Quedlinburg – Reise durch sechs Jahrhunderte Stadtgeschichte

Gasse in Quedlinburg

Noch gibt es sie, die unperfekten Ecken in Quedlinburg. Häuser, an denen der Putz in großen Stücken abblättert. Fassaden, die gestützt werden müssen. Fenster, durch die man auch ohne vergilbte Gardinen nicht hindurchblicken könnte. Doch es sind nicht mehr viele. An solchen Häusern kann man verfolgen, wie sich die Nutzung im Laufe der Jahrhunderte geändert hat: hier ein zusätzliches Fenster, dort ein verblasstes Gewerbeschild und ganz oben unter der Dachrinne Reste einer alten Telefonleitung. In Quedlinburg wird das Stadtleben der letzten Jahrhunderte sichtbar: die neuesten Häuser und Stadtvillen stammen aus der Gründerzeit, einige zeigen Jugendstilelemente. Das älteste Haus stammt aus dem 14. Jahrhundert. Es ist unscheinbar – ich hätte es bei meinem ersten Besuch vor über 15 Jahren übersehen, wenn nicht eine Reisegruppe mit Stadtführer davor gestanden hätte. Es gibt Häuser aus jeder Bauperiode, eine architektonische Reise quer durch die Jahrhunderte. Das macht für mich den besonderen Reiz der Stadt…

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Hainich – wandern im Noch-Nicht-Urwald

Wandern im Hainich Buchenwald

Es waren die alten Buchenwälder, die dem Hainich zum Status Unesco Weltnaturerbe verhalfen. Doch selbst ein alter Buchenwald ist kein Urwald. Das liegt einmal an der Struktur des Waldes: das dichte Laubdach der alten Buchen lässt nur wenig Licht durch, so dass kaum Unterholz wächst. Erst, wenn ein Baum umstürzt, fällt genug Licht auf den Waldboden und das Wachstum beginnt. Zudem wurden im Hainich bis 1998 noch Bäume gefällt. Die Spuren der Forstwirtschaft verblassen genauso wie die Spuren des Truppenübungsgeländes. Doch Urwald ist der Hainich nicht – eher ein Urwald-Erwartungsgebiet. Dschungelgefühl kommt daher nur sehr selten auf – das kann man im Nationalpark Bayrischer Wald besser erleben. Aber auch dort sind es nur wenige Waldstücke, die schon seit sehr langer Zeit nicht mehr bewirtschaftet werden. Nicht, weil man den Wald schützen wollte, sondern weil sie einfach zu unzugänglich und abgelegen waren. Es ist auch nicht nur der Hainich, der von der Unesco…

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Die Geschichte des Rock ’n‘ Roll in zehn Songs

Marcus, Greil: Die Geschichte des Rock 'n' Roll in zehn Songs

Das Anliegen von Greil Marcus ist klar: es ist der Song, der zählt. Nicht die Musikgeschichte, nicht die Wirkungsgeschichte und der Chart-Erfolg schon mal gar nicht. Hat der Song mehr als dieses gewisse Etwas? Hat er den richtigen Wumms? Führt er ein Eigenleben durch die Jahrzehnte hindurch? Dann könnte es sich um einen jener Rock’n’Roll Songs handeln, die ein eigenes Energiezentrum darstellen. Songs, die nicht vom Künstler erschaffen wurden, sondern die sich einen Künstler gesucht haben, um hinaus in die Welt zu kommen. Transmission von Joy Divison ist ein solcher Song (mehr Gedanken zur Band Joy Division hier auf meinem Blog). Doch dafür, dass der Song wichtiger ist als die Musikgeschichte, findet sich in dem Buch „Die Geschichte des Rock ’n‘ Roll in zehn Songs“ sehr viel zur Musikgeschichte. Für meinen Geschmack zuviel, zu wild und zu intuitiv verknüpft. Weil es über die Band einen Musikfilm gibt und der Hauptdarsteller in…

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Barcamp Rhein-Neckar #bcrn16

dezernat 16 in Heidelberg. Toller Veranstaltungsort für das Barcamp Rhein-Neckar

Schule im digitalen Zeitalter, Müll von Pappbechern vermeiden, Minecraft, Drohnen und Zen: Obwohl das Barcamp Rhein-Neckar eine wilde, bunte Mischung an Themen bot, habe ich mir diesmal sehr viele Sessions mit technischem Hintergrund herausgesucht. Damit war für mich über weite Strecken das Barcamp eine Fortbildungsveranstaltung und eine Möglichkeit, in Themen hineinzuschnuppern, von denen ich selbst nicht viel verstehe. Genauso gut kann man ein Barcamp als Reality-Talkshow und Diskussionsrunde wahrnehmen. Oder als gemütliches Abhängen mit interessanten Menschen (und Hunden). Auf jeden Fall gibt es auf jenem Barcamp immer mindestens eine Session, die einem lange im Gedächtnis bleiben wird. Auf dem Barcamp Rhein-Neckar waren es gleich zwei, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Autistisch – Authentisch! Sicherlich die intensivste Session lieferte @querdenkender Aleksander Knauerhause, der sich ganz entspannt vorne hinsetzte und über Autismus erzählte – seinen Autismus. Damit lieferte er Aha-Momente im Sekundentakt. Vergesst alles, was ihr meint, bei Rain Man & Co gelernt zu haben,…

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In 33 Bieren durch Franken

Führer Biere Franken

Köstlich amüsiert habe ich mich bei der Lektüre von „33 Biere. Eine Reise durch Franken“. So köstlich amüsiert, dass es mir egal war, dass ich während des Lesens kein frisch gezapftes fränkisches Bier zur Hand hatte. Der Notvorrat an Flaschenbieren, den ich aus dem Urlaub in Franken mitgebracht hatte, schwand jedoch dahin. Aber Anders Möhl und Elmar Tannert erzählen, schwadronieren und informieren ja nicht nur über das Bier aus Franken. Wer so viel Bier trinkt – alles nur zum hehren Zwecke der Recherche versteht sich – braucht auch etwas zu essen dazu. Nur etwas, im Sinne von Kleinigkeit, gibt es in Franken nicht. Neumodische Sitten, das war noch nie so, wo kämen wir da hin. Die Frage, ab welchem Alter man eigentlich einen Seniorenteller bestellen darf, wird leider auch diesmal nicht geklärt. Bleibt als Alternative eine Portion Zwetschgenbammes zu zweit zu bestellen und so dem Karpfen zu entgehen: Der Karpfen…

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Electric Book Fair: was kommt nach dem eBook?

eReader auf der Electric Book Fair Berlin

Eigentlich wollte ich die Electric Book Fair in Berlin als Leser besuchen, oder um genau zu sein: als bloggende Leserin. Schließlich hatte ich die Karte mit meinem Beitrag zur Blogparade „Mein erstes eBook – #1stebook“ gewonnen. Den Plan gab ich schnell auf, denn die Vielfalt der Themen und Sessions berührte so ziemlich alles, was ich mit Büchern mache. eBooks verschenken – wie kann man daraus ein haptisches, persönliches Erlebnis machen? Wie hält man eine Backlist von 1500 eBooks auf dem technisch aktuellen Stand? Wie sieht der Lebenszyklus eines eBooks aus, welche Themen sind überhaupt für eBooks geeignet und welche Rolle spielen dabei Rezensionen und Preisaktionen? Kann man einen eBook-Verlag mit Wunderlist organisieren? Ab wann ist ein Selfpublisher ein Ein-Mann-Verlag? Was gehört alles zu dem Themenbereich Data Driven Publishing? Bieten eBooks leseschwachen Kindern Vorteile oder haben in diesem Fall Apps die besseren Karten? Nicht alle dieser Fragen wurden in Sessions erörtert.…

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Geht doch! Sponsoren-Sessions auf dem #litcamp16

Literaturcamp Heidelberg

Nicht erst seit dem Werbevortrag von Microsoft auf der #dico16 bin ich skeptisch, was Sessions und Vorträge von Sponsoren auf Konferenzen und Barcamps angeht. Doch auf dem #litcamp16 funktionierte sogar das und sorgte für Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe: Netgalley bot zusammen mit dem Carlsen Verlag eine Session zum Thema „Digitale Leseexemplare“ an. Sehr speziell, dachte ich zuerst. Doch auch diese Session war gut besucht. Interessant war für mich, dass Journalisten eher Print-Exemplare als Rezensionsexemplare anfordern; bei Buch-Bloggern gibt es keine klaren Präferenzen mehr. Blogs, die Bücher fotografisch in Szene setzen, möchten natürlich „echte“ Bücher (und sollen sie auch weiterhin bekommen). Bloggern wie mir, die einfach nur lesen wollen, ist es häufig egal, ob sie Print oder eBook erhalten. Auch bei diesem Punkt horchte ich auf: bei Carlsen werden Blogger vom Marketing betreut; Journalisten von der Presse. Ich vermute, dass diese Trennung auch in anderen Verlagen existiert. Und sie erklärt so manches, finde…

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Buchblogs und Leser offline vernetzen

Literaturcamp Heidelberg Blogger Aktionen offline

„Buchblogs und Leser offline vernetzen“ war das Thema einer Veranstaltung auf dem Literaturcamp in Heidelberg #litcamp16. Alexandra hat die Session sehr spontan ausgerufen. Gedacht war sie als offene Diskussionsrunde, als Ideen-Sammlung. Der Raum war voll, trotz vieler anderer spannender Sessions, die zur gleichen Zeit statt fanden. Für mich war es ein AHA-Effekt auf dem #litcamp16: Viele Buchblogger denken zur Zeit auf den gleichen Themen herum. Die letzte Frage wollten wir in der Session diskutieren. Alexandra vom Blog Bücherkaffee bringt selbst sehr viel Erfahrung beim Thema Offline-Aktionen von Blogs mit: monatlicher Bücherstammtisch „Meet & Read“ und Wohnzimmer-Lesungen sind nur zwei Beispiele ihrer Aktivitäten. Vorneweg: der ultimative Lösungsansatz wurde nicht gefunden. Aber es wurden viele kleine unaufwendige Ideen zusammengetragen und auch ein paar größere Konzepte skizziert. Hier mein – sicherlich lückenhaftes – Gedächtnisprotokoll: So können Buch-Blogs offline sichtbar werden Bemerkenswert fand ich, wieviel Hoffnung auf dem Buchhandel ruht: Blogger-Schaufenster, Buchvorstellungen mit Bloggern,…

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#litcamp16: das erste Barcamp für Literatur in Heidelberg und meine erste Session

Die Vorbereitung meiner Session für das #litcamp16 knapp zusammengefasst

Freitag Abend dachte ich mir, dass ich auf meinem zweiten Barcamp meine erste Session halten könnte. Samstag fühlte sich die Idee immer noch gut an. Also schnappte ich mir die Postkarte von „Fairer Buchmarkt“ Every time you steal an e-book, a unicorn dies und einen Kuli von Jokers, einem der Sponsoren des #litcamp16, und schrieb mein Session-Konzept auf. Die Buchblogger, die unbekannten Wesen war von mir angedacht als Informationssession für Autoren, Verlage und Pressemenschen mit anschließender Diskussion mit Bloggern. Spontan unterstützt hat mich Alexandra vom Blog Bücherkaffee – Danke! Ich hoffe natürlich, dass jemand diese Session protokolliert und drücke demjenigen fest die Daumen, dass er damit auch den Tolino Reader gewinnt – womit ich einen weiteren Sponsor im Text unterbekommen habe 🙂 Das war mein Einstieg in die Session: Jetzt live beim #litcamp16: Der Buchblogger – Das unbekannte Wesen mit @DagmarEckhardt und @buecherkaffee pic.twitter.com/7FiRqymLM9 — Janine (@Kapri_zioes) 12. Juni 2016 Vorneweg: Blogger…

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Psychologie der Kunst: Wodurch Bilder wirken

Psychologie der Kunst - Sachbuch

Was will uns das Lächeln der Mona Lisa sagen und lächelt sie überhaupt? Ich hatte geahnt, dass sich darüber schon viele Menschen Gedanken gemacht hatten und hatte das bisher einfach ignoriert. Wie ich anscheinend überhaupt in den über 40 Jahren, die ich mir nun schon bewusst Kunst anschaue, vieles ignoriert habe. Psychologie der Kunst? Dieses Themengebiet war mir neu. Ob die Mona Lisa nun lächelt wird auch dieses Mal nicht endgültig geklärt. Doch den Exkurs über das Lächeln in der Kunstgeschichte – tendenziell eine Erfindung der Neuzeit – fand ich hochinteressant. Auf Bildern gelächelt haben früher fast nur Madonnen. Warum das so ist und was ein Lächeln beim Betrachter auslöst – das zu erkunden, lädt das Buch ein. Es ist ein Studienbuch, ein Sich-Gedanken-mach-Buch. Eines, das Anregungen gibt, Querverbindungen herstellt und den Stand der Forschung zusammenfasst. Jedes Kapitel endet mit der Aufforderung zu praktischen Übungen. Was empfinden wir überhaupt als…

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Fast pefrekt: warum die Suche nach Perfektion Langeweile auslöst

Sachbuch Perfektionismus: Fast pefrekt

Fast pefrekt. Kein Tippfehler, sondern eine Lebenseinstellung. Wobei damit etwas anderes als „Ist mir egal, ich lass das jetzt so“ gemeint ist. Fast pefrekt lädt zum lustvollen Scheitern ein. Dahinter steckt die Überzeugung, dass nur aus Misserfolgen wirklich Kreatives entstehen kann. Irgendwann. Nach vielen missglückten Anläufen. Nur, wer nimmt sich die Zeit für diese Umwege? Wer Perfektion anstrebt neigt dazu, nachzuahmen, was schon existiert. Eine bestehende Meßlatte wird übertragen. Wie soll da Neues entstehen? Und wo bleibt der Spaß, der Spieltrieb, das lustvolle Ausprobieren? Ausprobieren beinhaltet nun mal Scheitern. Das muss man aushalten können. Eric Kessels motiviert, in dem er den Blick auf das Unerwartete, das Schöne, das Geniale lenkt, das nur durch Ausprobieren und den Maßstäben nicht genügen entstehen kann – zB. wenn beim Fotografieren der Finger vor der Linse war. Hätte ich raten sollen, welcher Verlag Fast pefrekt veröffentlicht hat, hätte ich sofort Hermann Schmitt geantwortet. Es ist…

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Herrn Knigge gefällt das! Handbuch für gute Manieren im Netz

Knigge Regeln für das Online Leben - Buch Cover

Social Media ist noch so neu, dass es ganz verständlich ist, dass wir erst lernen müssen, wie wir in diesem virtuellen Raum miteinander kommunizieren und umgehen. Das habe ich selbst schon immer mal wieder gedacht und gesagt. Habe ich es geglaubt? Getröstet hat es mich auf jeden Fall. Plausibel klang es auch. Herr Knigge würde das anders sehen. Er glaubt, dass man mit Anstand, Contenance und Respekt jede Situation meistern kann. Dabei ist es egal, ob man sich im Kindergarten, auf einem Gala-Dinner oder im Internet befindet. Es gibt Grundregeln, die immer und überall funktionieren. Aus diesem Blickwinkel heraus behandelt das Buch Fragen des Online-Lebens: Was tue ich, wenn alle Online-Freunde um einen Promi trauern, der mir nichts bedeutet hat? Mich dezent zurückhalten natürlich und das Foto meiner Füße am Strand ein andermal posten. Ist es ok, wenn ich im Restaurant mein Essen poste? Frage die Anwesenden, beeil Dich und…

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