
Alles so schön bunt hier: Wer diesen opulenten Bildband aufschlägt, lernt 85 Künstler*innen aus 26 Ländern kennen, die dafür sorgen, dass unsere Welt weniger Grau ist. Mit ihren Graffitis und Murals durchbrechen sie die Monotonie des Betons und verwandeln Stadtteile in Freilichtmuseen. Denn Street Art ist zugänglich für alle, ohne Eintritt, ohne Öffnungszeiten.
Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Street Art mit dem größten Schauwert: Murals, großformatige Wandbilder, die ganze Häuserfassaden in Leinwände verwandeln. Daneben finden sich auch kleinere Street-Art-Arbeiten und klassische Graffiti – wenn auch für meinen Geschmack zu wenig. Auch die Menschen hinter den Werken werden sichtbar. Alle Street Artists werden mit mindestens 2 Bildern und einer Kurzbiografie vorgestellt. Sie beantworten alle dieselben Grundfragen: Was zeichnet ihre Kunst aus? Wie kamen sie zur Street Art? Was wollen sie damit bewirken?
Gerade diese Passagen in eigener Stimme sind das Herzstück des Buches. Sie machen deutlich, dass Street Art weit mehr ist als Farbe auf Beton. Der griechische Künstler Gera 1 bringt es auf den Punkt: Wandbilder beeinflussen das Leben der Menschen oft auf eine Weise, die wir nicht sofort verstehen. Der Franzose Julien de Casabianca sieht darin eine demokratische Geste — klassische Kunst werde auf der Straße wieder ins Alltagsleben integriert, als alltägliches Rendezvous mit der Kunst auf Augenhöhe. Und der Spanier Manomatic betont die politische Dimension: Graffiti sei ein soziales Instrument, um Kritik zu üben und über die chaotische Welt zu reflektieren.
Neben dem Anspruch steht aber auch die schlichte Freude. Pez, ebenfalls aus Spanien, will der Welt seinen Stempel aufdrücken — aber vor allem möchte er Freude auf die Straße bringen. Und Dados Punto Ceroe beschreibt vielleicht am treffendsten, was Street Art von allen anderen Kunstformen unterscheidet: Die Straße gibt unglaublich viel zurück. Seine Kunst mit anderen teilen zu können, ist etwas ganz Besonderes.
Die Straße kann eine Herausforderung sein. Es gibt viele Faktoren, die man nicht kontrollieren kann. Aber sie gibt dir unglaublich viel zurück. Seine Kunst mit anderen teilen zu können, ist etwas ganz Besonderes.
Dados Punto Ceroe – Spanien
Der Bildband Street Art International ist ein hervorragender Einstieg in Welt der Urban Art: breit genug, um einen echten Überblick zu verschaffen, und persönlich genug, um Lust auf mehr zu machen. Wer nach der Lektüre mit anderen Augen durch seine Stadt spaziert und vielleicht sogar die nächste Hauswand nicht mehr als Hindernis, sondern als potenzielle Leinwand sieht — dem hat dieses Buch genau das gegeben, was es versprochen hat.
Urban Art, Street Art, Mural, Graffiti – was ist da eigentlich der Unterschied? Begriffserklärungen:
- Urban Art ist der Oberbegriff. Er bezeichnet Kunst im städtischen, öffentlichen Raum. Dazu zählen je nach Definition Graffiti, Street Art, Murals, Sticker-Art und Installationen.
- Street Art ist Kunst im öffentlichen Raum, die meist stärker bildhaft, figurativ oder illustrativ ist als klassisches Graffiti. Sie kann legal oder illegal entstehen und nutzt oft verschiedene Techniken wie Schablonen, Poster oder Collagen.
- Graffiti meint im engeren Sinn meist Schriftzüge, Tags oder stilisierte Buchstaben, oft mit der Sprühdose erstellt. Im Gegensatz zu Street Art steht hier die Schrift stärker im Vordergrund.
- Murals sind großformatige Wandgemälde an Fassaden und Mauern. Sie sind oft geplant und genehmigt und werden gerne zur Aufwertung von Stadtvierteln eingesetzt.
Bibliografische Angaben:
Diego Lopez
Übersetzung: Claudia Koch und Martina Panzer
Street Art International
Die wichtigsten Street Artists aus aller Welt
Vom gleichen Autor gibt es auch diesen sehr empfehlenswerten Bildband: Street Art von Frauen. Die 50 wichtigsten Rebellinen der Szene

Meine Begeisterung für Street Art wurde natürlich auch von den Murals befeuert, die im Rahmen von Stadt Wand Kunst hier in Mannheim entstehen.
Tatsächlich hat es auch ein Werk aus unserem Open Urban Art Museum in den Bildband Street Art International geschafft. Wie es so ist natürlich nicht gerade ein Lieblingsmural von mir.
Ich freue mich natürlich trotzdem – weswegen ich den Bildband für diesen Blog-Beitrag mit Postkarten fotografiert habe, die Mannheimer Murals zeigen.
Mehr über Stadt Wand Kunst hier auf meinem Blog GeschichtenAgentin





