
Hatten die Götter schon eine Sprache bevor es Menschen gab, mit denen sie reden konnten? Waren sie vom Anbeginn der Zeit an vollendet oder haben sie sich entwickelt? Es sind vor allem solche Fragen, die mich an Ann Leckies philosophischen Fantasy-Roman „Der Rabengott“ faszinieren. Auch dieses Mal überrascht sie mit einer unüblichen Erzählperspektive. In ihrem Roman Maschinen gab es Passagen, die aus der Sicht eines Raumschiffes erzählt wurden. Dieses Mal spricht ein Gott. Doch das müssen sich die Leser*innen selbst zusammenpuzzeln. Mit wem er spricht, ist gleich das nächste Rätsel, das es zu lösen gibt.
Dieser Gott existiert von Anbeginn der Zeit an. Er hat gesehen, wie die Erde sich formte, Leben entstand und die Menschen Sprache und Kultur entdeckten. Berührend fand ich, wie sehr dieser Gott den Dialog sucht und wie selten er auf Menschen trifft, die mit ihm reden wollen. Über das, was er selbst ist, und welche Regeln für seine Existenz gelten, konnte er Jahrtausende in Ruhe nachdenken. Dementsprechend gemächlich fallen manche Passagen aus, was in einigen Kritiken als langatmig beschrieben wurde.
Genau wie dieser Gott muss auch Eolo, Adjutant eines Adligen, eine passende Rolle für sich definieren. Die Fähigkeit, Zuschreibungen zu hinterfragen – auch die eigenen –, hilft sowohl bei der Selbstfindung als auch beim Auflösen der Intrige, in die alle miteinander verwickelt sind.
All das macht „Der Rabengott“ zu einem unüblichen Fantasy-Roman, bei dem die Lesenden hellwach bleiben müssen. Nicht nur, um die Intrige und deren Auflösung zu verstehen und die philosophischen Spitzfindigkeiten zu genießen. Sondern auch, weil sie genau wie die beiden Hauptprotagonist*innen – der Gott und Eolo – sich ihren Platz in der Geschichte selbst erarbeiten müssen. Kein Buch zum einfach runterlesen, aber eines, über das ich noch lange nachgedacht habe!
Bibliographische Angaben:
Ann Leckie
Übersetzt aus dem Englischen von Michael Pfingstl
Der Rabengott
Hobbit Presse im Klett-Cotta Verlag
Fantasy-Buchtipps auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin
Mein Einstieg in die Romane von Ann Leckie: Maschinen. Hier meine Rezension zum Buch:





