich mir anders vorgestellt. Aber was weiß ich schon über den jüdischen Glauben und das Alltagsleben gläubiger Juden? Mein Bild speist sich aus Besuchen in jüdischen Museen, einzelnen Sachbüchern wie „Le Chaim“, Biografien wie die zu Gertrud Kolmar, Graphic Novels und Romanen. Alles Einblicke von außen, jedoch kaum Wissen…

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Was wir alles über Afrika nicht wissen: „Motherland“ – eine Reise durch 500.000 Jahre afrikanische Geschichte

Dass mich auf 336 Seiten kein kompletter Abriss der Geschichte Afrikas erwarten kann, war mir klar. Dafür ist der Kontinent zu groß, zu vielfältig und zu reich an Geschichte und Kultur. Doch ungefähr auf Seite 52 von „Motherland. Von Mansa Musa bis Black Panther: Eine persönliche Reise durch 500.000 Jahre afrikanische Geschichten“ dachte ich mir: Ich habe keine Ahnung, worauf der Autor Luke Pepera hinaus will. Aber ich folge ihm gerne! In 10 Kapiteln erzählt er von sehr unterschiedlichen Facetten Afrikas. Von Königinnen, Kriegerinnen und generell der Stellung der Frau, die Partnerin auf Augenhöhe ist. Von Totenkult, Ahnenverehrung und einem Gemeinschaftsgefühl, das das gestern mit dem Heute verbindet. Von fahrenden Sängern und Oral History, was zum Battle Rap führt, der afrikanischen Ursprungs ist. Ein neues Framing für Afrika: Weg von Armut und Fremdherrschaft – hin zu kulturellem Reichtum Was wie ein Mäandern wirkt, folgt einem Plan: eine andere Perspektive, ein neues Framing für die Geschichte…

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Die 80er, die 90er und ich: Popkultur als Zeitreise mit Jens Balzer als Reiseleiter

Was ist mir von den 80er Jahren im Gedächtnis geblieben? Kajal und Haarspray, The Cure und Siouxsie and the Banshees. Ostermärsche und die Angst vor dem atomaren Wettrüsten. BWL Studenten überall und eine beginnende soziale Kälte in Deutschland. Viele Details und eine Erinnerung an eine Grundstimmung. Obwohl mich das Jahrzehnt geprägt hat, ist es für mich schwer zu greifen. Jens Balzer hilft. Natürlich schenkte mir sein Buch „High Energy. Die Achtziger -das pulsierende Jahrzehnt“ jede Menge sentimentale weißt-du-noch Momente. Doch er nimmt die Adlerperspektive ein und macht aus all den politischen und popkulturellen Details, an die ich mich noch gut erinnern kann, ein großes Ganzes. Vor allem arbeite er Querverbindungen heraus. So zeigt er, wie eins zum anderen führte und damit zu der Welt, in der wir heute leben. Wie sehr Jahrzehnte uns formen, ohne dass wir es immer merken. Kaum ausgelesen, griff ich gleich zum Folgeband. „No Limit. Die Neunziger – das Jahrzehnt der…

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Von Spinnen und Menschen. Eine verwobene Beziehung

Ich mag Spinnen. Als Kind konnte ich tote Spinnen anfassen und lebende Spinnen über meine Hand laufen lassen. Ein wenig ging mir das verloren. Heute zögere ich und bedauere das gleichzeitig sehr.Der Autor Jan Mohnhaupt schreibt über beide Seiten, über die Lebensweise der Arachniden und über unseren Blick auf diese Tiere. Biologie und Kulturgeschichte gehören für ihn zusammen. Verbunden wird beides durch die Faszination, die Spinnen ausüben. Denn wirklich neutral verhält sich kaum ein Mensch bei diesem Thema. Die Spinne, die fast bei uns wohnte Die erste Spinne, die ich bewusst über einen längeren Zeitraum beobachtet habe, hatte ein Netz vor unserem Küchenfenster. Meine Mutter entschied, dass sie bleiben darf. Wir nannten sie Thekla, nach der Spinne aus der Zeichentrickserie Biene Maja, und freuten uns über jede Stechmücke, die sich im Spinnenetz verfing. In meiner Erinnerung wohnte Thekla lange bei uns. Aber wahrscheinlich gab es viele Theklas und dadurch deutlich weniger Schnaken in der Wohnung.…

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Urlaub verändert die Gesellschaft: eine Geschichte des Tourismus

War der erste Pauschaltourist ein Pilger auf der Reise nach Jerusalem? Das ist nicht so abwegig, wie es zunächst klingt. Viele Pilger hatten schon im Mittelalter einen Reiseleiter, einen Schiffskapitän. Er beschaffte ihnen die nötigen, meist teuren Geleitpapiere, kümmerte sich um sichere Herbergen und sorgte dafür, dass seine Reisegruppe ihr Ziel auch fand. Somit sind die mittelalterlichen Pilgerfahrten eine der Wurzeln dessen, was wir heute als Pauschalurlaub bezeichnen. In »TraumZeitReise. Eine Geschichte des Tourismus« benennt Hasso Spode noch weitere solcher Wurzeln. So führte die Naturverherrlichung der Romantiker dazu, dass aus dem lebensfeindlichen Hochgebirge ein Sehnsuchtsort wurde. Und die »Grand Tour« junger Adliger, aus der vielleicht das Wort Tourist entstand, ist die Blaupause für die Reisen des Bildungsbürgertums. All das führte zu Phänomenen wie die Erfindung des Reiseführers oder der Gründung von Fremdenverkehrs- und Wandervereinen. Aus der Entdeckung der Sommerfrische wurde ein Aufschwung der Seebäder, was wiederum das Leben der bürgerlichen Familien beeinflusste. Zum ersten Mal…

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Jedem sein Ruhrgebiet: Geschichten von Fördertürmen und Schrankwänden

Anscheinend hat Heinrich Böll einmal etwas über das Ruhrgebiet geschrieben, das für viel Wirbel sorgte. Sein Einleitungstext zum Bildband „Im Ruhrgebiet“, den er zusammen mit dem Fotografen Chargesheimer 1958 veröffentlichte, beginnt mit den Worten: „Das Ruhrgebiet ist noch nicht entdeckt worden.“ Was dann folgt, klingt für mich wie der Intellektuelle aus der Großstadt, der die malochende Verwandtschaft besucht und froh ist, wenn er wieder zurück nach Köln darf. Für mich mit meinen Ruhrgebietswurzeln liest sich das amüsant, löst aber nicht mehr als ein Schulterzucken aus. So ganz konnte ich Böll nicht folgen. Wurde das Ruhrgebiet noch nicht entdeckt, weil es ignoriert wurde? Oder weil es sich als Industrielandschaft ständig wandelt? Oder weil man es vor lauter Smog nicht sieht? Oder einfach nur, weil er nie richtig hingeschaut hatte? Um so mehr war ich verblüfft, dass sowohl der Schriftsteller und Philosoph Wolfram Eilenberger in seinem Buch „Das Ruhrgebiet. Versuch einer Liebeserklärung“ als auch der Historiker und…

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Ein schottischer Adliger in Dresden: Lord Findlater und seine Gärten

Das Leben von James Ogilvy, 7. Earl of Findlater, hatte alles, was es für einen guten Roman braucht. Politische Ambitionen, Beleidigungsklagen und Familienintrigen. Standesdünkel und nicht standesgerechte Liebschaften. Desinteresse an einer heterosexuellen Lebensweise. Ein Vermögen, das zwar groß, aber doch zu klein für das kostspielige Interesse an Gartenkunst war. Bildungsreisen durch Europa und Flucht vor Kriegswirren. Nicht zuletzt eine Vision: den perfekten Landschaftsgarten zu errichten. Und dann, als Lord Findlater endlich alle Grundstücke am Dresdner Elbhang in Besitz gebracht hatte, die er benötigte, um seinen Gartentraum »Findlaters Weinberg« zu verwirklichen, dann … stirbt er. Mit 61 Jahren. Sein Erbe: sein langjähriger Sekretär und Lebensgefährte Johann Georg Christian Fischer. Zum Glück ist »Lord Findlater und die Gärten seiner Zeit« kein Roman. Einen solchen Plot-Twist hätte ich den Autoren nämlich nie verziehen. Aber es ist auch keine reine Biografie. Martin Päckert und Frank Klyne hatten anderes im Sinn. Sie verknüpfen Lord Findlaters Biografie mit Betrachtungen über die…

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Die Geschichte des Biers – ein Buch für Besser-Trinker

Der Weg von »Oh, uns ist Getreide in der Tonamphore feucht geworden. Lass uns mal schauen, was wir mit der Brühe machen können.« bis zum heutigen, mehrstufigen Prozess des Bierbrauens ist weit. In »Bier. Die ersten 13.000 Jahre« nehmen uns die Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder und Dr. Manuel Trummer mit auf die Reise. Dabei machen sie in Mesopotamien genauso Station wie im hohen Norden, in Indien und Mexiko. Den Autoren geht es nicht nur darum, wie sich die Brautechnik entwickelt hat und wie aus dem wässrigen Brotbier unser heutiges gehopftes Bier wurde. Ihre Geschichte des Biers ist eine weltumspannende Kulturgeschichte, eine Industriegeschichte wie auch eine Geschichte der Globalisierung. Unterwegs auf unserer Lesereise pflücken wir Bilsenkraut und lesen die Verordnung zum Reinheitsgebot, die eigentlich dazu diente, den Bierpreis festzulegen. Regionale Brautraditionen werden genauso untersucht wie die Bier-Wein-Grenze, die manchmal auch eine Nord-Süd-Grenze war. Wir besuchen Schenken und Tavernen und erleben, wie daraus unsere Biergärten und Gaststätten entstanden…

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Ein Ritt durch die DDR-Kultur. Mittendrin: wir Leser.

Wie viel Gegenkultur steckte in der Kultur der DDR? Das ist eine Fragestellung, die sich mein westlich geformtes Gehirn nicht gestellt hätte, wenn nicht dreierlei gewesen wäre: Die Begegnung mit Kinderbüchern wie „Ede und Unku“, die in den Paketen meiner Ost-Verwandtschaft steckten, mit denen sie sich für unsere West-Päckchen bedankten. Die ausführliche Reportage im Deutschlandfunk über Punks in der DDR, anlässlich des Erscheinens des Samplers „Too Much Future – Punkrock GDR 1980-1989“. Und das bemerkenswerte Buch von Marko Martin „Die verdrängte Zeit. Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur des Ostens.“ Staatskunst, Gegenkultur oder einfach nur Lesevergnügen? Marko Martin versucht erst gar nicht, eine Literatur- und Kulturgeschichte der DDR zu schreiben. Er, der in der DDR aufgewachsen ist und sie im Mai 1989 verlassen konnte, geht stets von seinem eigenen Leseerlebnis aus. Er erinnert sich, wie er selbst ein Buch, ein Film, ein Bild wahrgenommen hat. Von dort aus öffnet er den Blick: Wie sieht er…

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