Wegweiser durch eine Welt im Wandel: Alles überall auf einmal – unser neues Leben mit KI

Als ich »Alles überall auf einmal. Wie Künstliche Intelligenz unsere Welt verändert und was wir dabei gewinnen können« im Frühjahr las, war das Sachbuch schon über ein Jahr alt. Da stellt sich sofort die Frage: Lohnt sich das bei einem so aktuellen Thema wie KI? Wurde das Buch nicht längst von neuen Entwicklungen überholt?Nein, wurde es nicht. Die Lektüre lohnt sich, denn wer KI nicht nur nutzen, sondern auch verstehen will, braucht ein solides Wissensfundament. Genau diese Grundlagen liefern Miriam Meckel und Léa Steinacker – ganz unaufgeregt und sehr fundiert. Allein das war schon eine Wohltat in dem aktuellen Hype voller Get-rich-fast und wir-bauen-uns-eine-neue-Welt und Panik-vor-Tech-Milliardären Vibes. Miriam Meckel und Léa Steinacker sind fasziniert von KI und treten genau deswegen erst einmal einen Schritt zurück. Denn von dort aus hat man einen besseren Blick! Den lassen sie schweifen und schauen sich wirklich alles an: die Grundlagenforschung, die zu den jetzigen…

weiterlesen

Die verborgene Tierwelt unserer Städte

Der Anfang täuscht. Was mit einer toten Kakerlaken beginnt, wird schnell sehr lebendig. Ein Jahr lang muss es der Biologe Marco Granata aus beruflichen Gründen in der Großstadt aushalten. Häusermeere, Beton, viele Menschen, wenig Grün – für ihn, der sonst in der Nähe der Berge lebt, eine lebensfeindliche Umgebung. Doch es kommt anders. Ein bisschen zumindest.Ausgehend von der toten Kakerlake beginnt er, Insekten in der Wohnung zu erforschen. Von dort geht es auf den Balkon zu den Schmetterlingen und weiter zu den Vögeln. Seine Kreise werden größer. Säugetiere wie Eichhörnchen und Füchse folgen. Bis er schließlich am Stadtrand ankommt, wo die Stadt in die Natur übergeht. Ich fand das Buch »Die verborgene Tierwelt unserer Städte« immer dann besonders stark, wenn der Autor seine Sicht auf die urbane Wildnis reflektiert. Zunächst verschleiert ihm die Sehnsucht nach den heimatlichen Bergen den Blick. Doch er entschließt sich, die Natur der Städte so zu…

weiterlesen

Alles ist seltsam in der Welt – eine Annäherung an die Schriftstellerin Gertrud Kolmar

Eine Biografie zu lesen, bei der ich genau weiß, dass das Leben tragisch endete, kostet mich immer etwas Überwindung. Gertrud Kolmar starb viel zu früh und hatte viel zu wenig Gelegenheit, zu schreiben. Sie wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Als ich als junge Frau ihre Lyrik für mich entdeckte, wusste ich das zunächst nicht. Ich nahm sie zuerst als sehr freie, sinnliche und manchmal auch wilde Stimme wahr. Ein Gedicht, das ich so häufig las, dass der Gedichtband sich heute von alleine an dieser Stelle aufschlägt, beginnt so: Ich will die Nacht um mich ziehn als ein warmes Tuch führt uns Zeilen später weiter zu Mann, ich träumte dein Blut, ich beiße dich wund,Kralle mich in dein Haar und sauge an deinem Mund. und endet nach vielen weiteren beeindruckenden Bildern mit Und bin eine kleine Speise in einem Becher von Nacht. Gertrud Kolmar, Verwandlungen Was war das nur für eine…

weiterlesen

Interozeption entschlüsselt: Was geschieht, wenn Körper und Gehirn sich gegenseitig zuhören

Den Begriff Interozeption hatte ich zuvor nie gehört. Er bezeichnet die Fähigkeit, Körpervorgänge bewusst wahrzunehmen. Dazu gehören Atmung, Herzfrequenz und Verdauung, aber auch Körperspannung und Energielevel – eben einfach alles, was in uns vorgeht. Das sind sozusagen die Rohdaten. Das Gehirn hat das Gegenstück dazu, die Erfahrungswerte. Beides zusammen mündet in einer Interpretation der aktuellen Lage plus einen Handlungsimpuls. So ergibt sich aus dem Druck auf der Blase die Entscheidung, die nächste Toilette zu suchen. Doch Fehlinterpretationen sind häufig. Das flaue Gefühl im Magen kann Hunger oder Nervosität sein. Vielleicht hat der Schwindel etwas mit der Halswirbelsäule zu tun oder ist der Vorbote einer Migräne. Vielleicht sollte ich aber auch einfach nur ein Glas Wasser trinken. Doch es geht nicht nur darum, Körpervorgänge zu spüren und die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Eine erhöhte Herzfrequenz kann ein Alarmzeichen sein. Unruhe und Anspannung sind die Folge. Das Zusammenspiel von Körper und Gehirn…

weiterlesen

Urlaub verändert die Gesellschaft: eine Geschichte des Tourismus

War der erste Pauschaltourist ein Pilger auf der Reise nach Jerusalem? Das ist nicht so abwegig, wie es zunächst klingt. Viele Pilger hatten schon im Mittelalter einen Reiseleiter, einen Schiffskapitän. Er beschaffte ihnen die nötigen, meist teuren Geleitpapiere, kümmerte sich um sichere Herbergen und sorgte dafür, dass seine Reisegruppe ihr Ziel auch fand. Somit sind die mittelalterlichen Pilgerfahrten eine der Wurzeln dessen, was wir heute als Pauschalurlaub bezeichnen. In »TraumZeitReise. Eine Geschichte des Tourismus« benennt Hasso Spode noch weitere solcher Wurzeln. So führte die Naturverherrlichung der Romantiker dazu, dass aus dem lebensfeindlichen Hochgebirge ein Sehnsuchtsort wurde. Und die »Grand Tour« junger Adliger, aus der vielleicht das Wort Tourist entstand, ist die Blaupause für die Reisen des Bildungsbürgertums. All das führte zu Phänomenen wie die Erfindung des Reiseführers oder der Gründung von Fremdenverkehrs- und Wandervereinen. Aus der Entdeckung der Sommerfrische wurde ein Aufschwung der Seebäder, was wiederum das Leben der bürgerlichen…

weiterlesen

Fragen statt Antworten: Kunst selbst sehen. Ein Fragenbuch

Ich mag keine Audioguides für Kunstausstellungen. Ich möchte keine Stimme im Ohr haben, die mir sagt, in welcher Reihenfolge ich mir die Bilder ansehen und wohin ich schauen soll. Ich möchte nicht aufgefordert werden, weiterzugehen, wenn ich gerade die Oberflächenstruktur einer Skulptur bewundere. Ich möchte meinen Blick schweifen lassen, Museumsbesucher beobachten können und zum drittletzten Gemälde zurückgehen, weil mir gerade etwas dazu eingefallen ist. Wenn ich dann doch mal einen Audioguide im Museum verwendet habe, komme ich mit mehr Wissenshäppchen aus der Ausstellung. Ich habe zwar Neues gelernt, aber auch schnell wieder vergessen. Was noch schwerer wiegt: Mein Hamstervorrat an glücklich machenden Kunstmomenten wurde kaum aufgefüllt. Die didaktische Struktur des Guides raubt mir den Freiraum, den ich brauche, um mich von den Kunstwerken berühren zu lassen. Angeli Janhsen würde das verstehen. Nach der Logik ihres Buchs »Kunst selbst sehen. Ein Fragenbuch« geben Audioguides Antworten, bevor ich überhaupt die Chance hatte,…

weiterlesen

Wie Ira Peter mir meine Nachbarn, die Russlanddeutschen näher gebracht hat

»Die sind doch nur bei uns, weil ihr Opa mal einen Deutschen Schäferhund hatte«. Solche Sätze habe ich Ende der 80er Jahre mehr als einmal gehört. Es klang für mich wie eine schlüssige Antwort auf die Frage, woher auf einmal all die Deutschen mit dem seltsamen Akzent kamen. Was wusste ich schon von Flucht, Vertreibung, Kriegsleiden, staatlich gewollten Hungersnöten und Arbeitslagern? Was vom Staatsrecht, das Russlanddeutsche als Kriegsopfer anerkennt, weswegen die deutsche Staatsbürgerschaft ihr gutes Recht ist? Hätte ich das damals gewusst, ich hätte meine Mitschüler Gerda und Franz besser verstanden. Die Geschichte vom Deutschen Schäferhund, der Russlanddeutschen die Einreise nach Deutschland ermöglicht, ist eines der Vorurteile, die Ira Peter in ihrem Buch »Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen« widerlegt. Die Gewaltbereitschaft junger Männer, die angebliche Putin-Treue und manch anderes Vorurteil folgt. Auch dass ich seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine zusammenzucke, wenn ich Russisch auf der…

weiterlesen

Zwischen Rabbi-Diskussionen und Liebeskummer: Hoodie Rosen jongliert mit zwei Welten und überlebt mit Sarkasmus

Es ist der knochentrockene, manchmal sarkastische Witz, der dieses Jugendbuch zusammenhält. Die Art Humor, der bei Jugendlichen häufig ein Anzeichen dafür ist, dass ihr Leben so gar nicht im Gleichgewicht ist. Bei Hoodie Rosen, der eigentlich Jehuda heißt, ist im Prinzip jede Welt für sich in Ordnung. In der einen ist er Jehuda, geliebter Sohn einer jüdisch-orthodoxen Familie. Sein Alltag kommt nicht-jüdischen Leser*innen durch die allgegenwärtigen religiösen Regeln vielleicht etwas ungewohnt, aber stets liebenswert-chaotisch vor. Jehuda ist eingebunden in das Gemeindeleben, lebt sich in spitzfindigen Diskussionen mit dem Rabbi aus und wird immer wieder Opfer der Streiche seiner Schwester. In der anderen Welt ist er Hoodie und verliebt er sich in Anna-Maria, Tochter der Bürgermeisterin. Denn das, was für sie ein normaler, herzlich-offener Umgang ist, missdeutet er. Auf ein Mädchen wie sie hat ihn zuhause niemand vorbereitet. Rote Ohren, Missverständnisse und Situationskomik sind die Folge. Aber ihre Freundschaft bleibt nicht…

weiterlesen

»Wir müssen reden« – wie Sprache heilt oder verletzt. Und wie Wortmedizin uns allen hilft

Wir müssen reden. Dieser Satz kann ganz neutral gemeint sein. Doch in den meisten Fällen sorgt er für Kopfkino. Grübeln darüber, was das Gesprächsthema sein könnte. Eine leichte Nervosität, weil etwas Unangenehmes kommen könnte. Oder sogar Panik, weil der Adressat schlechte Erfahrungen mit Gesprächen gemacht hat, die so angekündigt wurden. Das ist eines der vielen praxisnahen Beispiele, die Lisa Holtmeier in ihrem sehr hilfreichen Buch »Wortmedizin. Ungesunde Kommunikationsmuster durchbrechen und die mentale Gesundheit stärken« präsentiert. Von People Pleasing (ja statt nein sagen) bis toxische Positivität (hab schon Schlimmeres gesehen) erklärt sie typische Kommunikationsmuster, die uns im Alltag häufig begegnen. Dafür steigt sie immer mit einem ausführlichen und gut gewählten Beispiel ein. Dann erläutert sie, was dahinter steckt und was dieses Sprachmuster in den Zuhörer*innen auslöst. Denn schlechte Kommunikation hallt lange nach. Sie bleibt im Menschen. Sie beschäftigt ihn und bindet Energie – selbst dann, wenn sie in dem Moment nicht…

weiterlesen

Die souveräne Leserin: warum habe ich das erst jetzt entdeckt?

Ob »Frauen, die lesen sind gefährlich« oder etwas in der Art von »Die kleine Buchhandlung auf einer Insel am Ende der Welt«: Ein wenig geht mir die Welle von Büchern, die die Buchliebe feiern, auf den Keks. Doch dass ich Alan Bennetts »Die souveräne Leserin« deswegen so lange ignoriert habe, war ein großer Fehler! Deshalb möchte ich mich jetzt zuerst bei der Unbekannten bedanken, die diesen feinen Titel zur Eröffnung des öffentlichen Bücherschranks in meinem Vorort eingestellt hat. Ich feiere sie sehr – und ja, ich gehe davon aus, dass es sich um eine Frau handelt. Schließlich gibt es mehr lesende Frauen als Männer. Die souveräne Leserin, das ist die Queen, die in Alan Bennetts Buch spät das Lesen entdeckt. Dafür holt sie dann alles nach, was sie verpasst hat. Über die Handlung, die von einem feinen Humor vorangetrieben wird, möchte ich nicht zu viel verraten. Denn jeder Spoiler würde…

weiterlesen

Nehmt den ganzen Menschen wahr: »Empathische Führung« von Lunia Hara

Dass ich noch einmal einen Management-Ratgeber lese, war so nicht geplant. Meine Karriereplanung ist genauso abgeschlossen wie meine Familienplanung. Es waren die Begriffe »empathisch« und »Mitgefühl« die mich bei Lunia Haras Buch elektrisierten. Sollte es jetzt wirklich in den Führungsetagen angekommen sein, dass da nicht eine Ressource am Schreibtisch sitzt – sondern ein Mensch, mit allem, was zum Menschsein gehört? Die Antwort ist ein Jein. Ja, es gibt mittlerweile mehr Führungskräfte wie Lunia Hara, die immer den ganzen Menschen mitdenken. Aber wenn ich lese, wie viele Seiten sie dafür verwendet, zu beweisen, dass alle von einem dem Menschen zugewandten Führungsstil profitieren – auch die Bilanzen, der ROI und die Manager*innen selbst – dann weiß ich: Wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Das Seelenleben bleibt nicht zuhause – Gedanken zu Lunia Haras »Empathische Führung« Wie begann das eigentlich bei mir? Warum interessiere ich mich für Mitgefühl und Empathie in…

weiterlesen

Space Opera: Letzter Platz = Planetentod!

Emphatisch oder nicht – diese Frage kann über Leben und Tod entscheiden. Denn immer, wenn die intergalaktische Gemeinschaft eine neue Spezies entdeckt, ist genau das die Schlüsselfrage. Nur empathische Zivilisationen dürfen bestehen. Alle anderen werden ausgelöscht. Entschieden wird das durch einen Song Contest. Landen die Neuen auf dem letzten Platz, wird der Planet vernichtet. Das ist einfacher, als sich irgendwann später mit ihnen im Krieg zu befinden – und macht auch mehr Spaß. Denn der »Metagalaktische Grand Prix« ist ein bunt schillerndes Mega-Event, das die ganze Galaxie begeistert. »Empfindet ihr genug Empathie und Sehnsucht und Verzweiflung, um in vierstimmigen Harmoniegesang in die Leere hinauszurufen in der Hoffnung, dass euch jemand hört? Habt ihr genug Gehirnschmalz und Feinmotorik und ästhetisches Gespür, das beim Anblick von Federn und Steinen … vor eurem inneren Auge bereits Kleider, Schleier und Plateauschuhe entstehen? … Habt ihr Soul?«Zitat aus „Space Opera! von Catherynne M. Valente –…

weiterlesen