
Der Spielplatz meiner Kindheit war ein ungenutztes Baugrundstück. Kiefern, Brombeeren, eine sehr alte Eiche, unsere Trampelpfade und ein aufgelassener Hühnerstall. Zu dem Zeitpunkt lag es schon 70 Jahre brach; heute stehen dort Einfamilienhäuser mit Schuhschachtelgärten, die kaum genutzt werden.
David Bröderbauers Buch „Acker, Baulücke, Deponie. Ein Brachenatlas“ trifft bei mir also auf offene Ohren. Trotzdem hat er mich überrascht. Pflasterritzen mit ihrem Bewuchs aus Steinmoos, Mastkraut und Vogelknöterich hätte ich nicht als Brache voller Wildnis erkannt. Doch es ist, wie Bröderbauer es beschreibt:
„Wir leben immer noch in einer Pflanzenwelt, selbst in unseren Betonwüsten.“
Seite 57
Das Kapitel ist ein gutes Beispiel dafür, wie geschickt der Autor den Blick seiner Leser*innen lenkt. Er beginnt bei den Ackerbrachen, für ein Jahr ruhende Äcker, wie sie früher üblich waren. Danach wandern wir weiter zu stadtnahen Brachen wie stillgelegte Bahnhöfe, Industrieanlagen und alten Parkfriedhöfen, die wilde Ecken aufweisen. Es folgen Ausflüge auf einen noch aktiven Truppenübungsplatz und zu den Naturschutzgebieten, die früher der Sicherung der Ländergrenzen dienten. Alle zwölf Kapitel in der vertraut schönen Buchgestaltung der Reihe Naturkunden werden jeweils von einem Pflanzenporträt abgerundet.
Das letzte Kapitel wagt einen unerwarteten Sprung zum Mars: Woher nehmen wir uns eigentlich das Recht, ihn umgestalten zu wollen? Warum behandeln wir ihn nicht wie unsere Nationalparks – als schützenswerte Wildnis?
Denn neben Naturbeobachtungen bietet das Buch auch philosophische Betrachtungen. Was braucht es, damit wir Landschaft als schön empfinden? Müssen wir im Sinne der Artenvielfalt Brachflächen konservieren und verhindern, dass sie zu Wald werden? Ist der Wald überhaupt der Endzustand unserer Natur oder nur der Beginn einer neuen Brache?
David Bröderbauers Brachenatlas lehrt, Wildnis dort zu finden, wo wir täglich vorbeigehen – und sie als das zu sehen, was sie ist: pulsierendes Leben, das gerade Anlauf nimmt, um so richtig durchzustarten!
„Brachen sind die Krähen unter den Landschaften. Aus der Ferne besehen wirken sie duster, aber das täuscht. Nimmt man sich Zeit und beschaut sie näher, bezaubert einen ihr schillerndes Kleid.“
Seite 9
Bibliographische Angaben:
David Bröderbauer, Judith Schalansky (Hg.)
Acker, Baulücke, Deponie
Ein Brachenatlas
Matthes & Seitz Verlag
Buchreihe Naturkunden
Ich bedanke mich beim Verlag für das Rezensionsexemplar!
Wer wissen möchte, was alles in den Baulücken und Brachen in unseren Städten wächst, wird in diesem Buch fündig: Stadtwildpflanzen. Biodiversität in der Stadt entdecken – unterwegs zu Vogelmiere, Götterbaum und wilder Karde
Auf vielen Umwegen hat sich auch Nature-Writing-Ikone Robert Macfarlane der Wildnis auf den Brachflächen angenähert. Das schrieb ich damals in meiner Rezension zur seinem Klassiker „Karte der Wildnis“, der ebenfalls in der Reihe Naturkunden erschienen ist:
Ich selbst kann mir kaum etwas wilderes, kraftstrotzenderes, eigensinnigeres vorstellen als eine Industriebrache, die von Portulak, Brennnesseln, Beifuß, Pappel und Birken erobert wird – da bin ich ganz Kind der Vororte, aufgewachsen mit Blick auf den Industriehafen. Daher freut es mich natürlich, dass Robert Macfarlane sich am Ende seines Buches meinem Blickwinkel annähert: „Das in den Rissen des Gehwegs wuchernde Gras, die frech durch den Straßenasphalt stoßende Wurzel: Auch sie waren Zeichen von Wildnis … In einem Morgen Wald nahe der Stadt gab es ebenso viel zu lernen wie auf dem Gipfel des Ben Hope.“
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