Rude Girl – Comic von Birgit Weyhe

Auf den ersten Blick ist »Rude Girl« eine Biografie. Ganz linear erzählt Birgit Weyhe den Lebensweg der amerikanischen Germanistik-Professorin Priscilla Layne. Doch »Rude Girl« ist keine Roman-Biografie, es ist ein Comic. Und Comics erreichen Stellen, die Romanen verschlossen bleiben. Sie können mit zeichnerischen Mitteln im wahrsten Sinne des Wortes den Blickwinkel wechseln und neue Perspektiven eröffnen. Mit Farbe können sie Bekanntes verfremden und somit Vertrautes hinterfragen. Birgit Weyhe nutzt all diese Stilmittel souverän und bleibt doch einem ganz eigenen Minimalismus treu. Sehr konzentriert erzählt sie, wie Priscilla Layne als Tochter einer alleinerziehenden Mutter und als Kind karibischer Einwanderer aufwuchs. Wie sie nicht das typische Mädchen sein wollte und welche Freiheit sie in der Musik fand. Warum sie an der Schule wenig wohlwollend als „Oreo“ bezeichnet wurde – außen schwarz, innen weiß. Wie sie in den Indiana Jones Filmen zum ersten Mal Deutsch hörte, diese seltsame Sprache lernen wollte und schließlich…

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Ein schottischer Adliger in Dresden: Lord Findlater und seine Gärten

Das Leben von James Ogilvy, 7. Earl of Findlater, hatte alles, was es für einen guten Roman braucht. Politische Ambitionen, Beleidigungsklagen und Familienintrigen. Standesdünkel und nicht standesgerechte Liebschaften. Desinteresse an einer heterosexuellen Lebensweise. Ein Vermögen, das zwar groß, aber doch zu klein für das kostspielige Interesse an Gartenkunst war. Bildungsreisen durch Europa und Flucht vor Kriegswirren. Nicht zuletzt eine Vision: den perfekten Landschaftsgarten zu errichten. Und dann, als Lord Findlater endlich alle Grundstücke am Dresdner Elbhang in Besitz gebracht hatte, die er benötigte, um seinen Gartentraum »Findlaters Weinberg« zu verwirklichen, dann … stirbt er. Mit 61 Jahren. Sein Erbe: sein langjähriger Sekretär und Lebensgefährte Johann Georg Christian Fischer. Zum Glück ist »Lord Findlater und die Gärten seiner Zeit« kein Roman. Einen solchen Plot-Twist hätte ich den Autoren nämlich nie verziehen. Aber es ist auch keine reine Biografie. Martin Päckert und Frank Klyne hatten anderes im Sinn. Sie verknüpfen Lord Findlaters…

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Nico

Lineares Erzählen würde Nico nicht gerecht. »Nico. Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist« versucht das auch erst gar nicht. Es ist keine Biographie, auch wenn Nicos Leben nacherzählt wird. Es ist kein Erklärungsversuch und auch keine Hommage. Es ist kein Werk über ihre Musik, auch wenn die Entstehung jeder Platte beschrieben wird und die Leser*innen mit auf ihre Konzerte genommen werden. Es ist ein düster schillerndes Kaleidoskop, gebildet aus vielen Einzelbeiträgen. Natürlich können wir mit den Interviews, Konzertberichten, Erinnerungen, Gedichten und Fotos verfolgen, wie aus dem Mädchen Christa Päffgen zunächst das erste deutsche Supermodel, dann die Vevlvet-Underground-Chanteuse, die Schauspielerin und schließlich die Sängerin und Musikerin wurde. Und wie all das zusammen das Gesamtkunstwerk Nico ergab. Doch vor allem ist das Buch ein Versuch, Nicos Aura zu ergründen und der Faszination nachzuspüren, die sie in ihren Fans und Wegbeleiter*innen weckte.…

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Frauen Literatur. 1986 schon (m)ein Thema – und heute?

Eigentlich knüpfe ich mit der Lektüre von »Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt« von Nicole Seifert an Themen an, die mich schon vor über 30 Jahren beschäftigt haben. Meine Ausgabe der Anthologie »Deutsche Dichterinnen. Gedichte und Lebensläufe« stammt aus dem Jahr 1986, also noch aus meiner Schulzeit. Sie hat mir die Augen geöffnet. Genau aus diesem Grund wollte ich »Frauen Literatur« zunächst nicht lesen. Die Erkenntnis, wie wenig sich seit dem geändert hat, ist nichts, was mir einen Leseabend auf der Couch versüßt. Been there, done that – und die Welt ist eben immer noch schlecht. Vom Deutschunterricht bis zum Germanistikstudium ist der Autorinnenanteil noch immer verschwindend gering, und so lernen wir von Anfang an: Was literarisch wertvoll ist, stammt von Männern. Website Kiepenheuer & Witsch Doch was für die Universität und für den Literatur-Kanon gilt, greift auch in den Fanzines der Nerds und in der Genre-Literatur. Das war der Grund,…

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Immer schön langsam. Unterwegs in der Stadt.

Stadtwandern. Durch die City, die Vororte, die Parks und die Industriegebiete. Mir eine Stadt erlaufen ist etwas, was ich mir nicht für die Urlaube aufhebe. Auch meine Heimatstadt Mannheim erkunde ich so, wie Barbara Weitzel ihr Berlin. Immer schön langsam. Zu Fuß unterwegs in der Stadt. Das ist etwas anderes, als von A nach B zu laufen oder auf den stets gleichen Wegen die Besorgungen zu erledigen. Spazieren? Flanieren? Ich kenne kein Wort für das, was Barbara Weitzel macht. Sie erläuft sich ihren Alltag genauso wie den Sonntagsspaziergang, den Weg zur Ärztin oder die 10 Minuten Müßiggang, die man sich zwischen den Verpflichtungen gönnt. Immer an ihrer Seite: die Stadt mit all ihren Facetten Da heißt es: Hinschauen und sich den Beobachtungen öffnen. Architektonische Details bewundern und die tristen Stellen akzeptieren. Das Minutenglück genauso umarmen wie die harschen Momente. Die Menschen auch dann mögen, wenn sie unangenehm sind, und sie…

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Französische Bistro-Küche von einfach & lecker bis oh là là!

80 Seiten über Wein, 400 Seiten über Essen. Ich mag die klare Ansage auf dem Buchrücken des Kochbuchs »Bistro, Bistro! 100% französische Küche«. Ein bisschen erinnert das Buch an den Manufactum-Katalog: Es gibt sie noch, die guten Dinge. Das, was früher auf den Speisekarten der Bistros stand. Diese Welt jenseits von Baguette frites und Touristenmenüs. Wir können sie wieder aufleben lassen, wir müssen es nur wollen! Manche Rezepte wirken tatsächlich ein wenig aus der Zeit gefallen: Markknochen mit Austern oder Froschschenkel. Bei anderen frage ich mich, wo ich bitte diese Zutaten herbekommen soll. Schnecken oder Merguez erhalte ich in den zum Glück für mich nicht so weit entfernten Supermärkten im Elsass. Aber Scheidenmuscheln oder Entenmägen? Andere wiederum verblüffen durch ihre Einfachheit. Doch bei fast jedem Rezept denke ich mir: Her damit – das würde ich wirklich gerne essen! Viele der Kochrezepte stammen zudem aus einer Zeit, in der es selbstverständlich…

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Steampunk satt: Die Abenteuer von Sarah Goldberg und Archibald Leach

Ab und an muss es einfach eine fette Ladung Steampunk sein. »Archibald Leach und die Monstrositäten des Marquis de Mortemarte » von Markus Cremer hat alles, um diesen Lesehunger zu stillen. Aberwitzige Erfindungen, Magie und Okkultismus. Ein genial-verrücktes Ermittler-Pärchen, ein schurkischer Bösewicht, Geheimgesellschaften und eine eigensinnige Königin Viktoria als Nebenfigur. Einen kritischen Blick auf die viktorianische Gesellschaft, den Kolonialismus und die Sklaverei. Ein grandioses Finale, auf das James Bond garantiert neidisch wäre. Dazu jede Menge Anspielungen auf Literatur und Film, von denen ich sicherlich nur einen Bruchteil entschlüsselt habe. In fast jedem der meist kurzen Kapitel knallt und raucht es. Das erzeugt eine atemlose Atmosphäre. Dabei ist der episoden-artige Eindruck gar nicht gerechtfertigt, den Archibald Leach und Sarah Goldberg entwickeln sich stärker weiter, als ich anfangs erwartet habe. Gerade die Entwicklung der Charaktere hat mich mit etwas anderem versöhnt. Der »male gaze« ist stark in dem Buch. Das mag zum…

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Wie erleben Eltern das Coming-out ihrer Kinder? 18 Interviews

Zweimal in meinem Leben war ich die Adressatin in einem Coming-out. Menschen, die mir schon lange nahe standen, erzählten mir etwas sehr Persönliches. Etwas, von dem sie dachten, dass ich es wissen sollte. Etwas, was für sie eine neue Lebensphase einleitete. Und in beiden Fällen war mein erster Gedanke: Ah, das erklärt einiges. Gefolgt von: Danke für dein Vertrauen. Und beendet wurde mein innerer Monolog mit: Warum ist das eigentlich immer noch nötig? Das Buch »Mich hat nicht gewundert, dass sie auf Mädchen steht« versammelt Interviews von Eltern und Bezugspersonen queerer Kinder. Darin werden genau solche innere Monologe wie meiner sichtbar. Diese reichen von »War mir doch schon immer klar. Magst Du ein Stück Kuchen?« über »Wie konnte das passieren?« bis zum Rauswurf der Kinder und der späteren Entschuldigung. Eine Vielzahl an Lebensentwürfen wird gezeigt. Eltern, die sich für Freigeister hielten und durch das Coming-out an ihre Grenzen kamen. Wertkonservative…

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Esther Bejarano: Nie schweigen. Ihr letztes Interview als Buch.

Es ist nur ein schmales Büchlein geworden. Für mehr reichten Zeit und Kraft nicht mehr. Dafür packte die Shoah-Überlebende Esther Bejarano in dieses letzte Gespräch mit Jugendlichen noch einmal alles. Ihr ganzes Leben, ihren ganzen Kampf gegen das Vergessen der Nazi-Verbrechen, ihr ganzes Engagement gegen heutigen Antisemitismus, Hass und Rassismus. Gerade weil das eigentliche Interview nur gut 100 Seiten lang ist, ist es umso eindrücklicher. Hochkonzentriert, eindringlich und immer auf den Punkt. Und gerade weil es nur ein schmales Buch ist, wäre es perfekt als Schullektüre geeignet. Doch es beinhaltet mehr als nur die Lehrplan-Einheit »Deutschland 1933 – 45«. Wer traut sich, deutsche Geschichte einmal so umfassend zu behandeln? Nicht mit dem Kriegsende ein Kapitel zu beenden, sondern gleich anschließend von der misslungenen Entnazifizierung zu erzählen? Zu zeigen, zu welchen Katastrophen Nationalismus führt – gestern und heute? Auch den aktuellen Antisemitismus und Rassismus klar zu benennen und noch klarer zu…

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Sommerwaldfunkeln

Ja, ich kann mich noch gut an die Zeit in meinem Leben erinnern, damals mit 13, 14 Jahren. Während die Erwachsenen sich große Mühe gaben, Zuversicht und Kompetenz auszustrahlen und mir zu zeigen, dass alles ganz einfach sei, wollte ich sie am liebsten anfauchen: Seht ihr denn nicht, dass die Welt wunderbar komplex und vielschichtig ist, ein Labyrinth voller Abenteuer, die es zu erleben gilt? »Sommerwaldfunkeln« von Antonia Katt nimmt diesen jugendlichen Blick auf das Leben ernst. Es ist zauberhaft und realistisch, spannend und einfühlsam, tiefsinnig und voller Albernheiten – es ist alles außer eindimensional! Das zeigt sich schon am Stadtwald des Provinz-Kaffs, in das Malin etwas überstürzt mit ihrer Mutter zieht. Der Wald ist Jogger-Strecke, Naherholungsgebiet und Hundeklo. Er ist aber auch der Abenteuerspielplatz für Kinder. Was nur wenige wissen: Er ist die Heimat der Anderen, magischer Wesen, die dort verborgen vor dem Blick der Menschen leben. Nur einmal…

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Einfach zurücklehnen und die Autorin machen lassen: Die Maschinen von Ann Leckie

Stell dir eine KI vor, die zwei klare Hauptaufgaben hat: das Raumschiff verteidigen und dafür sorgen, dass es der Mannschaft gut geht. Über die Jahrhunderte hinweg entwickelt sich so eine KI, die ebenso kämpferisch wie fürsorglich ist. Um ihre Aufgabe besser zu erfüllen, agiert sie als dezentrales Netzwerk. Sie ist genauso das Raumschiff wie alle Hilfseinheiten – Leichen, die mit KI-Bewusstsein wieder belebt wurden. Egal, von welchem Punkt aus sie agiert, sie bezeichnet sich als „ich“. Das Raumschiff ist Teil eines Staatengebildes, dass seit Jahrhunderten auf Eroberung aus ist. An dessen Spitze eine weitere dezentrale KI, die schon so viele politische Ränkespiele gemeistert hat, dass sie nichts und niemanden mehr traut. Noch nicht mal sich selbst. Wenn jetzt die Staaten-KI politisches Kalkül über das Wohlergehen der Raumschiffbesatzung stellt … dann sind wir mitten im SF-Roman »Die Maschinen« von Ann Leckie. Die gesamte Handlungskonstruktion ist so vielschichtig und ausgeklügelt, dass ich…

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Ist das schon Völlerei oder noch Genuss?

Sehr viele von uns neigen dazu, beim Thema Essen über das Ziel „Ernährung" weit hinauszuschießen. Doch ist das schon Völlerei oder noch Genuss?

Völlerei! Auch wenn ich ganz sicher nicht in Kategorien wie Todsünden denke, ist Völlerei doch ein Wort, bei dem mein schlechtes Gewissen gleich zuckt. Warum eigentlich? All-you-can-eat war noch nie mein Ding. Ich habe mich schon lange nicht mehr so vollgefressen, dass ich in ein Fresskoma gefallen wäre und mich nicht rühren konnte. Meine Portionen sind kleiner geworden, der Genuss dafür größer. Aber wäre der Christstollen heute Morgen zum Frühstück nötig gewesen? Beginnt Völlerei erst beim Überfressen oder schon dann, wenn wir mehr Kalorien zu uns nehmen, als wir bräuchten? Ein zuckendes schlechtes Gewissen ist für mich eher kein Grund, zu einem Buch zu greifen. Doch wenn sich der Restaurantkritiker Jürgen Dollase, der zudem begnadet gut erzählen kann, dem Thema Völlerei widmet – dann will ich das lesen! 100 Seiten später weiß ich: alles richtig gemacht. Sowohl mit meinen kleineren Portionen, dem bewussten Genuss, der auch mal über meinem Kalorienbedarf…

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