
Natürlich schreibt Madeline Potter in ihrem Buch „Die Roma. Eine Geschichte von Identität und Widerstand“ auch gegen die Klischees an. Gegen Sätze wie „Hol die Wäsche rein, die Z* sind da“, was ich noch von der Nachbarin hörte, wenn die Wohnwagen wieder auf dem nahe gelegenen Festplatz standen. Später bekamen sie keine Genehmigung mehr und lagerten dann weit draußen in den Industriegebieten. Wenn ich dort die spielenden Kinder sah, dachte ich mir, das ist doch kein Leben.
Auch davon erzählt Madeline Potter. Ausgrenzung, Rassismus und Verfolgung spielen eine große Rolle. Doch vor allem zeigt sie, wie das Leben der Roma wirklich ist – wie es aussieht, sich anfühlt und klingt. Dadurch hat ihr Buch einen ganz eigenen Klang. Etwas Wehmut schwingt mit und vielleicht auch eine leise Melodie, die wie ein Gruß an alle Roma wirkt.
Ich habe diese Geschichte auf der Reise für all meine Kalderasch-Geschwister zusammengewebt, und für die Ursari und die Băeiși, für die Romanichal und die Sinti, für die Calé und die Kaale, die Romanisael und die Manouches – für alle Roma.
S. 221
Viel zu entdecken: Geschichten vom Leben der Roma und ihrer Vorbilder
Wir begleiten die Autorin auf einer Reise durch Europa und die USA und durch die Geschichte vom Mittelalter bis in das 21. Jahrhundert. Sie lässt uns teilhaben am Leben der Roma damals und heute. Das verknüpft sie immer wieder mit eigenen Erlebnissen – sie ist Romni – und mit herausragenden Persönlichkeiten. Vielleicht verwendet sie dabei zu häufig ein bestimmtes Erzählmuster: In diesem Land ist mir Folgendes passiert, deswegen denke ich jetzt an jene berühmte Person. Doch darüber will ich mich nicht wirklich beschweren, denn so habe ich zum Beispiel Carmen Amaya kennengelernt, eine spanische Romni, die Mitte des 20. Jahrhunderts als beste Flamencotänzerin der Welt bekannt war.
Überhaupt gab es viel zu entdecken für mich. Jetzt verstehe ich zum Beispiel, dass die langen Röcke der Roma-Frauen hier im Stadtbild genauso Teil ihrer Kultur sind wie die Vorliebe für Gold und Glitzer.
Es geht um Schönheit und die Kultur und den Spaß und ein bisschen auch darum, damit anzugeben.
S. 219
Allerdings hätte ich mehr als einmal tiefergehende Ausführungen gewünscht. So schreibt sie, dass Kenner*innen an den Blumenmustern auf den Röcken erkennen könne, zu welcher Roma-Gruppe die Frau gehört. Wie sich die Muster unterscheiden wird jedoch nicht vertieft.
Denn in „Die Roma“ folgt Madeline Potter ihrer ganz eigenen Reise. Ich habe mich gefreut, dass ich sie ein wenig begleiten durfte und hoffe, dass sie ein weiteres Buch schreibt!
Die Geschichte der Roma ist keine des Opferdaseins, sondern eine des Widerstands. Nicht der Schmerz verbindet uns miteinander, sondern die Schönheit einer gemeinsamen Kultur, die überlebt hat und uns überdies dabei hilft, uns zu entfalten.
S. 218

Bibliografische Angaben:
Madeline Potter
Übersetzt aus dem Englischen von Wanda Jakob
Die Roma
Eine Geschichte von Identität und Widerstand
Ullstein Propyläen Verlag
Rezensionsexemplar, gelesen mit NetGalley
Zeitgeschichte und Geschichte – mehr Rezensionen auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin
Ich merke: Sinti und Roma kommen bisher auf meinem Blog kaum vor. In diesem Buch gibt es einen Beitrag dazu: Anders. Anders? Ausgrenzung und Integration auf dem Land. Ein Buch der sieben Freilichtmuseen in Baden-Württemberg. Und die nächsten Bücher zum Thema liegen schon bereit!





