
Dieses Buch hat mich genau wie viele andere Leser*innen auf eine gute Art wütend gemacht. Die Wut, die nach der Lektüre von „Witches, Bitches, It-Girls. Wie patriarchale Mythen uns bis heute prägen“ zurückbleibt, ist produktiv. Hier entfaltet Wut ihre ganze Kraft. Sie ist zunächst ein moralisches Wahrnehmungsorgan, das uns merken lässt, dass etwas nicht stimmt. Doch Wut kann noch mehr und auch das steckt in dem Buch: Wer wütend wird, nimmt sich selbst als jemanden ernst, dem Respekt zusteht. Insbesondere FLINTA* und anderen marginalisierten Gruppen wird Wut oft als irrational oder unzivilisiert abgesprochen. Kein Wunder, denn wer vom Status quo profitiert, hat ein Interesse daran, diese Wut zu entwerten. Denn sie kann der Anfang von Veränderung, manchmal auch von Revolutionen sein: Sie versorgt uns mit ausreichend Energie, um vom Erkennen ins Handeln zu kommen.
Wenn euer Ärger über den Zustand der Welt gerade größer ist als eure Energie: Lest „Witches, Bitches, It-Girls“, weil es Frust in Schwung verwandelt! Wenn ihr die Hoffnung nicht aufgegeben habt, dass eine bessere Gesellschaft möglich ist: Lest dieses Buch, denn es durchleuchtet Strukturen und zeigt Chancen auf! Und wenn ihr Lust auf richtig gute Unterhaltung habt, bei der ihr euer Denken nicht ausschalten müsst, dann lest dieses Buch!
Denn dieses Buch macht nicht nur wütend, es macht auch Spaß. Rebekka Endler schreibt klar und belegt ihre Aussagen mit vielen Quellen (so vergnügliche Fußnoten habe ich zuletzt bei Terry Pratchett gelesen). Zugleich macht sie sich selbst immer wieder sichtbar mit pointierten sarkastischen Kommentaren und ehrlicher Selbstreflexion.
Natürlich ist das, was sie beschreibt, und das Wissen, das sie vermittelt, nicht immer neu. Aber Rebekka Endler gelingt etwas Beeindruckendes: Ob Antike, Hexenverfolgung, Französische Revolution oder aktuelle Diskussionen – sie zeigt immer das patriarchale Muster dahinter auf und übersetzt es für unser heutiges Leben. So wird klar: Es lag nicht an Pandora, Olympe de Gouges oder Britney Spears, dass man ihnen so übel mitgespielt hat. Es liegt am System. Deswegen dürfen Feminismus und der Einsatz für eine menschengerechtere Gesellschaft niemals die Sache von einzelnen Heldinnen sein – sondern von uns allen.
Was mich noch beschäftigt: Überlegungen und Zitate
Mein Buch-Blog ist mein Lese-Tagebuch, auf dem ich für mich festhalten möchte, was ein Buch in mir bewegt hat, welche Gedanken und Gefühle es ausgelöst hat. In diesem Fall ist das nicht so einfach, denn das Nachdenken über „Witches, Bitches, It-Girls. Wie patriarchale Mythen uns bis heute prägen“ dauert an. Für ein Fazit ist es eigentlich noch zu früh.
Was ich alles aus dem Buch für mich mitnehme und worüber ich auch Wochen nach der Lektüre nachdenke, zeigen diese Zitate:
… dass normal, egal ob es um Mensch oder Umwelt geht, immer ein soziales Konstrukt ist, dass Interessen und Machtverhältnisse spiegelt und spätestens seit dem 19. Jahrhundert diskriminierende Wirkung entfaltet.
Seite 49
Zuallererst zeigt Rebekka Endler, wie eine angebliche Normalität konstruiert wird. Die Rezension im Deutschlandfunk Kultur von Susanne Billig fasst das gut zusammen:
Den Auftakt des Buches bildet der Begriff der „Normalität“ – für die Autorin eine Waffe kultureller Machtausübung. Denn was als „normal“ gilt, sei keineswegs naturgegeben, sondern unterwerfe Menschen und ihre Körper einer künstlichen Ordnung, um sie anschließend harsch zu werten. Ob Yoga-Hype, enge Schönheitsideale oder die hanebüchene Ignoranz der Medizin gegenüber Strukturen der weiblichen Anatomie – frauenfeindliche Normen sind tief in unseren Alltagswahrnehmungen verankert.
Das Einstiegskapitel hat mich am meisten überrascht, so sehr, dass ich mich zunächst im falschen Buch wähnte. Doch es bildet die Basis für alle weiteren Ausführungen und schenkte mir einen neuen Blickwinkel.
Dass die Freiheit der Französischen Revolution sehr schnell zu einer exklusiven Freiheit der Männer wurde, veranlasst die Autorin, diesen Bogen in die Gegenwart zu schlagen:
Die Lektionen aus der Revolution scheinen seit diesem Zeitpunkt für die reaktionäre Rechte festzustehen: 1. Die Weiber sind schuld. 2. Wer die Kontrolle über die Frauen verliert, verliert die Kontrolle über das Geschlechterverhältnis und die gesamte soziale Ordnung.
Seite 57
Noch kürzer kann man den Backlash kaum erklären! Was mich zu diesem Zitat führt:
Der soziale Abstieg junger Weißer Männer ist selbst ein Symptom des Patriarchats und nicht das Ergebnis feministischen Fortschritts.
Seite 341
Ich habe mir noch viel mehr angestrichen.
- Gedanken über Hexen und die Frage, ob sie wirklich als role model geeignet sind. Denn auf was beziehen wir uns dabei – auf gelebte Schwesternschaft oder auf ein Hexen-Bild, das von Männern erfunden wurde?
- Warum gerade FLINTA*-Influencerinnen besonders viel Häme abbekommen und dass es zielführender ist, das kapitalistische System dahinter anzugehen.
- Kollektive statt Heldinnen! She-Heroes sind exponierte Individuen, die einen Kampf führen, den Individuen gar nicht gewinnen können.
Wütend, nachdenklich und überraschend gut unterhalten – so lässt mich das Buch zunächst zurück. Jetzt darf es weiter nachwirken. Was das konkret für meinen Alltag bedeutet, weiß ich noch nicht. Aber ich habe Lust und Energie, es herauszufinden!
Infos zum Buch:
Witches, Bitches, It-Girls
Wie patriarchale Mythen uns bis heute prägen
Ein feministisches Buch, das ebenfalls lange in mir arbeitete: Laurie Penny – Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution
