Der Deutsche Sprachverein und sein Kampf gegen Fremdwörter

Das Buch beginnt grandios mit der Lebensgeschichte des Generalpostmeisters Heinrich Stephan (1831 bis 1897). Seine Mission war es, eine einheitliche und verständliche Terminologie für das frisch vereinte deutsche Postwesen zu schaffen. Einschreiben statt rekommandiert oder Umschlag statt Couvert sind nur zwei Beispiele dafür. Auch bei der Bahn gab es viel zu tun: Aus dem französischen Billet wurde damals eine deutsche Fahrkarte. Womit auch die Hauptschlagrichtung der Sprachpfleger klar wird: Es galt, französische Begriffe zu vermeiden. Was mehr mit der Haltung gegenüber dem „Erzfeind Frankreich“ als mit der tatsächlichen Verständlichkeit zu tun hatte. Denn „Dame“ war auch damals kein unübliches Wort, wurde aber trotzdem vom „Allgemeinen Deutschen Sprachverein“ bekämpft. Sendungsbewusstsein und Nationalismus: der „Allgemeine Deutsche Sprachverein“ Der Sprachverein war ein Männerbündnis, getragen von Beamten, Lehrern, Dozenten. Bildungsbürger, deren Horizont von Goethe und den alten Griechen bestimmt wurde. Männer, die an das „genuin deutsche Denken und Fühlen“ glaubten. Undiplomatischer ausgedrückt: Patriarchen, Chauvinisten, Nationalisten und Rassisten. Ein ähnlicher…

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Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen. Katalog zur Ausstellung und ein Museumsbesuch in Crimmitschau

In diesem Jahr leide ich definitiv an Vitamin-M-Mangel, Museums-Mangel. Museen und Reisen kamen zu kurz. Aber immerhin habe ich das geschafft, was wir Wessis meiner Meinung nach immer noch viel zu selten tun: Ich war im Osten unterwegs. Diesmal führte mich die Route von Leipzig aus über Land nach Zwickau. Gelockt hat mich die große Landesausstellung „Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen.“ Wer die Ausstellung verpasst hat: Der Katalog ist ein guter Ersatz! Er fasst das Wichtigste aus den einzelnen Ausstellungen in Zwickau, Chemnitz, Freiberg, Crimmitschau und Oelsnitz zusammen und bietet zusätzlich vertiefende Essays. Wie immer bei Ausstellungskatalogen liest sich das mal besser, mal schlechter. Aber die gelegentliche Mühe lohnt sich, bietet das Buch doch eine Fülle von Herangehensweisen an das Thema Industrialisierung, Industrie- und Sozialgeschichte in Deutschland: Das ist nicht das Ruhrgebiet: Industriekultur in Sachsen Dem Wessi in mir klingelten manchmal die Ohren. Wie, es gab nennenswerte Industrie außerhalb des Ruhrgebiets? Ja, die gab…

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Die Memoiren der Jella Lepman, Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek

Jella Lepman - Biografie

Die Nazis nahmen ihr die Heimat und das Verhalten der deutschen Bürger machte sie fassungslos. Doch als das amerikanische Militär bei Jella Lepman 1945 anfragte, ob sie bereit wäre, sich in Deutschland für die „Re-Education“ der Frauen und Kinder zu engagieren, sagte sie ja. Dabei folgte sie der Logik des Herzens: Was auch immer während der Nazi-Diktatur geschehen war, die Kinder waren nicht schuld. Ihre Hoffnung war groß: Die Kinder werden den Erwachsenen den Weg weisen. Das Werkzeug dafür: Bücher. Kinderbücher aus aller Welt, die mit ihren Geschichten zeigen, dass alle Menschen gleich sind und es verdient haben, in Frieden zu leben. Das war die Geburtsstunde der IJB, der Internationalen Jugendbibliothek München, die sich heute in der Blutenburg in Obermenzing befindet. In „Die Kinderbuchbrücke“ erzählt Jella Lepman von der Rückkehr in das zerbombte Deutschland, von hungernden Kindern, von engagierten Mitstreitern und von Erwachsenen, die versuchten, die Zeit der Nazi-Diktatur und ihren eigenen Beitrag zu verdrängen.…

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Anita Rée – biographischer Roman von Karen Grol

Meine ganz private Kunst-Welt wandelt sich. Während ich mir früher Ausstellungen nach dem Motto „Diesen Künstler wollte ich schon immer mal sehen“ heraussuchte, ist es heute viel häufiger ein „Dich kenn ich nicht, dich schaue ich mir an“. „Umbruch“ in der Mannheimer Kunsthalle war dafür eine gute Gelegenheit. Gleich auf dem Ausstellungsplakat begegnete mir ein Blick, den ich so schnell nicht vergessen werde: das Porträt der Hildegard Heise, gemalt von Anita Rée. NEUE SACHLICHKEIT IST (AUCH) WEIBLICHDas erste Kapitel der Ausstellung zeigt – rund 100 Jahre nach der legendären Mannheimer Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ – drei weibliche Positionen dieser Stilrichtung. … Dazu gesellen sich die Bilder der Hamburgerin Anita Rée (1885–1933), die mit ihren eindringlichen Porträts zu den bedeutenden künstlerischen Positionen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezählt werden muss. Website der Kunsthalle Mannheim Eindringlich trifft es. Ihre Bilder wirken wie das Konzentrat eines Menschen, verdichtete Psyche. Was für ein Mensch muss man sein, um solche…

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Kelten, Kulte, Anderswelten: Reiseführer für Schwarzwald, Schwäbische Alb, Oberschwaben und Elsass

Der Menhir von Betenbrunn, eingemauert in einer Kirche. Der Magdalenenberg bei Villingen, der größte keltische Grabhügel Europas. Aber auch Schalensteine, alte Linden oder einfach nur Plätze, um die sich Mythen ranken: für mich sind sie ein guter Grund, eine Autofahrt zu unterbrechen und anzuhalten. Dabei sind mir die kleinen Sehenswürdigkeiten und die stillen Orte meist lieber als die großen Sensationen wie der Odilienberg. Allein – wie von ihnen erfahren? Den meisten Reiseführern sind sie bestenfalls eine Randnotiz wert. Das ist der Grund, warum ich immer neugierig auf Bücher wie „Kelten, Kulte, Anderswelten“ bin. In ihnen finde ich die kleinen Fluchten, die ungewöhnlichen Ziele, die besonderen Orte. Außerdem auch noch Informationen zu Geschichte, lokalen Sagen und Brauchtum. Allerdings habe ich mich vom Untertitel „Kraftplätze in Baden-Württemberg und Elsass“ etwas täuschen lassen. Von den vielen darin empfohlenen Stätten, die mit den Kelten verbunden sind oder verbunden sein könnten, liegt nichts vor meiner Haustür. Der Klappentext benennt die…

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Dichterinnen & Denkerinnen

Auf dem Gymnasium habe ich genau eine Autorin gelesen: Christa Wolf. Mir fiel nicht auf, dass das nicht so hätte sein müssen. Aber mir fiel sehr wohl auf, dass insbesondere die Jungs in meiner Klasse mit der dreifachen Exotik aus Frau – DDR – Frauenfigur aus der griechischen Mythologie überfordert waren. Doch Fragen zu solchen Phänomenen muss man sich nicht stellen, um Spaß an Katharina Herrmanns großartigem Buch „Dichterinnen & Denkerinnen. Frauen, die trotzdem geschrieben haben“ zu finden. Dieses Buch funktioniert auf so vielen Ebenen, dass Leser*innen mit ganz unterschiedlichen Ausgangspositionen Gefallen daran finden werden. Auf knapp 240 Seiten stellt Katharina Herrmann 20 inspirierende Frauen vor. Darunter befinden sich so unterschiedliche Charaktere wie Luise Gottsched und Louise Aston, Vicki Baum und Karoline von Günderrode. Auf nur wenigen Seiten bekommen wir eine Vorstellung von der Persönlichkeit dieser Schriftstellerin, von ihren Lebensumständen, von ihrem Werk und ihrer Bedeutung für die Literaturgeschichte. Wenn man bedenkt, dass Katharina Herrmann…

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Mannheims verlorene Pracht: die Spuren der Belle Époque

Was wäre aus Mannheim geworden, wenn es keine Weltkriege gegeben hätte? Um 1900 war Mannheim eine Stadt im Aufbruch. Hafen und Bahnhof entstanden. Wasserturm, Rosengarten und die Jugendstilanlage wurden gebaut. Die BASF zog zwar nach Ludwigshafen, doch Mannheim glänzte mit Luftschiffen, dem Benz-Werk und Traktoren von Heinrich Lanz. Die Entwicklung wurde durch den Ersten Weltkrieg ausgebremst. Der Zweite Weltkrieg zerstörte viel von dem, was in der Gründerzeit entstand. Doch wer weiß, wo er hinschauen muss, findet auch heute noch Spuren der Belle Époque. Das Buch von Andreas Krock hilft bei der Spurensuche. Es ist keine reine Stadtgeschichte, eher ein Kaleidoskop, durch das der Leser verschiedene Facetten jener Epoche erblickt. Dabei liegt der Schwerpunkt auf denen, die mit ihrem Geld und ihren Investitionen das Bild der Stadt prägten: Familien wie Hirsch, Engelhorn, Bassermann, Schütte, Lanz und Reiß. Ihr Prunk und ihr Wille, die Stadt zu gestalten beeindruckt immer noch, und ihre Häuser, Firmen und Stiftungen haben…

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Südafrika, Indien, Dresden: ein Weltbürger als Chronist

Hussein Jinah ist ein unfreiwilliger Chronist. Er wurde dazu einfach nur, weil er lernen, arbeiten und andere Länder kennenlernen wollte. Diese Haltung führte ihn und seine Familie schon nach Tansania, Südafrika und Indien. Wo auch immer sie hinkamen, der Rassismus war schon dort, bereit, seine hässliche Fratze zu zeigen. So war es auch, als Hussein Jinah mit einem Stipendium in die DDR nach Dresden kam. Er blieb. Auch nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Auch, als Pegida- Anhänger begannen, zu demonstrieren. Jetzt, wo der Rechtsextremismus in ganz Deutschland erstarkt ist, ist er immer noch da. Er beobachtet, analysiert und zeigt Haltung. Das macht er so klar und konzentriert, dass seine Chronik auf gerade einmal 82 kleine Seiten passt. Auf diesen wenigen Seiten steht mehr Bedenkenswertes als auf tausenden von Nachrichtenseiten. Ankommen in der DDR: der Rassismus war schon vor Ort Zur Völkerfreundschaft à la DDR gehörte es, Studenten aufzunehmen. Doch die Erwartungshaltung an die Fremden war klar:…

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Frohes Fest: Heidnische Weihnachten

Heidnische Weihnachten. Sachbuch.

Eigentlich ist Weihnachten ein heidnisch-spätantikes-altorientalisches Fest mit christlich-liturgischem Glitzer. Wer genau hinschaut, findet auch heute noch die Spuren vergangener Feste: Wintersonnenwende und die Wiedergeburt der Sonne, Raunächte und Jahreswechsel. Wer noch genauer hinschaut, findet in den christlich anmutenden Weihnachtsbräuchen Spuren des Schamanismus aus aller Welt. Christian Rätsch und Claudia Müller-Ebeling sind solche Spurensucher und erzählen mit viel Spaß von heimischen und exotischen Pflanzen, von Gewürzen aus dem Orient und von Räucherwerk aus dem Norden Europas und aus Übersee. Das Besondere an dem Buch ist, dass sie sich dabei nicht auf europäische Weihnachtstraditionen beschränken. So führt uns die Reise vom schamanischen Weltenbaum zum Weihnachtsbaum auch über Kleinasien, wo die Tanne der Fruchtbarkeitsgöttin Kybele geweiht war. In typisch deutschen Weihnachtstraditionen entdecken wir so die weite Welt und in der weiten Welt die Spuren der Auswanderer aus Europa. Die große Klammer dabei: der Schamanismus, dessen Grundstruktur sich überall erstaunlich ähnelt. Wo auch immer und wie auch immer wir…

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Frau Bauhaus – das Leben der Ise Frank

Jana Revedin JEDER HIER NENNT MICH FRAU BAUHAUS Das Leben der Ise Frank. Ein biografischer Roman

Was braucht eine Idee, um richtig groß zu werden? Einen Visionär. Jemanden, der an seine Vision glaubt, und Menschen, die die Arbeit machen. Das war Walter Gropius sicherlich bewusst, als er Ise Frank mit den Worten „Ise, ich brauche Sie!“ einen Heiratsantrag machte. Ehen, die auf gebraucht werden basieren, sind selten glücklich. So enthält dieser Anfang eigentlich schon die ganze Geschichte. Oder auch nicht. Denn auch wenn das Buch Jeder nennt mich hier Frau Bauhaus mit dem Kennenlernen von Walter Gropius und Ise Frank beginnt, so versucht Jana Revedin doch, uns den ganzen Menschen Ise Frank nahe zu bringen. Dabei verweilt die Autorin jedoch in einer schwebenden Distanz zu ihrer Hauptfigur. Identifizieren fällt schwer. Verstehen gelingt, wenn auch die inneren Beweggründe für Ises Entscheidungen nicht immer klar nachvollzogen werden können. Doch genau das habe ich auch als Ehrlichkeit empfunden: Wer weiß denn schon wirklich, welchem Plan er in seinem Leben gefolgt ist? Leben in und mit…

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Ein Abenteuerroman mit Karl Marx: Mohr und die Raben von London

Mohr und die Raben von London ist ein Klassiker der DDR-Jugendliteratur, der 1962 zuerst erschienen ist und der jetzt zum Karl-Marx-Jahr neu bei Eulenspiegel aufgelegt wurde. Mit etwas Sendungsbewusstsein ist also zu rechnen. Aber da die Pakete meiner Verwandten aus Saalfeld damals nicht nur Dresdner Stollen, sondern auch immer mal wieder Kinderbücher aus der DDR enthielten, bin ich mit solchen Büchern aufgewachsen. Ich habe sie gerne gelesen, denn sie waren meist gut geschrieben, boten Abenteuer und eine gewisse Ernsthaftigkeit in der Wahl der Themen, die ich so nicht kannte. Genau das fand ich jetzt auch in dem Karl-Marx-Roman Mohr und die Raben von London wieder: Eine spannende, handwerklich gut gemachte Geschichte, die mit viel Abenteuer Sachwissen und Werte vermittelt, sowie Figuren, mit denen man sich prima identifizieren kann, vor einem ernsten Hintergrund. Doch genau das, was ich als Kind gemocht habe, hat diesmal dazu geführt, dass ich die Lektüre abgebrochen habe. Mir war es dann…

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Anders sein – Minderheiten, Ausgrenzung und Integration auf dem Dorf

Sachbuch: Anders. Anders? Ausgrenzung und Integration auf dem Land. Ein Buch der sieben Freilichtmuseen in Baden-Württemberg. Ausstellungskatalog.

Es gibt Bücher, die kann ich nur in Museumshops entdecken. Im Buchhandel sehe ich sie nicht, Online und auf Social Media begegnen mir keine Hinweise. Anders. Anders? Ausgrenzung und Integration auf dem Land, ein Gemeinschaftsprojekt der sieben Freilichtmuseen in Baden-Württemberg, ist so ein Buch. Entdeckt habe ich es im Museumsdorf Gottersdorf im Odenwald. Dabei hat dieses liebenswerte Museum noch nicht mal einen richtigen Museumsshop, sondern nur eine Auswahl an Büchern an der Wand im Kassenhäuschen. Hätte das Buch nicht im Armenhaus auf dem Museumsgelände ausgelegen, hätte ich nie von seiner Existenz erfahren. Das wäre schade gewesen. Ich erzähle das eigentlich nur, weil Bücher finden für mich mittlerweile sehr schwierig geworden ist. Buchhandlungen inspirieren mich nur selten. Die Bücher, die dort ausliegen, vermitteln mir den Eindruck, alles schon x-mal gelesen, gesehen, gehört zu haben. Bücher entdecken, die mich wirklich überraschen, kann ich am ehesten noch online – auf den Social-Media-Profilen meiner Freunde und Bekannten, auf Blogs und in Online-Magazinen.…

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