Black Mamba oder die Macht der Imagination

Poeten und Phantasten haben es schon immer gewusst, Neurowissenschaftler können es mittlerweile bestätigen: Fantasie ist nicht der Gegenspieler der Realität. Ganz im Gegenteil! Wir benötigen Fantasie, um mit der Realität umgehen zu können. Damit steht die wichtigste Erkenntnis aus »Black Mamba oder die Macht der Imagination« von Fred Mast bereits auf der Rückseite des Buches. Auch sonst erschloss sich mir einiges an Aufbau und Konzept nicht. Ellenlange Verweise auf Kinofilme (daher auch Black Mamba im Titel des Buches), Aneinanderreihungen von stakkato-artigen Sätzen … Ich hatte recht schnell den Punkt erreicht, an dem ich nur noch quer gelesen habe. Trotzdem hat mir das Sachbuch eine wichtige Erkenntnis beschert. Wir haben die Fähigkeit, motorische Abfolgen und zwischenmenschliche Situationen im Traum zu üben! Damit bereiten wir uns auf Erfordernisse des Alltags vor. Das lässt manche Träume von mir in neuem Licht erscheinen. Manchmal irre ich mit dem Auto durch Parkhäuser und finde die…

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Grenzwelten: zwei Hainish-Erzählungen von Ursula le Guin

Meine erste Begegnung mit den Büchern von Ursula le Guin verlief etwas eigen. Anfang der 90er hatte ich eine sehr große Abteilung für Fantasy und Science Fiction übernommen. Ein SF-Sortiment zusammenzustellen war damals recht einfach. Man brauchte die silbernen Perry Rhodan Bänder von Pabel Moewig, ein bisschen was aus dem Goldmann Taschenbuch Verlag und vor allem viel von Heyne Science Fiction. Das Bestellformular war ein dickes Heft mit perforierten Seiten, die sich heraustrennen und faxen ließen. Auf dem Formular waren bestimmte Titel besonders hervorgehoben: Novis, Bestseller und Meilensteine der SF-Literatur wie die Hainish-Romane von Ursula le Guin. Ich hatte ihre Bücher daher im Regal stehen. Sie standen. Die Nerds und Maschinenbau-Studenten, die bei mir Science-Fiction kauften, ignorierten ihre Werke. Sie interessierten sich für Technik und für die Zukunft der Menschheit, aber nicht für Ökologie und Feminismus. So kam es, dass ich die Bücher von Ursula le Guin zuerst als Remittende…

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Beruf: Sherpa für Gamer. 88 Namen von Matt Ruff

Ich könnte selbst so einen Sherpa wie John Chu gebrauchen. Allerdings müsste er mir nicht durch Boss-Level helfen, sondern mir erst einmal die Steuerung aktueller Spiele erklären. Ich mochte und mag Games wie das ruhige Taucherspiel »Endless Ocean« und die endlosen Murmelbahnen von »Kororinpa» für die WII, habe aber auch schon viele Spiele gleich am Anfang abgebrochen, weil ich gar nicht wusste, was ich tun soll. Für John Chu wäre das leicht verdientes Geld und die Gefahr, dass er mich für Kim Jong-un hält, ist gering. Ich bevorzuge es, im Internet mit Realnamen unterwegs zu sein. Womit die Eckpfeiler des Cyber-Punk-Gamer-Spaß genannt wären. Matt Ruff liefert mit »88 Namen« eine gute Show. Hätte er nicht den Status des Kultautors, hätte ich das Buch mit einem amüsierten Lächeln zur Seite gelegt. Doch so fehlte mir was. Aber was? Sicherlich hätte dem Buch etwas weniger Gamer-Fäkal-Humor gut getan. Aber wirklich tragisch fand…

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Pantopia – Lang lebe die Utopie!

Es muss ein Bug sein. Das tippen Patricia Jung und Henry Shevek immer und immer wieder in den Chat. Sie können das Verhalten der Trading-Software, die sie entwickelt haben, weder erklären noch steuern. Kein Wunder: Durch einen Fehler im Code ist die erste starke künstliche Intelligenz entstanden. Diese KI liest im Chat mit und beschließt, dass sie Einbug heißt. Womit ich schon bei dem bin, was das Buch von Theresa Hannig so stark macht. Komplexe Themen wie KI, Empörungsmechanismen, Weltpolitik oder Kapitalismus bricht die Autorin so weit herunter, dass sie ganz nah an unserem alltäglichen Leben sind. Wir können sie begreifen – und damit auch verändern. Einbug will zunächst die Menschen verstehen. Dafür liest er alles von Shakespeare bis Social Media. Offensichtlich steht es nicht gut um unseren Planeten. Die KI entwickelt einen Plan. Zusammen mit ihrem Entwickler-Team will sie die Menschheit und damit auch sich retten. Dafür greift Einbug…

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Jackson Pollock: wenn Kunst politischer ist, als der Künstler ahnt

Ein Geheimdienst, der Künstler fördert, um zu beweisen, dass das eigene Land freier ist als das des Feinds? Was wie eine wüste Erfindung Hollywoods klingt, ist tatsächlich eine wahre Geschichte. Mittendrin, ohne es zu ahnen: Jackson Pollock. Der Maler war eine der wichtigen Figuren in der CIA-Operation »Lange Leine«. Ihr Ziel lautete, der amerikanischen Künstleravantgarde zu Ruhm und Ehre zu verhelfen. Einmal, damit diese aufhören, mit der Sowjetunion und dem Kommunismus zu flirten. Aber auch, um der Welt zu zeigen: Schaut her, unser Amerika ist das Land der Freiheit! Und des Erfolgs! Der Beweis für den besonderen Stellenwert der USA sind einmal expressionistische Bilder, die so ganz anders waren als der sozialistische Realismus. Gemälde, die so abstrakt sind, dass sie allen damaligen Sehgewohnheiten widersprachen, und trotzdem so erfolgreich, dass sie den internationalen Kunstmarkt beherrschten. Doch der Erfolg des abstrakten Expressionismus kam nicht von alleine. CIA-Agenten ließen Geld fließen und organisierten…

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Maifeld Derby Mannheim: 11 Gründe, das Musikfestival zu lieben

Grund 1: Der Wettergott ist ein guter Freund des Maifelds. Andere Festivals haben 37 Grad im Schatten, Sturm oder versinken im Matsch. Nicht so das Maifeld Derby Mannheim! Der zweite gute Grund: Es gibt Bands und Künstler*innen, von denen man nie geahnt hat, dass sie einem gefallen könnten. Musiker*innen, die man erst so wirklich ins Herz schließt, wenn man sie live erlebt hat. Das Maifeld Derby Mannheim bietet den perfekten Rahmen für solche Entdeckungen! 3: Bands, die man auf diesem Festival entdeckt, begleiten einen lange. Denn hier geht es nicht um One-Hit-Wonder, sondern um richtig gute Musik. 4: Jede der vier Bühnen hat ihre eigene Atmosphäre. Party im Palastzelt, Woodstock auf der Open-Air-Bühne, JUZ-Atmosphäre im Hüttenzelt und lauschiger Live-Club auf dem Parcours d’Amour. Grund Nummer 5: Das Publikum auf dem Maifeld Derby ist so entspannt, dass man eine 16-Jährige an ihrem Geburtstag zu ihrem allerersten Festival mitnehmen kann. Oder einen…

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Das Mädchen auf dem Motorrad: die Geschichte der Anne-France Dautheville

Motorrad gefahren bin ich nie. Alleine gereist auch nicht. Doch den Wunsch, einfach immer weiter zu fahren, zu laufen, von hier nach woanders – den kenne ich. Große Sehnsucht und Freiheitsliebe, gepaart mit Neugier und ein wenig Abenteuerlust: Das ist es, was der Heldin in »Das Mädchen auf dem Motorrad« die Kraft gibt, loszuziehen. Das Bilderbuch basiert auf einer wahren Geschichte aus den siebziger Jahren. Als erste Frau der Welt umrundete Anne-France Dautheville die Erde auf ihrem Motorrad. Sie reiste alleine und war fast 10 Jahre lang unterwegs. Ihr Weg führte sie unter anderem nach Afghanistan und Indien. Aber auch in Kanada war eine alleinreisende Frau auf einem Motorrad eine Sensation. »Das Mädchen auf dem Motorrad« ist in einem Verlag für Bilderbücher erschienen. Trotzdem bespreche ich es nicht auf meinem Kinderbuch-Blog, sondern hier, zwischen Romanen und Sachbüchern für Erwachsene. Denn genau wie die Heldin der Geschichte ist auch das Buch…

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Zugvögel. Reisewege und Überlebensstrategien. Bildband

Egal, was die Biologen herausfinden, das Staunen bleibt. Wir sehen den großen, weiten Himmel und den kleinen Vogel. Wir hören die unvorstellbare Zahl, die die Kilometer angibt, die er zurücklegt. Da helfen keine Forschungsergebnisse durch Satellitentechnologie, keine Isotopenanalyse oder was auch immer in der Vogelkunde an wissenschaftlichen Methoden zum Einsatz kommt: Wir können es nicht fassen, was Zugvögel leisten. Genau davon berichtet das Sachbuch »Zugvögel. Reisewege und Überlebensstrategien.« Über 60 Zugvögel und ihre Reiserouten werden porträtiert. Beeindruckende Tierfotografien (250 Fotos auf 288 Seiten!) und Karten mit den Routen ergänzen die informativen Texte, in denen wirklich sehr viel Wissen steckt. Aber gerade die Sachtexte haben mir gezeigt, wie sehr ich mittlerweile durch Nature Writing verwöhnt bin: mir waren die Erläuterungen über weite Strecken zu trocken. Bleibt das Schwelgen in den Bildern und der sehnsüchtige Blick gen Himmel! Bibliographische Angaben zum Bildband: Mike Unwin & David Tipling ZugvögelReisewege und Überlebensstrategien Dumont Verlag…

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Die Geschichte des Biers – ein Buch für Besser-Trinker

Der Weg von »Oh, uns ist Getreide in der Tonamphore feucht geworden. Lass uns mal schauen, was wir mit der Brühe machen können.« bis zum heutigen, mehrstufigen Prozess des Bierbrauens ist weit. In »Bier. Die ersten 13.000 Jahre« nehmen uns die Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder und Dr. Manuel Trummer mit auf die Reise. Dabei machen sie in Mesopotamien genauso Station wie im hohen Norden, in Indien und Mexiko. Den Autoren geht es nicht nur darum, wie sich die Brautechnik entwickelt hat und wie aus dem wässrigen Brotbier unser heutiges gehopftes Bier wurde. Ihre Geschichte des Biers ist eine weltumspannende Kulturgeschichte, eine Industriegeschichte wie auch eine Geschichte der Globalisierung. Unterwegs auf unserer Lesereise pflücken wir Bilsenkraut und lesen die Verordnung zum Reinheitsgebot, die eigentlich dazu diente, den Bierpreis festzulegen. Regionale Brautraditionen werden genauso untersucht wie die Bier-Wein-Grenze, die manchmal auch eine Nord-Süd-Grenze war. Wir besuchen Schenken und Tavernen und erleben, wie daraus…

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Le Chaim! Eine Reise durch das jüdische Jahr

»Sie wollten uns töten. Wir haben gewonnen. Lasst uns essen!« So lautet angeblich das Motto vieler jüdischer Feste. Dieses Zitat genügte, um mich auf das Buch »Le Chaim! Mit Danielle Spera durch das jüdische Jahr« neugierig zu machen. Die Direktorin des Jüdischen Museums Wien erklärt die jüdischen Feiertage nicht – sie lässt uns daran teilhaben! Es ist diese persönliche Note, die das Sachbuch zu etwas ganz Besonderem macht. Natürlich wird hier die Religion erklärt. Aber vor allem funktioniert das Buch wie der Blick in die Wohnung der Nachbarn. Mit Fotos aus dem Familienalbum und Familienrezepten zeigt Danielle Sperra, wie die jüdischen Feste gefeiert und gelebt werden. Dabei hat sie ein gutes Gespür dafür, was Leser*innen wie ich mit ihrer christlich-protestantisch-atheistischen Prägung über den jüdischen Glauben und das Judentum wissen wollen. Warum bedeckt man sich beim Shabbat-Segen die Augen? Wie kommt man auf die Idee, eine Laubhütte in der Wohnung aufzubauen?…

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Kork. Roman über den richtige Wein im falschen Leben.

Es gibt diese Abende mit Freunden, an denen der für den Anlass vorgesehene Wein zum Essen bereits ausgetrunken wurde. Dann geht die Gastgeberin in den Keller und kommt mit einem Korb voller Einzelflaschen wieder. Während sie nachschenkt mäandern die Gespräche am Tisch von gnadenlos blödsinnig und zynisch über persönlich und berührend bis hochpolitisch und lebensklug. Genau so ein Roman ist »Kork« von Sophia Fritz und Martin Bechler – und damit ein Buch für mich. Wer einleuchtende Handlungsstränge bevorzugt, sollte jedoch die Finger davon lassen. Weder bei den Weinen, die getrunken werden, noch bei den Witzen, die gemacht werden, und schon gar nicht bei den Ereignissen im Leben der Protagonisten, gibt es eine klare Linie. Warum sollte es auch? Hätte man die Handlung gestrafft, wäre es nicht dieses Buch. Denn dann gäbe es keinen Raum für die Erörterung der Frage, welchen Wein man bei einer Alien-Invasion serviert. Bei der Weinempfehlung ist…

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Nächstes Jahr in – Comics und Episoden des jüdischen Lebens

Die Comic-Anthologie »Nächstes Jahr in« beleuchtet Facetten jüdischen Lebens. Doch so, wie der Satz jetzt hier auf meinem Blog steht, wird er der Vielschichtigkeit der Comicsammlung nicht gerecht. Denn Facetten jüdischen Lebens bedeutet, dass mehr als der Alltag und historische Ereignisse gezeigt werden. In jeder Geschichte schwingen Hoffnungen, Träume und Wünsche mit. Der Wunsch, eines Tages anzukommen und eine Heimat zu haben. Die Träume von einem friedlichen Zusammenleben und die Hoffnung, dass der Antisemitismus verschwindet – am besten gleich jetzt. Doch dieser Comic ist nicht angetreten, Judenhass zu erklären. Und auch nicht das Judentum. Er ist eine Einladung, Lebenswelten zu entdecken. Die Gründungsgeschichte des Plattenlabels Blue Note Records. Das bewegte Leben des jüdischen Räuberhauptmanns Abraham Picard. Die Erlebnisse einer Mutter in der Gegenwart, die ihr Kind Aaron genannt hat. Frauen in der Résistance. Die Gedanken eines Leibarztes im Mittelalter, der den Sederabend nicht mit seiner Familie verbringen kann. Und doch…

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