Quallen: Buchtipps für Erwachsene und Kinder. „Medusa“ und „Faszination Qualle“

Faszination Qualle und Medusa: die beiden Bücher vor einem grauen Hintergrund

In meiner Erinnerung gab es in den Sommerferien an der Ostsee zwei Sorten Kinder. Die einen haben angespülte Quallen in ihren Eimern gesammelt und damit ihre Sandburgen verziert. Oder sich gegenseitig mit Quallenschleim beworfen. Die anderen haben beim Anblick der gestrandeten Ohrenquallen iiih geschrien, das Gesicht verzogen und sich geekelt. Nur wenn ich beim Schwimmen mit den Fingerspitzen oder den Füßen in einer Qualle gelandet bin, konnte ich diese Kinder ein wenig verstehen.

Zu Büchern über Quallen greift wohl nur, wer wie ich zu der ersten Sorte gehörte. Aber vielleicht kann ich mit diesen beiden Buchtipps – ein naturwissenschaftliches Sachbuch für Erwachsene und eines für Kinder ab 8 Jahren – auch die anderen ermutigen, ihr Verhältnis zu Quallen zu überdenken!

Medusa. Die geheimnisvolle Welt der Quallen

Wie erforscht man ein Lebewesen, das zu mehr als 95% aus Wasser besteht? Das einen faszinierenden Lebenszyklus vom Polypen zur Meduse, von der asexuellen zur sexuellen Vermehrung hat? Das kein Herz, keine Lunge, keinen Darm und auch kein Gehirn hat – aber trotzdem frisst, verdaut und zudem lernfähig ist?

Buch von Dagmar Röhrlich: Medusa. Die geheimnisvolle Welt der Quallen.

Meeresbiologen und Evolutionsgenetiker, die Quallen erforschen, brauchen Faszination, Geduld und die Bereitschaft, alles neu zu denken. Nur so merkt man, dass Quallen einen der effizientesten Antriebe im Tierreich haben, weil sie zusätzlich zur Muskelkraft Wasserwirbel erzeugen und nutzen. Oder dass die Nachzucht nur gelingen kann, wenn man statt der üblichen rechteckigen Aquarien zylinderförmige mit einer leichten Strömung verwendet. Oder dass man erkennt, dass Quallen sehr wohl Teil der Nahrungskette sind und gefressen werden.

Lange Zeit gingen Wissenschaftler davon aus, dass kein anderes Tier Quallen frisst. Dem ist nicht so. Auf Grund des hohen Wasseranteils werden sie so schnell verdaut, dass Nachweise schwierig waren. Zuerst haben die Forscher Pinguine zum Kotzen gebracht. Rabiat, aber wenig ergiebig. Bis dann endlich DNA-Untersuchungen des Pinguinkots das Mittel der Wahl waren und man Quallen auf dem Speiseplan vieler Meerestiere nachweisen konnte. Egal, wie drastisch die Forschungsmethode sein mag, die Wissenschaftsjournalistin Dagmar Röhrlich schreibt darüber in ihrem Buch „Medusa. Die geheimnisvolle Welt der Quallen“ sachlich, spannend und sehr zugänglich.

Eine Kapitelüberschrift lautet „850 000 Quallen bis zur Lösung“. Gemeint sind tote Medusen, die nötig waren, um herauszubekommen, was Quallen zum Leuchten bringt. Aus dem Wissen über das Leuchtprotein wurde ein Zellmarker, der heute in der Krebsforschung zum Einsatz kommt. An anderer Stelle ist die Rede von Eimern voller Quallenbrei, die es gebraucht hat, um ein Gegengift zu finden, das bei Kontakt mit Giftquallen schnell wirkt.

Dagegen wirkt die Methode, mit der verhindert werden kann, dass Medusen den Kühlwasserzufluss von Kraftwerken blockieren, harmlos: ein Vorhang aus Luftblasen hilft.

Doch sind Quallen wirklich nur ein Wirtschaftsfaktor, ein Gewinn für die Krebsforschung, eine mögliche Nahrungsquelle für Menschen und ein potenzieller Lieferant für hochwertiges Kollagen für die Kosmetikindustrie? Wo bleibt die Faszination für die fremdartige Schönheit dieser Tiere mit ihrem minimalistischen Bauplan, die seit über einer halben Milliarde Jahren die Erde bevölkern?

Das Gegengewicht zur Forschung sind für mich die Bilder von Zoe Keller, farbintensive Illustrationen vor schwarzem Hintergrund. Darauf kommt nicht nur das Leuchten der Quallen in der Tiefsee zum Ausdruck. Jedes noch so filigrane Detail der Tentakel, Mundarme und Schirme wird sichtbar. Hier schweben die Quallen und zeigen ihre ganze Pracht – viel schöner, als ich mir das als Kind am Ostseestrand vorgestellt habe!

Doppelseite aus dem Buch von Dagmar Röhrlich: Medusa. Die geheimnisvolle Welt der Quallen. Die Illustration zeigt eine blau schimmernde Qualle mit sehr langen Tentakeln

Faszination Qualle. Geheimnisvolle Schönheiten

Auch das Kindersachbuch „Faszination Qualle“ von Michael Stavarič und Michèle Ganser aus dem Leykam Verlag setzt auf den Reiz des Geheimnisvollen. Hier dürfen Quallen schweben und gelegentlich sogar glitzern. Schwarz-Weiß-Zeichnungen zeigen, was für filigrane Wunderwerke Medusen sind. Rätselbilder und Infokästen für Schlauköpfe holen die Kinder im eigenen Erleben ab.

Kindersachbuch: Faszination Qualle.

Sprachlich fand ich das Buch allerdings etwas gewöhnungsbedürftig. Am besten stellt man sich den Erzähler wie einen Onkel vor, der von einer langen Weltreise zurückkommt und jetzt von seinen Abenteuern berichtet. Nur dann ergibt es Sinn, dass ein Buch über Quallen mit der Beobachtung von Fledermäusen beginnt. Nur dann kann man die vielen Abschweifungen und das ständige „Dazu kommen wir später noch“ verzeihen. Doch dann macht das Buch richtig Spaß!

So wird das Kindersachbuch zu einer Einladung zum Staunen, die am besten von Kindern im Grundschulalter, älteren Geschwistern und Erwachsenen gemeinsam gelesen wird.

Vom Iiih zum Ahh

Schön wäre es, beide Bücher am Ostseestrand zu lesen, zwischen Sandburg und Eimer. Die Kinder der Iiih-Fraktion bekommen mit „Faszination Qualle“ einen sanften Zugang, ihre Eltern mit „Medusa“ die Argumente und das Ahh! Und alle, die schon immer Quallen gesammelt haben, erfahren, dass diese Tiere mehr können, als Sandburgen zu verzieren.

Doppelseite aus dem Kindersachbuch Faszination Qualle

Bibliographische Angaben zu den vorgestellten Quallen-Büchern:

Dagmar Röhrlich

Medusa
Die geheimnisvolle Welt der Quallen


mit 20 Illustrationen von Zoe Keller

Mare Verlag

Michèle Ganser, Michael Stavarič

Faszination Qualle
Geheimnisvolle Schönheiten

Leykam Verlag

Noch mehr Bücher über Quallen, die ich empfehlen kann:

WAS IST WAS Quallen. Alles nur Glibber?!
Tessloff Verlag

Die Kinderbuch-Reihe Was ist Was ist so unverwüstlich wie die Qualle, die rückwärts altern kann. Immer empfehlenswert! Darüber habe ich auch auf meinem Buchkind-Blog geschrieben: wie sich WAS IST WAS immer wieder neu erfindet.

Quallen: Ein Portrait. Aus der Reihe Naturkunden.

Eigentlich könnte ich dazu das gleiche sagen wie zu WAS IST WAS. Auch wenn der Ansatz dieser Buchreihe ein anderer ist, mehr nature wirting als Infokästen – jeder Band lohnt sich! Hier meine Rezension zu Acker, Baulücke, Deponie. Ein Brachenatlas.


Natur beobachten und erleben: Buch-Tipps und Rezensionen zu Sachbüchern und Nature Writing hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin

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